Ulla Weber hat das mit den Dämonen immer so verstanden und auch erlebt, dass Emotionen, die wir langfristig und energisch genug abspalten und verdrängen, zu inneren Dämonen werden. Aus diesem abgespaltenen Raum heraus pfuschen sie dann in unserem Leben herum, bringen uns dazu, so zu reagieren, wie wir es eigentlich gar nicht wollen. Sie bilden dabei wiederkehrende Muster, Verhaltensmuster, die uns ausbremsen, frustrieren oder einfach nur traurig machen. Die Atemtherapeutin geht, wenn sie so ein wiederkehrendes Muster bei sich entdecket, davon aus, dass da etwas ist, was noch nicht genügend angeschaut wurde, was Raum braucht, vielleicht auch meine Stimme braucht, um sich auszudrücken, um endlich gehört zu werden. Aber wie?

Da war dieses eigenartige Gefühl in mir …

Als ich vor gut 30 Jahren begann Gesang zu studieren, gab es in Berlin an der Hochschule der Künste nur eine Art zu singen: die klassische Art. Ich liebte all die wunderschönen Arien und Lieder und war damit einverstanden. Leider hatte ich ein bisschen Pech mit meinen Lehrern und in meinem Kopf wurde dieses Ideal, wie es klingen sollte, wie es klingen musste (aber leider nicht tat), immer größer und mein Zugang zu meinem eigenen schöpferischen Potenzial verkümmerte. Da ich mit sehr günstigen stimmlichen Voraussetzungen ausgestattet war, lief trotzdem alles gut, nur meine Lust am Singen nahm schleichend immer mehr ab. Lange Zeit bemerkte ich das gar nicht, ich war so daran gewöhnt, diszipliniert zu üben, und schließlich hat doch jeder mal keine Lust…

Dann entdeckte ich den Blues und den Jazz für mich und damit die Möglichkeit – ja, sogar das Gebot – zu improvisieren. Was für ein Unterschied, eine festgelegte Melodie zu interpretieren oder eine neue zu schaffen! Am Anfang war ich von dieser neuen Freiheit grandios überfordert – wer bin ich schon, verglichen mit den Mozarts dieser Welt? Aber da war dieses eigenartige Gefühl in mir, dieses Gefühl der Freude, der Befriedigung, ja, fast Erleichterung, wenn ich dem, was in mir an Gefühl oder Empfindung rumorte, Raum geben konnte. Ich konnte deutlich wahrnehmen, ob das, was da stimmlich entstand, ein von mir ausgedachtes Produkt war, von dem mein Verstand dachte/ meinte, dass es schön oder interessant sein könnte, oder ob es mir gelungen war, quasi am Denken vorbei zu singen. Letzteres war immer schön und interessant und oft war ich entzückt und habe gestaunt.

Etwas zutiefst Authentisches…

Vor einigen Jahren dann lud mich ein Kollege in sein Ensemble für freie Improvisation ein und ein weiterer Kreis schloss sich. Ich hatte parallel zu meinem Gesangsstudium Psychologie studiert und abgeschlossen und eine vierjährige Ausbildung in körperorientierter Therapie gemacht (Atemarbeit). Ich liebte diese Arbeit, das feine Spüren in den Körper, das Lauschen in der Stille auf die Wahrheit, die der physische Leib in sich trägt. Jemand wie ich, die von klein auf neugierig auf alles und dem Denken sehr zugewandt war, kommt leicht in Gefahr, nach dem Neuen zu haschen, fasziniert und dann auch irgendwann überstimuliert zu sein. Die Gedanken sind nicht nur frei, sie sind auch sehr, sehr schnell. Der physische Leib hingegen ist konkret – was ich da spüren konnte, war mit Sicherheit nicht ausgedacht, nicht erfunden, sondern ein sicherer Weg zu mir selbst.

Die Arbeit mit der Stimme, das Tönen gehört zur Atemarbeit dazu. Wenn wir einen Körperraum erarbeiten, zum Beispiel den Beckenraum durch Sammlung und dehnende Bewegungen, um die Wände dieses Raumes zu erfahren und in den Innenraum eintauchen zu können, können wir auch aus diesem Raum tönen. Den Tönen, die aus einer solchen Arbeit entstehen, haftet immer etwas zutiefst Authentisches und damit sehr Berührendes an.

Und nun trafen diese Töne mit der freien Improvisation zusammen

Für mich war diese Erfahrung gigantisch und trotzdem nicht leicht unter die Füße zu kriegen. Es bedarf einiger Zeit und geduldiger Übung, um Vertrauen in das eigene schöpferische Potenzial zu entwickeln. Es dauert, bis es gelingt, sich in diese offene Ebene der Möglichkeiten zu entspannen. Es bedarf des praktischen Tuns und der Erfahrung, bis die musikalische Palette der Ausdrucksmöglichkeiten reich bestückt ist. Was kann meine Stimme überhaupt, welche Texturen habe ich, welche Rhythmen, welche Silben, und wie finde ich das, was echt ist, wenn doch alles erlaubt ist in der freien Improvisation? Es ist immer wieder eine stimmliche Entdeckungsreise zu dem, was in uns schlummert, und das ist die gute Nachricht, denn das heißt auch: Es ist immer, wirklich immer verdammt spannend. Wir beginnen die Arbeit oft mit einem Bodyscan, wir wandern durch unseren Körper. Die Anforderung liegt dabei darin, uns nicht zu sehr zu identifizieren. Ich bin nicht mein stets verspannter schmerzender Nacken, der ist nur ein Teil von mir.

Ich bin nicht das Gefühl der Erschöpfung, das mich überkommt, das ist nur ein Teil von mir. Ich bin auch nicht die Unruhe und die stets abschweifenden Gedanken, die sind nur ein Teil von mir. Viele von euch werden ihren inneren Beobachter oder inneren Zeugen schon kennen. Diese Instanz kann mit einer gesunden Distanz durch den Körper schlendern wie  durch ein Museum oder eine Kunstausstellung. Sie beurteilt das, was zu sehen ist, nicht als richtig oder falsch. Sie ist einfach neugierig und findet einiges interessant und schaut es sich genauer an, anderes ist gerade nicht so interessant und der Weg geht weiter. Diese Instanz in sich zu etablieren ist ein wichtiger Schritt, um sich aus der ständigen Selbstbeurteilung und Selbstverurteilung zu lösen.

Ein kleines Geheimnis …

Im Bodyscan werden Empfindungen und Emotionen im Körper gefunden und betrachtet. Das freie Improvisieren ist ein Werkzeug, um diesem Stimme zu geben. Ich verrate euch dazu ein Geheimnis. Wie alle guten Geheimnisse liegt es eigentlich völlig offen: Physische Empfindungen brauchen nicht den Umweg über den Kopf, um in die Stimme zu gelangen. Stellt euch vor, etwas Schweres fällt euch auf den Fuß. Ist der Ton, der dann kommt, authentisch? Stellt euch vor, jemand, den ihr sehr mögt, streichelt euch. Was macht die Stimme? Stellt euch vor, jemand kitzelt euch oder das, was ihr gerade in den Mund steckt, ist äußerst delikat …

Es lohnt sich, die Körperempfindung, die sich zeigt, die fast schon sagt, schau mich doch mal an, ernst zu nehmen, ihr Zeit zu geben, sich zu zeigen. Der innere Beobachter kann um die Empfindung herumgehen und von außen auf sie schauen. Er kann auch auf Zellebene in sie hineingehen. Nehmen wir einen Schmerz in der Magengegend als Beispiel. Der innere Beobachter kann spüren, welche Temperatur dieser Schmerz hat, oder sehen, welche Farbe er hat. Manchmal zeigt sich auch eine deutliche Textur, der Schmerz hat etwas Hartes, fast Steinernes oder Gummiartiges, oder es fühlt sich an wie waberndes Feuer. Manchmal wird schnell deutlich, welche Emotion damit verknüpft ist, und manchmal können wir in der Körperempfindung einen abgespaltenen Persönlichkeitsanteil von uns erkennen. Es schadet aber nie, erst einmal in der konkreten physischen Erfahrung zu bleiben und diese in die Stimme zu geben. Wie klingt dieser spezielle Schmerz oder diese spezielle Wut oder diese spezielle Freude? Alles ist erlaubt in der freien Improvisation, und ja, es gibt auch sehr schöne Empfindungen im Körper zu entdecken! Mich hat es oft sehr überrascht, was sich da gezeigt hat im stimmlichen Ausdruck und was da zu mir spricht und tönt und klingt, ungefiltert durch mein Denken.

Das Herz ist so ansprechbar…

In der Arbeit in der Gruppe unterstützen wir uns oft gegenseitig, indem eine Person beginnt zu klingen und die anderen sich einfühlen in den Raum und den Geist, aus dem die Person gerade tönt. Das mag schwieriger klingen, als es meiner Erfahrung nach ist, aber als empathische Wesen ist es uns gegeben, in Resonanz zu gehen mit unseren Mitgeschöpfen. Es gibt allerdings eine Übung, die sich als sehr hilfreich erwiesen hat: Ich sitze aufgerichtet auf dem Hocker und stelle meine Hände, eine Schale formend, vor mein physisches Herz. Ich neige mich einatmend zu den Händen hin, berge mich. Ausatmend richte ich mich wieder auf und spreche innerlich: Ich öffne mein Herz. Als Vorbereitung für die oben beschriebene gegenseitige Unterstützung kann ich den Namen des Menschen anfügen, den ich unterstützen will. Das Herz ist so ansprechbar und stellt seine Kräfte so bereitwillig zur Verfügung, dass die Gefahr eher darin besteht, es in seiner Bereitwilligkeit zu missbrauchen und es zu oft und zu weit offen stehen zu haben. Wenn man einmal gelernt hat, es willentlich und wissentlich zu öffnen, sollte man auch lernen, es wieder zu schließen, so viel Selbstschutz muss sein.

Ein Teil, der nur mein Bestes will…

Manchmal bringen wir etwas mit in die Arbeit, das uns in letzter Zeit oder seit längerem beschäftigt. Wo hallt das wider im Körper? Welche körperliche Empfindung zeigt sich am deutlichsten, wenn ich ganz in der Erinnerung des Erlebten bin? Wenn ich dem dann nachspüre und Raum gebe, sich zu zeigen, entpuppt sich die Empfindung als ein Teil von mir, der eigentlich nur mein Bestes will. Der mich warnen oder beschützen will oder der schlicht und einfach ein sehr alter, bedürftiger Teil aus meiner Kindheit oder von noch weiter her ist. Ich habe keine Teile in mir, die mir Übles wollen. Niemand hat das. Wir selber wollen natürlich nur Gutes für uns selber und wenn ich diesem Teil Raum gebe, gehört zu werden, und meine Herzenskräfte dafür zur Verfügung stelle, bekomme ich endlich die Chance, seine positiven Absichten zu erkennen und den Teil zu umarmen.

Das ist nicht immer einfach. Gerade wenn es sich um alte Teile von uns handelt, agieren diese oft nach einer für unser gegenwärtiges Ich gänzlich verqueren Logik. Aber diese Teile weiterhin zu unterdrücken und im Zaum zu halten, kostet uns nur enorme Energie, die uns woanders fehlt. Zugelassene Emotionen können uns Kräfte zur Verfügung stellen. Die Emotion Wut zum Beispiel ist energetisch meist hoch aufgeladen und gleichzeitig ziemlich unbeliebt in unserer Gesellschaft. Oft erlauben wir uns gar nicht, unsere Wut zu spüren, weil „nette Menschen nicht wütend sind auf andere nette Menschen“ oder weil wir als Kinder gelernt haben, dass es gefährlich ist, wütend zu werden, oder… oder… oder.

Wie wäre es aber, diese Energie zuzulassen und damit den Mut zu finden, Veränderung anzugehen in uns, vielleicht sogar in der Gesellschaft? Wer sich in diesem Beispiel nicht wiederfindet, der nehme die Angst. Manch einer spürt gar nicht seine Angst, er spürt nur die Angst vor der Angst – so groß ist die Angst – und möchte auch dieses Gefühl am liebsten sofort loswerden. Aber Angst zu haben trägt zu unserer Gesundheit bei, zum Beispiel im Straßenverkehr. Vielleicht ist auch diese eine Angst in uns ursprünglich mal nützlich gewesen als Bremser oder Wecker? Vielleicht brauche ich sie jetzt als erwachsener Mensch nicht mehr und kann ihr danken für vergangene Dienste und sie in mein Herz nehmen. Wir dürfen unserem Körper vertrauen, dass sich immer das zeigt, was im Moment stimmig ist, und wenn wir dem Raum geben, wird es nicht nur stimmlich und künstlerisch äußerst interessant, wir können auch Heilung und Fülle erfahren. Und übrigens: Meine Freude am Singen ist sowas von zurückgekehrt :-))

Workshoptermine „Singen mit Leib und Seele“ am:
15.9.18, 14.10.18, 17.11.18, 15.12.18, 13.1.19, 16.2.19

 

 

Author: Oliver Bartsch

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