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ÜBERSEHEN , WAHRNEHMUNG UND BEWUSSTSEIN


„Die Regeln des Universums, die wir zu kennen glauben, sind tief in unseren Wahrnehmungsprozessen vergraben.“
Gregory Bateson

Die alte Frage, was die „Wirklichkeit“ ist und wie sie zu erkennen sei, hat der chilenische Biologe Humberto Maturana auf radikale Weise neu gestellt. In seinen zahlreichen Büchern – das bekannteste davon heißt „Der Baum der Erkenntnis“ – zeigt er, mit vielen Beispielen illustriert, daß Erkenntnis nicht – wie oft stillschweigend vorausgesetzt– die Abbildung einer objektiven Wirklichkeit ist.
Maturana stellt die These auf, daß wir die Welt, in der wir leben, durch unsere Wahrnehmung erschaffen. Er verfällt dabei jedoch nicht der Platitüde, daß jeder allein für sich seine Welt erschafft, sondern die Erschaffung der Welt in der Wahrnehmung ist eine gemeinsame Schöpfung von Menschen. Die Welt wird nicht isoliert im Gehirn eines Menschen erschaffen sondern ist ein Produkt der Kommunikation im weitesten Sinne.
Bei jedem Wahrnehmungsvorgang kommt es zu einer Wechselwirkung von Betrachter und Betrachtetem. Eine unabhängige, „objektive“ Welt existiert nicht, bzw. existiert als eine Welt von Schwingungen, die sich uns in sozial geprägter und individueller Form vermittelt.

Wir wollen uns in diesem Zusammenhang mit dem Aspekt des Sehens beschäftigen:
Die Vorstellung, daß es da draußen eine Welt gibt, deren Bild wir über unsere Augen aufnehmen können, um unserem Bewußtsein ein Abbild davon zu vermitteln, ist ein Trugschluß – darin sind sich Wissenschaft und Esoterik einig.
Das Sehen funktioniert grob vereinfacht folgendermaßen: Impulse erregen die Sehzellen in der Netzhaut. Die Impulse werden ins Gehirn verschaltet und zwar zu zwei verschiedenen Zentren: das, was unserem Bewußtsein als Bild erscheint ist ein Effekt, der in der Sehrinde im hinteren Teil des Großhirns erzeugt wird.
Ein anderer Teil der visuellen Information wird an die Mandelkerne geleitet, die sozusagen die emotionalen Zentren unseres Gehirns bilden. Dadurch erhalten unsere visuellen Eindrücke unweigerlich eine emotionale Färbung, die wiederum von unseren emotionalen Vorerfahrungen geprägt wird. Die visuelle Information wird also nicht einfach „nach hinten durchgeschaltet“ wie bei einer Telefonleitung und dort auf eine innere Leinwand projiziert. Vielmehr wird sie auf dem Weg zu ihrem Zielort im Gehirn von unzähligen anderen Nervenverbindungen beeinflußt, die durch unsere Vorerfahrungen in einer bestimmten Weise verknüpft sind und dadurch unsere Wahrnehmungsmechanismen repräsentieren.

Das unserem Bewußtsein vermittelte Bild entsteht also nicht in der Außenwelt, nicht in unseren Augen und auch nicht auf einer Art innerer Projektionsfläche; das Bild, das wir sehen ist ein Effekt der unendlich komplexen Vernetzung unseres Gehirns. Von den 100 Milliarden Nervenzellen unseres Gehirns haben 80% überhaupt keine Verbindung zu unseren Sinneszellen und Muskeln. Sie sind ausschließlich für diese interne Informationsverarbeitung und Speicherung zuständig – ein ungeheuer komplexes Universum, das unsere Wahrnehmung steuert und das Gedächtnis erschafft.

Humberto Maturana hat es sehr plastisch formuliert: „Die Wirkung der Projektion eines Bildes auf die Netzhaut wirkt in uns wie eine Stimme, welche zu den vielen Stimmen bei einer heftigen Diskussion in einer großen Familie hinzukommt, wobei der schließlich erreichte Konsens über zu unternehmende Aktionen nicht Ausdruck dessen ist, was die Familienmitglieder im einzelnen vorgebracht haben.“
Wir sehen also nicht die Wirklichkeit, wir sehen ein in unserem Gehirn und Bewußtsein aufgrund äußerer Reize entstandenes Bild.

Zu welchen ungeheuerlichen Leistungen unser Gehirn fähig ist, um uns eine „wirkliche“ Wirklichkeit vorzuspiegeln und wie unser Bewußtsein dauernd darauf hereinfällt, zeigt sich an der anatomischen Existenz des „blinden Flecks“: An der Stelle unseres Auges, an der sich der Sehnerv befindet, ist die Netzhaut für Licht unempfindlich, das heißt blind. Wir können an dieser Stelle keine visuelle Information aufnehmen. Diese Tatsache läßt sich leicht experimentell nachprüfen: Fixiere das Kreuz auf der Abbildung mit dem rechten Auge und halte dir dabei das linke Auge zu. Und dann bewege das Blatt in einem Abstand von ca. 15-20 cm vor dem offenen Auge hin und her. Dabei wirst Du eine Position finden, in der der schwarze Punkt neben dem Kreuz vollkommen aus deinem Blickfeld verschwunden ist!

Das Faszinierende dieses Versuchs ist nicht, daß wir in einer bestimmten Position den Punkt nicht sehen können, sondern daß wir mit einem Loch im Sehfeld durchs Leben gehen und dies normalerweise nicht bemerken. Unser Gehirn „errechnet“ in jedem Augenblick des visuellen Aufnehmens die fehlenden Teile und simuliert unserem Bewußtsein, daß wir das Ganze sehen.
Ein weiteres Beispiel ist das „virtuelle Dreieck“ auf der Abbildung oben. Unsere Sehgewohnheit läßt uns die Seiten des weißen Dreiecks „sehen“, obwohl sie auf diesem Bild gar nicht existieren. Wir interpretieren automatisch unseren visuellen Input durch ein Modell der Welt, das sich in unserem Gehirn geformt hat.
Dieses Modell und damit unsere Wahrnehmung kann auch durch Behauptungen anderer Menschen manipuliert werden. Die Gedächtnisforscherin Elisabeth Loftus führte in den 70er Jahren einige interessante Experimente zu diesem Phänomen durch. Ein Beispiel: Die Wissenschaftlerin zeigte ihren Studenten einen Film über einen Verkehrsunfall und fragte die Zuschauer nach dem Film: „Wie schnell war das Auto, als er an der Scheune vorbeifuhr?“ Einige Tage später wurden die Studenten über den Film befragt und eine beträchtliche Anzahl von ihnen erzählte von der Scheune. In dem gezeigten Film waren überhaupt keine Gebäude vorgekommen.
Die Wahrnehmung durchläuft also, bevor sie unser Bewußtsein erreicht, eine ganze Palette von Filtern, Ergänzungen und Verzerrungen. Das müssen wir wohl oder übel als Tatsache akzeptieren.

Die von uns wahrgenommene Wirklichkeit kann keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben: Sie ist durch unsere Mitmenschen, unsere Sozialisation und vor allem durch die Struktur unseres Nervensystems geformt. Es gibt keine vom Erkennenden unabhängige Realität, aber dafür gibt es – und das kann man mit Sicherheit sagen – eine unendlich viel reichere Wirklichkeit als wir jemals erkennen können.
Der spirituelle Lehrer Michael Barnett hat vor Jahren eine Meditation für die Augen entwickelt, die er „Tao Walk“ nannte. Man geht in die Natur und entspannt den Blick. Man stimmt sich darauf ein, daß die Augen rezeptiv und aufnehmend sind: Vom „ich sehe“ zum „ich lasse die Welt durch meine Augen in mich einströmen“. In diesem visuell-meditativem Zustand lasse ich mich durch die Natur bewegen. Durch die Augen nehme ich Kontakt auf zu den Kräften um mich herum und lasse mich von ihnen bewegen. Innerhalb kürzester Zeit ist die Art wie die Wirklichkeit „aussieht“ eine ganz andere.
Wir können immer nur einen Teil der Wirklichkeit sehen, aber wir können uns durch solche und ähnliche Wahrnehmungsexperimente verschiedene Aspekte und Ebenen der Wirklichkeit erschließen. Wir können dadurch unser Bewußtsein trainieren, die wahrgenommene Wirklichkeit nicht mehr mit der Wirklichkeit an sich zu verwechseln. Und das ist eine enorme Bewußtseinserweiterung.

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