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Wie wäre es, wenn wir in einen Laden gehen und uns nehmen, was wir möchten, ohne dafür bezahlen oder eine Gegenleistung erbringen zu müssen? ­Utopie? Keineswegs. Allein in Berlin gibt es drei Umsonst­läden. Diese und diverse Tauschringe bilden den ­Anfang einer neuen Art des Umgangs mit Gebrauchsgegenständen und Dienstleistungen und damit auch einer neuen Art zwischenmenschlicher Begegnung.

 

Klar, auch Umsonstländen beruhen nicht nur auf Nehmen – sonst wären die Läden ja schnell leer. Doch das Ziel ist die Entkoppelung von Nehmen und Geben – das eine schließt das andere nicht unbedingt bei jedem Besuch mit ein. Es geht eben um Freiwilligkeit, nichts zu erwarten, darum, das „ich gebe dir nur was, wenn ich dafür etwas bekomme“ hinter sich zu lassen, um Loslassen und  letztlich um eine neue Form der Freiheit im Umgang miteinander. Das dahinter liegende Prinzip lässt sich natürlich auch auf Dienstleistungen übertragen, wobei dann in unserer auf Tausch fixierten Gesellschaft doch noch oft eine Gegenleistung erwartet wird: eine Stunde Rasenmähen gegen eine Stunde Klavierunterricht etwa, wie es in Tauschringen schon seit längerem praktiziert wird.
Etwas wirklich ganz und gar umsonst zu bekommen, mag sich in unserer Gesellschaft noch ziemlich utopisch anhören, ist es aber nicht. Es gibt tatsächlich schon eine Art Wirtschaftsform, die sich Umsonstökonomie nennt. Der Name sagt es schon: Waren und Dienstleistungen können hier kostenlos erworben werden.

Umsonstökonomie ist aber eben nicht die neueste Ausformung von „Geiz ist geil“, sie ist im Gegenteil eine praktische Form der Konsumkritik, eine Gegenbewegung zum Kapitalismus. Eine Kritik am Geld, ganz wirksam ausgeübt, weil ganz einfach keines verwendet wird.

Zusätzlich ist sie auch noch ressourcenschonend, da Gegenstände und Kleidung, die noch völlig in Ordnung sind, weitergereicht werden. Umsonstökonomie fördert die Nachhaltigkeit, ist umweltschonend und vermeidet Abfall. Sie ist aber vor allem auch menschlich und sozial, fördert den Zusammenhalt in der Gesellschaft und entlastet den Einzelnen. Mit etwas Ironie könnte man sagen: In einer entwürdigenden Arbeitswelt, in der man immer mehr von seiner Lebenszeit gegen immer weniger Lohn tauschen muss, um damit immer billigere Waren erwerben zu können, läuft es eigentlich sowieso schon auf eine Umsonstökonomie hinaus. Nur liegt hier der feine Unterschied: Der Umsonstökonomie geht es nicht um ein „immer billiger“, sondern sie versteht sich als Ausweg aus den Zwängen der Konsumgesellschaft. Sie will der künstlichen Verknappung von Waren, der zwanghaften Steigerung des Bruttosozialproduktes und der Profitmaximierung entgegenwirken, die für den Kapitalismus typisch sind. Freie Güter bzw. Waren zugänglich für alle, lautet das Ziel. Die Bedürfnisse aller Menschen sollen erfüllt werden, auch wenn diese das Geld nicht aufbringen können. Wo die Politik versagt, können die Menschen immer noch selbst für eine gerechtere Verteilung sorgen.

 

Die Geschichte der Umsonstökonomie

Die Umsonstökonomie oder auch Gratisökonomie hat ihren Ursprung in den Protestbewegungen der 60er Jahre in den USA. „Free Stores“, „Free Food“ und „Free Medical Center“ waren die Schlagwörter der Bewegung. Sie ist weltweit verbreitet. Die konsumkritische Bewegung hat auch in Europa Fuß gefasst, und allein in Deutschland gibt es mehr als 50 Umsonstläden, von denen der erste im März 1999 in Hamburg-Altona gegründet wurde. Natürlich bietet sich auch das Internet geradezu an, um Dinge zu verschenken oder zu tauschen. Hier findet man jede Menge Plattformen, auf denen Sachen und auch Dienstleistungen zum Verschenken oder zum Tauschen angeboten werden. Einige der Internetplattformen sind freecycle, viswapi, webtauschen oder auch die Kategorie Tauschen und Verschenken bei Ebay-Kleinanzeigen. Tauschbörsen finden meist noch größeren Anklang, weil sich viele nicht vorstellen können, etwas einfach kostenlos zu bekommen oder abzugeben. Dabei wird das Tauschen und Schenken von der Umsonstökonomie eben bewusst nicht als direkter „Austausch“ verstanden – dieses System soll weder auf einem Gegenleistungsprinzip beruhen, noch darauf, dass sich jemand als Wohltäter hervortut und mit seiner Spende das eigene Ego streichelt.

 

Teilen statt tauschen

Wer in Berlin lebt, hat drei Umsonstläden zur Auswahl. Es gibt den Ula von der TU, den Systemfehler in Friedrichshain und einen weiteren in Weißensee. Die Öffnungszeiten sind eher spärlich über die Woche verstreut und auch nur an Nachmittagen, denn die Betreuer der Umsonstläden arbeiten meist ehrenamtlich.

Was neben den Umsonstläden noch alles unter Umsonstökonomie verstanden wird, fasst die Webseite von mediawiki mit einer sehr umfangreichen Auswahl an Links zusammen. So gehören beispielsweise auch OpenSourceSoftware dazu oder Couchsurfing, eine Plattform, auf der man Reisenden einen kostenlosen Schlafplatz anbieten kann.

Problematisch ist nur, dass die Umsonstökonomie, so wie sie jetzt existiert, keine echte Lösung sein kann, denn sie funktioniert eben nur aufgrund des Warenüberflusses in unserer Gesellschaft. Immanente Systemfehler wie die Postulierung ständigen Wachstums behebt auch diese Parallelökonomie nicht, und man müsste einiges am Wirtschaftssystem an sich ändern, damit solche Notlösungen überflüssig werden. Trotzdem weist die Umsonstökonomie vielleicht in die richtige Richtung: Was, wenn es bei der Wirtschaft überhaupt nicht ums Tauschen, sondern ums Teilen geht, ums Miteinander? So wie es uns im Übrigen auch die Natur und unser eigener Körper vormachen, und wie es der Biologe Bruce Lipton in der diesjährigen Septemberausgabe von SEIN beschrieb.
Eingebettet in die Zwänge des Systems scheitern nicht wenige Umsonstläden, weil die ­Ladenmiete eben trotz allem doch erbracht werden muss, oder sie verkümmern an mangelnder Verantwortung der Nutzer. Denn damit solche Lichtungen im kapitalistischen Dschungel bestehen können, ist es nicht mit dem simplen Vorbeibringen von Waren getan, sondern die Läden brauchen auch Unterstützung und Beteiligung an organisatorischen Arbeiten und der Verwaltung. Zusätzlich braucht es ein Augenmerk, dass die Läden nicht nur als Verteilerstelle für Bedürftige enden oder isoliert werden und aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwinden. Unterstützung, Bekanntmachung und allgemeine Akzeptanz sind notwendig, damit die Umsonstläden für möglichst viele Menschen funktionieren und einen wirklichen Gegenpol darstellen können.

 

Umsonstökonomie und Alternativen

Umsonstökonomie ist eigentlich nur der Anfang. Worauf diese Wirtschaftsform hinauslaufen soll, ist allerdings noch nicht klar bzw. wird derzeit kontrovers diskutiert. Klar ist dagegen: Der Kapitalismus hat ausgedient, weil der andauernde Raubbau an der Natur und die Verarmung von immer mehr Menschen so nicht weitergehen kann. Eine Welt der gerechten Verteilung, ohne sinnlosen Überfluss und statt dessen mit gegenseitiger Unterstützung – das ist letztendlich ein Ziel der Umsonstökonomie.
Wem die Umsonstökonomie noch zu utopisch vorkommt, der kann sich auch bei den stärker verbreiteten Tauschringen umschauen. Diese funktionieren ebenfalls ohne gesetzliche Zahlungsmittel. Es gibt in Deutschland zirka 300 Tauschringe und allein in Berlin über 30. Was auf Dörfern schon seit Jahrhunderten gang und gäbe ist, erhält durch die Tauschringe auch im Stadtleben wieder Einzug. Getauscht werden hauptsächlich Dienstleistungen, zum Teil aber auch Waren – ganz nach dem Motto: Eine Hand wäscht die andere.
Was getauscht wird, hängt auch von der Größe der Region ab, in der getauscht wird. Im Internet gibt es zum Beispiel zahlreiche Plattformen, die fast nur Waren wie CDs, DVDs und Bücher anbieten gegen eine geringe Gebühr, die bei jedem Tauschgeschäft anfällt. Die Tausch-Webseiten wie beispielsweise hiflip.de, tauschticket.de oder balu.de sind im Gegensatz zu Tauschkreisen nicht regional gebunden, da die Waren problemlos verschickt werden können. Bei Tauschringen hingegen will man speziell auf den Dienstleistungsaustausch hinaus, und dieser funktioniert eher in der Nachbarschaft bzw. in kleineren Städten oder Stadtteilen.

 

Funktionsweise von Tauschringen

Um einen ausgewogenen Dienstleistungsaustausch zu gewähren, bekommt jeder, der in einen Tauschkreis aufgenommen wird, ein imaginäres Konto. Der Wert einer Arbeit wird von Kreis zu Kreis unterschiedlich bewertet. Einige gehen nach der Leistung. Dann ist zum Beispiel die Rechtsberatung mehr wert als eine Stunde Babysitten, wobei jedoch üblicherweise keine Leistung mehr als doppelt so hoch angesetzt wird wie eine andere.

Andere wiederum nehmen die aufgewendete Zeit als Maß. Eine Stunde ist eine Stunde, ganz egal, welche Dienstleitung erbracht wird. So soll eine Fairness zwischen den Mitgliedern erreicht werden, um niemanden zu benachteiligen. Es existiert auch die Möglichkeit, dass die Tauschpartner sich selber einigen. Dabei gibt es bestimmte Kriterien, die ein modernes Tauschsystem aufweisen sollte. Michael Linton, der Gründer des ersten modernen Tauschsystems Kanadas aus dem Jahr 1983, hat einige davon zusammengestellt: Es sollte ein Non-Profit-System sein, Bargeld wird weder ein- noch ausgezahlt, jeder beginnt sein Konto mit einem Null-Saldo, es gibt keine Kosten oder Einnahmen aus Zinsen, es besteht kein Zwang, etwas zu kaufen oder zu verkaufen, und die Kontostände und Umsatzvolumen aller Teilnehmer müssen offen dargelegt werden.

Ob Umsonstökonomie oder Tauschringe, die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt werden so gefördert – und natürlich die teilweise Unabhängigkeit vom vorherrschenden Wirtschaftssystem. Eine komplette Unabhängigkeit ist jedoch unmöglich mit diesen Systemen, denn der Bereich der Erwerbsarbeit wird nicht erfasst. Wenn man dafür auch noch eine Lösung findet, fällt der Abschied vom Kapitalismus um einiges leichter.


Umsonstläden in Berlin

Systemfehler Berlin-Friedrichshain
Scharnweberstr. 29
10247 Berlin
Öffnungszeiten: Mo-Do 17-20 Uhr
http://systemfehler-berlin.de.vu/
Tel.: 030-53 67 54 60

Umsonstladen Weißensee
Bernkasteler Straße 78
13088 Berlin
umsonstladen@kubiz-wallenberg.de
Öffnungszeiten: Di 16-19 Uhr (nur für Frauen/Lesben/Transen),
Do 16-19 Uhr

Umsonstladen Ula der TU Berlin
Einsteinufer 25
10587 Berlin
Auf dem TU Campus: HFT Gebäude neben Unirad (HFT 023 a und b)
Tel.: 030-31 42 32 92 oder 0178-292 33 45
Öffnungszeiten: Do 15-18Uhr
(Während der Semesterferien geänderte Öffnungszeiten)


Gute Webseiten zum Thema

www.kubiz-wallenberg.de/wordpress/umsonstladen/
www.tauschringe.de
www.de.freecycle.org/
www.viswapi.de/
www.webtauschen.de/
www.balu.de/content/home/infoTour/index.php
www.hitflip.de/
www.tauschticket.de/
www.tauschen-ohne-geld.de/tauschringe
www.autoorganisation.org/mediawiki/index.php/Anders_Leben/Anders_wirtschaften/Umsonst%C3%B6konomie


Abb: © psdesign1 – Fotolia.com

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