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Daniel Pinchbeck zeigt in seinem Buch „How Soon is Now“ das Ausmaß der globalen Krise – und wie wir sie für einen kollektiven Bewusstseinswandel nutzen können.

„How Soon Is Now? – Wie lange wollen wir noch warten?“ beschreibt die Menschheit am Rande einer globalen Krise, die entweder zu einem evolutionären Bewusstseinswandel oder einer planetaren Katastrophe führen kann. Das Buch liefert die harten Fakten, aber auch den spirituellen Kontext für das Chaos unserer Zeit und gibt Antworten auf die Frage, was überhaupt noch getan werden kann. Wir haben mit Daniel Pinchbeck gesprochen.

Von David Rotter

Die größte Krise der Menschheitsgeschichte

Wir stecken mitten in der größten planetaren Krise der Menschheitsgeschichte. Umweltzerstörung und Klimawandel haben ein Massensterben im Tierreich ausgelöst, die Ozeane haben 90 Prozent ihres Bestandes an größeren Fischen verloren und versauern, wichtige Ökosysteme an Land stehen kurz vor dem Zusammenbruch, die Landwirtschaft hat die Böden so zerstört, dass sie in spätestens 60 Jahren unfruchtbar sind, die politische Situation wird immer instabiler, die Ungerechtigkeit auf der Welt immer größer, Millionen von Menschen sind auf der Flucht und täglich verhungern jeden Tag tausende Kinder – die Liste unserer Probleme scheint endlos.

Daniel Pinchbeck, einer der großen amerikanischen Vordenker eines globalen Bewusstseinswandels hat ein Buch geschrieben, dass einerseits ein Weckruf ist, der das ganze Ausmaß der Situation schonungslos offenlegt, andererseits aber auch ein „Manifest gegen die Apokalypse“, die Ohnmacht und den Pessimismus, der einen angesichts der drohenden globalen Katastrophe allzu leicht befallen kann.

Beide Aspekte des Buches sind ein großer Verdienst. Denn selbst in alternativen und spirituellen Kreisen, begegnet man einer erstaunlichen Kultur der Verleugnung, wenn es um die globale Situation geht. Niemand hört gerne negative Nachrichten – schon gar nicht, wenn er sich dem positiven Denken verschworen hat.

Globale Initiation

Doch es ist wichtig hinzusehen, denn die aktuelle Krise ist für Pinchbeck gleichzeitig die größte Chance der Menschheit. Pinchbeck vergleicht sie mit einer Initiation, welche der Menschheit die Möglichkeit gibt, eine neue Entwicklungsstufe zu erreichen.

„Wir haben als Spezies durch unser Verhalten eine planetare Katastrophe ausgelöst, die die Menschheit in eine initiatorische Krise geführt hat. Wir zwingen uns damit, uns zu entwickeln – uns entweder zu verändern, oder zu sterben. Das ist die Entscheidung, der wir jetzt gegenüber stehen.“

Der einzelne Mensch und auch das Kollektiv Menschheit scheinen erst in einer Krise zu wirklicher Veränderung bereit zu sein, wie Pinchbeck beobachtet und vermutlich jeder aus eigener Erfahrung bestätigen kann.

Die gegenwärtige Krise als eine Wachstumskrise zu begreifen, einen Zustand großer Instabilität, der nötig ist, damit sich die Menschheit weiterentwickeln kann, öffnet einen neuen Kontext für das Chaos unserer Zeit. „How Soon is Now“ stellt die These auf, dass es wichtig ist, dass die Menschheit die Tragweite und Chance der Situation erkennt, um die darin liegende Aufgabe wirklich annehmen zu können.

Wie lange wollen wir noch warten?

Das Buch ist auch eine Art Wegweiser, wie wir unser Zusammenleben auf diesem Planeten völlig neu gestalten können.

„Zunächst einmal glaube ich, dass wir eine neue kohärentere Geschichte – oder einen Mythos – darüber brauchen, wer wir als Spezies sind und wie wir an diesen Abgrund gelangt sind. Meine These ist, dass wir kurz davor stehen, zu realisieren, dass wir als Menschheit eine Art planetarischer Superorganismus sind, der in einem symbiotischen Verhältnis mit der Ökologie der Erde steht, als ein einheitliches Gesamtsystem.

Von diesem Standpunkt aus versuche ich danach, eine ‚Blaupause für die Zukunft‘ anzubieten, unsere technischen und sozialen Systeme zu überprüfen, wie sie funktionieren und wie wir sie umgestalten und umprogrammieren müssen, um das zu erschaffen, was ich eine ‚regenerative Gesellschaft‘ nenne. Dazu gehören Bereiche wie Energie, Landwirtschaft, Industrie, sowie Regierung und Finanzen. Wir müssen ein neues Betriebssystem für die menschliche Gesellschaft konzipieren, das die gegenwärtige Ideologie überwindet.“

Um konstruktiv mit der aktuellen Situation umgehen zu können, ist es wichtig, sie in einen evolutionären Kontext zu setzen, glaubt Pinchbeck:

„Wir glauben oftmals, wir wären kein Teil der Natur mehr und stünden irgendwie außerhalb von ihr, aber was, wenn das nicht wahr ist? Wir sind noch immer Teil der Natur. Wenn wir aufhören zu glauben, dass wir durch eine völlig zufällige Entwicklung gehen, und die menschliche Evolution stattdessen als einen natürlichen Wachstumsprozess betrachten, können wir erkennen, dass wir als Menschheit durchaus die Fähigkeit haben, uns weiterzuentwickeln, um uns selbst zu retten. Die aktuelle Situation hält uns den Spiegel vor: Das ist eure Mission, solltet ihr sie annehmen.“

Pinchbeck ist ein Futurist, vielleicht ein Utopist, aber kein naiver Träumer. Mit akribischer Sorgfalt zeichnet er die vielen ökologischen und sozialen Probleme unserer Zeit nach. Trotzdem ist sein Buch durchdrungen von einem Wachstumsimpuls, einer tiefen Hoffnung, dass dieser kollektive Prozess letztlich in einem positiven Durchbruch münden kann. Wie schafft man es, diese Positivität aufrecht zu erhalten?

„Ich sehe meine Aufgabe als Visionär: Meine Aufgabe ist es, mir den bestmöglichen Ausgang für die Menschheit auszumalen und dann ein realistisches Modell zu entwickeln, wie wir dorthin kommen können. Das versuche ich mit diesem Buch. Wenn wir jetzt aufwachen und unsere Technologie und unsere Kommunikationssysteme dazu nutzen, diesen Wandel herbei zu führen, dann können wir das tun. Derzeit arbeiten wahrscheinlich 80 Prozent der Menschen in Berufen, die keinen nützlichen Bezug zur Ökologie der Erde haben und keinen positiven Beitrag für die Zukunft der Menschheit leisten – all dieses Potenzial könnten wir anders nutzen. Es scheint derzeit nicht wahrscheinlich, dass dies tatsächlich passiert, aber ich zeige mit dem Buch auf, dass wir es ohne Weiteres tun könnten, wenn wir wollten!“

Wie wahrscheinlich ist ein Bewusstseinswandel?

Die große Frage ist allerdings, ob wir das wirklich wollen und ob wir es schaffen, unsere impulsiven, egozentrischen Tendenzen für eine gemeinsame Zukunft zu kanalisieren.

„Derzeit sieht es leider nicht danach aus, dass wir diesen Weg wählen und damit wird eine sehr viel grausamere Zukunft immer wahrscheinlicher. Die Welt scheint von einer kollektiven Psychose ergriffen. Wir haben eine völlig gespaltene Welt erschaffen, die Menschen sind immer noch besessen von Gier und Konsum. Wenn wir diesen Weg weitergehen, wird das zu einer drastischen Depopulation der Menschheit führen, die vielleicht nur wenige überleben werden. Es wäre ein Horror.

Aber ich setze meine Hoffnung trotzdem auf die positive Alternative und es gib auch gute Gründe, dieser Alternative einige Wahrscheinlichkeit einzuräumen. Wir haben im letzten Jahrhundert enorme Fortschritte in unserem Denken gemacht, mit dem Internet haben wir auch eine Art globales Gehirn, eine Infrastruktur, mit der wir nun sehr schnell Wissen und Güter teilen können. Und wir haben das gesamte Wissen und die Weisheit unserer Menschheitsgeschichte, die bis in unsere indigenen Wurzeln zurückreicht und heute jedem Einzelnen zur Verfügung stehen: Das Wissen und die Lösungen sind da und für alle verfügbar.“

Derzeit sieht es trotzdem nicht danach aus, als ob die Menschheit – allem evolutionären Druck zum Trotz – ernsthafte Anstrengungen zu einer wirklichen Veränderung unternimmt. Das ist Pinchbeck bewusst, aber er glaubt, dass dieser Punkt noch kommen wird.

„Ich glaube daran, dass es bestimmte Reizschwellen in einer solchen Krise gibt, die es dem kollektiven Paradigma erlaubt zu kippen und sich zu ändern. Dieser Punkt wird in naher Zukunft kommen und dann ist es wichtig, dass ein neues Paradigma bereits formuliert ist, dass genug gute Ideen vorhanden sind, auf die wir zurückgreifen können. Wenn eine Krise kommt, werden diejenigen Ideen angewandt, die schon fertig herumliegen.“

Die Zivilisation auf dem Irrweg

Ein Grund für die „kollektive Psychose“ die Pinchbeck der Menschheit attestiert, ist der rasende technologische Fortschritt des letzten Jahrhunderts. Die Menschheit ist wie in einer Art Hypnose seiner eigenen technologischen Fähigkeiten gefangen, einem Gestaltungswahn, der uns blind gemacht hat für die Konsequenzen unseres Tuns. Erst langsam erwachen wir aus dieser Trance und realisieren die Tragweite unserer zivilisatorischen Errungenschaften.

„Noch vor 20 Jahren erschien die Idee, dass wir innerhalb weniger Jahre tatsächlich die gesamten Ozeane leer fischen könnten und sogar seine Konsistenz verändern werden als lächerlich, nicht mal Wissenschaftler haben daran geglaubt. Und so etwas wie die Smartphones haben selbst die Science-Fiction-Filme der 70er Jahre nicht voraussehen können. Die meisten von uns rennen der Entwicklung hinterher, ohne ihre Auswirkungen und ihre Tragweite zu begreifen.

Wir müssen in ein neues Bewusstsein für unsere Auswirkungen auf die Erde als ein ganzes System kommen und erkennen, dass wir bis jetzt in der unbewussten Trägheit unseres eigenen geschichtlichen Prozesses festhingen und in jüngster Zeit durch unsere technologischen Fähigkeiten hypnotisiert worden sind. Wir können nun einen raschen Wandel von einer unbewussten zu einer bewussten Evolution machen und versuchen, das Gleichgewicht wiederherzustellen, während wir unsere negativen Auswirkungen auf die Ökosysteme reduzieren. Das muss in den kommenden Jahrzehnten unser Fokus sein.“

Dieser Prozess findet durchaus statt: Die letzten 50 Jahre waren eine Zeit tiefgehender systemischer Analyse: die Umweltbewegung und die mittlerweile fundierte ökonomische Systemkritik sind nur zwei Aspekte dieser Entwicklung, welche die Unvereinbarkeit unserer gegenwärtigen Kultur mit dem Ökosystem Erde offensichtlich gemacht haben. Die Fehler in unseren menschlichen Systemen sind dabei nicht gottgegeben, betont Pinchbeck: Wir waren es, die sie erschaffen haben und wir können sie auch jederzeit ändern. Dazu müssen wir aber erst einmal durchschauen, dass unsere Zivilisation eine Konstruktion ist, eine kollektive Verabredung.

„Die ganze Zivilisation ist sehr schnell entstanden und wir haben keinen Abstand mehr zu ihr, wir behandeln unsere Errungenschaften als wären sie etwas beinahe Natürliches, Gegebenes. Wir müssen erkennen oder uns erinnern, dass alle Systeme, die unser Interaktionsfeld prägen, menschliche Konstrukte sind, und dass wir sie ändern können , wenn wir das wollen. Es braucht eine Menge Deprogrammierung, um zu begreifen, dass so etwas wie unser Geldsystem nur eine Verabredung ist, die wir getroffen haben, dass Eigentum nur ein Konzept ist und ein Staat nur eine Idee. Die Menschen glauben heute, dass das alles ‚eben so ist‘. Aber das sind nur Ideen und Konstrukte, wir können das alles jederzeit ändern. Wir brauchen eine massive Deprogrammierung und das ist der Grund, warum ich mich so für psychedelische Drogen einsetze, weil sie ein extrem nützliches Werkzeug dazu sind, diese ganze soziale Konstruktion zu durchschauen. Wir brauchen eine massive Dekonditionierung, um die Hypnose dieser Ideen zu brechen.“

Zivilisation als Teil natürlicher Ökosysteme

Wir brauchen aber vor allem auch neue Ideen darüber, wer wir sind und was wir als Menschheit möchten – einen neuen Mythos für die Menschheit, wie Pinchbeck es nennt.

„Der Mensch lebt nach den Geschichten, die er sich selbst erzählt, nach einem Mythos, einem kulturellen Betriebssystem. Wir können uns alles mögliche einreden und ein sehr breites Spektrum an Selbstprogrammierung haben. Wir müssen extrem vorsichtig damit sein, welche Ideen wir als Grundlage unseres Handelns wählen.

Die Idee der Trennung des Menschen von der Natur, die aus der christlichen Kultur kommt, gepaart mit der Idee der Überlegenheit der weißen Rasse und mit dem rasanten technologischen Fortschritt haben zu dem Mythos geführt, der Mensch könne die Natur dominieren, sich die Erde Untertan machen. Die Frage ist jetzt, ob wir diesen grundsätzlichen Denkfehler erkennen und unsere Systeme so korrigieren können, dass sie in Einklang kommen mit dem natürlichen Gesamtsystem Erde.“

Die gegenwärtige Entwicklung kann in diesem Licht als eine Phase der Rekalibrierung der menschlichen Zivilisation verstanden werden. Unsere Entwicklung war kein Fehler, sondern ein natürlicher Evolutionsprozess, der nun in eine selbstregulierende Krise gemündet ist. Eine Hauptaufgabe ist dabei, unsere symbiotische Beziehung zur Natur zu realisieren und unsere Systeme so umzugestalten, dass sie im Einklang mit den natürlichen Systemen dieses Planeten arbeiten.

Die Natur selbst sollte dabei das Vorbild für die Neuausrichtung unserer Systeme sein – hin zu etwas, das Pinchbeck eine „regenerative Gesellschaft“ nennt. Egal ob Energie, Landwirtschaft, Produktion oder Wirtschaft: Die Natur hat bereits alle Antworten, die wir derzeit suchen.

Technologischer Fortschritt: Freund oder Feind?

Insgesamt ist sein Buch aber kein Aufruf im Sinne von „zurück zur Natur“, sondern sieht die Aufgabe vielmehr darin, Technologie endlich in den Dienst des Gesamtsystems zu stellen.

„Technologie ist in meinen Augen ein Spiegel des menschlichen Bewusstseins. Technologie ist die Projektion von Aspekten unseres Bewusstseins in die Welt. Und sobald wir sie in die Welt projiziert haben, reflektiert sie auf uns zurück und führt zu einer weiteren Iteration der Entwicklung. Technologie ist ein natürlicher Teil unserer Reise als Spezies. So wie ich es sehe, werden neue Technologien eine sehr wichtige Rolle bei einem Übergang zu einer regenerativen planetaren Kultur spielen. Ich glaube aber auch, dass es gleichzeitig eine Bewegung zurück zur Natur gibt und wir Technologie sehr viel gezielter und bewusster einsetzen werden. Oscar Wilde hat schon vor vielen Jahren gesagt, dass Maschinen eigentlich unsere Diener sein sollten, wir sie aber zu unseren Herren gemacht haben.“

Technologie spielt auch eine wichtige Rolle in der Gesamtutopie Pinchbecks.

„Letztlich wollen wir doch Automation für alle die Arbeiten, die menschenunwürdig sind. Es ist verblüffend, dass zum Beispiel Trump noch immer mit der Idee der Vollbeschäftigung Wahlen gewinnen kann. Das ist doch Bullshit, wir alle wissen, dass die Automation immer weiter ausgebaut wird. Gerade wird darüber diskutiert, dass selbstfahrende LKWs 3,5 Millionen LKW-Faherer in den USA ersetzen könnten. Unsere derzeitigen sozialen Systeme laufen der realen Entwicklung völlig zuwider! Maschinen wurden doch explizit dazu geschaffen, uns arbeitslos zu machen. Wir wollen Automation, damit die Menschen Zeit haben, sich selbst und ihre individuellen Gaben und Qualitäten zu entfalten. Wenn die Menschen frei wären von der Plagerei, hätten sie mehr Zeit für das Wesentliche: Für die Liebe, für Familie, für Verbundenheit, für die Natur und all das, was Oscar Wilde „kultivierte Freizeit“ genannt hat.

Ich denke, das ist Teil der Vision, die wir uns erlauben sollten, zu haben: Wie sieht eine post-kapitalistische Zivilisation aus, in der keine Notwendigkeit für Arbeit im gegenwärtigen Sinn besteht? Das ist ein sehr realistisches Szenario für die nahe Zukunft, aber bisher waren wir unfähig, unsere Kreativität und unseren Erfindungsreichtum solchen sozialen Fragen zuzuwenden. Stattdessen waren wir nur damit beschäftigt, ständig neue technologische Gadgets zu produzieren und neue Wege zu finden, wie man mit Technik Geld verdienen kann.“

Vision der Zukunft

Eine solche, große Vision einer post-kapitalistischen Gesellschaft fehlt derzeit. Vielleicht einer der zentralen Gründe, warum bisher keine soziale Bewegung entstanden ist, die über das bestehende System hinausweisen konnte. Vielleicht ist das sogar der Knackpunkt: Die Menschheit braucht eine gemeinsame Vision, ein Ziel. Entgegen vieler Einwände ist das Problem nicht, dass es nicht machbar wäre, sondern dass wir unsere Vision davon verloren haben, wie wir als Menschheit leben möchten.

„Nach Pearl Harbour wurden in den USA fasst alle großen Fabriken innerhalb von nur drei Monaten komplett zur Nutzung in der Rüstungs-Produktion umgebaut. Finanziert wurde dies durch eine Steuer von 94 Prozent für die reichsten Menschen des Landes.“

Es geht also, allein das Ziel fehlt uns. Erstaunlicherweise ist es gerade die linke, ökologische und spirituelle Bewegung, der eine gemeinsame Vision fehlt, obwohl die individuellen Ziele sehr ähnlich sind.

„Wir brauchen keine einheitliche Bewegung, aber eine Ausrichtung auf eine gemeinsame Vision der Zukunft. Leider ist es derzeit nur die Rechte, die sehr konkrete Vorstellung von der zukünftigen Welt definiert hat und diese auch verfolgt. Die Linke hat es versäumt, eine wirkliche Alternative vorzuschlagen. Und eine wirkliche Alternative muss eine Form von sehr grundlegendem Systemwechsel sein. Es gibt derzeit keine Bewegung, die eine solche, wirkliche Alternative anbietet. Ich denke, wir brauchen eine Sammlung grundlegender Ideen und Prinzipien, auf die wir uns einigen können. Und wenn wir dann gemeinsam einen Raum betreten, aus unseren individuellen Hintergründen und Bewegungen, verstehen wir uns besser. Derzeit funktioniert das alternative Spektrum überhaupt nicht, weil uns ein gemeinsames Verständnis davon fehlt, was das eigentlich für eine Welt ist, die wir manifestieren möchten.“

Jenseits des Kapitalismus

Eine Kritik des gegenwärtigen Zustandes allein reicht also nicht aus, meint Pinchbeck. Es braucht eine positive Vision, zumindest in Umrissen. Selbst mit so einer Vision wäre die Umsetzung aber sicher kein Kinderspiel. Das größte Hindernis für die Menschheit ist dabei wohl das Finanzsystem.

„Viele wichtige Lösungen im Bereich der Landwirtschaft, der Produktion und Abfallwirtschaft können erst durchgesetzt werden, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ändern. Ein Unternehmen ist eine Art künstliche Lebensform, die in unserem System nur überleben kann, wenn sie ihren Profit optimiert. Wir haben ein Spiel kreiert, ein künstliches Spiel mit einem Satz von Regeln, nach denen diese künstlichen Lebensformen leben – und diese Regeln haben sehr leicht vorhersehbare Konsequenzen. Unternehmen heute müssen ihre Lohnkosten senken, billige Materialien verwenden, ökologischen Reglementierungen ausweichen, Lobbyisten beschäftigen, und so weiter.

Es ist ein Spiel, ein Werkzeug. Aber ein Werkzeug verändert immer auch das Denken des Menschen, der es benutzt. Unser System formt das Bewusstsein, die Werte und die Glaubenssätze aller Menschen, die in ihm gefangen sind.“

Pinchbeck zeigt auch hier in seinem Buch mögliche Alternativen auf und Wege, wie ein Übergang zwischen den Systemen aussehen könnte, wenngleich er hier eher mit einigen Bruchstücken als mit einer überzeugenden Lösung aufwarten kann. Trotz der vielen grausamen Konsequenzen unseres derzeitigen Wirtschaftssystems sieht Pinchbeck es jedoch nicht als einen Fehler an, sondern als eine natürliche und nötige Entwicklungsstufe.

„Ich denke, wir werden den aktuellen Kapitalismus, der konstantes Wachstum erfordert, im Rückblick als ein unreifes oder jugendliches System begreifen. Er ist ein Übergangssystem, dass es uns erlaubte, alle Kulturen dieser Welt in einen einheitlichen Markt zu vereinen. Mit diesem System konnten wir die Infrastruktur aufzubauen, die uns jetzt alle auf der ganzen Welt verbindet – und die damit die Grundlage für eine utopische Garten-Eden-Welt schafft, in der alle Menschen frei sind, ihr volles Potenzial zu erkunden.

Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in gewisser Hinsicht schon eine Art Utopia erschaffen haben: Einem Menschen aus dem 18. Jahrhundert müsste eine moderne Shopping-Mall bereits wie ein utopisches Paradies erscheinen. Es war damals unvorstellbar, dass eine so große Zahl von Menschen Zugang zu solchem Reichtum bekommen könnte. Es ist schon ein gewaltiges Ausmaß an Kooperation auf der Welt vorhanden, die Aufgabe ist nun, diese auf eine gemeinsame Intention auszurichten. Dass wir überhaupt hier sitzen und uns der Philosophie widmen können, ist doch nur auf Grundlage dieses Reichtums möglich.“

Weckruf

Eine wichtige Rolle schreibt Pinchbeck dabei auch den modernen Medien zu. Der Fakt, dass sie derzeit als perfekte Kontroll- und Propagandamaschinen des neoliberalen Kapitalismus funktionieren, stellt zwar ein Hindernis da, gleichzeitig aber auch eine Chance. Wenn wir mit diesen Medien Millionen Menschen auf der Welt dazu bringen können an einem bestimmten Tag ein bestimmtes Telefon zu kaufen, dann können wir damit auch einen globalen Bewusstseinswandel auslösen, glaubt Pinchbeck.

„Ich denke, es ist ein Fehler, die Technik und die neuen Medien abzulehnen. Es sind sehr mächtige Werkzeuge, die man quasi sofort einem neuen Sinn zuführen könnte und die eine zentrale Rolle darin spielen könnten, Menschen ein neues Weltbild vorzuschlagen, ihre Perspektive zu erweitern und die Kräfte für ein inspirierendes kollektives Projekt zu mobilisieren.“

Diese Kräfte zu mobiliseren scheint derzeit schwer. Nur wenige Menschen scheinen sich dem Ausmaß der Probleme, vor denen wir aktuell stehen, wirklich stellen zu wollen. Noch weniger der Tatsache, dass tatsächlich das Überleben der Menschheit auf dem Spiel steht.

„Aufgrund der derzeit vorherrschenden mechanistischen Weltsicht, ist der Tod das Ende vom allen und muss daher aus der Realität verbannt werden. Das gilt für den persönlichen Tod, aber das Aussterben unserer Spezies ist vollends unvorstellbar und die Menschen schieben das so weit wie möglich von sich weg. Aber das zu tun, macht es nur wahrscheinlicher. Es wird auch kaum diskutiert. Dass die Meere leergefischt sind, dass wir in der letzten Generation jedes Jahrzehnt 15% der Arten verloren haben, dass in 60 Jahren sämtliche Erde von der Landwirtschaft zerstört sein wird, davon liest man wenig. Und wenn man es ausspricht, ist man ein Apokalyptiker.“

Ein Apokalyptiker aber ist Pinchbeck sicher nicht, er möchte vor allem eines: dass wir aufwachen aus unserer Trance und wirklich teilnehmen an der Gestaltung unserer Zukunft. Dazu ist sein Buch sicher eine gute Diskussionsgrundlage, das viele interessante Denkansätze und Innovationen vorstellt und dabei weniger ein fertiges Konzept, als ein Werkzeugkasten von Ideen ist, der als Ausgangspunkt zum eigenständigen Weiterdenken gedacht ist.

Buch

Pinchbeck_HowSoonIsNow

Daniel Pinchbeck

How Soon Is Now?
Wie lange wollen wir noch warten? Ein Manifest gegen die Apokalypse

Scorpio Verlag

ISBN 978-3-95803-074-9, WG 1970

 

6 Responses

  1. M.L. Hagmann
    Vision einer post-kapitalistischen Gesellschaft

    Eine solch „utopische“ Vision habe ich in meinem Zukunftsroman „Ausserhalb der künstlichen Welt“ detailliert beschrieben. Die Frage ist nur, ob die Menschen überhaupt „Zeit für das Wesentliche“ möchten… Oder ob sie sich doch lieber über das Unwesentliche beschweren wollen;-)
    Frei von gesellschaftlichen Zwängen zu sein, bedeutet gleichzeitig Selbstverantwortung übernehmen zu müssen. Verlockend für die einen, beängstigend für die anderen…

    Antworten
  2. Theosoph343

    Ein Mensch sollte eine Gottesvorstellung nicht vorgegeben bekommen, sondern entsprechend seinen eigenen Wünschen (und Erkenntnissen) entwickeln. Ein Beispiel einer Gottesvorstellung ist: Die Natur ist Gott, wobei es einen Bereich in der Natur gibt, der dem Menschen (oder dem Ich-Bewusstsein des Menschen) ewig verborgen sind. Gott ist kein Schöpfer. Gott ist nicht auf die Weise allmächtig, dass er z. B. einen unbelehrbaren Raucher retten kann. Christus ist nicht der Sohn Gottes. Der Mensch (oder das Ich-Bewusstsein des Menschen) kann mystische Erfahrungen (und Wunderheilungen) nicht bewirken, sondern nur vorbereiten. Wenn einmal keine mystischen Erfahrungen mehr gemacht werden, so bedeutet dies nicht, dass mystische Erfahrungen grundsätzlich nicht möglich sind. Sondern in diesem Fall werden die Menschen die Möglichkeit von mystischen Erfahrungen zunichtegemacht haben.
    Ein Mensch sollte seine Willenskraft und Liebe vergrößern. Es ist wichtig, gesundheitsbewusst zu leben und sich unegoistisch zu verhalten. Es ist sinnvoll, die körperliche Leistungsfähigkeit zu vergrößern, diverse Herausforderungen zu meistern, immer mehr für den Naturschutz zu tun usw. Und dann sollte man sich morgens unmittelbar nach dem Aufwachen auf einen Wunsch konzentrieren und sich (nochmal) in den Schlaf sinken lassen. Traumsteuerung (einschließlich Heilen wie Jesus), Traumdeutung, Zeitdehnung usw. gehören zur ersten Stufe. Dann kommt die zweite Stufe (Tiefschlaf-Yoga usw.), die dritte Stufe usw. Die Bedeutung eines symbolischen Traumgeschehens kann individuell verschieden sein und kann sich im Laufe der Zeit ändern. Bestimmte Meditations- und Yoga-Techniken, Hypnose, Präkognition usw. sind gefährlich. Luzides Träumen kann gefährlich sein. Man kann ohne luzides Träumen durch Traumsteuerung zu mystischen Erfahrungen gelangen.
    Die Wissenschaft darf nicht alles erforschen. Es ist z. B. gefährlich, wenn ein Mensch erforscht, ob er einen freien Willen hat. Es ist denkbar, dass ein Mensch gerade durch die Erforschung der Beschaffenheit des Willens seinen freien Willen verliert. Es bedeutet auch eine Entheiligung der Natur, wenn Traumforscher die Hirnströme von Schlafenden messen. Zudem müssen die Gefahren der Technologie immer weiter verringert werden. Es ist z. B. falsch, Hochgeschwindigkeitszüge zu bauen. Hilfreich sind auf der ersten Stufe Öko-Fortbewegungsmittel (klein, leicht, billig, langlebig usw.), Linsermethode gegen Krampfadern, Flexitarismus (höchstens 300 g Fleisch pro Woche) usw. Man sollte ggf. umziehen in eine Region mit weniger Kälte. Man muss überflüssige Arbeitsstellen abschaffen, leistungsungerechtes Geldverdienen verhindern usw. Es ist sinnvoll, die berufliche Arbeitszeit auf 1/4 zu reduzieren und nicht-berufliche Beschäftigung (in Arbeitsgruppen, Selbststudium usw.) zu fördern. Dann kommt die zweite Stufe (Wohncontainer mit Wandstärke 3 cm, Vegetarismus usw.), die dritte Stufe usw. Es muss einen technischen Rückschritt (oder Stillstand) geben, sofern dies nicht schädlich ist; sonst einen Fortschritt.

    Antworten
  3. Gotthilf Freudenreich
    eine Mini-Antwort

    Nach Ken Wilber gibt es in der Evolution eine zunehmende Differenzierung. Daher ist es kein Wunder, wenn Vertreter der prämodernen ethnozentrischen Evolutionsebenen (das, was Pinchbeck als „Rechte“ bezeichnet) sich einiger sind, als die Vertreter der später entstandenen Moderne oder Postmoderne – die sind einfach viel differenzierter und deshalb schwerer unter einen Hut zu bekommen. Man sieht es an der Uneinigkeit der Linken, an der Öko- und auch an der spirituellen Bewegung. Offensichtlich fehlt es an einer Metatheorie, die diese Kräfte vereinigen kann. Möglicherweise sind auch die vorhandenen Metatheorien (z.B. das integrale Modell) derzeit noch nicht attraktiv genug ……

    Antworten
  4. Ralf Ruszynski
    Naturgesetze

    Danke für den wundervollen Artikel. Ich stimme in allen Punkten ausnahmslos zu.
    Wir haben es uns in der Vergangenheit ziemlich schwer gemacht. Krieg um Öl, statt kostenlose Sonne vom Hausdach direkt ins Haus, die Wärmepumpe für Warmwasser und ins E-Auto.
    Wir haben mit dem Verbrennungsmotor ein System benutzt, welches ein Wirkungsgrad von unter 30 % aufweist. Der Elektromotor liegt bei 95 %.
    Im Winter haben wir Räume beheizt, obwohl das Volumen eines Menschen (0,08 m³) im Verhältnis zum Volumen einer Wohnung (250 m³) kleiner ist als 0,1 %.
    Wärme kann über Konvektion, Leitung und Strahlung übertragen werden. Das sind Naturgesetze. Wir haben die denkbar ineffizienteste gewählt, die Konvektion.
    All die Arten an Pflanzen, Tiere und Menschen sind keine Leistung des Menschen, der sich selbst erst seit ca. 200.000 Jahren in einem Spiegel selbst erkennen kann.
    Niemals endet diese Evolution 2016.
    Der erste Einzeller hatte die gleiche Temperatur wie das Meer. Im Laufe der Evolution haben die Lebewesen nachweislich ihre Frequenz erhöht. der heutige Mensch sendet mit seiner Körperwärme (37 °C) Infrarotfrequenzen aus, so wie die Sonne. Erhöht sich diese Frequenz, wie in der Vergangenheit auch, so wird er Licht aussenden, da das Lichtspektrum direkt neben dem Infrarotspektrum liegt. Glühwürmchen wissen wie es geht. Einige Affen werden als Zeugen der Evolution immer Affen bleiben. Aus anderen Affen wurden Menschen. Der Mensch mit seinen noch recht jungen Fähigkeiten des Denkens, wäre heute nicht in der Lage ein Einzeller zu entwickeln, aus dem in ferner Zukunft eine derartige und wundervolle Vielfalt an Leben entstehen wurde. Wie kreativ und voller Liebe muss der/diejenige sein, der sich das alles geschaffen hat? Und wir sind Teil dieser unglaublichen Natur. Was für ein Wunder. Danke.
    Vielleicht müssen wir nur lernen, einmal in eine andere Richtung abzubiegen? Es tut nicht weh. Ich hab es selbst ausprobiert. Und es ist einfacher als vorher.
    Die Suche nach Wahrheit in einer unruhigen Zeit. Für mich sind die Naturgesetze ein besserer Lehrmeister als die Gesetze des Menschen. Seit Anbeginn der Zeiten könnte Wärme durch Konvektion, Leitung und Strahlung übertragen werden. Daran hat sich nichts geändert. Die Gesetze des Menschen ändern sich alle 4 Jahre nach den Wahlen. Wem werde ich wohl mehr Vertrauen schenken?

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    • Hubertus Hauger
      Wem vertraue ich?

      Wem vertraue ich?

      Diese Schlußfrage gefällt mir!

      Diese Krise bringt uns die Insolvenz. Wir alle in diesem ganzen gefrässigen System sägen uns den Ast ab auf dem wir sitzen.

      Das braucht Vertrauen. Ich meine nicht das blinde, so Augen zu und durch … wird schon werden mässige. Was ich sehe, ist, daß das Alte schön langsam entschlummert und ein Neues am Erwachen ist.

      Was ich dazu brauche, ist, wie ich finde tatsächlich Vertrauen.

      In mich selbst, daß ich es mir zutraue, in neue Wege hineinzuschnuppern. Daß ich Mitmenschen finde, mit denen ich vertrauensvoll neue Wege ausprobieren kann und zusammen mit ihnen meine Welt neu gestalte. Vertrauen in die Welt, daß mit dem Verschwinden unseres jetztigen gefrässigen Lebensstiles wir nicht einfach mit entschwinden, sondern entschlackt aus der Reinigungsfunktion der Krise emporsteigen und uns zu neuen Ufern aufmachen. Wenn wir uns das zutrauen?

      Es bietet sich uns an. Jetzt sind wir gefragt, uns zu trauen zuzupacken und neu zu gestalten.

      Antworten

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