Anzeige

Wenn sie das Wort Rohkost hören, stellen sich viele Menschen fanatisch-verbissene Gesundheitsfreaks vor, die genusslos auf  Karotten herumknabbern. Das war einmal! Helge Grotelüschen warf seinen Herd vor elf Jahren aus der Wohnung und tischt heute in seinem Rohkost-Restaurant Haute-Cuisine auf. Ein Interview von Jörg Engelsing.

 

Wie bist du zur veganen Rohkost gekommen?
Vor ungefähr elf Jahren hatten Freunde von mir die Instinkto-Rohkost entdeckt – also eine Form der Rohkost, bei der man sich in der Auswahl der Nahrungsmittel auf die angeborenen Instinkte verlässt. Meine Freunde waren total euphorisch und schenkten mir ein Buch darüber zum Geburtstag. Erst habe ich nur mal ziemlich skeptisch darin herumgeblättert, dann konnte ich es nicht mehr weglegen und habe es in einer Nacht durchgelesen. Danach war klar: Das ist ein wichtiges Puzzleteil in meinem Leben. Am nächsten Tag habe ich den Herd aus der Wohnung geschmissen und alle normalen Nahrungsmittel aus dem Supermarkt, die ich noch hatte. Dann ging die Reise los. Und was dabei abging, das war so phänomenal, dass ich mich entschieden habe, alles, womit ich vorher mein Geld verdient hatte, wie Tanz und Musiktherapie, aufzugeben.

Was ging denn ab?
Ich habe keine Ahnung, wie es ist, auf Kokain zu sein, aber was ich davon gehört habe, scheint  ähnlich. Ich war ja schon vorher keine Schlaftablette, aber dann habe ich zwei bis drei Stunden pro Nacht geschlafen und den Rest der Zeit Vollgas gegeben. Ich war unglaublich energiegeladen, viel klarer, und sämtliche körperlichen Zipperlein haben sich innerhalb kürzester Zeit verabschiedet. Ich hatte beispielsweise solche Knieschmerzen, dass ich nicht mehr joggen oder tanzen konnte. Ich konnte mich nur mit Mühe in meine Wohnung im vierten Stock hochschleppen und war bei allen möglichen Spezialisten, die nur sagten, dass mein Knie operiert werden und der Meniskus raus müsse. Nach drei Wochen Rohkost war der Schmerz weg und ich konnte wieder zehn Kilometer joggen gehen. Ich werde auch einfach nicht mehr krank. Ich kann mit verschnupften und hustenden Leuten engen Kontakt haben und stecke mich nicht an.

Warum ist Rohkost besonders gesund?
Rohkost ist nicht besonders gesund, das Normale ist ungesund. Das Geheimnis ist ganz einfach: Wir müssen unser Essen lebendig lassen. Mit der größte Fehler, den wir als Menschen gemacht haben bezüglich unserer Gesundheit, ist der, dass irgendwann einer auf die Idee gekommen ist, unser Essen zu kochen – vielleicht aus logischen Gründen, vermutlich weil es Winter und das Essen eingefroren war und und aufgetaut werden musste. Dabei gehen so gut wie alle Nährstoffe kaputt, alle Enzyme, Vitamine und Mineralien. Der Rest der Nährstoffe wird degeneriert, das heißt, der Körper kann sie gar nicht mehr wirklich aufnehmen, egal ob Kohlenhydrate, Fette oder Proteine. Die Molekularstruktur wird beim Erhitzen aufgebrochen, die Moleküle verbinden sich anders als zuvor. Wenn du kochst, macht du also nicht nur die Nährstoffe kaputt, sondern stellst künstliche Moleküle her, an die der Körper biologisch nicht angepasst ist und mit denen er nichts anzufangen weiß. Die muss er dann irgendwohin packen, weil er gar keine Ahnung hat, wie er sie entsorgen kann. Und dieser Müll macht krank. Krankheit ist für mich zuerst einmal der Versuch des Körpers, Müll rauszuschmeißen. Wenn du eine Erkältung hast, läuft dir die Nase. Was ist Naselaufen? Schleim. Warum produziert der Körper Schleim? Weil Schleim Gifte bindet.

Was hältst du von anderen Ernährungskonzepten?
Ayurveda, Makrobiotik oder die Fünf-Elemente-Lehre haben sicher ihre Berechtigung, denn sie sind alle besser als Normal Food. Natürlich geht es einem besser, wenn man sich 50 Jahre aus dem Supermarkt ernährt hat und dann mit einem der ganzheitlichen Ernährungssysteme anfängt. Schließlich lassen die ja alle die größten Übeltäter wie Fleisch oder Milchprodukte aus dem Essen raus, oft auch Getreide oder Zucker. Aber das Wichtigste in meinen Augen: Lass dein Essen lebendig. Erst wenn man dieses Prinzip verstanden hat und anwendet, kann man sich über verschiedene Konstitutionstypen, Elemente oder Ähnliches Gedanken machen. Stell dir einen Swimmingpool vor, in dem sich frisches Wasser befindet, und du springst rein. Du fühlst dich energetisiert und lebendig. Jetzt stell dir den gleichen Swimmingpool vor mit kochendem Wasser drin. Wenn du da reinspringst, überlebst du vielleicht 20 Sekunden. In einem Pool mit heißem Öl bist du nach ein paar Sekunden tot.

Und du versuchst die Menschheit jetzt mit Rohkost zu retten…
Anfänglich habe ich tatsächlich versucht, die Leute mit meinem Wissen zu missionieren. Dann habe ich gemerkt, dass ich sie damit nicht erreiche und dass es über den Weg des Genusses viel besser geht. 

Wo hast du gelernt, diese leckeren Rohkostkreationen zu zaubern?
Vor sieben Jahren war ich in den USA unterwegs, weil ich dort meinen spirituellen Lehrer treffen wollte. Ich wusste, dass in den USA Rohkost schon weit verbreitet ist und dass es da so etwas wie Gourmet-Restaurants für Rohkost gibt, wobei ich mir darunter überhaupt nichts vorstellen konnte. Ich hatte bisher einfach nur Obst und Salate gegessen und das war’s. Als ich dann in Sedona in Arizona das erste Mal in ein Rohkost-Restaurant kam, bin ich voll “abgegangen”. Ich wusste gar nicht, was ich zuerst essen sollte, und habe mir gleich fünf Gerichte auf einmal bestellt. Eine Woche lang bin ich mehr oder weniger jeden Tag zum Frühstück, zu Mittag und zum Abend hingegangen – bis ich alles durch hatte. Und immer, wenn nichts los war im Laden, durfte ich in die Küche und bekam erklärt, wie das alles gemacht wird. Von der Besitzerin bekam ich dann auch noch ein Buch mit Rohkostkreationen geschenkt und habe zu Hause dann einfach angefangen auszuprobieren und zu experimentieren. Ich habe ab da nichts mehr über Rohkost erzählt, sondern den Leuten einfach meine Kreationen hingestellt. Und alle sind voll drauf abgefahren. Die wollten gar nicht glauben, dass das Rohkost war. Und dann wurde mir klar, dass die meisten mit Rohkost langweilig und öde assoziieren. Und das war ja früher auch so. In Deutschland war Rohkost so etwas für schräge Typen, verbiesterte alte Säcke mit erhobenem Zeigefinger. In Amerika ist es Ausdruck der Liebe zum Leben, sexy, funky, Freude, totales Lebendigsein. Leckeres Essen ist die Mutter aller Drogen. Und wenn Menschen merken, dass sie nicht auf Genuss verzichten müssen, sondern  Rohkost vielleicht sogar noch leckerer als ihre Normalkost ist, dann beginnen sie nachzufragen.

Nochmal zum Thema Gesundheit: Letztlich sind doch Krankheiten Ausdruck psychischer Disharmonien. Kann denn da die Ernährung so wichtig sein?
Klar, alles ist psychosomatisch, jedes Symptom hat einen seelischen Hintergrund. Aber der Körper ist die Basis, wenn der Körper clean ist, dann kriegst du so schnell keine Symptome. Dann drücken sich die Probleme primär im Emotionalkörper aus – das ist zumindest meine Erfahrung. Die Leute machen jeden Mist mit, um gesund zu werden, weil sie so verzweifelt sind – ich denke da beispielsweise an das Trinken des eigenen Urins, das vor einigen Jahren angesagt war –,  aber das Naheliegende sehen sie meist nicht: die Ernährung.


Abb. 2: ©Carolin_Bohn

Dieser Artikel ist Teil der Themenseite(n):

2 Responses

  1. natascha s.

    Hallo,ich finde das sehr logisch und klar das die Nahrung lebendig sein sollte.Doch höre ich immer wieder das die Verdauung ein warmer Vorgang ist.

    Antworten
  2. Guido V.

    Das Leben ist, was es isst. Wie wahr.
    Mit dem hübschen Anrichten und dem Kochen in netter Runde versucht der Mensch zu kompensieren, was er durch das Kochen zerstört hat.

    http://www.gold-dna.de/seite4.html

    Gruß

    Antworten

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*