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Eine von spirituellen Motiven getragene Reise durch Indien ist neben dem Besuch bekannter Pilgerzentren oft auch von der Suche nach einem spirituellen Lehrer geprägt. Viele dieser in Indien als Gurus bezeichneten Persönlichkeiten leben in einem Ashram, der meist von ihnen selbst oder ihren Vorgängern gegründet wurde.

 

Was genau ist ein Ashram? Um diese Frage zu beantworten, ist es hilfreich, zunächst den Begriff selbst genauer zu betrachten. Das Wort Ashram, manchmal „Ashrama“ und in Südindien „Ashramam“ geschrieben, bezieht sich innerhalb altindischer Literatur in erster Linie auf die Wohnstätte von Menschen, die ein religiösen Übungen geweihtes Leben führen, und zweitens allgemein auf eine religiöse oder heilige Lebensweise. Im Bezug auf die erstere Bedeutung wird der Begriff oft  als „Einsiedelei“ übersetzt, was die ursprüngliche Bedeutung eines Ashrams, dem in etwa die Funktion eines mittelalterlichen Klosters zukam, erkennbar werden lässt.

Im Kontext dieses traditionellen Verständnisses üben die Bewohner eines Ashrams unter der Anleitung eines Lehrers, der idealerweise selbst ein Adept, das heißt, ein Meister in den zu vermittelnden Übungen sein sollte. Als solcher wird er in der Regel als erleuchtetes Wesen betrachtet, also als jemand, dessen Verständnis des Lebens konventionelle Realitäten transzendiert und die höchste Wirklichkeit direkt und unmittelbar erfasst.

 

Ashrams heute

Obwohl die allgemein anerkannte Funktion eines Ashrams auch heute noch jene eines Ortes spiritueller Einkehr ist, hat die Moderne das Spektrum der Aktivitäten, die man früher mit dieser Institution verband, erheblich erweitert. So zeichnen sich heute viele Ashrams nicht zuletzt durch ein – von spirituellen Idealen getragenes – soziales Engagement aus. Typische durch Ashrams initiierte Wohlfahrtsprogramme reichen dabei vom Bau von Krankenhäusern und Bildungseinrichtungen bis hin zu Projekten zur Entwicklung einer besseren Infrastruktur, beispielsweise der Wasserversorgung in ländlichen Gegenden.

Manche als „Ashrams“ bezeichneten Institutionen lassen spirituelles Gedankengut vollständig vermissen – so werden gelegentlich Waisenhäuser und Schulen derart bezeichnet. Betrachtet man jene Ashrams, welche ihre Aufgabe primär in der Vermittlung spiritueller Inhalte und  Aktivitäten sehen, so ist es möglich, diese unter anderem anhand ihrer Zugehörigkeit zu der sie prägenden religiösen Tradition zu klassifizieren. So ist es beispielsweise verbreitet, die großen religiösen Strömungen innerhalb des Hinduismus entsprechend der im Zentrum ihrer Verehrung stehenden Gottheit zu kategorisieren. Üblich ist dabei eine Einteilung in shivaitische Traditionen, die sich auf Shiva beziehen, vishnuitische Traditionen, die Vishnu (und seine Inkarnationen Krishna und Rama) verehren, Shakta-Traditionen, welche die Göttin, oft Devi genannt, verehren und die Tradition der Smartas, die Shiva, Vishnu, Devi, den Sonnengott Surya und Ganesha anbeten. Diese vier Haupt-Strömungen vertreten zum Teil erheblich voneinander abweichende Praktiken und Glaubensüberzeugungen und besitzen eigene religiöse Führer, heilige Schriften und Ashrams.

 

Spirituelle Schulen

Maßgeblich für eine weitere Differenzierung dieser religiösen Gruppen sind besonders die mit diesen assoziierten philosophischen Schulen, welche ein großes Spektrum umfassen.

Verallgemeinernd lässt sich sagen, dass vishnuitische Strömungen sich an Gedankenschulen orientieren, die das Absolute als „göttliche Person“ betrachten und neben dem so genannten „qualifizierten Nichtdualismus“ auch ausgeprägt dualistisches Gedankengut vertreten, während shivaitische und durch die Göttin Shakti bestimmte Schulen überwiegend zu einer nicht-dualistisch orientierten Weltsicht neigen.

Von diesen auf die typischen Hindugötter ausgerichteten Ashrams abzugrenzen (keinesfalls immer eindeutig) sind die Institutionen diverser mystischer Strömungen, die oft durch weltanschaulich eigenständige Denker begründet wurden. Weitere bedeutende spirituelle Schulungszentren im Sinne der Ashramtradition sind die Institutionen des Jainismus sowie die fast ausschließlich klösterlich organisierten Einrichtungen des Buddhismus.

Für westliche Besucher Indiens ist die Auswahl an diesen Orten spiritueller Einkehr Indiens aus vielen Gründen erheblich eingeschränkt. Bei weitem nicht in allen Ashrams wird Englisch gesprochen, manche befinden sich in Gegenden, die für Nicht-Inder nicht oder nur schwer zugänglich sind, und gelegentlich ist die Scheu gegenüber Fremden so groß, dass Ausländer einfach nicht willkommen sind. Dessen ungeachtet existieren jedoch immer noch genügend für Ausländer zugängliche Ashrams, um eine lebenslange Reise durch Indien auszufüllen.

 

Wie findet der Suchende einen für ihn geeigneten Ashram in Indien?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn hier entscheidet letztlich die persönliche Neigung zur jeweiligen spirituellen Lehre, den praktischen Übungen und/oder der Lehrerpersönlichkeit. Die Erörterung folgender Fragen mag für den Suchenden hilfreich sein:
Welche Vorstellungen habe ich von spiritueller Praxis und wie decken sich diese mit den diversen Entwürfen indischer Tradition? Wie informiert bin ich über die Weltsicht der verschiedenen Strömungen? Gibt es Stile, Formen oder Inhalte spiritueller Lehren, die mich besonders anziehen oder abstoßen? In welchem Ausmaß bin ich bereit, mich bei praktischen Übungen und eventuell auch dem Studium der theoretischen Grundlagen eines Pfades zu engagieren? Wie schätze ich meine Erwartungen gegenüber spirituellen Autoritätspersonen ein? Was für Chancen und Gefahren sehe ich für mich in einem Guru-Schüler-Verhältnis? Und welche Möglichkeiten der Schulung in einem Ashram verbleiben mir, wenn ich ein solches Verhältnis völlig ablehne? Solche oder ähnliche Ergründungen mögen helfen, sich über einige der wesentlichen Komponenten des spirituellen Weges im Rahmen indischer Traditionen klarer zu werden.

Die wenige, englischsprachige Guide-Literatur zum Thema Ashrams in Indien ist leider mittlerweile veraltet. Natürlich hilft bei der Orientierung heutzutage auch das Internet, wenngleich man die Selbstdarstellung vieler Institutionen kaum immer als sachlich neutral bezeichnen kann. Deshalb kann es – besonders bei von charismatischen Gurus dominierten Institutionen – sinnvoll sein, das Internet auch nach kritischen Betrachtungen, zum Beispiel von Ex-Anhängern zu durchsuchen. Eine einfache Google-Suche mit den Begriffen „India“ und „Ashrams“ liefert zunächst jedoch genügend Linkseiten, über die sich viele der bekannten Ashrams aufrufen lassen.

Darüber hinaus ist bei der praktischen Suche jedoch ganz sicher auch das Vertrauen in eine Führung durch größere Mächte gerechtfertigt. Denn aus Sicht des indischen Weltbildes sind es besonders zwei Kräfte, welche den Weg jedes Suchenden mitgestalten. Die erste dieser Kräfte ist das metaphysische Prinzip von Ursache und Wirkung, Karma genannt, welches das Schicksal des Menschen entscheidend mitbestimmt und somit auch alle wesentlichen spirituellen Verbindungen zustande kommen lässt. Die zweite Kraft ist jene der göttlichen Gnade, welche jedem wahrhaft Suchenden den ihm angemessenen Weg zur spirituellen Vervollkommnung eröffnet. 

Dass solche Führung höchst real ist, bezeugen zahlreiche Erlebnisberichte, wie zum Beispiel der Klassiker spiritueller Literatur Indiens „Autobiographie eines Yogi“. Auch mir selbst wurde als junger Mann derartige wundersame Fügung zuteil, als mein inneres Drängen zur Begegnung mit meinem eigenen Lehrer führte und die sich daraus entwickelnde Situation mein gesamtes Leben neu ordnete.

 

Spirituelle Schulung oder Personenkult?

Durch die dem Guru zugewiesene zentrale Rolle im religiösen Denken Indiens ist seine Verehrung wesentlicher Bestandteil vieler Ashramroutinen. Es existiert jedoch ein Unterschied zwischen Strömungen, die – trotz aller Guruverehrung – auf bewährten spirituellen Schulungswegen basieren, und Bewegungen, in denen ein offensichtlich blinder Personenkult den auffälligsten Angelpunkt des weltanschaulichen Gedankengebäudes bildet. Letzteres Phänomen ist besonders häufig in Ashrams zu beobachten, deren Guru seine Autorität nicht auf die Ermächtigung durch eine traditionelle Lehrer-Schüler-Übertragungslinie zurückführt, sondern sich schlicht selbst zum Heilsbringer ernannt hat.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass auch ein Teil der im Westen bekannten Gurus in letztere Kategorie fällt, darunter vielfach auch jene, welche mit ihrem Verhalten maßgeblich das von der Klatschpresse verbreitete Bild vom Guru als dubiosen Seelenfänger mitbegründet haben.
Wachsamkeit ist somit gegenüber spirituellen Bewegungen geboten, die ihre Faszination in erster Linie aus dem Kult um einen Guru als angeblich übermenschliches, unfehlbares, göttliches Wesen beziehen.
Auf der anderen Seite bezeugen die Traditionen Indiens bis heute durch genügend leuchtende Beispiele den unschätzbaren Wert des in Indien seit Jahrtausenden geheiligten Guru-Schüler-Verhältnisses und der damit untrennbar verbundenen Ashramtradition.


Abb1.: © Anna Bahlinger-Çetin – Anziehungspunkt für Suchende von nah und fern: Der Ashram von Ramana Maharshi in Tiruvannamalai.
Abb2.: © Erik Memmert
Abb3.: © Anna Bahlinger-Çetin – Götter, Gurus, Heilige – in Indien ist für jeden was dabei.

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