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Auf dem Weg zu einer aufgeklärten Spiritualität

Rationalität und Spiritualität wurden lange Zeit als Gegensätze begriffen. Der Verstand überhaupt und logisches Denken im Besonderen gilt noch heute vielen Suchern als Feind und jedem Fortschritt hinderlich.

Dafür gibt es auch guten Grund. Was letztendlich zum Erwachen führt, ist sicher nicht rationales Verstehen, sondern nach allem, was wir von Erwachten wissen wohl eher Hingabe – Hingabe an das Jetzt, Gott, das Selbst oder wie auch immer man es nennen mag. Hingabe erfordert keinen Verstand und ist auch nicht durch logisches Denken oder Verstehen erzeugbar. Ja, Hingabe ist überhaupt nicht „machbar“. Hingabe geschieht. Ein Schneemann, der in der Sonne schmilzt, kann dieses Schmelzen weder tun noch irgendwie beschleunigen – alles, was er tun kann, ist, sich wiederholt der Sonne auszusetzen.

Ein zweites gutes Argument gegen die Rationalität finden wir in unserer abendländischen Philosophie. Denn all unsere großen Denker mögen zwar logische Höhen erklommen haben, die viele von uns nicht mal im Ansatz nachvollziehen können, als „erwacht“ sind aber wohl die wenigsten von Ihnen anzusehen – die meisten waren vielmehr höchst sonderbare und oftmals wohl auch sehr unglückliche Menschen.

Und drittens wären da noch die vielen Zitate der heiligen Schriften, die uns vor allzu viel Gelehrsamkeit dringend warnen. Fast alle Weisheitslehrer aus östlichen Traditionen raten ab von dem Versuch „es begreifen zu wollen“ und verweisen darauf, dass die letztendliche Realität in Worten nicht ausgedrückt werden kann.

Ganz offensichtlich kann das logische Denken allein also nur sehr bedingt weiterhelfen. Trotzdem: Ich behaupte, logisches Denken ist in weiten Teilen der Reise der beste Gefährte, den man sich wünschen kann – und der einem so manche Dummheit erspart.

Im Jana-Yoga und teilweise auch dem Advaita finden sich übrigens auch durchaus Lehren, die sich der Ratio bedienen und sie zur Ergründung der Wirklichkeit einsetzen. In der Therapie-Szene hat zum Beispiel Byron Katie’s The Work gezeigt, dass es sehr heilsam sein kann, den irregewordenen Mind mit Hilfe logischen Denkens wieder auf den Teppich der Tatsachen zu bringen.

 

Glauben ist gut – wissen ist besser

„Authentische Religion erfordert eine experimentelle Untersuchung der inneren Welt; die Sehnsucht nach Wahrheit ist dabei essentiell. Um authentisch religiös zu sein, brauchst Du eine Leidenschaft für überprüfbare Wahrheit, die auf Vernunft gegründet ist und den Mut und die Verpflichtung, Dir selbst mit einem offenen Geist zu begegnen.

Es ist nicht erforderlich Deinen Glauben zu ändern, aber es ist erforderlich alle nicht beweisbaren Glaubenssätze aufzugeben und Logik und direkte Erfahrung auf Religion anzuwenden. Unüberprüfte Glaubenssätze sind ein Hindernis auf dem Weg zur Wahrheit.

Gott oder die absolute Wahrheit ist nicht, was Du denkst. Die ultimative Wahrheit ist konzeptionell nicht zu erfassen.“ (Maitreya Ishwara: „Unity“)

In vielen spirituellen Bereichen gilt der blinde Glaube noch immer als Tugend – besonders dann, wenn die Lehre jeder Vernunft, Logik und gesundem Menschenverstand zuwiderläuft. In solchen Fällen muss dann auch nicht selten der Teufel herbeigeholt werden, der angeblich den Zweifel in die Seele gesät hat. Vielleicht weigert sich ein wacher Verstand auch zurecht, allzugroßen Unsinn zu glauben.

Das vorangestellte Zitat steht jedoch symptomatisch für eine neue Strömung der Spiritualität, welche die letztendliche Wahrheit ebenfalls für unaussprechlich hält und gerade deshalb jedes Konzept ablehnt, das sich nicht durch Erfahrung belegen lässt. Irrationale und auf blindem Glauben basierende Lehren werden von diesen Lehrern als nicht mehr zeitgemäß abgelehnt und es wird großen Wert auf logische Nachvollziehbarkeit und praktische Überprüfbarkeit der Aussagen gelegt.

Skepsis wird hier als eine Tugend angesehen, sofern sie mit einer absoluten Offenheit gegenüber neuen Ideen und dem experimentellen Umgang mit ihnen einhergeht. Glaube hingegen hat nach dieser Auffassung keinen praktischen Nutzen, denn nur eine Erkenntnis, die sich aus persönlicher Erfahrung ableitet, hat wirklichen Wert. Geglaubtes muss nach dieser Auffassung immer wieder hinterfragt werden. Dies entspricht in etwa der wissenschaftlichen Methode zur Erkenntnisgewinnung, bei der Wissen nie als statisch angesehen wird, sondern sich stets an der beobachteten Wirklichkeit neu bewähren muss.

 

Ewige Wahrheit?

Besonders die etablierten Religionen, aber auch viele Gurus behaupten, das direkte „Wort Gottes“ zu verkünden – und damit eine ewige, unabänderliche und nicht anzuzweifelnde Wahrheit. Diese Behauptung ist nach Ansicht vieler moderner Lehrer nicht haltbar. So etwas wie die engültige Wahrheit existiert nach dieser Ansicht nicht. Auch religiöses Wissen verändert sich mit der Zeit – genau wie in der Wissenschaft werden die Konzepte immer feiner, durchdachter und effektiver. Immer mehr Aberglaube (= veraltete Erklärungsversuche) kann zu den Akten gelegt werden.

Besonders in Wechselwirkung mit den von „spirituellen“ Menschen oft verachteten Naturwissenschaften entwickelt sich die Philosophie (und etwas anderes sind auch spirituelle Konzepte letztlich nicht) immer weiter. Heute schleudert kein Zeus mehr seine Blitze – und Regen kann man heute ganz ohne Medizinmann durch Himmelsakupunktur erzeugen. Vieles Wissen, was dabei heute scheinbar neu entdeckt wird (und von der Wissenschaft teilweise erst noch anerkannt und integriert werden muss), ist zwar schon seit Jahrtausenden bekannt, wird nun aber konzeptionell neu erfasst und begriffen.

Wenn man so will, befinden wir uns also in einer Zeit der „spirituellen Aufklärung“, in der wir uns auf den Kern der Spiritualität (zurück-)besinnen und Ideologien und Mythen mehr und mehr beiseitelassen. Dies führt hoffentlich zu einer „praktischen Spiritualität“, die der Zeit der Religions- und Ideologiekriege endlich ein Ende bereitet.

 

Wahrheit oder Nützlichkeit?

Da Wahrheit nach dieser Auffassung konzeptionell nicht zu erfassen ist, kann es keine in Worten oder Gedanken formulierte „wahre“ Lehre geben. Die Wahrheit zu erkennen, heißt dem Unaussprechlichen zu begegnen und das ist immer anders, als man denkt – egal was man denkt.

Keine Lehre kann also den Anspruch auf die letztendliche Wahrheit erheben – sie kann allerhöchstens für eine gewisse Zeit nützlich sein. Entsprechend anders wird eine Lehre beurteilt:

Zunächst kann gefragt werden, ob die Lehre in sich logisch ist, oder sich schon selbst widerspricht.
Dabei ist zu beachten, dass Wahrheit durchaus paradox sein kann.

Dann kann gefragt werden, wie viel Glauben eine Lehre erfordert – denn oft kommt eine Lehre gleich mit einem ganzen Schrank voller Konzepte, die nur dann Sinn ergeben, wenn man sie alle zusammen glaubt.

Und schließlich und am wichtigsten kann noch gefragt werden, wieviel praktischen Nutzen eine Lehre hat. Welche Auswirkungen hat es, das zu glauben? Wie ist es mit und ohne diesen Gedanken? Trägt er zu Liebe, Akzeptanz und Bewusstheit bei? Überwindet ein Glaube die Dualität, oder erzeugt er eine weitere? Teilt er oder vereint er?

Ist eine Lehre logisch schlüssig, im Einklang mit der beobachteten Realität und positiv in ihrer Auswirkung, dann könnte sie dem spirituellen Fortschritt durchaus dienlich sein. Und auch ein Konzept kann ja in der Praxis getestet werden: Warum nicht mal eine gewisse Zeit versuchen etwas wirklich zu verinnerlichen und schauen, was es mit einem macht?

 

Offenheit vs. Leichtgläubigkeit

Besonders Vertreter der abstrusesten Theorien werfen „Zweiflern“ oft mangelnde Offenheit vor. Dabei verhält es sich nicht selten genau umgekehrt:Vor allem Menschen, die einem nicht beweisbaren Glauben anhängen, versuchen diesen mit oft erstaunlicher Engstirnigkeit gegen jedes bessere Wissen zu verteidigen und sind dabei alles andere als „offen“ für neue Ideen.

Etwas nicht zu glauben, bedeutet nicht, dass man etwas für unmöglich hält, es heißt lediglich, dass man bis zu diesem Zeitpunkt noch keinen schlüssigen Grund gefunden hat, eine Theorie für wahr zu halten. Man kann also durchaus „offen“ sein und etwas trotzdem nicht glauben: Wäre jemand in der Lage, gute Gründe zu nennen, kann sich eine Meinung jederzeit ändern. Offenheit zeigt sich nämlich allein dadurch, dass jemand bereit ist, stets alles, was er oder sie glaubt, infrage zu stellen – wenn es einen guten Grund dazu gibt. Alles Mögliche zu glauben, obwohl es keinen schlüssigen Grund oder gar Beweise gibt, ist hingegen kein Zeichen von Offenheit, sondern lediglich von Leichtgläubigkeit.

Wenn jemand erst Beweise verlangt, bevor er oder sie etwas glaubt, ist dies ebenfalls kein Zeichen dafür, dass diese Person nicht „offen“ ist, sondern ein Zeichen für ihre geistige Gesundheit. Offen für neue Ideen zu sein, ist nicht gleichbedeutend damit, jede Theorie wahllos und bedingungslos zu akzeptieren. Tatsächlich ist gerade das Verlangen nach Beweisen ein Zeichen für Offenheit, denn es bedeutet, auch weiterhin viele andere Erklärungsversuche für möglich zu halten und sich erst dann zu entscheiden, wenn einer davon besonders Wahrscheinlich erscheint oder einen offensichtlichen persönlichen Nutzen mit sich bringt.

Dass jemand an mehr Zeug glaubt, als jemand anderes, ist kein Zeichen für Offenheit, sondern vielleicht nur dafür, dass diese Person offenbar sehr leicht zu beeinflussen ist.

 

Freundschaft mit der Unwissenheit

Ein Argument, das oft bemüht wird, um zu beweisen, dass etwas zum Beispiel eine übernatürliche oder außerirdische Ursache hat, ist, dass es keine wissenschaftliche Erklärung für manche Phänomene gibt. Dies wird als negativer Beweis bezeichnet, denn hier wird ja nicht die alternative Behauptung bewiesen, sondern ihre Wahrheit grundlos aus der Unwahrheit einer anderen hergeleitet.

Dass es für viele Dinge keine wissenschaftliche Erklärung gibt, heißt aber eben erstmal nicht mehr als das: Es gibt (noch) keine wissenschaftliche Erklärung dafür. Das ist ganz normal – und absolut kein Beweis für eine übernatürliche Ursache. Im Grunde ist diese Argumentation sogar ein Widerspruch in sich: „Es gibt keine Erklärung, darum kann ich es erklären.“

Das soll nicht heißen, dass einige Dinge nicht vielleicht tatsächlich „übernatürliche“ Ursachen haben – sondern nur, dass es oft keine wirklich schlüssigen Hinweise für diese Annnahme gibt und viele Menschen trotzdem darauf beharren. Einer Möglichkeit gegenüber offen zu bleiben, ist sicherlich ratsam – solche Konzepte allerdings als „Wahrheit“ zu vertreten, entbehrt jeder Grundlage.

Was man generell beobachten kann, ist eine Grundangst gegenüber der Unwissenheit: Viele Menschen sind offenbar nicht bereit, die Antwort für manche Fragen offenzulassen – auch wenn es keine vernünftige Erklärung dafür gibt und die vorhandenen Antworten unlogisch sind. Zum Beispiel meinen manche, Gott müsse allein schon deshalb existieren, weil das Universum einen Ursprung haben muss. Gott wird aber wiederum definiert als das „Unerschaffene“ – warum kann man dann nicht einfach gleich das Universum als das Unerschaffene definieren? Und erneut: Das ist kein Beweis, dass es Gott nicht gäbe, sondern nur ein Beispiel für unlogische Erklärungsversuche.

Fast jede/r hat im Laufe seiner Suche einen Punkt, an dem er/sie erkennt: „Ich werde es niemals rausfinden! Vielleicht ist alles, was ich glaube falsch!“ Dem vorübergehenden Schock dieser Erkenntnis folgt eine große Entspannung – die Erleichterung es nicht mehr „wissen zu müssen“. Endlich ehrlich sein zu können mit sich selbst. Keine inneren Konzepte mehr gegen eigene Zweifel verteidigen zu müssen. Wahrheiten anderer stehen lassen zu können. Sich einem tiefen Vertrauen zu der eignen Intuition und Erfahrung hingeben zu können. Sich ganz dem Jetzt hinzugeben und der Gegenwart konzeptionslos zu begegnen.

 

Eine zeitgemäße Spiritualität

Sehen wir uns die großen Religionen an, so können wir feststellen, dass eine Entwicklung stattgefunden hat, bei der die eigentliche Praxis, nämlich Meditation, Andacht, Kontemplation immer mehr in den Hintergrund getreten ist und Schriftglauben, Rituale und blinder Glaube in den Vordergrund. Damit ist aber der wahre Kern der Religionen verloren gegangen, nämlich die direkte persönliche Gotteserfahrung. Erst dadurch war es möglich, dass die Gemeinsamkeiten der Religionen so sehr übersehen und die Unterschiede so sehr betont wurden, dass es sogar zu blutigen Kriegen kommen konnte. Diese Zeit der Trennung und Verwirrung geht nun hoffentlich zu Ende.

Dafür ist es nötig, den inneren Kern der Religionen wieder freizulegen – und es braucht eine wirkliche Sehnsucht der Suchenden, die Wahrheit tatsächlich selbst zu erfahren. Eine Bereitschaft alles zu hinterfragen, keinerlei vorgefertigte Meinung zu akzeptieren und nach der ganz eigenen Wahrheit zu suchen, ist Bedingung dieser neuen Spiritualität. Es geht nun einmal mehr um die Wahrheit des Herzens und wirklich verinnerlichte Wahrheit. Und die ist in keinem Vortrag und keinem Buch zu finden – das sollte man niemals vergessen. Alles Gesagte kann höchstens ein Finger sein, der auf den Mond zeigt, aber niemals der Mond selbst. Rationalität ist das beste Werkzeug, nicht in eigenen Konzepten verlorenzugehen – und vor allen Dingen nicht in den Zug Richtung Ideologie zu steigen.

Spiritualität ist eine Wissenschaft, ihr Experimentierfeld ist das Bewusstsein. Es ist kein Grund ersichtlich, warum an die Spiritualität nicht dieselben Bedingungen gestellt werden sollten, wie an die Wissenschaft. Und die lautet zu allererst: Etwas ist so lange als unwahr anzusehen, bis seine Wahrheit bewiesen ist. Bis zu diesem Punkt arbeiten wir mit nicht mehr als einer Hypothese, die weit offen ist für Modifikationen und Korrekturen.

Und wir sollten stets bereit sein zuzugeben: „Ich habe mich geirrt. Ich weiß es nicht.“

 

 

2 Responses

  1. Gina

    Und natürlich wird jedes rationale Verständnis hier herausgefiltert.
    Wie es die Kirche schon seit Jahrhunderten macht…den „Heiden“ den Mund verbieten, und „bist du nicht willig-so brauch ich Gewalt. Siehe Inquisituon!

    Werde den Beitrag nehmen, und mitsamt meinem Kommentar auf meiner Homepage veröffentlichen und zur Kommentation freigeben!
    *lol*
    LÄCHERLICHE BAUERNFÄNGEREI!

    Antworten
  2. Harry

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“
    André Gide, französischer Schriftsteller und Nobelpreisträger

    Schön, dass du Glaube und Religion trennst. Es wird leider zu häufig vergessen, dass diese Begriffe nicht das Gleiche beschreiben.
    L.G Harry

    Antworten

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