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Freiheit in Beziehung zu leben ist eine enorme Herausforderung. Sie konfrontiert uns mit all unserer Bedürftigkeit, unseren verdrängten Schmerzen, Ängsten und unserer Wut. Doch der Weg durch die „Hölle“ lohnt sich: Hinter Besitzermentalität, Eifersucht und Schuldprojektionen wartet eine neue Dimensionen der Liebe.

Von Iris Disse

Ich nehme die Welt durch mein Ohr wahr, mein Partner durch den Geschmacksnerv. Er ist Schweizer, ich Berlinerin. Das heißt, wir sind recht unterschiedlich. Da gibt es viele gute Gründe, sich zu streiten. Irgendwann haben wir uns entschlossen, die Unterschiedlichkeit des Anderen zu lieben. Und wo das nicht geht, doch wenigstens zu tolerieren. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Ein langer Weg. Wenn das Geliebten-Thema dazukommt, wird es geradezu brisant. Da laut Statistik fast alle der Verheirateten – egal wo auf der Welt – irgendwann einmal fremdgehen, scheint das ein Phänomen zu sein, das fast allen Paaren nicht fremd ist, auch wenn sie sich lieben.

Nachdem wir uns kennenlernten, lebten wir eine Zeitlang monogam, wie man so schön sagt. In diesem System fühlte sich mein Liebster nach ein paar Jahren eingeschränkt. Nach einigen Seitensprüngen, die gegen unsere Treueabmachung verstießen, und nach einigen der dazugehörenden Dramen, formulierten wir unseren Pakt neu. Ich konnte meine eigene im Tremolo vibrierende Stimme bei den Explosionen nicht mehr hören, mein Liebster mit seinem schönen Bass klang einfach besser. Neu also: Auf Reisen dürfen wir den Eros ausleben. Beide.

Ich war nur zögernd dafür – obwohl auch ich nie ewige sexuelle Treue hätte schwören mögen. Immerhin hatten wir tantrisch geheiratet – Liebe ist für uns ein gemeinsamer Weg, etwas, das es immer wieder neu zu entdecken gilt, kein Zustand. Später dann war ich froh, dass ich ihm die „Schuld“ bei meinen eigenen „Treuebrüchen“ zuschieben konnte. Es war natürlich etwas absurd zu spüren, wie wichtig es mir war, an der Öffnung unserer Beziehung „unschuldig“ zu sein, aber es erleichterte mir den Schritt in einen neuen Freiraum. Er war dann also „schuld“, wenn ich auf meinen Reisen wunderbare erotische Begegnungen hatte, voll von gutem Gewissen und einem überschwänglichen Gefühl der grenzenlosen Freiheit. „Er wollte es ja nicht anders.“ Ja, es war wunderbar, keine Schuld empfinden zu müssen.

Die Überraschung: Freie Beziehung vertieft das Vertrauen

Es vertiefte meine Liebe zu ihm. Das war unvorhersehbar und einfach sensationell. Die „Ferienpartner“ hatten keine Chance – diese Tiefe, dieses Vertrauen konnten sie nicht bieten. Ein paar Jahre später, als langfristigere Geliebte auch in den Alltag eindrangen, stießen wir an unsere Grenzen. Die Stimme seiner Geliebten am Telefon, jammernd und hysterisch, weil sie mal wieder gerettet werden wollte, klang erbärmlich. Dafür konnte sie kochen – bei ihr schmeckte es eben. Da kann ich, die ich als Köchin über Bratkartoffeln aus der Tube nicht hinauskomme, nicht mithalten. Auch konnte man mit ihr wunderbar fernsehen – das sind Klänge, die ich in unserem gemeinsamen Haushalt selten ertrage.

Mein eigener Geliebter klang schamanistisch, er konnte singend Geister rufen, denn er lebte seit seiner Jugend in einer Stadt im Amazonasbecken. Wenn wir zusammen in einem Einbaum den Fluss hinauffuhren und die Symphonie des Dschungels uns einhüllte, während ich mit dem Mikro Töne jagte, war die Welt vollkommen. Doch selbst die damit einhergehenden heftigen Grenzgänge samt ihren Beben und den Verwüstungen, die sie hinterließen, wirkten sich langfristig auf unsere Liebe vertiefend aus. Auch unsere Leidenschaft blühte auf, da wir beide der Idee folgten, es müsse doch möglich sein, mehr als einen Partner beziehungsweise mehr als eine Partnerin zu lieben. Es ging uns beiden nicht darum, den anderen zu verlassen, sondern die Liebe auszudehnen.

Für mich bestehe ich darauf – meine Liebe hat Ewigkeit. Vielleicht nicht die Leidenschaft, aber die Liebe. Ihre Form verändert sich ständig, aber ich bin nicht bereit, ständig meinen „König“ einfach auszutauschen – jetzt liebe ich dich, jetzt nicht mehr usw. Oder schlimmer: „Wenn du dies oder das tust, dann liebe ich dich nicht mehr.“ Noch schlimmer: „Wenn du dieses oder jenes tust, dann liebst du mich nicht.“ Diese Mechanismen können doch nicht Liebe sein.

Die Wellen der Gefühle surfen

Verantwortlich für meine Liebe und meine Beziehung zum geliebten Mann bin ich selbst. Das ist schwer zu halten, aber für mich einfach wahr. Es erfordert die Selbstdisziplin, dass man die Wellen der Gefühle nicht über sich zusammenbrechen lässt, sondern immer wieder versucht, sie zu surfen. Was uns durch diese Zeit hindurch rettete, war auch unser Wille, ständig in Kommunikation zu bleiben. Und unseren Eros nicht ersticken zu lassen unter der Last der Dramen, die uns immer wieder heimsuchten. Neulich erzählte ein Bekannter, durch die Analyse der Partnersuchanzeigen sei ihm klar geworden, dass Männer noch immer Geliebte suchen, Frauen den treusorgenden Ehemann. Mir scheint das ein Mythos zu sein. Vielleicht suchen Frauen ohne eigenes Einkommen nur den Ernährer. Die meisten finanziell selbstständigen Frauen, die ich kenne, suchen etwas noch viel Extremeres: einen Mann, der es schafft, auch im Alltag der Geliebte zu bleiben. Und der kommunizieren kann, auch, wenn es schwer wird. Wenn das nicht geht, trennen sich diese Frauen von ihren Männern. Oder haben eben auch Geliebte. Ich als Frau kann Erotik genießen, ohne eine ewig währende Beziehung anzustreben. Ich kann das Göttliche solcher Begegnungen erfahren, die keine Vergangenheit und keine Zukunft haben. Um dann immer wieder neu auch in meinem Alltagsmann den Geliebten zu suchen. Der gemeinsame Weg von Mann und Frau hin zur Liebe ist jedenfalls nie langweilig, wenn er mit Wahrhaftigkeit gesucht wird.

Termin:
3.-24. Juli 2017: Durga’s Tiger School – Yoga-Lehrer-Ausbildung, YA- und YAI-zertifiziert, 200 Std. im ZEGG in Bad Belzig bei Berlin

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