Warum Kommunikation – und damit auch die Erzeugung von geistigen Feldern – das zentrale Werkzeug in der menschlichen Begegnung und der Erschaffung unserer Welt ist…

von Andrea und Veit Lindau

Wir haben in den letzten 25 Jahren viele tausend Singles, Paare und Teams in ihren Beziehungskrisen und -wünschen begleitet. Natürlich haben wir uns dabei immer wieder die Frage gestellt: Was ist das Geheimnis einer starken Beziehung? Darauf gibt es keine einfache Antwort, doch einer der Hauptgründe, warum Beziehungen scheitern, ist ganz sicher unser Mangel an Respekt vor ihrem eigentlichen Potential. Verliebtsein ist schön. Sicherheit tut gut. Sex ist geil. Hilfsbereitschaft nährt. Doch das ist lange nicht alles.

Ohne dich stressen zu wollen, aber jedes Mal, wenn du einem anderen Menschen begegnest, wird über die Zukunft der Menschheit entschieden. Um diese Perspektive besser verstehen zu können, möchten wir mit dir kurz in die Vergangenheit reisen. Unsere Art, der Homo sapiens (lat. für „verstehender, verständiger Mensch“), existiert seit mindestens 300.000 Jahren. Wir wissen über die ersten 200.000 Jahre unserer Geschichte fast nichts. Doch vor zirka 90.000 bis 70.000 Jahren fand ein erstaunlicher Sprung in unserer Entwicklung statt, dessen Ursachen bis heute nicht vollständig geklärt sind. Wir entwickelten damals ungewöhnlich schnell viele neue Fähigkeiten:

• Lernvermögen, Gedächtnis, Kommunikationsfähigkeiten steigerten sich.

• Die Fähigkeit, sich in größeren Gruppen zu organisieren, nahm zu.

• Erste Anzeichen von Kunst und Spiritualität – Malereien, Schmuck, Grabrituale – tauchen auf und weisen auf ein neues Abstraktionsvermögen hin.

Was auch immer der Grund war, der Homo sapiens veränderte sich in dieser relativ kurzen Zeitspanne drastisch. Eine der gängigsten Theorien unter Anthropologen und Gehirnforschern geht davon aus, dass ein entscheidendes Medium für diesen großen Entwicklungsschub verantwortlich war – die Ausprägung der menschlichen Sprache. Diesen Sprung im Bewusstsein kann man gar nicht stark genug hervorheben. Kommunikation ist eben viel, viel mehr als das Benutzen von Worten. Sprache prägt unsere Wahrnehmung der Realität entscheidend. Andere Tiere kommunizieren auch, doch dabei geht es, soweit wir wissen, fast immer um die Gegenwart. Sie reflektieren, was jetzt ist – Futter, Gefahr, Sex… Warum auch immer, unsere Gehirne kamen damals auf den Dreh, mit sich selbst abstrakter zu kommunizieren – über bereits vergangene und eventuell noch stattfindende Dinge. Gleichzeitig lernten wir, uns mit dieser erstaunlichen Fähigkeit neu im Verbund mit anderen Menschen zu vernetzen.

Mythen der Menschheit

Plötzlich konnten wir uns Geschichten erzählen. Über das, was gestern war. Was Menschen, die gerade nicht am Platz waren, getan hatten und was wir darüber empfinden. In unserem Bedürfnis, die Welt zu verstehen, begannen wir, die ersten Legenden und Götter zu erfinden. Diese Mythen waren nicht nur Märchen. Weil wir an sie glaubten, beeinflussten sie, was wir sahen und wie wir handelten. Wir teilten sie mit unserer Sippe, gaben sie von Generation zu Generation weiter und passten sie im Laufe der Jahrtausende immer wieder an. Sie wurden zur geistigen DNA der Menschheit.

Denn genau wie unsere physischen Gene dafür sorgen, dass unsere Körper ähnliche Ohren, Augen und einen Mund hervorbrachten, entscheiden die Mythen, an die wir glauben, darüber, was wir immer wieder sehen und hören, wie wir darüber denken, sprechen und dementsprechend handeln. Willst du wissen, was in deinem Leben ein Mythos ist? Ganz einfach: alles, woran du glaubst. Alles, was du in Gedanken fasst, kann niemals die absolute Wahrheit darstellen, sondern immer nur deine verzerrte Abstraktion davon. Dein Glaube legt sich wie der Filter einer starken Sonnenbrille zwischen dein Erleben und die Wirklichkeit. Du gibst deinen Glauben – bewusst oder unbewusst – in jedem Gespräch wie ein Virus an andere weiter.

Deine Überzeugungen werden gemästet, wenn du sie denkst oder über sie sprichst. So ist deine Kommunikation niemals neutral. Sie stärkt oder schwächt. Sie öffnet in Liebe oder trennt in Angst. Und sie erschafft. Immer. Gemeinsam erschaffen wir durch unsere Begegnungen unsichtbare, aber mächtig wirksame geistige Felder. Diese prägen unsere Wahrnehmung, unsere Gefühle, unser Verhalten und so auch die Qualität unserer Beziehungen. Was die meisten Menschen verpassen, ist der Moment der Wahl im Gespräch, in dem wir innehalten und uns sehr wach fragen könnten:

Woran möchte ich gerade glauben? Unabhängig von dem, was mir die Welt bis jetzt als möglich vorgegaukelt hat? Welchem Wert soll diese Beziehung dienen? Welche Vision möchte sich durch diese Begegnung manifestieren? Was ist unser gemeinsames, heiliges Anliegen, welches uns über das abgedroschene Geschwätz unserer Egos erheben kann? Wann ist dieser Moment? Jetzt. Immer wieder jetzt.

Diese Wahlmöglichkeit mitten in einem eingeschlafenen Gespräch oder einem Streit ist die große Gnade, die Lücke im Spiel. Du kannst dich dieser schöpferischen Verantwortung nicht entziehen, auch wenn du versuchst, sie zu ignorieren. Solange du kommunizierst, erschaffst du. All deine Gedanken und Handlungen gehen in den großen Mythos der Menschheit ein und damit beeinflussen sie, ob und wie deine Enkel und Urenkel die Welt erfahren werden. Lass dich nicht von dem giftigen Gedanken lähmen: „Einer allein kann doch nichts verändern.“

Die Revolutionen der Menschheit wurden nicht von Superhelden ausgelöst, sondern von Menschen, die sich das Recht herausnahmen, einen neuen, kühnen Gedanken zu formen und ihm ihre Kraft durch Wort und Tat zu verleihen. Wir stehen an einer brenzligen und zugleich aufregend potenten Entwicklungsschwelle. Wohl noch nie war die Menschheit als Ganzes, aber auch jeder Einzelne herausgefordert, so radikal zu hinterfragen, woran wir glauben und worauf wir unsere Zukunft bauen wollen. Viele alte Paradigmen bröckeln, haben ausgedient.

Das Konzept der Kleinfamilie… Unser bestehendes Bildungssystem… Wie wir wirtschaften… Starre, dogmatische Religionen… Unser Grundverständnis von Heimat und Nation… Die Rollenverteilung von Frau und Mann… Vielleicht ist es nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Doch wenn du anderen begegnest, am Frühstückstisch, am Arbeitsplatz, im Bett… kommen nicht nur eure Körper zusammen.

Jeder Mensch ist an ein unsichtbares Feld von Überzeugungen, Werten, Regeln angedockt. Bewusstseinsforscher nennen diese Felder Meme. Sie prägen unsere Sicht auf die Welt, was wir für möglich und unmöglich halten, unser Verhalten, wie wir Beziehungen gestalten… einfach alles. Meme werden aus den Gedanken und Erfahrungen deiner Vorfahren, den Paradigmen der Gesellschaft und natürlich all deinen Überzeugungen gewoben. Wer sein Bewusstsein in diesen alten Spuren parkt, käut in seinen zwischenmenschlichen Begegnungen einfach nur alte Geschichten wieder und merkt es wahrscheinlich nicht einmal. Doch jede Beziehung deines Lebens – egal wie kurz oder lang sie währt – bietet auch die Chance, neue Realitäten zu gebären. Was es braucht, ist ein respektvolles Erkennen und Annehmen deiner schöpferischen Macht. Wenn du smart bist, entziehst du den verstaubten Dramen ihre Kraft, indem du gemeinsam mit deinen Mitmenschen neue Mythen als Visionen erschaffst und dann in die Realität hinein manifestierst.

Jeder einzelne Tag deines Lebens gibt dir die Chance, neu zu wählen: Wie definierst du eine lebendige Beziehung? An welchen Qualitäten möchtest du euer Zusammensein messen? Was für eine Frau oder ein Mann willst du sein?

Was willst du heute deine Kids lehren? Werdet ihr heute in eurem Unternehmen schuften, arbeiten, erschaffen? Soll Deutschland weltoffener, toleranter oder wieder verschlossener und nationalistischer werden? Was ist das gemeinsame, erhebende Anliegen deiner wichtigsten Beziehungen?

Unsere eigene Liebesbeziehung begann erst wirklich, als wir nach unzähligen Streitsituationen und Phasen der Ödnis realisierten, dass wir die Dramen vergangener Generationen wiederholten. Wir fassten einen kühnen Entschluss – nämlich prinzipiell alles für möglich zu halten und eine uns beide inspirierende Vision unserer Partnerschaft zu entwerfen. Was wir damals aufschrieben, kam uns wie pure Utopie vor. Wir kannten kein solches Paar. Doch wir wussten: Wenn wir schon unsere kostbare Lebenszeit miteinander verbringen, muss es rocken. Also setzten wir alles auf unsere Vision. Ca. zehn Jahre später war alles, was wir uns vorgenommen hatten, manifestiert. Nur noch besser.

Wir lernten daraus: Das, was wir heute leben, ist niemals das Ende, sondern immer erst der Anfang unserer Möglichkeiten. Also nutzen wir auch heute, nach 25 Jahren, unsere Ehe als einen täglichen Inkubator für noch schlummernde Potentiale. Die gegenwärtige Vision für unsere Beziehung umfasst : Jeden Tag neu verliebt ineinander. Vollständig und permanent erfahrenes EinsSein zwischen uns und mit Allem. Telepathie und bedingungslose Liebe. Und die kreative, harmonische Vereinigung von Liebes- und Businessbeziehung.

Jeder Mensch, also auch du, ist eingeladen, sich irgendwann radikal der Frage zu stellen: Was mache ich hier eigentlich in meinen Beziehungen? Womit verbringe ich meine unbezahlbar kostbare Lebenszeit? Will ich Zeit totschlagen? Suche ich eine sichere Nummer? Oder will ich alle wichtigen Beziehungen in evolutionäre Forschungs- und Stärkungsfelder verwandeln? Das alles ist möglich. Nicht durch ein Wunder, sondern deine Wahl. Die Wahl, dich und die schöpferische Macht von Kommunikation ernst zu nehmen. Du bist wichtig. Die nächste Seite deiner und unserer Geschichte wird dort aufgeschlagen, wo du heute lebst. Die Geschichte der Menschheit passiert nicht einfach so. Wir erschaffen sie miteinander.

Zum Beispiel, indem wir dir diesen Artikel schreiben und durch die Weise, ob und wie er dich inspiriert. Buckminster Fuller schrieb einmal: „Wir sind die Kapitäne des Raumschiffes Erde.“ Wir, das sind nicht irgendwelche Regierungen oder Heilige. Wir, das bist du. Das sind wir. Noch torkelt das Raumschiff, weil die wenigsten seiner Insassen begriffen haben, dass sie heute morgen aufgestanden sind, um es bewusst zu steuern.

Je mehr Menschen diese ihnen innewohnende Power erkennen, desto wahrscheinlicher werden wir miteinander eine völlig neue Form der Beziehung erlernen – die bewusste Ko-Kreation von vielen starken ICHs in einem starken WIR. Dann werden die Spinner die Normalen sein und Liebe die natürliche Tagesordnung. Warte nicht auf die anderen. Es beginnt mit dir. Lass dich von den Zynikern und Frustrierten nicht bremsen. Bring gute Fragen und starke Visionen in deine Netzwerke. Sei ein inspirierender Lichtbringer. Kommunikation ist der Schlüssel. Bring all deinen Beziehungen Vergebung und Freude, Frieden und Lust am Erschaffen. Lebendige Beziehungen sind Felder, in denen alle Beteiligten erblühen. In lebendigen Beziehungen ist Liebe keine Utopie, sondern die unvermeidbare Zukunft. Und wenn wir bereit sind, auch unsere Gegenwart.

Der Artikel ist ein Auszug aus „Königin und Samurai. Wenn Mann und Frau erwachen“, Andrea und Veit Lindau. Erscheint am 20. Mai. Mehr zum Thema: www.königin-samurai.de

Vortrag „Königin und Samurai“, 13. Juli 2018, 20 Uhr, GLS Sprachschule, Kastanienallee 82, 10435 Berlin. Anmeldung auf www.veitlindau.com

Author: Oliver Bartsch

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