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Der Mount Everest wurde bestiegen, die Tiefsee kartografiert, die Stratosphäre überwunden. Und doch fühlt sich der Autor zutiefst als Unwissender. Immer noch staunt er über die rätselhaften Facetten unserer Welt. Voller Neugierde begibt er sich auf die Suche nach dem geheimnisvollsten aller Mysterien – dem eigenen Selbst. Seine Suche nach dem Wer bin ich beginnt mit einem Osho Awareness Intensive Retreat, zwölf Weggefährten, einem Zeitrahmen von 72 Stunden und dem eigenen Mut, das vertraute Ich komplett hinter sich zu lassen.

Von Prakash O. Strassen

Ich bin mit einem Fallschirm aus 3000 Meter Höhe gesprungen, frei über steile Felswände geklettert und durch versunkene Grotten im Süden Mexikos getaucht. Warum ich das alles gemacht habe, weiß ich im Grunde nicht. Aber selbst heute erzeugt die Erinnerung an diese oftmals lebensbedrohlichen Situationen und Erlebnisse ein unbändiges Kribbeln in mir: das Gefühl von vibrierender Lebendigkeit!

In extremer Gefahr erscheint das Leben nicht mehr als normal oder selbstverständlich, sondern offenbart sein kostbares Wesen. Aber woraus besteht diese Lebendigkeit? Ich spüre meinen Atem, lausche meinem Herzschlag. Und ja, ich kenne die biochemischen Formeln der Körperprozesse, habe von Hirnströmen, Synapsen und Adrenalin gelesen. Und doch begreife ich die Essenz des Lebendigen nicht.

Ankunft im Osho Meditationszentrum

Da stehen wir nun. Ein Lächeln macht die Runde, kreist scheu zwischen zwölf Wildfremden und mir. Drei volle Tage werden wir alle zusammen in einem einzigen Raum leben – und dort auch essen, schlafen und arbeiten. Nur die Toiletten sind separat. Ich bin sehr nervös und habe Angst vor der intensiven Konfrontation mit mir selbst und den anderen. Sie werden mir stundenlang in die Augen schauen, das zumindest weiß ich bereits jetzt. Und vielleicht Anteile von mir sehen, die ich sogar vor mir selbst verborgen halte. Fassaden werden zerbrechen. Was an mir sind Masken, was ist echt? Was will sich zeigen? Werde ich schwach oder stark sein, liebevoll oder monströs?

Und was werden die anderen über mich denken?

Ich halte mich für einen guten, liebevollen und hilfsbereiten Menschen. Und stark genug, um in der Welt zu bestehen. Aber etwas in mir ahnt, dass dies vielleicht nur Rollen sind. Wer bin ich, wenn das antrainierte Verhalten wegfällt? Furcht steigt in mir auf, Furcht vor der Leere in mir, vor einem undefinierten Raum, einem Nichts hinter der Fassade. Bin ich ein Nichts, wenn Rollen nicht mehr tragen? Was wird aus meinem Leben? Werden neue Erkenntnisse mich euphorisieren oder innere Abgründe deprimieren? Dieses Abenteuer ist eindeutig nicht nur unbequem, sondern auch nichts für den Feigling in mir. Doch ich bleibe. Ich will es wissen. Was schlummert in der Tiefe, wie sieht meine ganz persönliche Wahrheit aus? Einer der Kursleiter stimmt uns ein. „Gemeinsam begebt ihr euch auf die Suche und doch bleibt jeder für sich. Jede Kommunikation außerhalb der Sitzungen, jedes Zuzwinkern, Anlächeln und empathische Anteilnehmen untergräbt die Wirkkraft der Technik und ist deshalb untersagt. Wir schaffen einen Raum, in dem ihr euch um nichts Äußeres kümmern müsst und den Blick um 180 Grad nach innen nur auf euch selbst wenden könnt.“

Alles klar

Wir werden unser Innerstes offenbaren, das Intimste nach außen kehren, uns gegenseitig näher kommen als der eigenen Geliebten – und uns doch unbeteiligt, reaktions- und teilnahmslos verhalten wie der Spiegel an der Wand – so will es der Prozess. Der Ablauf wird streng eingehalten. Wir Kursteilnehmer müssen nichts organisieren, nichts entscheiden. Für alles ist gesorgt. Auch der festgelegte Zeitplan lässt keinen Raum für individuelle Vorlieben. Mir sind keine Erfahrungen von psychischen Problemen, ausgelöst durch diese Technik, bekannt. Dennoch habe ich das Gefühl, ich gehe diesmal aufs Ganze, riskiere meine psychische Grundordnung, mein gewohntes Ich, das mich zwar nicht glücklich gemacht, aber ein Auskommen und eine akzeptierte Rolle in dieser Welt ermöglicht hat.

Wie ein entferntes Echo haucht die Furcht vor dem eigenen Wahnsinn durch einen unergründlich tiefen Raum diffuser Beklommenheit bis zu mir. Unser Raum wirkt sehr klar strukturiert. Genau so, wie ich einen Raum in einem Zen-Kloster des 21. Jahrhundert erwarte. Der einzige Wandschmuck an den geweißten Wänden besteht aus einem Bild von Osho. Die Sitzkissen der Teilnehmer sind paarig angeordnet, bilden kleine Inseln im Raum. Alles wirkt äußerst akkurat. Und doch verströmt diese liebevolle Einfachheit eine ruhige Gelassenheit.

Es geht los

Wir nehmen Platz. Paarweise schauen wir uns in die Augen. „Sag mir, wer du bist!“. Ich nehme das Koan in mir auf, lasse es wirken. Es ist wichtig, ganz absichtsvoll eine Erfahrung machen zu wollen. Ich versuche offen zu sein für alles, was in mir in Resonanz geht. Während ich meine Gefühle, Gedanken und Entdeckungen erzähle, hört mein Gegenüber aufmerksam, aber äußerlich teilnahmslos zu. Er soll mir ein leerer Spiegel sein, präsent – sowohl bei mir als auch in sich selbst, beobachten, ob und was meine Äußerungen in ihm bewirken. Und während ich erzähle, blicke ich in die neugierigen Augen meines Partners. Plötzlich wird mir bewusst, dass auch ich gesehen werde. Ich spüre seinen Blick fast körperlich auf mir. Spüre, wie ich gescannt und bewertet werde. Zustimmung, Trost oder Aufmunterung? Fehlanzeige. Bereits in den ersten Sitzungen fühle ich mich in meinen Selbstzweifeln durchschaut. Ich bin verunsichert. Vorsichtig wage ich ein bisschen Wahrheit, riskiere ein bisschen Schwäche, zeige, was hinter dem Bild der Stärke liegt, das ich gewöhnlich zu meinem Schutz vor mir hertrage.

Mit zunehmend mulmigem Gefühl sitze ich auf meinem Kissen, rutsche unruhig darauf herum. Die Augen meiner Partner wechseln regelmäßig. Zu meinem Schrecken bemerke ich plötzlich den unsympathischen Kanadier von vorhin, der zudem auch noch als Kurshelfer agiert. Vom ersten Moment an konnten wir uns nicht ausstehen. Keine fünf Minuten und wir lagen im Streit. Wie soll ich mich in so einem Umfeld öffnen? Ich rufe mich zur Besinnung. Komm schon, es ist ein Abenteuer und ich bin der Forscher meiner eigenen Wahrheit, mitten in terra incognita. Ausgang ungewiss. Ich spüre eine verlässliche Abenteuerlust in mir emporsteigen. Stolz erfüllt mich. Ich respektiere meinen Mut und die kompromisslose Hingabe, mit der ich den Dingen auf den Grund gehe. Dadurch durfte ich bereits viele verschiedene Erfahrungen sammeln: Erfolge, Niederlagen, große Liebe und tiefe Trauer. Ich spüre, wie ich beginne, mir etwas auf meinen Mut einzubilden. Ich fühle mich stark und voll strotzender Lebenskraft. Müsste ich das nicht laut aussprechen? Nein! Meine Selbstdarstellung erlaubt keine ungezügelte Selbstliebe. Riecht zu sehr nach Narzissmus. Ich kommuniziere also weiter bescheiden, diplomatisch, eben Halbwahrheiten.

Jetzt erzählt mein Gegenüber

Ich beobachte, dass ich noch ganz von mir erfüllt bin. Fühle mich überlegen. Schon wächst ein Gefühl von Isolation. Mir wird plötzlich bewusst, wie oft ich mich einsam fühle. Die Erinnerung an die Momente meiner Einsamkeit wecken einen uralten Schmerz: nicht akzeptiert oder gut genug zu sein, gänzlich unverstanden und komplett anders zu sein als der Rest der Welt. Meine Gefühlswelt kippt. Ich fühle mich plötzlich hoffnungslos unterlegen. Unsozial, ohne Verbindung und ohne Verständnis für die anderen. Was ist das bloß, was mich von der Welt trennt? Irgendetwas stimmt mit mir nicht! Dann lausche ich wieder meinem Gegenüber. Meine Selbstzweifel sind weg. Vergessen.

Nun wieder ich. Ich höre in mich hinein. Da! Da sind sie wieder, meine Selbstzweifel. Mir ist das peinlich. Ich fühle mich gedemütigt. Automatisch versuche ich etwas cooler zu wirken. Etwas in mir sucht Argumente, warum ich über meinem Partner stehe. Etwas bastelt in Windeseile an meinem Selbstbewusstsein, beschwört Contenance, muntert auf, ja keine Schwächen zu zeigen. Ich atme tief. Wieder eine Maske, hinter die ich schauen wollte. Warum brauche ich überhaupt die Akzeptanz und Zustimmung von außen? Ich bemerke ein Lächeln auf meinem Gesicht. Wo kommt denn das jetzt her? Heische ich nach einer freundlichen Reaktion meines Partners? Tatsächlich, mein Lächeln ist ein Friedensangebot an mein Gegenüber, ein mögliches Bündnis zur gegenseitigen Beruhigung, ein oberflächlicher Deal zum Preis der Wahrheit. Mein Partner bleibt äußerlich unbeeindruckt und ich bleibe mir selbst überlassen. Verdammt, in diesen drei Tagen will ich so wahr wie möglich sein. Ich gebe mir einen Ruck und gestehe alles, absolut alles, was in mir vorgeht. Mir und meinem Gegenüber.

Wieder schaue ich in wache, aber teilnahmslose Augen. Ich werde ruhiger, etwas in mir entspannt sich. Die nervöse Energie schwindet aus meinem Bauch und Solarplexus. Was eben noch wichtig schien, ist plötzlich unbedeutend. Sorgen verlieren ihre Bedrohung. Ich fühle die fremden Augen wie einen Sog, der mich zu mir hinabzieht. Partnerwechsel. Jetzt bin ich wieder der Spiegel für mein Gegenüber.

Gemeinsam probieren wir Authentizität, tasten uns an die ungeschönte Wirklichkeit. Auch mein Partner öffnet sich, zeigt Schwächen und Unsicherheiten. Ich spüre, wie meine anfängliche Ablehnung und wertende Haltung in Verständnis und Mitgefühl umschlägt. Ich erkenne so vieles von ihm in mir wieder.

Mit jeder Session steigen wir weiter hinab

Immer öfter spüre einfach den Emotionen in meinem Körper hinterher. Mein Solarplexus kribbelt, brennt. Ich bin aufgeregt. Und nun? Keine Emotion, trotzdem kribbelt es. Hurra, ich lebe. Im nächsten Moment bemerke ich, wie sich der Blick meines Partners verändert. Bewertet er mich etwa? Ich spüre, wie er sich mir überlegen fühlt. War ich zu offen? Gab ich zu viel von mir preis? Was, wenn er meine Schwäche ausnützt und anderen von meinen intimen Äußerungen erzählt? Scham steigt in mir hoch. Schockartig durchzuckt sie meinen Körper. Alles zieht sich zusammen. Ich spüre Angst. Die Angst, unterlegen zu sein.

Ich ertrage plötzlich die Intimität nicht mehr. Ich möchte mich abwenden, den Partner wechseln, mich mit Smalltalk ablenken, und hoffe auf ein aufmunterndes Zeichen. Doch die Augen meines Gegenübers bleiben stumm. Ich fasse Mut und beschreibe, was in mir vorgeht. Sage, dass ich Angst habe. Gleichzeitig beobachte ich weiter meine Emotionen, so als ob sie jemand anderem passieren. Unruhe wuchert in meinem Bauch. Und doch hat sich etwas geändert. Die Angst ist noch da, aber sie hat ihren Schrecken verloren. Ich lache, überrascht. Die gleiche Energie, die eben so unangenehm und schmerzhaft war, mutiert plötzlich zur Freude. Ich entspanne mich. Mein Gegenüber sieht gar nicht mehr bedrohlich aus. Eher etwas irritiert. Mir ist das egal. Ich fühle mich sicher und gut. Was andere denken, spielt in diesem Moment keine Rolle mehr. Frieden erfüllt mich.

Im Laufe des Tages schärft sich meine Wahrnehmung für Gefühle, Gedanken, Ängste, auch Langeweile und Freude. Das launische Hüpfen meines Verstandes wirkt auf mich geradezu psychopathisch. Aus Angst wird Freude, aus Wut Mitgefühl oder andersherum. Ein einziger Gedanke verändert Sympathie und Vertrautheit in Misstrauen, Abwehr und Verurteilung. Dabei ist der Raum immer noch der gleiche, die Kursleiter auch, nur die Augen meiner Partner wechseln in regelmäßigen Abständen. „Sag mir, wer du bist!“ Zwischen all dem emotionalen Auf und Ab ist irgendetwas in mir, das alles beobachtet. Es schaut aus mir heraus, schaut hinein, lauscht meinen vielen Stimmen hinterher – wertfrei, meinungslos und unvoreingenommen. Wer oder was nimmt das alles wahr? Ist das mein wahres Selbst?

Der erste Tag ist fast geschafft

Ich spüre zunehmenden Widerstand gegen das Setup. Werde ungeduldig. Ich bohre trotzdem weiter mit dem Koan, hämmere mit meinem Willen gegen meine festgefahrenen Vorstellungen. Mein Körper wehrt sich gegen diese Hiebe, reagiert mit Kopfschmerzen und Magengrummeln. Und doch dringe ich immer weiter. Meine Aussagen verändern sich, neue differenziertere Gefühle kommen zu Tage. Stück für Stück erkenne ich mehr, sehe klarer, bemerke, dass viele meiner Reaktionen einfach nur automatisiert sind. Schleier schwinden im Augenblick des Erkennens. Etwas ganz Tiefes, Authentisches weht empor.

Nach einem unglaublich intensiven Tag nehmen wir das Koan mit in den Schlaf. Und obwohl wir alle im gleichen Raum liegen, ist jeder ganz bei sich. Im Halbschlaf spüre ich meine starke Sehnsucht nach … ja, nach was eigentlich? Nach Göttlichkeit? Nach mir? Nach Wahrheit? Nach dem Leben? Die Nacht schweigt.

Der neue Tag beginnt noch vor der Dämmerung. Da wir keine Uhren mitbringen durften, leben wir in vollkommen gefühlter Zeit. Meine Müdigkeit behauptet, es wären höchstens 5, vielleicht 6 Stunden Schlaf gewesen. Egal, gleich nach dem Weckruf erklingt: „Sag‘ mir, wer du bist!“. Mein Körper vibriert. Irgendwas wird heute passieren. Geballte Ladung liegt in der Luft. Auf dem Plan steht: „Arbeit als Meditation“. Eine Stunde lang sollen wir in Achtsamkeit putzen: den Raum, die Duschen, die Toiletten. Natürlich ist es mein kanadischer „Freund“, der die Jobs vergibt – und, wie könnte es anders sein, ich soll die Klos schrubben. Sein Grinsen verrät seine Genugtuung, schon fühle ich mich schikaniert. Ausgerechnet hier, inmitten all dieser Wahrheitssuchenden, werde ich Opfer von Machtmissbrauch!

Dann passiert es

Unvermittelt platzt ein NEIN aus mir heraus. Er kontert, es sei nur mein Ego, das aufbegehrt. Ich spüre Unbehagen, den Tagesablauf zu stören.

Trotzdem, ich bleibe stur. Bemerke, es wäre wohl eher sein Ego, das sich an der Assistentenstelle unrechtmäßig erhöht. Der Konflikt eskaliert. Andere Teilnehmer werden aufgefordert, meine Aufgaben zu übernehmen, und tun es mit abwertenden Blicken auf mich. Von einem zum anderen Moment trage ich das Brandmal: asozial. Ich fühle mich ausgestoßen, isoliert, vollkommen unverstanden und ohnmächtig. Was für eine Willkür! Außerdem ist die ganze schöne meditative Energie, die mühsame Arbeit des Vortages verloren. Ich bin mir total sicher, in dieser Gruppe wird es für mich niemals Wahrheit geben. In meiner Not wende ich mich an die Kursleiter und bitte um ein Gespräch. Sie bejahen mein Recht auf respektvolle Behandlung. Gleichzeitig geben sie mir den Tipp, meine Emotionen zu beobachten. Vielleicht kämen mir ja einige bekannt vor. In der Tat, nüchtern betrachtet, erinnere ich mich plötzlich an die oft ungerechte Strenge meines Vaters.

In der nächsten Runde ersetzt ein echter Spiegel den leibhaftigen Partner – jedenfalls in meinem Fall. Diese Variante befand die Gruppenleitung für angemessen, wegen des Konflikts, an dem ich knabbere. Ich sehe mich. Meine Augen beobachten meinen Mund, wie er formuliert: „Sag mir, wer du bist!“ Meine Ohren vernehmen. Ich schaue mich. Und wieder beobachtet etwas uns.

Die Auseinandersetzung hat meine Energie weiter gespeist. Außerdem wächst mein Frust, weil eigentlich noch gar nichts passiert ist. Internes Nörgeln, wo bleibt eigentlich mein Satori? Oder ein Stück allerhöchster Wahrheit, wenigstens ein paar rauschhafte Momente meditativer Glückseligkeit?

Es ist zwar irgendetwas da, zeigt sich aber nicht. Ich vernehme nur einen entfernten Klang – wie der Hall eines tausendfachen Echos. Und anstatt bedeutsame Einblicke zu erhalten, muss ich mich von unqualifizierten Assistenten demütigen lassen. Na, super! Meine meditative Grundstimmung liegt am Boden. Ich bin wütend und erzähle meinem Spiegelbild von meiner ohnmächtigen Wut. Ich lese Hilflosigkeit in meinen eigenen Augen. Ja, es ist ungerecht! Mein Atem wird heftig, ein Grollen bahnt sich seinen Weg. In meinem Kopf stapelt sich Ärger. Im Spiegel sehe ich, wie ich rot anlaufe. Eine Mordswut erfüllt mich. Etwas in mir unterwandert alle Kontrollfunktionen. Wut, nur noch Wut. Plötzlich brüllt es aus mir heraus. Der Damm bricht. Wut, pure entfesselte Wut. Dann durchflutet mich eine alles erlösende mächtige Urkraft und ergießt sich in den Raum. Die Anderen sind mir egal, es gibt kein Halten mehr. Soviel Unterdrücktes, Aufgestautes fließt hemmungslos aus mir heraus – wie ein Urstrom, der sich aus künstlicher Verengung befreit und sein natürliches Flussbett zurückerobert.

Nichts kann mich mehr aufhalten zu sein, wie ich wirklich und wahrhaftig bin.

Ich fühle mich tief berührt

Schluchze in einem Wechselspiel aus verflossener Trauer und glückseliger Freude. Die Wahrheit ist, ich bin ein Wesen voller Liebe, sanft, zart und dennoch unverwundbar. Ich spüre eine innige Verbundenheit mit allem um mich herum, auch mit dem Kanadier, sogar mit meinem Vater. Meine Widerstände und Konflikte haben sich irgendwie in Luft aufgelöst. Frei von Angst und Schmerz empfinde ich tiefen Frieden. Heilung geschieht. Ich bin vollkommen bei mir, brauche nichts und niemanden außerhalb von mir, öffne mich, halte nichts zurück und erlaube mir, der zu sein, der ich wirklich bin.

In den nächsten Stunden durchströmen mich Wellen tiefer Empfindsamkeit. Nein, ich brauche keine Schwächen mehr zu verstecken. Warum sollte ich mich selbst täuschen oder andere täuschen wollen? Sind wir nicht alle aus dem gleichen Holz? Wann haben wir eigentlich angefangen, uns zu verstellen? Unsere Schutzmechanismen unterdrücken doch nur unsere eigentliche Schönheit. Und wer diese tiefe Wahrheit in sich erfahren hat, weiß, dass es nichts, aber auch gar nichts Befriedigenderes gibt. Im Herzen berührt und voller Urvertrauen öffne ich mich nun bei jeder weiteren Session mehr, erkenne subtile Masken, trügerische Selbstbilder, lasse meine gewohnte äußere Identität immer weiter zusammenbrechen.

Ich spüre die Gewissheit, dass jeder Verlust an äußerem Schein gleichzeitig ein Gewinn an Wahrheit und somit Lebendigkeit ist. Nichts anderes ist von Bedeutung. Bis in die Nacht bin ich erfüllt von glückseliger Lebendigkeit. Ich spüre die inneren Widerstände nicht mehr und die hämmernde Suche des ersten Tages hat sich in einen ruhigen Fluss verwandelt, der geduldig voranströmt, bereit, sich in die Wahrheit und Weite des Ozeans zu ergießen. Zufrieden und dankbar nehme ich mein Koan mit in den Schlaf.

Der dritte Tag

Am dritten Tag sitzt am Anfang einer Runde plötzlich mein kanadischer „Freund“ vor mir. Trotz aller Gelöstheit spüre ich Furcht vor der Begegnung. Aber die Furcht darf sein und sie stört mich nicht – fast nicht. Außerdem wirkt sie entfernt, ein bisschen unwirklich. Wieder spüre ich das alte aufkommende Gefühl, stark und hart wirken zu müssen. Aber eigentlich ist es zu spät. Denn meine Empfindsamkeit zeigte sich bereits – ausnahmslos. Wem könnte ich jetzt noch etwas vormachen? Unsere Blicke treffen sich. Für die nächsten vierzig Minuten bleiben unsere Augen unausweichlich ineinander versenkt. Wir registrieren jede Facette, jede Regung des Anderen und können die eigene Gefühlswelt – selbst, wenn wir es wollten – kaum verheimlichen. Ich schwanke zwischen Vertrauen und Offenheit, Verurteilung und Furcht hin und her. Ich spüre seine Abwehr, seine abschätzige Beurteilung. Nein, Freunde sehen anders aus!

Gefasst erzählt er von seinen Erinnerungen an die Kindheit. Auch er konnte seinem Vater nichts recht machen, auch er sehnte sich nach Anerkennung. Plötzlich steigt tiefes Mitgefühl in mir auf. Ich erkenne mich in ihm, in seiner Sehnsucht nach Liebe. In diesem Moment ändert sich alles – auch zwischen uns. Tränen spülen alle Differenzen hinweg. Wir sehen uns, gegenseitig in unserem wahren Sein, und fühlen uns plötzlich ganz tief verbunden. Diese Verbundenheit durchdringt zunehmend die ganze Gruppe. Am Ende der drei Tage fühlen wir uns alle deutlich verändert. Denn jeder von uns hatte bewegende Momente erlebt, die von wahrer Tiefe erfüllt waren. Den Schlüssel dazu gaben die Begegnungen mit alten Ängsten und Verletzungen, innerhalb des strengen Zen-Rahmens – flight impossible. Das Lächeln, das 72 Stunden zuvor schüchtern zwischen Wildfremden kreiste, strahlt beim Abschied als offenherzige Verbundenheit zwischen vertrauten Seelen.


Die Frage Wer bin ich? ist die fundamentale Frage einer jeden spirituellen Suche. Sie ist ein Koan und lässt sich als solches nicht aus dem Verstand, sondern nur intuitiv beantworten. Die Antwort möchte durch ehrliches Erforschen im tiefsten Innern erfahren sein. Während einer Zen- Meditation sitzt der Meditierende auf der Suche nach sich selbst still und in sich versunken auf einem Kissen und bemüht sich, den gegenwärtigen Moment achtsam und ohne zu urteilen wahrzunehmen. In einem Osho-Awareness- Intensive-Prozess sitzen sich jeweils zwei Teilnehmer gegenüber und stellen einander die Frage: „Sag mir, wer du bist?“ Der Befragte richtet seine Aufmerksamkeit nach innen und berichtet für einen begrenzten Zeitraum über alle wahrgenommenen Gedanken und Empfindungen. Dann stellt er die gleiche Frage seinem Gegenüber. Nach einigen Runden wechselt er für eine neue Frage- Session zu einem anderen Partner. Der Partner dient außer zu Ansporn und Ermutigung vor allem als leerer Spiegel, als zusätzliche still beobachtende Präsenz bei der Ergründung des wirklichen Selbst.

Das Osho- Awareness-Intensive mit Shivani findet vom 16. bis 21. Juli 2017 im – von Zen- Meister Willigis Jäger gegründeten – Benediktushof in Holzkirchen bei Würzburg statt.

Eine Antwort

  1. sadhu
    Wer suchet findet nur Hoffnung und Verlangen

    Gar keine Frage. Man muss schon was tun, um seine Existenz mit mehr Leben zu füllen. Was mich allerdings doch stark irritiert, dass sind diese 3, 4, 5 Tagesseminare die anbieten das Sein in dieser doch schon sehr überschaubaren Zeit erkennen zu können. Wenn man ehrlich ist, sind das doch schon unlautere Heilsversprechen.
    Wie wäre es denn mal einfach mit einer lebensbegleitenden Unterstützung. Ich habe mittlerweile mehr Achtung vor Leuten die ihr Sein so akzeptieren wie es ist, ohne etwas Besseres oder höheres Anzustreben.
    Das Thematisieren von Gut und Schlecht, Oben und Unten, Klein und Gross, befördert ein Weltbild, welches einfach nichts mit einer spirituellen Multidimensionalität gemein hat. Gerade von Osho Jüngern erwarte ich doch ein gewisses Wissen, z.B. aus der Bhagavat Gita, vor allem wenn man Seminare gibt.
    Nur mal so als einen kleinen Hinweis – Suchen tut man nur das, was man nicht hat.
    Finden tut man das, was man in sich trägt.

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