Lachen, Lebensfreude, Rhythmus – Humor-Therapie ist ein guter Weg, um aus starren und chronischen Erkrankungen in eine würdevolle Lebensqualität zurück zu finden…

von Dr. phil. Rosina Sonnenschmidt, Heilpraktikerin

Die Entwicklung der Humor-Therapie ist in gewisser Weise eine Paradoxie. Denn einerseits ist der Humor die intelligenteste und natürlichste Fähigkeit des Menschen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Andererseits ist sie ausgerechnet in den schulmedizinischen Kreisen entstanden und nicht in der Alternativmedizin. Die Nestoren waren Psychiater bzw. Psychologen und Ärzte, die lobenswerterweise die Endlichkeit der pharmazeutischen Medikamente bei chronischen Krankheitsgeschehen erkannten und auf kreative Alternativen sannen.

Der Geburtsstunde der Gelotologie

Die zentrale Persönlichkeit war William Fry, der amerikanische Psychiater (1914 – 2014), der 1964 den Begriff der „Gelotologie“ (gr.:gelos = Lachen) prägte. Er war ein durch und durch humorvoller Mensch und kam eines Tages auf die Idee, seine depressiven Patienten zu fragen, wie sie eigentlich sein möchten, was sie am liebsten täten. Spontan kam die Antwort: Fröhlich sein, lustige Dinge tun, lachen und Spaß haben. Fry besorgte lustige Filme und ließ sich allerlei einfallen, mit dem frustrierenden Ergebnis, dass keiner lachte. Die Patienten fanden die Angebote albern. Fry war bestürzt, hatte er doch seinem Humor entsprechend das Beste ausgewählt.

Er sann nach, was falsch an seiner Strategie war und kam auf die glänzende Idee, seine Patienten zu fragen: Was kennen Sie gut, was ist Ihnen am meisten vertraut? Die Antwort war ebenso einfach wie verblüffend: depressive Zustände. Nun kam der Quantensprung und die Geburtsstunde der Humor-Therapie zum Zuge, indem Fry seinen Patienten anbot, die Depression spielerisch darzustellen. Alles war erlaubt. Die Patienten wurden eifrig und lachten sich förmlich kaputt über die Karikaturen und Überzeichnungen des Themas „Depression“.

Fazit waren tiefgreifende Erkenntnisse:

– Der spielerische Umgang mit dem Thema fand von einem höheren Betrachtungspunkt aus statt.
– Die Patienten hatten die Perspektive im Spiel auf ganz natürliche Weise eingenommen
– Von dort aus waren sie in der Lage, ihren Humor zu entfalten
– Der Humor half ihnen, das, was sie am besten kannten – hier die Depression – von allen möglichen Seiten zu betrachten und darzustellen

Der Humor half ihnen, ihrem Verhalten eine gewisse Komik abzugewinnen. William Fry nannte den „Punkt“, an dem der Patient sozusagen „festhängt“, in der Starre ist, sich nicht mehr weiter entwickeln kann, infantile Züge gegen seine eigentliche Intelligenz annimmt – den „hot spot“. Ob seine bedeutenden Nachfolger wie Franz Farrelly oder Patch Adams oder in neuerer Zeit Dr. Noni Höfner oder Dr. Michael Titze – sie alle halfen mit, diese grundlegende Erkenntnis weiter auszubauen. Von zentraler Bedeutung war und ist, dass der Patient dort abgeholt wird, wo er sich auskennt, also in seiner Krankheit. Und hier gefragt wird, was für ihn mit Hinblick auf die gesamte Symptomatik am schlimmsten ist. Dieser Hot-Spot ist dann der Startpunkt, die Perspektive zu wechseln und mit großem Feingefühl zu überzeichnen. Das verlangt vom Therapeuten kreative Ideen, Lust am Spiel und viel Humor.

Die Körpersäfte in Bewegung bringen

Warum funktioniert das? Warum machen die Patienten Quantensprünge in ihrem Heilungsprozess, wenn Humor aktiviert wird?

Kann der Patient wieder lachen, passiert physisch-psychisch etwas Wesentliches, nämlich die Aktivierung der Tiefatmung und die rhythmische Massage der gesamten Organe im Rumpf, weil das Zwerchfell in heftige Bewegung gerät. Das ist noch nicht alles! Alles im Organismus gerät in Bewegung, bei chronischen Krankheiten genau das, was typisch ist: zu viel oder zu wenig Sekrete, Schwäche im Blutkreislauf, Verdauungsstörungen. Herzhaftes Lachen bringt Feuchtigkeit (Blut, Tränen, Speichel, Urindrang) in Bewegung. Humor = Flüssigkeit, das Fließende gehörte zur Säftelehre des Körpers. Die alten Griechen erkannten bereits, dass Gesundheit der ungehinderte Fluss der Säfte durch innere und äußere Anregung (Weinen und Lachen als Extreme des Gemüts) ist. Krankheit bedeutet dagegen die Veränderung von Viskosität, Farbe, Geruch und Stocken der Säfte.

Damit die Säfte im Fluss bleiben, war und ist das passende Simile, in der Tat der Humor im physischen wie geistigen Sinne. Die neuere Forschung fügt noch hinzu, dass die immunkompetenten Zellen sprunghaft zunehmen, die Herzleistung nachhaltig gesteigert und der Kreislauf sanft angeregt wird. Hinzu kommt die rasche Entwicklung psychosozialer Kompetenz bei psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen.

Freude und Lachen lösen jede Regulationsstarre

Die Gelotologie mitsamt der Hirnforschung bestätigen, was einst empirisch durch Fry, Farrelly oder Patch Adams erfahren wurde, nämlich, dass Frohsinn, Singen, Lächeln und Lachen jede Regulationsstarre löst, denn es kommt auf natürliche Weise etwas ins Fließen, in rhythmische Bewegung. Das machen sich Klinikärzte und Pflegepersonal zunutze und beobachten, dass sowohl in Altersheimen als auch bei Demenzpatienten signifikante Verbesserungen auf der Körper-, Emotional- und Mentalebene geschehen, wenn sie humortherapeutisch behandelt werden. Das heißt, wenn sie lachen, kommen alle Säfte in Bewegung, finden alle Säfte wieder ihre Bahnen und können Medikamente deutlich reduziert werden.

Allein in Deutschland gibt es 20 Institutionen, die Humor als intelligenten Weg zur psychosozialen Kompetenz anerkennen und tangieren außer der Heilkunde die Künste – Pädagogik, Politik, Universität, Schule, Theologie, Wissenschaft – und soziale Einrichtungen aller Art. An dieser erfreulichen Entwicklung ist ein weiterer Nestor der Humorbewegung beteiligt: Dr. med. Madan Kataria, der Gründer der Lachclub-Bewegung. Für manche Menschen ist die Anregung der Lachmuskulatur der erste Schritt, sich mit dem Lachen wieder anzufreunden – auch mal ohne Grund – einfach nur so, als Übung. Sowohl die europäischen wie auch die deutschsprachigen Vereine des „Lach-Yoga“, als auch die zahllosen Lachclubs in deutschen Städten haben viele Anhänger und bewirken viel – als Alternative zur gewaltsamen Kommunikation, wie sie heute leider gang und gäbe ist.

Humor-Therapie praktisch umgesetzt

In der Humor-Therapie können Lachübungen vielleicht ein erster Schritt sein, das Zwerchfell wieder in Bewegung zu bringen. Immerhin ist es ja das lebenswichtige Organ für die Atmung – das wird oft übersehen. Wenn es sich nicht mehr bewegt, funktionieren die Lungen nicht. Der hauptsächliche Fokus ist auf die Intelligenz des Patienten gerichtet, selbst zu erkennen, wo sie/er festhängt, und dann die Perspektive wechseln zu können. Dafür gibt es inzwischen viele verschiedene Strategien. Die meisten basieren auf Bewegung und Handeln statt Reden. Handeln ermöglicht ein Erlebnis – und was körperlich erlebt wird, hat eine weitaus tiefere Wirkung auf das Bewusstsein als Themen und Probleme rein intellektuell anzugehen.

Aus eigener Erfahrung der Humor-Therapie weiß ich, dass im Spiel die Perspektive leichter gewechselt werden kann, und habe den bereits bestehenden Humor-Strategien neue hinzugefügt. Hier ein paar Beispiele:

Eines der wichtigsten Themen ist das Selbstbild des Patienten, das in der Regel negativ geprägt ist. Ob jemand meint, er sei noch nicht gut genug und müsse noch mehr arbeiten, um ein fiktives Soll zu erfüllen; oder ob jemand sich zu alt, zu hässlich findet oder ob jemand sich keinen Erfolg zugesteht: die Ursache ist, dass sie oder er keine voll integrierte Persönlichkeit ist. Deshalb ist eine der Basisübungen der spielerische Weg, über die so genannte „Tafelrunde“ seine Potenziale aufzustellen. Das sind bildlich:

  1. König/Königin als großes ICH
  2. Narr als Spiegel der Wahrhaftigkeit (Gewissen)
  3. Vater- und Mutterkraft
  4. Heiler und Künstler

Die Tafelrunde:

Jede dieser Basiskräfte ist im Menschen vorhanden und im Spiel wird ermittelt, ob diese Kräfte auch genutzt werden. Sie geben dem ICH eine Botschaft, welches Potenzial in ihnen steckt und wie es genutzt werden kann. Das ist eine kreative Versöhnungsarbeit mit sich selbst, die dazu dient, erst mal mit sich selbst im Reinen zu sein, ehe man schaut, was noch familiensystemisch zu klären ist. Die jahrelange Erfahrung bestätigt, dass erstens nur noch selten eine aufwändige Familienaufstellung nötig ist, zweitens die private Beziehungsfähigkeit deutlich besser wird und drittens sich der ersehnte Erfolg im Beruf einstellt. Die grundlegende Erkenntnis in der Humor-Therapie ist, dass im Spiel Konflikte aus verschiedenen Perspektiven gesehen und erlebt werden können und die Fixierung gelöst wird.

Fixierte Glaubenssätze und ihre rhythmischen Lösungen

Ein weiterer Wegweiser in die Krankheit sind fixierte Glaubenssätze, die jede Krankheitsbeschreibung einleiten: „Was ich alles nicht mehr kann, bin, habe“. Allem voran leiden heutige Menschen an Arrhythmie im Tagesablauf, in der Körperbewegung und in der Sprache. Alles in der großen Natur und im kleinen Abbild des Menschen ist rhythmisch angelegt. Weder haben die meisten Menschen einen gesunden Lebensrhythmus aus Aktivität und Ruhe, noch ist ihnen die innige Beziehung von Sprache und Körperbewegung bewusst, sodass die Schwelle zur Vergesslichkeit, Sprachverarmung, Demenz, zu Schmerzen im Bewegungsapparat und Erschöpfungszuständen immer früher überschritten wird. Auch dazu gibt es eine spielerische Lösung, die den Klienten das Erlebnis vermittelt, was Rhythmus alles bedeutet. Dazu habe ich zum Beispiel den „abstrakten Menschen“ geschaffen mit den Mitteln Tanzsack und Maske.

Die natürlichen Körperformen verschwinden, es ist also egal, ob man klein, schlank oder dick, tänzerisch begabt oder ein „Bewegungsmuffel“ ist. Der natürliche Reflex in dem Lycra-Viereck ist die sanfte Dehnung und langsame Bewegung. Ähnlich wie im Tai-chi oder Qi-gong entstehen fließende Bewegungen – selbst bei denen, die durch das Etikett „Arthrose“, Parkinson, Frühdemenz“ oder „Altersschwäche“ als Energieschwund leiden.

Ein weiterer zentraler Punkt in der Humor-Therapie ist der Einsatz der roten Nase, die in vielen Variationen hilft, versöhnlich mit den Themen „Scheitern, Versagen, Fehlermachen“ usw. umzugehen. Narr und Clown sind wieder als Archetypen erkannt und erwacht. Sie werden auf intelligente Weise in der Praxis und in Ausbildungen für Therapeuten mit großem Erfolg eingesetzt.

Autorin: HP Dr.phil. Rosina Sonnenschmidt

Literatur der Autorin:
Heilkunst und Humor. Verlag Homöopathie & Symbol 2004
Die seelische Tafelrunde. Edition Elfenohr
Bewegungskunst mit Tanzsack, Isis-Wings und Poi. Edition Elfenohr
www.inroso.com/shop

Author: Redaktion

Über den Autor

Avatar of Dr. Phil. Rosina Sonnenschmidt

• 1969 – 1972 Musikstudium
• 1975-1979 Pantomimenausbildung bei Milan Sladek, Mitwirkung im Kefka-Theater
• 1979 Promotion in Musikethnologie, Ägyptologie und Indologie
• 1981-1986 Ausbildung in Kinesiologie (Three-In-One-Concept und Touch for Health Instructor). Entwicklung der Musikkinesiologie und Tierkinesiologie
• 1986 – 1994 Privatstudium in Homöopathie mit dem Schwerpunkt der Miasmen
• 1994-1999 Ausgewählte Seminare bei Dr.Mohinder Jus in der Schweiz
• Seit 1998 Erforschung der Miasmen aus kulturhistorischer Sicht
• Seit 1999 eigene Naturheilpraxis mit den Schwerpunkten Homöopathie, Gesundheitsvorsorge und Humor-Therapie
• Seit 2004 Fachfortbildung für Heilpraktiker und Ärzte in Ursachenbehandlung chronisch Kranker (Miasmatik) mit Anerkennung der Ärztekammer BW
• 2006, 2009, 2016, 2019 Einladung nach Japan zu Kongress und Seminar und Ernennung zum Ehrenmitglied der Japanischen Kaiserlichen Homöopathie- und Medizingesellschaft (JPHMA)
• Autorin vieler Fachbücher zum Thema ganzheitlicher Therapie, Homöopathie, Gesundheit und Humor

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