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Vom Weihnachtslied zum Mantra und zurück

„In meiner Kindheit hinterließen Weihnachtslieder und Gesänge in Kirchen, voller Tradition und einzigartiger Atmosphäre, immer den stärksten Eindruck auf mich, was Musik für die kalte Jahreszeit betrifft”, erzählt Loreena McKennitt, eine der erfolgreichsten New-Age-Sängerinnen, aus ihrem Leben. Damit ist bereits eine Gemeinsamkeit von Weihnachtsliedern und Mantren angesprochen: Sie helfen – neben anderen heilsamen Wirkungen auf Körper und Seele – in Zeiten der Dunkelheit und der meteorologischen wie auch sozialen Kälte, innere Wärme und inneres Licht zu entfachen, das durch den Winter geleitet.

Ein Beispiel dafür ist „Stille Nacht, heilige Nacht“. In der ganzen Welt kennt man dieses vielleicht schönste Weihnachtslied aus Österreich. Anders als bei den meisten Weihnachtsliedern sind hier Dichter und Komponist bekannt. Der Dorfpfarrer Joseph Mohr und sein Freund, der Lehrer Franz Xaver Gruber, schrieben das wohl innigste Weihnachtslied für die Christmette 1818 im Kirchlein von Oberndorf, wo sie es zweistimmig zur Gitarre sangen und die ebenso armen wie wenig gebildeten Bauersleute der Gemeinde sofort in den Bann „ihres“ Weihnachten zogen: die Ankunft Gottes als armes und hilfloses Kind, mit nichts angetan als mit „Lieb‘ aus deinem göttlichen Mund“ und der Zuwendung der Hirten.

Allerdings ist kein noch so schönes Lied dagegen gefeit, missbraucht zu werden. Der „Stillen Nacht“ wird besonders übel mitgespielt: In Kaufhäusern gedudelt, soll sie zusammen mit „Jingle bells“ und anderen Grausamkeiten die Kunden zum Kauf animieren. Der spirituelle Sinn des Liedes wird dadurch nicht nur vergessen, sondern auf den Kopf gestellt. Denn nicht Kaufen und Schenken standen bei der Entstehung des Liedes Pate, sondern Armut und schlichte Frömmigkeit. Die Kommerzialisierung ist es, die vielen von uns die ursprüngliche, als Kind vielleicht noch erlebte Freude an Weihnachtsliedern nachhaltig verdorben hat. Wir erleben sie als rührselige Girlanden eines verkitschten Konsumrummels in einer nur angeblich „stillen“ Zeit, die mit echter Besinnung wenig gemein hat.

Ein gutes Lied wächst mit dem Singen

Kein Wunder, dass heute die spirituelle Suche vieler Menschen nach authentischen Liedern des Lichts und der Wärme weniger zu weihnachtlichen oder christlichen Liedern überhaupt führt, sondern zu anderen Kulturen: indische und tibetische Mantren in heiligen Sanskrit-Silben, indianische Lieder, afro-amerikanische Gospelsongs, Sufi-Gesänge und andere mehr. Anders als viele Lieder christlichen Ursprungs wurden sie bisher nicht dem Missbrauch gnadenloser Kommerzialisierung und Sinnentstellung unterworfen, obgleich sie meist wesentlich älter sind. Manche Mantren werden seit Jahrtausenden gesungen, ohne etwas von ihrer ursprünglichen Kraft verloren zu haben. Im Gegenteil: Im Immer-wieder-Singen liegt eine der Wurzeln für ihre besondere Wirksamkeit: „Ein gutes Lied wächst und wächst mit dem Singen“ (Norman H. Russel, Cherokee-Indianer).

Ein Mantra ist eine sprachliche und musikalische Form, die gleichsam mit geistiger Energie aufgeladen ist, die sich besonders durch die Gruppe auf die überträgt, die es singen. Das könnte eine Gemeinsamkeit mit bestimmten christlichen Liedern sein, die wiederzuentdecken sich lohnt.
Ganz anders als im christlichen Glauben ist im Hinduismus, Buddhismus und in der Tradition vieler indigener Völker Gott nicht jemand, der irgendwo außerhalb des Menschen zu suchen ist, sondern mitten in uns – oder wir mitten im Ganzen wie z. B. im Bewusstsein von Mutter Erde, von der wir ein Teil sind. Wenn christliches Gebet als Anrufung eines Gottes außerhalb zu verstehen ist, so gilt für Mantren eher das Gegenteil: Das Mantra hilft, sich gerade nicht als getrennt von Gott zu erleben, sondern die Einheit allen Seins in sich zu spüren. Neben der heilsamen Wirkung, Lebensfreude und Dankbarkeit zu empfinden und auszudrücken, ermöglicht das Singen von Mantren, in Kontakt mit unserem innersten Selbst zu treten, wo Liebe, Demut und Hingabe wohnen. Der Dualismus zwischen dem schwachen Menschen hier und dem allmächtigen Gott dort oben ist der östlichen Tradition fremd. Ob im Sanskrit-Mantra „Om namah shivay“ (Ich ehre das Göttliche in dir), im „Namaste“ (Ich grüße das göttliche Licht in dir) oder im Sufi-Mantra „Ya azim el allah hu“ (Wie schön zeigt sich Gott in dir) – immer wieder ehrt das Mantra das Göttliche im anderen und in uns selbst.

Das hat übrigens nichts mit Rückzug aus der Wirklichkeit zu tun. „Wenn einer aus seiner Seele singt, heilt er zugleich seine innere Welt“, sagte der große Geiger und Menschenlehrer Yehudi Menuhin. So zu singen, ist aktiv und meditativ zugleich: Es geschieht im Hier und Jetzt, ist aufs engste verbunden mit dem Atmen, dem Kern jeder Meditation, und es verbindet auf beglückende Weise liebevoll mit denen, die mit uns singen. Wenn es uns gelingt, mit dieser inneren Haltung Weihnachtslieder neu zu entdecken, dann könnten wir sie wie Mantren aus vollem Herzen singen und uns dabei von der Ankunft Gottes in uns berühren lassen.

Über den Autor

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Ali Schmidt leitet mit Michaele Hustedt das „Entwicklung- und Lebensfreude-Institut“ ELI Berlin: Seitdem zahlreiche Singworkshops; 2007 eigene Mantra-CD „Sacred Songs“; 2008 Herausgabe des Mantra-Songbuchs „Sacred Songs; Leitung des „MantraChors Berlin“.

Mehr Infos

„Spirituelle Lieder der Welt zur Weihnachtszeit“, offener Singnachmittag, So. 14. Dez., 16 Uhr.
Ort: Martin-Luther-Kirche Berlin-Neukölln, Fuldastr. 50; Kostenbeitrag 10 €.

MantraChor Berlin: Mi. 3. und 17. Dez., 19 Uhr, im Shendo Shiatsu Institut Berlin-Schöneberg, Welserstraße 5-7;

„Schnupperabend für Interessierte“ gratis.

„Wie im Himmel singen“ – offener Singnachmittag am So. 4. Jan. 09, 16 Uhr, im Shendo Shiatsu Institut; Kostenbeitrag 10 (erm. 7) €.

Fünfte Berliner „Nacht der Spirituellen Lieder“, Fr. 27. Feb. 09, 20 Uhr, Martin-Luther-Kirche, Fuldastr. 50.

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