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Theater und Ritual werden schon seit Menschengedenken als heilende Methoden eingesetzt. Bereits in frühen Stammeskulturen gaben Schamanen mit Schauspiel, Tanz und Ritualen der Gemeinschaft die Möglichkeit, ihre Ängste zu konfrontieren, Hoffnungen symbolhaft auszudrücken, ­Freude zu zelebrieren oder sich für bestimmte Situationen oder Übergänge vorzubereiten. Diese – und viele moderne therapeutische – Ansätze haben in der Theatertherapie ihren Ausdruck gefunden.

 

 

Ganz natürlich nutzen wir als Kinder das theatrale Spiel, um innere Konflikte und äußere Realität zu verarbeiten, indem wir sie symbolhaft in den Ausdruck bringen. Das Kind kann im Rollenspiel angestaute Gefühle befreien, Hoffnungen und Wünsche ausdrücken, ein Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit erreichen… und es kann für reale Lebenssituationen üben.

Vor zirka vierzig Jahren entstand die Theatertherapie, die methodisch und systematisch Übungen und Techniken aus dem Theater und dem Schauspieltraining einsetzt, um psychologisches Wachstum und Heilung zu fördern. Das Werkzeug hat seinen Ursprung im Theaterspiel, das Ziel liegt im Bereich der Psychotherapie. Theatertherapie (manchmal auch Dramatherapie genannt) gehört neben Tanz- und Musiktherapie zu den künstlerischen Therapien und ist bisher in Deutschland wenig bekannt, wogegen sie in England, Amerika, Holland und Israel längst in die staatlichen Gesundheitssysteme integriert ist. Doch auch in Deutschland gibt es seit vielen Jahren Theatertherapie in psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen und Kliniken, in Psychotherapie- und Heilpraktiker-Praxen, im Strafvollzug u.v.m.

 

Dem Innenleben Ausdruck geben

Theatertherapie nutzt Bewegungs- und Kontaktspiele, Schauspiel-Übungen, Tanz, Atem & Stimme, Pantomime, Masken, Puppen, Improvisationen, literarische Vorlagen und vieles mehr. Sie wird im Einzelsetting oder in der Gruppe angeboten und eröffnet über das Spiel die Möglichkeit, dem individuellen Innenleben Ausdruck zu geben. Dies wirkt fast immer entlastend und befreiend. Im Schutz einer Rolle wird erfahrbar, was im realen Leben nur schwer oder gar nicht möglich ist, wie starke Gefühle auszudrücken.

Einerseits kann der Teilnehmer auf der Symbolebene etwas ausleben – zum Beispiel kann eine gewaltige Schimpftirade gegen den Chef im Spiel sehr befreiend sein. Auf der anderen Seite kann man anschließend einen diplomatischeren Weg für eine solche Begegnung erspielen und für das echte Leben erproben. Theatertherapie bietet die Möglichkeit, sich neue Räume zu eröffnen, alternatives Verhalten auszuprobieren, das Repertoire der eigenen „Lebensrollen“ zu erweitern. In der Therapie kann der Umgang mit Gefühlen, mit Nähe und Distanz, Macht und Ohnmacht, Selbstsicherheit und das Setzen von Grenzen direkt geübt werden.

Theatertherapie wird in allen psychosozialen Feldern angewandt. Unter anderem bei Depressionen, Ängsten, Zwängen, Burn-Out, Essstörungen… von Persönlichkeitsstörungen bis hin zu Psychosen. Ebenso wirkt Theatertherapie bei weniger „klinischen“ Themen wie Selbstunsicherheit, Leistungsdruck, der Unfähigkeit, mit bestimmten Gefühlen umzugehen oder kann einfach für die persönliche Entwicklung eingesetzt werden.

 

Stärkung der Ressourcen

In einer Theatertherapie bei Depressionen beispielsweise steht zunächst die Stärkung der Ressourcen im Mittelpunkt. Das Kreisen der depressiven Gedanken wird unterbrochen durch Spiele und Übungen, die die Teilnehmer in den gegenwärtigen Moment bringen und Humor und Lebensfreude wecken. In der Gruppe wird spielerisch der Kontakt gefördert, Stress abgebaut und die Vitalität angeregt. Requisiten und Kostüme sprechen die sinnliche Wahrnehmung und die Phantasie an. Das kann in einfachen Übungen bis hin zu ersten improvisierten Spielszenen geschehen. Das Hineinschlüpfen in andere Rollen kann ein wenig „Urlaub vom Ich“ bedeuten und Distanz zum eigenen Grübeln schaffen.

Die Theatertherapie schöpft aus einem reichen Fundus von therapeutischen Methoden und Interventionsmöglichkeiten. Dazu gehört auch die Arbeit mit Märchen und Mythen. Im Schutz der Rolle können Gefühle erlebt werden, die im realen Leben nur schwer auszudrücken oder oft gar nicht möglich sind. Als Hexe oder Wolf, als Schneewittchen, Prinz oder Aschenputtel darf man böse sein, hassen, schön oder hässlich sein, Kraft zeigen, Lust fühlen, Schmerz wahrnehmen oder Bedürftigkeit zeigen.

 

Kleine Rolle, große Wirkung

Ein Beispiel aus meiner Praxis: In den ersten beiden Sitzungen einer Theatertherapie-Gruppe taucht  das Thema Selbstwert auf. Nachdem die Gruppe in einfachen Spielszenen ein grundlegendes Vertrauen untereinander aufgebaut hat, beschäftigen wir uns mit einem Märchen, das ein Aschenputtelmotiv enthält. Jeder wählt eine Szene aus dem Märchen, die ihn am meisten berührt hat. Heute ist die Szene dran, in der die böse Stiefmutter dem Mädchen eine unlösbare Aufgabe gibt. Die Teilnehmer wählen ihre Rollen selbst. Ein Teilnehmer ist der 48-jährige Johann. In den letzten Sitzungen zeigte sich sein Thema darin, dass er sich selbst oft unter starken Druck setzt, hohe Erwartungen an sich hat und ­immer wieder daran scheitert und dann leidet. Heute möchte er nicht mitspielen. Es geht ihm nicht gut und er fühlt sich der Aufgabe nicht gewachsen. So übernimmt er die Rolle des Zuschauers. Später biete ich ihm an, die Rolle ­eines Baumes zu spielen, unter dem sich ein Mädchen schlafen legt. Er nimmt die Rolle an und tut nichts weiter, als auf der Bühne zu stehen und die Arme auszubreiten. Später in der Nachbesprechung beschreibt er das als starke Erfahrung: Er fühlte sich als Baum sehr in sich ruhend, stark und gleichzeitig losgelöst. Er hatte Mitgefühl mit dem Mädchen und wusste gleichzeitig, dass er nichts für sie tun konnte, als einfach bedingungslos da zu sein und die schützenden Äste auszubreiten. So hat Johann durch eine winzige Rolle die bedeutsame Erfahrung machen können, wie es möglich ist, einfach nur da zu sein, ohne etwas tun zu müssen, und sich dennoch erfüllt und eingebunden zu fühlen.

 

Die eigenen Muster umschreiben

Im fortgeschrittenen Therapieverlauf beginnen die Teilnehmer deutlicher ihre eigenen Muster und Themen zu erkennen, da sie sich im Spiel immer wieder zeigen. Die Motivation, etwas zu verändern, wird stärker und die Therapie bietet den Raum, dies auch gleich auszuprobieren. Neue Rollen oder Szenen entstehen oder alte werden einfach umgeschrieben. Aschenputtel leistet  diesmal Widerstand und steht gegen die Stiefmutter auf. In einer Gruppentherapie werden in diesem Stadium einzelne Teilnehmer auch mal zum Protagonisten für die ganze ­Sitzung. Eigene biografische Erfahrungen ­bieten jetzt das Spielmaterial und helfen, noch tieferliegende Ursachen für die jeweilige Symptomatik zu entdecken und zu verarbeiten.

Theatertherapie erfordert kein schauspielerisches Talent. Es gibt  keinen künstlerischen Anspruch, einzig die eigene Erfahrung zählt. Jede und jeder kann von der Theatertherapie profitieren.

Leider ist die wissenschaftliche Forschung über die Theatertherapie und ihre Wirksamkeit noch sehr jung, deshalb ist Theatertherapie heute noch nicht kassenärztlich anerkannt. Doch die Praxis zeugt überaus positive Erfolge.


Abb: © Scott Griessel – Fotolia.com

Über den Autor

Avatar of Jakob Heydemann

ist Yogalehrer und unterrichtet in Charlottenburg bei Lernen in Bewegung e.V., in Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg, mal sanft und sensibel, mal dynamisch und fordernd. Er bietet Yoga-Einzelunterricht und Coaching im therapeutischen Sinne als Heilpraktiker für Psychotherapie. In Seminaren, Workshops und Yogaferien lässt er auch seine Erfahrung als somatischer Bewegungslehrer einfließen.

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