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Kreativität und Spiritualität gehören zusammen. Wie wir uns beim kreativen Schaffen und hingebungsvollen Wahrnehmen von Kunst vom Göttlichen berühren lassen können.

von Rolf Stangenberg

Gibt es Kreativität ohne Spiritualität? Dazu müsste man vorerst klären, wie man Spiritualität definiert. Das Lexikon sagt: Spiritualität im spezifisch religiösen Sinn steht für die Vorstellung einer geistigen Verbindung zum Transzendenten, dem Jenseits oder der Unendlichkeit.

Für die meisten Künstler ist es selbstverständlich, dass ohne eine solche Verbindung kreative Prozesse gar nicht möglich sind. Johannes Brahms sagte: „Geradewegs fließen die Ideen in mich hinein, sie stammen direkt von Gott!“ Mihaly Csikszentmihalyi, ein Glücksforscher, der sich wissenschaftlich mit dem sogenannten Flow kreativer Menschen auseinandersetzte, formulierte es so: „Ich glaube, dass die künstlerische Kreativität etwas ganz Besonderes ist. Man braucht ein hohes Maß an Spiritualität, um Dinge in der Literatur, in der Dichtung, im Theater, in der Architektur oder im Gartenbau auszudrücken, um etwas Schönes zu schaffen.“ Spiritualität und Kreativität gehören also zusammen. Wie nun aber verbinden sich die Künstler mit dieser spirituellen Quelle, aus der all ihre Impulse, Ideen und Inspirationen für ihre Werke sprudeln? Diesbezüglich werden wir schnell fündig, wenn wir uns in den Bereich der Religion, der Esoterik oder auf das Feld spiritueller Rituale und Gebräuche begeben. Letztlich könnte man die dort anzutreffenden Verfahren und Methoden unter dem Begriff Meditationstechniken zusammenfassen.

Meditation soll uns bewusster machen. Sie soll uns helfen, mehr wahrzunehmen. Sowohl im Außen wie im Innen. Man kann über alles meditieren, über ein Mantra, über das Licht einer Kerze, über den eigenen Atem, über Jesus etc. Es geht hierbei immer zuerst einmal um Konzentration, dann um Meditation und letztlich um Kontemplation, in der man sich von den Bildern und Symbolen löst, über die man meditiert, um eine direkte Verschmelzung mit dem Sein, mit „Gott“, mit dem Universum, mit dem Tao – wie auch immer man das nennen mag – herbeizuführen. Man lässt sich sozusagen vom Göttlichen durchdringen. Man handelt dann nicht mehr aus seinem Ego, sondern überlässt „Gott“ die Führung. „Dein Wille geschehe“ sind die Worte im Vaterunser – eine Folge der Einsicht, dass wir aus uns selbst allein nichts erschaffen können.

Ins Sein führen

Der eben angedeutete Prozess der Konzentration- Meditation-Kontemplation ist dem Prozess, den ein Künstler bei der Erschaffung eines Kunstwerks folgt, sehr ähnlich. Ob es sich hierbei um einen Musiker, einen Maler, einen Bildhauer oder darstellenden Künstler handelt, spielt keine maßgebliche Rolle. Denn nicht nur Künstler im eigentlichen Sinne, sondern auch Kinder, die spielen, Wissenschaftler, die forschen, ja selbst wir in unseren alltäglichen Aufgaben müssen kreativ sein, um Herausforderungen bewältigen zu können.

Herausforderungen zwingen zum Handeln, und Handeln geschieht immer im Jetzt. Gedanken und Sorgen über Vergangenheit und Zukunft werden dann unwichtig. Auch hier finden wir die Parallelen zur Spiritualität wieder. Alle großen Weisheitslehrer verweisen auf das Leben im Hier und jetzt. Auf das ewige Jetzt. Auf einen Raum reinen Gewahrseins, den Zero Space, die Ebene des unendlichen Potentials. In diesem Raum erscheinen die Ideen und Inspirationen, die der Künstler dann in eine Form gießt. Diese Form wird so zum Ausdruck des Wesentlichen. Anders gesagt: Das Kunstwerk will uns auf das Wesentliche hinweisen. Und das Wesentliche ist das, woraus alles entsteht.

Kunst kann oder soll uns also in das Sein führen? Eine Verbindung zu „Gott“ herstellen? Ja, so haben es zumindest viele große Künstler gesehen. Nur kann man darüber diskutieren, ob das denn für jegliche Kunst gilt. Wenn man sich die Moderne anschaut, lässt dies meine Aussage sicher bezweifeln. Denn wenn das Essenzielle fehlt, zumindest aus spiritueller Sicht, ist es dann noch Kunst? Moderne Kunst ist häufig mehr auf Effekthascherei und sensationelle Momente aus, als dass sie sich als Vermittler zwischen „Gott“ und den Menschen versteht. Sie wird weniger aus der Liebe zu „Gott“ und dessen Schöpfung erschaffen als vielmehr aus der egoistischen, narzisstischen Liebe zu sich selbst. Das erkennen wir daran, dass es dann eher darum geht, aufzufallen, Aufmerksamkeit zu erregen, Anerkennung und Bewunderung zu bekommen. Wie soll man sonst auch damit Geld verdienen? Überleben wird diese Kunst jedoch nicht, weil ihr eben das Momentum des Ewigen, des Göttlichen fehlt.

Angst oder Liebe

Wir erkennen hier die beiden grundlegenden Motive, aus denen Kunst entsteht. Und nicht nur Kunst, sondern jegliches menschliche Verhalten. Nämlich aus Angst oder Liebe. Entweder aus der Angst des Egos, welches ständig beweisen will, wie großartig, außergewöhnlich und perfekt es ist, damit es Anerkennung erhält und sich sicher fühlen kann, oder aus der unpersönlichen Liebe, die sich selbst genügt und nichts braucht, um glücklich und erfolgreich zu sein.

Ein wirklicher Künstler weiß, dass nicht er es ist, der das Werk erschafft, sondern eine höhere Intelligenz. Jesus sagte: „Nicht ich tue die Werke, sondern der Vater in mir.“ Er fühlte sich in allem, was er tat, als Kanal Gottes. Das war seine Be-rufung. Und dies ist vergleichbar mit den Zuständen, in denen alle großen Meisterwerke entstanden. Im Flow sozusagen. Der Verstand ist ausgeschaltet und mischt sich nicht mehr ein. Man fühlt sich während des Schaffensprozesses nahezu besessen, man wird mitgerissen von einem intuitiven Energiestrom aus Einfällen, Inspirationen und Ideen. Voller Begeisterung und Erfüllung, niemals im Stress oder in Angst. Man ist so beseelt im Hier und Jetzt, dass kein Gedanke an die Zukunft mehr Platz hat, schon gar nicht, wie viel Geld, Ruhm und Anerkennung man für sein Werk später bekommen könnte!

Künstler agieren spontan, unkontrolliert, manchmal sogar aggressiv, um Neues erschaffen zu können. Warum mussten die Musiker bei der Uraufführung von Igor Strawinskys „Sacre du printemps“ um ihr Leben laufen, als die ersten Takte verklungen waren und die ersten erbosten Zuhörer das Orchester stürmten? Weil die Musik Strawinskys eben sehr viel mehr Lust, Sexualität, vielleicht sogar Aggression enthielt, als es vielen lieb war.

Gegensätze: Verstand und Kunst

Alles Neue ist für Menschen, die aus dem Verstand leben, immer mit Angst und Furcht besetzt, denn der Verstand braucht die Kontrolle. Somit steht der Verstand wirklicher Kunst immer im Wege. Spontanität ist unberechenbar, immer neu. Osho sagte einmal: „Gott ist alles möglich, nur wiederholen kann er sich nicht.“ Kreativität ist unendlich schöpferisch und zeigt sich uns in Billionen und Aber-Billionen unterschiedlichster Ausdrucksformen. Haben Sie schon einmal zwei völlig gleiche Blätter gesehen? Die gibt es nicht! Kopien sind bei „Gott“ verpönt! Picasso sagte einmal: „Gott erfand die Giraffe, den Elefanten und die Ameise. Nie tat er etwas nach einem vorgegebenen Stil, er tat einfach nur, was er wollte.“

Wahre Kunst ist immer ein Unikat, welches aus dem leeren Raum, der Stille, entsteht. Still sein, bewusst hinschauen, zuhören, dass ist es, was intuitive Intelligenz freisetzt. Es ist ein Nach-innen-Lauschen und geduldiges Warten, bis sich ein Impuls, eine Inspiration, eine Idee, ein Bild, eine Melodie dem Bewusstsein kundtut. Ähnliches tun auch wir, wenn wir ein Kunstwerk wirklich wahrnehmen. Und dadurch können auch wir wieder Zugang zum Göttlichen finden. So stehen wir häufig fassungslos vor einem Gemälde und verneigen uns in tiefer Demut vor dem Schöpfer, entweder vor dem Künstler oder, wenn wir eben tiefer schauen, vor dem, der dem Künstler seine Inspiration geschenkt hat: „Gott“.

Dann sind auch wir still, dann sind auch wir bewusst im Hier und Jetzt. Angekommen in der Ewigkeit. Das gibt uns eine Erklärung, warum zum Beispiel das von Vincent van Gogh gemalte Bild eines alten Stuhles heute mehr als 25 Millionen Euro wert ist, während man den Stuhl in der Realität vielleicht nicht mal geschenkt nehmen würde. Durch sein Gemälde überträgt sich die unglaubliche Präsenz und Konzentration auf uns, mit der van Gogh jedes noch so kleine Detail dieses Stuhls wahrgenommen und ausgemalt hat. Er stellt über sein Bild also eine tiefe Verbindung zu uns her. Das Bild zieht uns ins Jetzt! Seine Kunst hilft uns damit, wieder mit dem Unfassbaren, dem Unbeschreiblichen zu korrespondieren und das unendliche Sein zu erfahren. Natürlich ist das vielen, die sich so ein Gemälde anschauen, gar nicht bewusst.

Ekstatische Verbindung

Dasselbe Phänomen tritt auch ein, wenn zwei oder mehr Personen ein monumentales Bauwerk betrachten oder gemeinsam ein Konzert anhören. Dann entsteht eine Art kollektives Bewusstsein unter Darstellern, Zuschauern und Zuhörern. Eine manchmal nahezu ekstatische Verbindung, die wir auch aus religiösen Ritualen kennen. Eine vollkommene Resonanz unter allen Beteiligten. Resonanz und Harmonie, wie sie ja nicht zufällig in der Musik eine entscheidende Rolle spielen, können tiefe Dankbarkeit vor der Schöpfung auslösen, wie man es auch erleben kann, wenn man in einen sternenklaren Nachthimmel schaut oder schon einmal das faszinierende Paradies eines Korallenriffs gesehen hat.

Am Schluss erkennt man, alles ist „Gott“, aus „Gott“, alles Brahman, alles unbegrenzte Seinsheit, alles ist „Gottes“ künstlerischer Ausdruck. Es ist sein Spiel – im Sanskrit Leela genannt. So können wir letztlich alles, was wir wahrnehmen, als ein Meditationsobjekt sehen und sollten es auch. Der Künstler lehrt uns durch sein Werk, wieder bewusst zu sehen, zu hören und zu fühlen. Damit schafft er für uns einen „direkten Draht zu Gott“. Für mich hat sich die Frage nach dem Sinn von Kunst – und ob Kreativität und Spiritualität zusammenhängen – damit beantwortet. Ob Sie das auch so sehen, können natürlich nur Sie beurteilen.

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