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Wir erziehen unsere Kinder – nach unseren Vorstellungen und in den – oft engen – Grenzen unseres Bewusstseins. Sie einfach sein und wirklich eigene Erfahrungen machen lassen – das können wir unseren Kindern meist nicht zugestehen, weil man es uns selbst nicht erlaubte und uns nun das Vertrauen fehlt, dass sich Leben auch ohne unsere Kontrollversuche richtig entwickelt.

 

Was für eine Zukunft wünschen wir uns eigentlich für unsere Kinder? Eine Zukunft, die uns und unseren Erwartungen entspricht? Oder eine Zukunft, die unseren Kindern entspricht? Wollen wir sie nach unseren Normen erziehen, damit sie so werden, wie wir oft erzogen worden sind: angepasst, eingeschränkt, mit wenig Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, mit dem Fokus vornehmlich auf dem Fehler, dem Mangel? Oder haben wir den Mut, ihnen den Raum zu geben, ganz sie selbst zu sein, da wir von unseren Erwartungen an sie ablassen? Und das heißt nicht, ihnen keine Grenzen zu setzen. Es heißt, uns unserer eigenen Grenzen bewusst zu sein, damit wir ihnen Grenzen setzen können, die ihnen Orientierung und damit Sicherheit bieten, Grenzen, die unseren Raum und ihren Raum achten, damit ihr innerer Reichtum Ausdruck finden kann.

Wahre Begegnung kann nur an Grenzen geschehen. Und wahre Begegnung ist das, was unsere Kinder brauchen, wahre Begegnung aus dem Herzen, damit sie sich gesehen und erkannt fühlen in dem, was sie sind.

Als Lehrerin habe ich immer wieder festgestellt, wie wichtig diese Begegnung für die sogenannte „Leistung“ ist. In großen Klassen war es mir nicht möglich, innerhalb einer Schulstunde zu allen Schülern Blickkontakt aufzubauen. Diejenigen, die sich aufgrund des mangelnden Blickkontakts über mehrere Stunden oder Wochen nicht von mir wahrgenommen fühlten, ließen stets merklich in der Leistung nach.

 

Unterrichten ist Beziehungsarbeit

Das Wichtigste, was ein Lehrer in seiner Ausbildung – unabhängig von der Schulform – daher lernen sollte, ist die Tatsache, dass Unterrichten in erster Linie Beziehungsarbeit ist, Begegnung von Mensch zu Mensch. Wir lernen in Beziehung, und je jünger wir sind, desto mehr lernen wir durch Nachahmung in Beziehung. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass der beste Unterricht am Schüler vorbeigeht, wenn der Schüler oder die Schülerin sich nicht in Beziehung zum Lehrer oder zur Lehrerin wahrnimmt. Wenn Schüler ihre Lehrer mögen, dann lernen sie fast für ihn oder sie, da es ihnen Freude bereitet, dem Lehrer Freude zu bereiten.

Doch Vorsicht: Ein Lehrer kann es nicht erzwingen, dass seine Schüler ihn mögen. Er kann erreichen, dass sie ihn achten, da er sich bzw. seine Grenzen und seinen Raum achtet, er kann es jedoch nicht „machen“, wie viel „Leistung“ er auch erbringt, dass seine Schüler ihn mögen oder gar lieben.

Das beste Mittel, geliebt zu werden, ist, sich selbst zu lieben. Denn da unsere Umwelt unser Spiegel ist, der uns die Möglichkeit gibt, Bewusstheit über uns selbst zu erlangen, wird jemand, der sich selbst liebt und anerkennt, auch anderen leicht Anerkennung zollen können und so auch viel Anerkennung ernten. Und damit sind wir bei der Eigenverantwortung: Alles, was mir im Außen widerfährt, hat zumindest mit mir zu tun, vor allem dann, wenn es mich in Wallung bringt, wenn ich es nicht einfach registrieren kann, ohne mich aufzuregen.

 

Kinder spiegeln uns

Wenn wir das konsequent weiterdenken, dann ist auch jeder Schüler ein Spiegel für seine Eltern und Lehrer. Und Spiegel sind manchmal höchst unbequem, denn sie zeigen uns auch unsere sogenannten Schwächen, unsere Ängste, all unsere ungeliebten Anteile. Und es ist ein fataler Fehlschluss, zu meinen, sich die Dinge, die man nicht mag und die einem höchst unsympathisch sind, vom Halse halten zu können, indem man sie verurteilt, abwertet und vielleicht sogar meint, „so etwas“ würde man selbst nie tun oder damit hätte man rein gar nichts zu tun.
Kinder sind in ihrer Echtheit „gnadenlose“ Spiegel, und das ist letztlich ihr Geschenk an uns. Gerade die sogenannten „schwierigen“ Kinder zwingen uns, uns zu hinterfragen, unser Weltbild in Frage zu stellen. Und das macht Angst, das bringt uns auf unbekanntes Terrain, wo wir uns zunächst nicht sicher fühlen.

Wie oft habe ich Sätze gehört wie: „Der ist zu dumm, um …“. Wenn ich als Lehrer keinen Erfolg habe, dann bin ich schnell versucht, die „Schuld“ beim Schüler zu suchen oder in der Erziehung durch die Eltern. Als Elternteil bin ich genauso versucht, bei sogenannten Schwierigkeiten dem Schulsystem oder dem Lehrer die „Schuld“ zu geben. Doch damit gebe ich meine Eigenverantwortung und vor allem meine Macht ab. Ich werde zum Opfer der Umstände, zum Opfer der Unfähigkeit anderer. Und damit kann ich nichts verändern, da ich in mir nichts verändere.

 

Den Spiegel annehmen

Vor einigen Monaten habe ich eine sehr interessante Erfahrung gemacht. Eine Bekannte bekam eine Stelle an einer internationalen Schule, wo sie in der zweiten und fünften Klasse Deutsch als Fremdsprache unterrichtete. Mir fiel sofort auf, dass sie mit „den neuen Methoden“ arbeiten wollte, das heißt, sie war bereit, den Kindern viel Freiheit in Bezug auf ihre Art zu lernen zu geben, und sie war vor allem bereit, ihre Eigenverantwortung, die volle Verantwortung für sich selbst, zu übernehmen.

Sie bat mich um Unterstützung, und wir erhielten beide Unterstützung durch eine Instanz, die einen größeren Überblick hat, nämlich durch den Aufgestiegenen Meister El Morya, der mir ein neues Lehrerbuch (siehe Infoteil) immer passend zu ihrer jeweiligen Situation durchgab. Das heißt, sie erlebte etwas in der Schule und zeitgleich erhielt ich das passende Kapitel.

Und es war sehr beeindruckend, was sie erlebte. El Morya sagte, dass schwierigste Schüler zu Lämmern werden, wenn wir uns anschauen, welchen Anteil unserer selbst sie uns spiegeln, und wenn wir bereit sind, diesen Anteil in uns anzunehmen. Und genau das geschah: Ein sehr aggressiver Schüler, den sie hatte, der sie wirklich an ihre Grenzen brachte, wurde völlig unproblematisch, ja sogar liebevoll und fürsorglich, als sie sich mit ihrem eigenen entsprechenden Anteil aussöhnte. Ein Mädchen, das sie ständig übersah, kam völlig offen auf sie zu, als ihr bewusst geworden war, dass dieses Mädchen ihr ihren „Träumeranteil“ spiegelte, und sie diesen Anteil integriert hatte.

Wir waren beide immer wieder überrascht und tief berührt, wie schnell sich Situationen veränderten, wenn sie wirklich bereit war, ihre Eigenverantwortung zu übernehmen.

 

Fehler machen ist okay

Wenn wir wirklich eine „bessere“ Zukunft wollen, dann sollten wir den Mut haben, unseren Kindern die Freiheit zu geben, die zu sein, die sie sind. Dann sollten wir aufhören, sie mit unseren festgefügten Erwartungen an sie einzuschränken. Dann sollten wir bewusst und mutig unserer Angst begegnen, dass wir „versagt“ haben, wenn unsere Kinder nicht der sogenannten „Norm“ entsprechend funktionieren.

Wir alle lernen nur, indem wir „Fehler“ machen, und wir machen Fehler, wenn uns etwas fehlt, Erfahrung, Erkenntnis, Übung. Hören wir auf, den Fehler als Übel anzusehen, hören wir auf, unsinnige Erwartungen an uns und unsere Kinder zu stellen. Wir SIND, und das ist genug. Wenn wir wirklich sein dürfen, geschieht das Tun ganz von selbst. Diese Erfahrung machen wir alle mit unseren Kindern, bevor sie in die Schule gehen, und vielleicht auch danach, wenn sie nämlich auf Personen oder Schulen treffen, die ihnen den Raum gewähren, die zu sein, die sie sind.
Wie sehr unsere Angst unsere Kinder beeinträchtigen kann, zeigt ein Auszug aus dem „Lehrerbuch: Über das gewaltfreie Unterrichten“, das genauso gut „Elternbuch“ heißen könnte:

Erziehungsversuche fördern Unselbstständigkeit

Stellen wir uns Eltern vor, die in der Lage sind, der Entwicklung ihres Kindes mit Gelassenheit und einer großen Portion Vertrauen in ihr Kind beizuwohnen. Stellen wir uns als Gegenstück Eltern vor, die bei jeder Gelegenheit „korrigierend“ eingreifen, um dem Kind zu helfen, sich „optimal“ zu entwickeln. Nehmen wir an, die Kinder verbringen die meiste Zeit mit ihren Eltern, so dass die unterschiedlichen „Erziehungsversuche“ nicht durch andere Personen gestört oder relativiert werden. Das Kind der gelassenen Eltern, das zwar ein geschütztes, liebevolles Umfeld hat, sich die Welt aber nach seinem Tempo erschließen kann, hat vor allem einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem Kind, dem ständig „geholfen“ wird: Es kann sich frei entwickeln, es kann die Freude am Lernen erfahren, die Freude an der Eigenständigkeit, und es kann Vertrauen in sein Lernen und seine Fähigkeiten entwickeln. Und damit hat es einen wunderbaren Start ins Leben.

Das andere Kind wird zwar auch viele Entwicklungsschritte durchlaufen, es wird aber kaum die Möglichkeit haben, sich selbstständig Dinge zu erschließen und die Freude am eigenen Erfolg zu erfahren, denn dieses Kind erfährt bei all seiner Entwicklung die Abhängigkeit von den Eltern.

Warum können so wenige Eltern die Entwicklung ihrer Kinder so wenig gelassen begleiten?
Warum haben so wenige Eltern Vertrauen in die Fähigkeiten und das Entwicklungspotenzial ihrer Kinder? Nun, die meisten von ihnen hatten selbst keine oder kaum eine Möglichkeit, „ungestört“ heranwachsen zu können, ein freies und lernförderndes Umfeld zu haben, das ihnen die Möglichkeiten gab, sich mehr oder weniger eigenständig zu entwickeln. Es fehlt ihnen das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, in das eigene Lernpotenzial und damit auch das Vertrauen in das Potenzial ihrer Kinder. Und so meinen sie, ihre Kinder fördern zu müssen, und bemerken dabei nicht, dass sie ihre Kinder immer wieder entmündigen, dass sie ihnen die Möglichkeit nehmen, aus sich selbst heraus zu lernen, die Welt zu erkunden und zu begreifen und so ein tiefes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln.

 

Potenzial entwickeln statt Norm erfüllen

Treten wir einen Schritt zurück. Lassen wir den Kindern Zeit, sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln. Nicht jeder wird später ein begnadeter Turner oder ein begnadeter Dolmetscher. Jeder hat seine eigenen Fähigkeiten, sein ureigenes Potenzial. Und er ist gekommen, dieses Potenzial zu entwickeln, nicht ein von der „Norm“ vorgeschriebenes.

Lassen wir unseren Kindern Zeit, sich zu entwickeln. Erziehen wir sie nicht nach Normen, die ihnen nicht entsprechen, erwarten wir von ihnen nicht Dinge, die nicht ihrem Potenzial entsprechen, denn damit schaden wir ihnen nur.
Und vor allem: Überprüfen wir immer wieder, warum wir unseren Kindern „helfen“, Normen zu erfüllen. Überprüfen wir immer wieder, ob wir etwas von unseren Kindern erwarten, weil wir selbst Angst haben, Normen nicht erfüllen zu können, weil wir meinen, nicht „in Ordnung“ zu sein, wenn wir oder unsere Kinder von der Norm abweichen. Überprüfen wir immer wieder, ob wir Angst haben, nicht in Ordnung zu sein, wenn unsere Kinder nicht „richtig“ zu sein scheinen.


Abb.: © Glenda Powers – Fotolia.com

Literatur:

 

Das Praxisbuch: Hilfsmittel und Methoden für den gewaltfreien Unterricht – Ein Begleitbuch für den Suchenden (2010)

 

El Morya: Das Lehrerbuch: über das gewaltfreie Unterrichten Herzens-Bildung 1 & 2

 

 

 

 

 

 

 

(alle Bücher im ch-falk-verlag)

Über den Autor

Avatar of Christine H. Warcup

arbeitete fast 20 Jahre lang als Studienrätin für Biologie und Französisch, bevor sie 2001 zusammen mit ihrem Mann den Öffentlichen Dienst verließ, um für ihre gemeinsame Vision der Veränderung von Schule zu wirken.
Sie arbeitet heute in ihrer Praxis für Herzens-Bildung, gibt Einzelsitzungen, Seminare, Schulungen, Vorträge etc. Schwerpunkt ihrer Arbeit ist das Erkennen und Auflösen alter, einschränkender Glaubenssätze, eine Voraussetzung für das Erlangen innerer Freiheit, die wiederum die Voraussetzung dafür ist, anderen Freiheit gewähren zu können.

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