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Das Musizieren mit dem eigenen Körper ist eine relativ neue Erscheinung im Musikgeschehen und doch so alt wie die Menschheit. „Musik spüren“ ist das Motto von Body Music, einer globalen Szene, die stetig wächst.

von Gabriel Amadeus Hahn

Für mich hatte Bewegung schon immer einen Klang. Vor allem stille Bewegungen lassen mich derart aufhorchen, dass ich beim Beobachten ganz Ohr werde, also anfange mit dem ganzen Körper, dem ganzen Sein zu hören. Es ist, als würde sich schlagartig ein Raum im Hier und Jetzt öffnen, ein stiller, heilender Raum, unendlich groß und sehr vertraut. Ich frage mich manchmal: Welche Musik, welcher Klang möchte in diesem Raum entstehen?

Als professioneller Musiker mit festem Platz hinter den Drums habe ich natürlich einen guten Zugang zu Rhythmus und Koordination. Aber irgendetwas kitzelt mich immer, wenn ich Tänzer und Sänger vom Schlagzeugsitz aus beobachte. Ich bewundere ihre Fähigkeit, mit Klang und Raum direkt über ihren Körper verbunden zu sein. In mir entsteht dann der Drang aufzustehen, herumzuspringen, zu tanzen und zu singen. Ein ganz kindlicher Wunsch, mittendrin zu sein, ganz im Klang zu baden, den Raum in Bewegung zu verwandeln und die anderen Menschen um mich herum zu spüren.

Ich will Musik irgendwie sichtbar machen und selbst ganz sichtbar werden, ohne Notenständer und eine Wand aus Instrumenten zwischen mir und dem Publikum. Ich will die hohe rituelle Energie spüren, die in der Gruppe entsteht, wenn alle am gleichen Strang ziehen und von der Power einer starken künstlerischen Vision getragen werden. Ich will direkt berührt werden und andere berühren. Wie sind all diese Wünsche zu vereinen? Gibt es einen Weg, meine Erfahrungen mit Musik in eine universelle Sprache umzuwandeln, die jeder versteht? Welche Szene gibt es, die ähnlichen Bedürfnissen nachgeht? Die Antwort liegt sprichwörtlich auf der Hand, zeigte sich mir aber erst peu à peu nach monatelangem Suchen: Body Music! Ich habe einen Körper, eine Stimme, fertig! Mehr braucht es nicht.

Die Möglichkeiten, diese beiden in Verbindung zu bringen, sind unbegrenzt. Ob ich meinen Körper in eine Trommel verwandle, meine Stimme zum Chanten erhebe, Beats mit dem Mund produziere, meine Gliedmaßen in Gurdjeff- Movements bewege, westafrikanische Tanzschritte stampfe oder mehrstimmigen Chorgesang in der Gruppe einübe – in der Verbindung miteinander werden die Elemente zu Body Music, also zum Ausdruck meines musikalischen Körpers. Und das Wichtigste: Es gibt kein Richtig und Falsch. Ich darf suchen, forschen, lernen. Ich kann meine Erfahrungen mit anderen teilen und ihre Entdeckungen ausprobieren. Dieser Austausch beflügelt meine eigene Kreativität und lässt immer etwas Neues, Spannendes entstehen.

So entstand Body Music

Der Terminus Body Music fällt wohl zum ersten Mal Ende der 70er Jahre bei dem amerikanischen Percussionisten, Tänzer, Komponisten und Produzenten Keith Terry, als dieser tanzend und steppend die plötzliche Eingebung hat, man könne als Mensch doch alle musikalischen Ebenen in sich vereinen. Das Thema stand schon länger im Raum, hatte doch nicht zuletzt das Aufkommen von Beatbox und Vocalpercussion gezeigt, dass sich ein ganzes Orchester allein mit dem Mund abbilden lässt. Der musikalische Körper an sich ist jedoch so alt wie die Menschheit. Man kann davon ausgehen, dass Singen, Tönen, Summen, rhythmisches Bewegen, In-Gebärden- Gehen, Stampfen, Klatschen usw. zu den essenziellsten Bedürfnissen und Ausdrucksmitteln des Menschen gehören (siehe das Verhalten von Babys und Kindern beim Hören von Musik!).

Überlieferte Formen, in denen die Interaktion von Bodypercussion, Stimme und Musik noch heute zu bewundern ist, sind beispielsweise Flamenco (Spanien/ Andalusien), Schuhplattler (Deutschland/ Bayern), Stepptanz (USA), Katak (Nordindien), Haka (Neuseeland). Die einfache Maxime „Sei das Instrument, sei du die Musik!“ hat sich spätestens seit Keith Terrys Eingebung in etliche Strömungen verwandelt. Die Kombinationsmöglichkeiten von Klang und Bewegung sind schier unerschöpflich und die Anwendung von Body Music reicht von der pädagogischen Arbeit über die Bühnenperformance auf Festivals bis zum Gruppenritual. Bei den jährlich stattfindenden International-Body-Music- Festivals rund um den Globus, bekommt man heute einen sehr guten Eindruck von der Entwicklung der Szene. In Deutschland gibt es seit bald drei Jahren das Body-Rhythm-Festival-Hamburg (dieses Jahr von 2. bis 5. Juni), ein echtes Highlight in Europa.

In Japan entdeckte ich etwas ganz Besonderes. Vor neun Jahren lernte ich eine Methode kennen, die mit mir das anstellte, was mir nicht in meinen kühnsten musikalischen Träumen einfiel: ein Singen, ein Lachen, ein Tanzen meiner eigenen Körperzellen, eine tiefe, alles durchströmende Lebensfreude, ein wundervoll-sanftes Verliebtheitsgefühl von überwältigender Schönheit.

Und es ist kein Zufall, dass der Begründer dieser Methode, Kozo Nishino, in den 50er Jahren selbst Tänzer und Choreograph war, bevor er seine Erfahrungen aus Medizin, Aikido und Energiearbeit zu einer abgeschlossenen Übungsmethode zusammenfasste, der Nishino Atemtechnik (engl. Nishino Breathing Method).

Non-verbale Kommunikation auf energetischer Ebene

Die Übungen dieser Methode zielen zunächst auf die Sensibilisierung der Körperzellen für Ki-Energie (auch Chi oder Prana genannt). Dann folgt die eigentliche Besonderheit: das Austauschen von Ki-Energie zwischen zwei Partnern. Was für den Verstand schwer zu fassen ist, ist für den Körper nach einiger Übung eine Selbstverständlichkeit und mündet in eine non-verbale Kommunikation auf energetischer Ebene. Ein Hören und Antworten, ein Miteinander-Spielen der Zellen zweier sich gegenüberstehenden Menschen. Die Reaktionen auf diesen Ki-Austausch sind von Teilnehmer zu Teilnehmer unterschiedlich und reichen von plötzlichen Lachanfällen über Freudensprünge bis hin zum stillen, innigen Genießen.

Nishino hat nach der Gründung seiner Schulen in Osaka und Tokyo mit renommierten Wissenschaftlern zusammengearbeitet, um die nachhaltig positive Wirkung von Ki auf zellulärer Ebene zu erforschen und zu vermitteln. Der mittlerweile 90-Jährige ist weiterhin als Leiter seiner Schule in Tokyo aktiv und bildet Lehrer aus. Ich möchte in Berlin zum einen das Musizieren mit dem eigenen Körper bekannter machen und zum anderen die Verbindung zwischen künstlerischer und energetischer Arbeit stärken. Dazu kooperiere ich mit anderen Künstlern, lade namhafte Dozenten ein oder unterrichte selber. Neben den wöchentlichen Body-Music-Treffen, die zum Ziel haben, eine Performancegruppe auf – zubauen, gibt es neuerdings auch Body- Music-Retreats außerhalb Berlins. Unsere Intensivwochenenden zur Nishino- Atemtechnik sind offen für Einsteiger und Ki-Neulinge und ein idealer Startschuss fürs eigene Üben. Unsere Seminarleiter sind die einzigen zertifizierten Lehrer außerhalb Japans.

Eine Antwort

  1. WellenbeobachterHH
    Kleine Ergänzung - es gibt auch noch die EBM!!!

    Es gibt übrigens auch die sogenannte EBM – Electronic Body Music. Sehr rhythmisch von peitschenden oder stampfenden Electrobeats angetriebene Stücke und bis heute eine meiner bevorzugten Musikrichtungen. Quasi so eine Kombination aus Industrial-Music, Punk und Synthiepop.

    Die EBM entstand zwischen 1978 (KRAFTWERK Album „Die Mensch-Maschine“) und Mitte der 1980er Jahre und hatte ca. 1985-92 die erste Hochphase mit internationalem Erfolg durch Bands wie DAF (Deutsch Amerikanische Freundschaft), FRONT 242, THE KLINIK, CABARET VOLTAIRE, SKINNY PUPPY, CASSANDRA COMPLEX, HULA, FRONTLINE ASSEMBY, THE NEON JUDGEMENT, à; Grumh…, CLICK CLICK, A SPLIT SECOND, PARADE GROUND, THE WEATHERMEN u.v.a.

    Einerseits benutzten all die genannten Bands zum Musikmachen die neueste Technologie, nach KRAFTWERK Vorbild fast roboterhaft eingesetzt (als Abgrenzung zur normalen Rockmusik mit Gitarren), waren andererseits aber dennoch sehr physisch mit dem ganzen Körper aktiv am Erzeugen der Klänge beteiligt.

    Es gab geradezu schweißtreibende, körperliche Schlagzeuger, die in den Videos und Konzerten auf ihr elektronischen Drumkit oder Stahlbleche und Equipment ähnlich wie bei den EINSTÜRZENDEN NEUBAUTEN und TEST DEPARTMENT einprügelten. Auch das war seelisch sehr befreiend und schaffte es den ganzen Konzertsaal zum Tanzen zu bringen.

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