Wir brauchen einen Bewusstseinswandel, um eine Veränderung in der Welt noch vor dem Tipping Point des Klimas erreichen zu können. Wie sieht er aus bzw. wo können wir ihn wahrnehmen? Vielleicht sind in Politik oder Wirtschaft bisher noch keine tiefgreifenden Veränderungen spürbar, aber wie sieht es in dem Bereich aus, in dem wir selbst anscheinend die Bestimmenden sind? Im Umgang mit uns selbst und miteinander?

Von Barbara Stützel

Wenn alles einfach wäre, dann würden wir alle so leben, wie wir es uns wünschen: in Verbundenheit und Vertrauen. Aber wir sind ja nur „scheinbar“ die Bestimmenden, denn alleine der Wunsch nach einem bewussten, vertrauensvollen Umgang miteinander schafft erfahrungsgemäß noch keine Realität. Zu sehr sind wir alle kulturellen Prägungen unterworfen. „Mehr ist besser“, „Ich schaffe es alleine“ bis hin zu „Ein Krieger kennt keinen Schmerz“ sind Parolen, die uns lange genug eingetrichtert wurden und die zu Rückzug oder krampfhaftem Durchhalten statt fließendem Miteinander führen. Und gerade hier müssen wir ansetzen, an den mentalen Infrastrukturen einer lebensfeindlichen Welt. Denn Wachstum als Dogma, das Gefühl der Trennung und ein dauerhaftes Unterdrücken von lebensnotwendigen emotionalen Feedbackprozessen führen genau zu dem Zustand, den wir gerade haben: eine Welt, in der wir von uns selbst, unseren Mitmenschen und der Natur getrennt leben.

Gemeinschaft als Lernort für Kommunikation

Wie kommen wir also vom Wunsch nach einem bewussten Leben in Verbundenheit in eine gelebte Praxis? Und: Wie können wir dementspechend anders kommunizieren lernen? Um tatsächlich aus den Mechanismen der Trennung auszusteigen, brauchen wir einen gemeinsamen Lernprozess. Kommunikation passiert doch ständig und überall, könnte man jetzt entgegnen. Ja, aber häufig passiert leider nicht das gewünschte Ergebnis: Verständigung und Verbindung. Hier ist eine Lebensgemeinschaft wie beispielsweise das ZEGG in Bad Belzig ein idealer Lernort. Seit nunmehr 26 Jahren wird hier mit Kommunikationsformen experimentiert. Nicht immer freiwillig – denn hier leben und arbeiten 120 Menschen Tag für Tag miteinander. In so einer Dichte kann man Konflikten und blinden Flecken nicht mehr ausweichen. Formen zu entwickeln, wie ein bewusstes Miteinander praktiziert werden kann, ist hier eine Notwendigkeit. Menschen im ZEGG nutzen seit vielen Jahren ritualisierte Gesprächsformen. Diese setzen auf der einen Seite be-stimmte Übereinkünfte voraus – und unterstützen gleichzeitig jeden Einzelnen, diese Verabredungen auch zu praktizieren.

Ich bin für meine Gefühle selbst verantwortlich

Eine dieser Übereinkünfte in der Kommunikation ist, dass jeder für seine Gefühle selbst verantwortlich ist. Es ist wichtig, Gefühle in einer Situation wahrzunehmen und mit zu kommunizieren, jedoch im Bewusstsein, dass ich dieses Gefühl selbst erzeuge – aufgrund meiner eigenen Erfahrung und der daraus entstandenen Interpretation der Situation. Wenn Gefühle besonders heftig „hochkochen“, sind sie meist noch gemischt mit vergangenen Erfahrungen, die damals nicht bis zu Ende gefühlt werden konnten. Hier braucht es Eigenarbeit, beides voneinander zu trennen, denn daraus folgen unterschiedliche Handlungen. Meine Altlasten aus meinem emotionalen „Rucksack“ kann ich in speziellen Settings entladen und so die Verantwortung dafür übernehmen. Meine aktuellen Gefühle kann ich nutzen, um damit in der Beziehung zum anderen transparenter zu werden und mich ganzheitlich mitzuteilen: Was macht mich wütend und verletzt? Wo bin ich traurig, weil mir etwas wirklich wertvoll ist, das aber von anderen nicht geachtet wird? Wann schäme ich mich selber, weil mein eigenes Verhalten nicht meinen Werten entspricht? Und wovor habe ich im Kontakt Angst? Worüber freue ich mich?

Gefühle sind Botschaften meines Selbst, die mir zeigen, was mir wichtig ist. Um sie als solche zu verstehen, muss ich ihnen erst einmal in mir Raum geben. Das ist ungewohnt und manchmal auch unangenehm. Denn die Gefühle sind unberechenbar, stören das normale Gesprächsverhalten: Tränen, Zittern, irrationale Energien wollen ihren Tribut. Und da wir es nicht gewohnt sind, können sich alle Beteiligten auch schon mal bedroht fühlen, was Konflikte schürt, statt zu Verbindung zu führen.

Was jedoch, wenn alle Beteiligten wissen, dass niemand Schuld daran hat, was ich fühle? Wenn ich mit jemandem zusammen erforsche, wie es dazu gekommen ist, statt die Verantwortung abzugeben? Wenn ich auch die Verantwortung für Handlungen daraus übernehme? Dann können diese Gefühle in der Kommunikation mit ausgedrückt und sogar gefühlt werden und der andere ist frei, mitzufühlen. Verbindung entsteht.

Verletzlichkeit ist eine Brücke zum Kontakt

Dies setzt allerdings etwas anderes voraus: die Bereitschaft, mich mit allen meinen Gefühlen zu zeigen. Dies macht mich im herkömmlichen System verletzlich. Wer zeigt schon offen, wo er Angst hat, sich schämt … Sich verletzlich zu zeigen, widerspricht völlig den mentalen Infrastrukturen unseres jetzigen Systems, denn diese besagen: Wer nicht cool ist, ist schwach; wer nicht gewinnt, hat verloren; wer verletzlich ist, wird untergebuttert …

Gerade hier brauchen wir den Paradigmenwechsel in uns selbst und unserer Kommunikation: Wer Scham zugibt, gewinnt Vertrauen. Wer Angst zeigt, schafft eine authentischere Kommunikation. Wer Freude fühlt, genießt das Leben und braucht dies dann nicht auf Kosten anderer zu tun. Wer Schatten in sich wahrnimmt und mitteilt, braucht sie nicht im Außen zu bekämpfen.

Und wer sich schon einmal mit einer Gruppe hat berühren lassen von einer wahrhaftigen inneren Forschungsreise eines Menschen durch seine eigenen Schatten, der weiß: Die Fähigkeit, sich selbst verletzlich zu machen, ist eine große Stärke. Authentisch fühlen, was da ist – inclusive der Angst, sich zu zeigen –, schafft eine ungeheure Kraft und eine große Verbindung zu allen Anwesenden. Transparenz erzeugt Vertrauen. Solche Prozesse passieren leichter, wenn die Kommunikation bestimmte Spielregeln einhält. Darum gibt es bestimmte Grundprinzipien für ritualisierte Kommunikation:

1. Jetzt fühlen statt über die Vergangenheit sprechen.

Der Kopf kann viel erklären und wechselt gleichzeitig zwischen Erfahrungen aus der Vergangenheit und Befürchtungen für die Zukunft. Damit verhindert er aktuelle Berührung und geht über Gefühle hinweg. Wenn der Sprechende jedoch im Augenblick präsent ist, sich erforscht und mitteilt, was jetzt – und jetzt – und jetzt – gerade in ihm passiert, verbindet dies auf einer viel tieferen Ebene mit den Zuhörenden. Hierzu gehören immer wieder Pausen und Stille. Wo im alten Paradigma Verlegenheit und Hilflosigkeit entsteht, können wir im neuen Paradigma in der Stille fühlen und uns von der Komplexität der anderen Person berühren lassen.

2. Wahrnehmen statt reagieren

Je weniger der Zuhörende beurteilt und reagiert, je mehr er also dem Sprechenden Raum lässt, desto leichter ist für den Sprechenden das Fühlen der eigenen inneren Bewegung. Dinge dürfen unangenehm sein und widersprüchlich. Und es muss nicht gleich alles zusammenpassen oder eine Lösung für ein Problem gefunden werden.

3. Entweder sprechen oder zuhören

Klare Rollen sind wichtig – wir können nicht gleichzeitig zuhören, wenn wir innerlich schon mit der Antwort beschäftigt sind. Also bekommt eine Person Raum und Zeit, bis sie ihren Bogen ganz fertig gedacht und gefühlt hat. Erst danach bekommt die andere Person den Raum und die für sie notwendige Zeit.

4. Neues zulassen

Wirklich neue Lösungen können erst entstehen, wenn auch scheinbar widersprüchliche Dinge ganz gefühlt und ausgesprochen werden können. Denn häufig verändern sich dann (aber erst dann) die Dinge von selber. Die Fixierung auf das Problem nimmt ab, neue kreative Möglichkeiten tauchen auf.

Beispiele für ritualisierte Kommunika – tion gibt es einige. Zu zweit: ABGespräche (hier spricht nacheinander erst Person A, dann Person B), auch Seelengespräche genannt. Ähnlich: Co- Counseling. In einer Gruppe: Sprechstabrunden, Gemeinschaftsbildungsprozess nach Scott Peck/ Wir-Prozess nach Schloss Tempelhof. Auch der erste Teil eines ZEGG-Forums gehört dazu. Hierbei tritt eine Person in die Mitte eines Kreises und wird nach obigen Prinzipien von einer Forumsleitung dabei unterstützt, sich mit einem Thema zu erforschen.

Nur durch deine Augen sehe ich mich vollständig

Beim ZEGG-Forum kommt im zweiten Teil noch ein weiteres Element dazu: die Unterstützung der anderen. Wer im Kreis sitzt und einen Prozess der Selbsterforschung mit seiner urteilsfreien wahrnehmenden Aufmerksamkeit begleitet, ist Teil eines Feldes. Als solches nimmt jede Beobachtende weitere Dinge wahr und kann diese beitragen: Informationen über die Körpersprache der Person in der Mitte, Bilder, die aufgetaucht sind. Auch die Information, was tatsächlich beim Zuhörenden angekommen ist oder welche Gedanken oder Gefühle im Beobachtenden auftauchen, sind wichtig zur Erforschung der eigenen blinden Flecken. Denn letztlich sehen Augen vor allem nach außen. Um sich selbst vollständig wahrzunehmen, brauchen wir daher die Augen der anderen.

Man sagt ja auch, dass es leichter ist, den Splitter im Auge des anderen zu sehen, als den Balken im eigenen. Warum also das nicht im vertraulichen Rahmen nutzen und sich gegenseitig unterstützen? Im Wissen aller Betroffenen, dass auch diese „Spiegel“ nicht die Wahrheit sind, sondern zusätzliche Aspekte, die hilfreich sein können. Für eine Gemeinschaft ist es notwendig, immer wieder Räume für wahrheitsgemäßes Feedback zu erschaffen … Konflikte können so bereits im Anfangsstadium im Kontakt zwischen den Betroffenen eingebracht werden und schwelen nicht untergründig, bis sie einen Flächenbrand auslösen. Eine bewusste Kultur passiert eben nicht nur in mir oder auf gesellschaftlicher Ebene, sie zeigt sich gerade in vielen kleinen zwischenmenschlichen Situationen. Situationen, in denen ich als ganzer Mensch kommuniziere, einschließlich meiner Gefühle, Schatten, Unsicherheiten – und diese transparent in Selbstverantwortung in Kontakt mit dem anderen bringe. So können Ebenen angezapft werden, die Neues entstehen lassen – im gefühlten gemeinsamen Innenraum zwischen uns.

 

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