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Wie man einen Sonntag verbringt – davon hatte ich einmal sehr klare Vorstellungen: Schlafen, ausruhen, nichts tun. Oder: Wegfahren, Abenteuer erleben, Freunde besuchen.

Auf jeden Fall war der Sonntag heilig im Sinne von: Ich habe Zeit für mich und keine Verpflichtungen. Ich hätte mir nicht im Traum vorstellen können, dass es so weit kommen könnte, dass ich – freiwillig und mit Freude – jeden Sonntag zur ­gleichen Zeit am gleichen Ort das Gleiche tun würde: von 12 bis 13 Uhr meditieren am Brandenburger Tor.

 

Zu jeder Jahreszeit, bei brütender Hitze, bei Regen, bei Schnee und Eis: Wir treffen uns dort, um eine Stunde gemeinsam für den inneren und den äußeren Frieden zu meditieren.

„Wir“ sind Schüler und Schülerinnen der spirituellen Weisheits-Lehrerin Mariananda, die seit vielen Jahren in Berlin lehrt. Uns verbindet die Zugehörigkeit zu der spirituellen Gemeinschaft Sangha Blue Planet. Mariananda ist unsere geliebte Lehrerin und lebendiges Vorbild für gelebte Spiritualität. Für sie gibt es keine Trennung der Innen- und Außenwelt – persönliches, privates ebenso wie soziales Handeln und politisches Bewusstsein sind sichtbares Ergebnis spiritueller Arbeit.

Angefangen hat die Friedensmeditation im Jahr 2002. Die USA planten Krieg gegen den Irak. Gerhard Schröder lehnte eine Teilnahme Deutschlands an dem Krieg ab und vertrat damit die Meinung eines Großteils der deutschen Bevölkerung.

Mariananda initiierte einen Friedens-Meditations-Kreis am Brandenburger Tor, zu dem sie alle Schüler und Schülerinnen, Freunde, Bekannte, Interessierte einlud unter dem Motto des bekannten Mauerspruches „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“. Sie meldete die Meditation offiziell als Kundgebung bei der Polizei an. Und so treffen wir uns bis heute jeden Sonntag zur Meditation für inneren und äußeren Frieden auf dem Pariser Platz. Ein Polizist ist eigens dafür eingesetzt, damit er uns „bewacht“, und wir werden jedes Mal sehr freundlich von ihm mit Handschlag begrüßt.

 

„Was macht ihr da?“

Bevor wir uns zur  Meditation setzen, legen wir blaue Kissen in einen Kreis, sammeln Zigarettenkippen auf und gestalten die Mitte des Kreises mit einem Blumenmandala. Die vorbeigehenden Menschen wollen oft wissen, was wir da machen. „Wird das eine Sitzblockade?“ ist eine regelmäßige Frage.

Und schon kommen wir ins Gespräch. Einmal erklärten mir zwei Taxifahrer, die direkt neben unserem Kreis vor ihren Taxis standen und auf Fahrgäste warteten, dass das ja auch nichts an den politischen Verhältnissen ändern würde. Einer meinte: „Ihr sitzt euch hier den Arsch platt und dann? Dann wählt ihr doch auch nur alle CDU“.

Ich hörte ihnen zu, als sie erzählten, was genau sie an den Politikern ärgert. Einen von den beiden treffen wir nun fast jeden Sonntag an seinem Stammplatz. Inzwischen begrüßen wir uns freudig. Einmal hörte ich, als wir schon saßen, wie er Passanten stolz und anerkennend erklärte: „Die meditieren für den Frieden. Jeden Sonntag, bei jedem Wetter!“

Wir treffen auch andere „alte Bekannte“, wie den am Kopf tätowierten Fotografen, von dem man sich auf einer Postkarte verewigen lassen kann, oder den Polen, der in einer Ein-Mann-Demo den „korrupten“ polnischen Staat anklagt. Und natürlich die als Vopo und als amerikanischer Soldat verkleideten jungen Männer, die sich mit Touristen vor dem Brandenburger Tor fotografieren lassen, diesem historischen und symbolischen Ort, der für Trennung steht, für kalten Krieg, aber eben auch für gewaltfreie Vereinigung und für Frieden.

Wir sitzen mittendrin – im lebendigen Geschehen

Zwischen die Sitzkissen haben wir verschiedene Schilder ausgelegt: „You are welcome to join the meditation“. Auf den meisten Schildern stehen Zitate von Mariananda. Wir haben sie in verschiedene Sprachen übersetzt und wir hören, wie Menschen sie sich auf Englisch, Spanisch, Polnisch gegenseitig vorlesen:

„Frieden beginnt immer in dir. Immer. Realisiere das. Dann gibt es keinen Krieg mehr. Weder innen noch außen“.

Besonders ältere Menschen aus aller Welt sagen uns, wie berührt sie sind, wenn sie sehen, dass wir öffentlich für den Frieden eintreten. Viele von Ihnen haben den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt. Eine Irin sagte neulich mit Tränen in den Augen: „Oh that is so wonderful what you do – God bless you!“

Jedes Mal setzen sich Menschen unaufgefordert zu uns in den Kreis und meditieren mit.
Es liegen immer genügend freie Extrakissen im Kreis. „Voll krass“ sagte neulich eine Jugendliche zu ihrer Freundin, „ey, musste auch machen, das ist voll entspannend“. Manche lassen sich in Buddha-Pose vorm Brandenburger Tor fotografieren, summen „OOMMM“ und lachen mit ihren Freunden. Lachen sie uns aus? Macht nichts.

Wenn wir nach der Meditation im Café der direkt am Pariser Platz gelegenen Akademie der Künste zusammensitzen, tauschen wir unsere Erfahrungen beim Meditieren aus. Am Anfang habe ich oft erzählt, wie ich mich dabei beobachtet habe, dass ich bei den albern imitierten „OMs“ und bei manchen Kommentaren dachte: „Wie können die nur so respektlos sein“. Anderen ging es auch so und wir haben uns darüber amüsiert, wie sich da ein spirituelles Super-Ego einschleichen und wir uns unglaublich wichtig finden wollten. So nach dem Motto: “Hey, schaut mal her, wir meditieren! Bin ich nicht gut?!!!“

Es gibt den Begriff des spirituellen Narzissmus, das heißt, wir wollen von anderen Menschen Bestätigung dafür, wie vorbildlich, heilig, spirituell und erleuchtet wir doch schon sind. Und vor allem besser als alle anderen. Einbildung ist auch ´ne Bildung, würde meine Lehrerin dazu sagen. Für gedankliche Regungen dieser Art ist die öffentliche Meditation eine wunderbar korrigierende Schulung.

Oft teilen wir miteinander nach dem Meditieren, wie sich Stille und Verbundenheit in uns ausgebreitet hat. Einmal, als ich die Augen öffnete, sah ich, wie ein breiter Ring von Menschen sich um uns gebildet hatte, die andächtig da standen, als würden sie für einen Moment alles vergessen haben, was sie gerade noch beschäftigt hatte.

 

Stell dir vor, es ist Krieg…

Im vergangenen Jahr wurde pünktlich zum ersten Adventssonntag ein riesiger Weihnachtsbaum aufgestellt. Wunderschön. Aber durch die ausladende Tanne gab es auch weniger Platz.

So ging ich auf die beiden jungen Männer zu, die sich als Volkspolizist und amerikanischer Soldat vor dem Brandenburger Tor mit einem kleinen Podest für das ideale Berlin-Foto aufgestellt hatten.

Ich erklärte, dass wir unseren Meditationskreis zwischen ihnen und dem Baum auslegen wollten, und fragte, ob sie einverstanden seien. Vielleicht könnten sie ja noch ein bisschen zum Tor hinüber rücken, schlug ich vor. Sie sagten mir, das ginge nicht. Die Menschen, die sich mit ihnen und dem Brandenburger Tor fotografieren lassen wollten, bräuchten den Platz. Während ich mit ihnen sprach, unterbrach mich ein Touristenpärchen und fragte, ob ich ein Foto von ihnen und den Soldaten machen könnte. Ich: Ja klar! Kaum war ich fertig damit, stürmte eine etwa 15-köpfige italienische Reisetruppe auf die beiden verkleideten jungen Männer zu, ließ sich ausführlich gegenseitig fotografieren und hatte sehr viel Spaß.

Ich nicht! Wie sollten wir uns jemals Platz verschaffen und uns angesichts dieser wild gewordenen Menschenmassen behaupten, dachte ich. Es gab eine Debatte in unserer Gruppe zwischen denen, die sich vor den Baum setzten wollten, und denen, die keinen Konflikt wollten, und schließlich zogen wir ab und machten unseren Kreis hinter dem Weihnachtsbaum, wo kaum ein Mensch war.

 

…und keiner geht hin

Am Sonntag danach standen die „Soldaten“ noch näher am Weihnachtsbaum.
Was nun? Staunend sah ich, wie Monika aus unserer Gruppe auf die beiden Männer zuging. In ihrer Körperhaltung drückte sie Offenheit aus. Sie sprach kurz mit den beiden Männern, kam zu uns zurück, die wir mit unseren Taschen voller Kissen schon bereitstanden. Sie sagte: „Kein Problem, wir meditieren hier“. Plötzlich war genug Platz für alle. Die Touristen machten ihre Fotos mit Meditationskreis, den beiden „Soldaten“ und dem Brandenburger Tor.

Was hatte Monika anders gemacht?

Für sie war es überhaupt keine Frage, dass wir dort meditieren, es war SELBST-verständlich und sie hatte nicht den geringsten Zweifel in sich. Mit dieser Haltung ging sie auf die beiden Männer zu. Sie wollte weder deren Erlaubnis noch erwartete sie Widerstand.

Dass wir für den Frieden meditieren, fanden sie gut, und plötzlich waren wir ein Team. Bevor die Meditation begann, kam einer der beiden Männer zu uns und erzählte von seinen eigenen Meditationserfahrungen. Als wir schließlich meditierten, sprach er die vorbeigehenden Menschen zwischendurch immer wieder an und sagte: „ Sie können sich auch dazu setzen und mitmeditieren!“.

 

Deine Gedanken erfinden deine Welt

Ohne Vor-Urteil steht da ein junger Mann, der sich auch für Meditation interessiert. Und noch vor einer Woche stand da ein „Feind“, der uns den Platz zur Friedens-Meditation scheinbar streitig machen wollte. Jetzt erlebten wir gemeinsam Frieden. Deine Gedanken erfinden deine Welt. Es gibt keine andere – wie Mariananda sagt.

Ich war mit dem Gedanken zu ihm gegangen: Wir müssen uns behaupten! Das ist bereits der allererste Schritt in den Krieg. Nur ohne Gedanken und Erwartungen können wir offen sein für das, was ist. Das ist das, was wir in unserer spirituellen Schulung lernen. Mariananda hat uns zur Hilfe, als Leitfaden für den Alltag und als innere Checkliste, folgende Worte gesagt, auf die es gilt immer unsere Aufmerksamkeit zu richten: Sei ohne Erwartung, Strafe, Schuld und Vergleich. Sie seien wie die zehn Gebote, nur einfacher. Im Kern geht es immer um dasselbe. Vertrauen, Liebe, Wahrheit, Gott. Frieden ist auch ein Wort dafür.

Werden mich die Menschen für verrückt halten, wenn ich ihnen sage, dass die Begegnungen mit Mariananda und die Friedensmeditation das Wichtigste in meinem Leben geworden sind?

Auch das – nur ein Gedanke. Die Wahrheit ist, dass ich mich auf jeden Sonntag freue und jedes Mal die heilende und kraftvolle Energie des Meditations-Kreises und der Gemeinschaft erfahre und erfüllt und erfrischt nach Hause gehe.

 

YOU ARE WELCOME TO JOIN THE MEDITATION

Jeden Sonntag

12-13 Uhr auf dem Pariser Platz

Mariananda

Herzensbildung – Weisheit und Wissen
Öffentliche Treffen in Berlin – Satsang, Enneagram-Training, Retreats.
Nächste Termine: „Das Geheimnis der Freiheit“ – Integrales Enneagram 1 vom 8.-10. April, Satsang am 5. Juni.

Infos unter www.enneagramtraining.de

Heike Krups-Tischer

Tel: 030 – 77 20 68 39

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