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Bericht über einen Besuch im Friedensforschungsdorf Tamera im Süden Portugals

Irgendwann, in seinen späten Lebensjahren, wurde Lew Tolstoi einmal danach gefragt, ob denn nach seinen Vorstellungen alle Menschen so leben sollen, wie er es selbst seit Jahren praktiziere. – Bekanntlich hatte der fünfzigjährige Graf nach einer Lebenskrise sein Leben radikal geändert; in seinem Moskauer Haus richtete er sich eine Schusterwerkstatt ein, in der er seine Stiefel selbst fertigte, und auch seine Kleider nähte er fortan selbst. Einige Bilder des russischen Malers Ilja Repin führen uns ein Bild davon vor Augen. Er ließ es sich auch nicht nehmen, gemeinsam mit den Bauern auf den Feldern seiner Grafschaft zu arbeiten. Die einfachen Bauern waren für ihn zu Wegweisern für eine natürliche Lebensweise geworden. – Auf jene Frage nach der Lebensweise nun gab der Vegetarier Tolstoi eine merkwürdige Antwort: Worauf es ankäme, sei, so sagte er, dass jeder Mensch seiner Erkenntnis gemäß leben solle. Damit ging es ihm um nicht mehr, aber auch um nicht weniger als eine konsequente Absage an den alltäglichen Opportunismus. Und dass Tolstois Leben und seine Predigt nicht ohne Folgen blieben, konnte er selbst erleben. Seine sozialkritischen Schriften standen im zaristischen Russland auf dem Index, Druck und Verbreitung waren verboten worden. Sie wurden aber von Hand abgeschrieben und in der Bevölkerung heimlich weitergereicht. Die Propagandisten seiner Ideen waren Verfolgungen und Diskriminierungen ausgesetzt. Es fanden sich trotz alledem immer mehr Menschen, die nicht nur für sich selbst nach ihrer Erkenntnis dessen, was recht ist, lebten, sondern auch Siedlungen bildeten, in denen diese Ideen verwirklicht werden sollten. An die Umsetzung einer ebenso radikalen Utopie erinnert auch Tamera auf dem Monte Cerro im Süden Portugals.

Heilbiotop Tamera

Im diesem Projekt hat sich eine Vielzahl ganz verschiedener Menschen zusammengefunden. Es hat sie aus vielen Ländern dorthin gezogen. Fünf Jahre nach der Erschließung des Landes durch ihre Pioniere, die inzwischen in die Jahre gekommenen Mütter und Väter jener Utopisten, waren es 30 Siedler, die sich dort niedergelassen hatten; heute, nach über zehn Jahren, zählt Tamera 120 Mitarbeiter und 60 Studenten. Sie kommen aus zwölf Ländern. Die jüngsten von ihnen sind noch Teenager, und die ältesten von ihnen haben längst das Rentenalter erreicht. Es verbindet sie ein Unbehagen an der Welt ihrer Herkunft, die sie verließen, um dort ihre eigene neue Welt, die Zukunft hat und nach den Ideen der „Heiligen Matrix“ gestaltet ist, entstehen zu lassen. Damit verstehen sie selbst sich als Vorboten jener neuen Zeit. Auf dem kargen Land hatten sie zunächst ihre Zelte aufgeschlagen und Bäume gepflanzt, und es begann sich mit der Zeit in eine Oase zu verwandeln; Obst- und Gemüsegärten liefern ihnen inzwischen die Früchte, von denen sie sich – vorwiegend vegan – ernähren. Allein schon ihre Küche ist eine Provokation für die Gourmetrestaurants, in deren Küchen das Blut von gemordeten Tieren umherspritzt. Nicht wenige der Tameraner würden der These Tolstois zustimmen, dass es so lange auch Schlachtfelder geben wird, wie es Schlachthöfe gibt. Ihre Ernährungsgewohnheiten sind nur ein Ausdruck ihrer Weltanschauung, die sie miteinander teilen. Ihr Ringen um eine freie Liebe ist ein weiterer wesentlicher Bestandteil ihrer Lebenspraxis. Das hat bereits vor 20 Jahren zu Angriffen und Pressekampagnen gegen ihre Altvorderen von Seiten kirchlicher und konservativer Kräfte geführt, als jene sich noch im südlichen Schwarzwald in dieses Leben einübten, immer bestrebt, ihre sozialen Vorstellungen auch im Leben zu verwirklichen. Diese Vorurteile Tamera gegenüber bestehen nach wie vor. Bekanntlich liebt der Spießbürger sie über alles, und der deutsche Michel scheint geradezu mit ihnen verheiratet zu sein, bis dass der Tod ihn von seinem ach so heiß geliebten Vorurteil scheide. Sein Kleingeist vermag nicht zu ermessen, was „freie Liebe in Verantwortung“ bedeuten kann!

Doch die Siedler von Tamera geben sich nicht damit zufrieden, Bioklos, Gemüsegärten und Solarenergiezentren zu errichten. Sie haben die Welt, wie sie ist, nicht nur im Blick, sondern wollen sie auch in eine friedliche verwandeln; „Heilbiotop“ nennen sie deshalb ihr Projekt. Und in der Tat geht von Tamera Heilung aus.

Was ist bisher in Tamera passiert? Und was macht die Attraktivität von Tamera aus?

Seit 1999 gibt es dort die Friedensschule „Mirja“. In den Wintermonaten findet die Ausbildung der Friedensarbeiter statt. Sie beinhaltet sowohl Friedenspädagogik als auch politische Netzwerkarbeit und ist mit praktischen Einsätzen in Krisengebieten verbunden. Alle TeilnehmerInnen erhalten dabei die Möglichkeit, zu Fachleuten auf einem ganz bestimmten Gebiet der Friedensarbeit zu werden. An einem Kurs nahmen bisher jeweils 30 Friedensschüler teil. Und die Nachfrage steigt. So gibt es erstmalig zwei Kurse.

Im Jahre 2000 wurde hier auch das „Institut für globale Friedensarbeit“ gegründet. Es hat eine doppelte Aufgabe: Zum einen koordiniert es die Unterstützung von Projekten praktischer Friedensarbeit im Ausland und zum anderen sammelt es Friedenswissen und stellt Vernetzungen zwischen Friedensstiftern in der ganzen Welt her.

Aufbau eines Friedensforschungsdorfes

Im Sommer diesen Jahres hat das „Experiment Monte Cerro“ begonnen. Es soll bis 2009 laufen. In dieser Zeit wird hier ein modellhaftes Friedensdorf aufgebaut werden, das später auch „exportiert“ werden können soll. Es hat eine dreifache Aufabe: Erstens soll es als Grundform eines Friedensforschungsdorfes dienen, das je nach Krisengebiet, in das es den Frieden bringen soll, weiterentwickelt werden kann, damit es vor Ort zur Deeskalation und Verständigung zwischen Konfliktparteien beitragen kann, zweitens soll es dann dort zur Entwicklung von Fachbereichen der Friedensforschung dienen, wie zum Beilspiel in den Bereichen von Ökologie, Technologie, Architektur und sozialem Design, und drittens wird es ein Ausbildungszentrum für „Peacemaker“ beinhalten.

Eine schöne Phantasie, die bestenfalls belächelt werden kann? Es gibt sogar schon eine Universität, die sich derzeit darum bemüht, dieses Projekt zu ihrem Campus werden zu lassen. Damit werden die Absolventen des „Experimentes Monte Cerro“ dann auch ein allgemein anerkanntes Zertifikat erhalten können. Und sogar die UNO hat sich für das Projekt des Friedensdorfes interessiert.

Sich dem Frieden verschreiben

Bis es so weit sein wird, braucht sich Tamera nicht über mangelndes Interesse zu beklagen. Seit etwa zehn Jahren findet dort eine sogenannte Sommeruniversität statt. In diesem Jahr kamen etwa 150 Leute aus 15 Ländern. Neben Vorträgen und Studiengruppen gab es Berichte von verschieden Projekten der Friedensaktivisten und von einer Pilgerreise nach Israel und Palästina, die als ein Projekt der Friedensschule „Mirja“ im vergangenen Herbst stattfand. Auf der Sommeruniversität bauten Israelis und Palästinenser weiter an den Brücken, auf denen sie zueinander finden. Und daran werden sie auch weiterbauen, wenn sie wieder in ihrer Heimat sind. Solche Menschen, die sich ganz dem Frieden verschrieben haben, braucht unsere Welt heute mehr denn je.

Oder die drei jungen Kolumbianer aus dem Friedensdorf San José de Apartadó! Dort, wo seit über 40 Jahren „bürgerkriegsähnliche Zustände“ herrschen, haben sich 1500 Menschen dem Frieden verschrieben. Ihre persönliche Charta gebietet es ihnen, keine Waffen zu tragen, weder direkt noch indirekt am Kriegsgeschehen teilzunehmen, keine Informationen an irgendeine Konfliktpartei weiterzugeben sowie auf Alkohol und Drogen zu verzichten. Der Leiter jener kleinen Delegation hatte vor einigen Monaten den Wehrdienst verweigert. Nach Mitternacht war er auf ein Revier der Militärs geschleppt worden und hatte sich geweigert, eine Eidesformel nachzusprechen. Daraufhin hatte man seine Personaldokumente kopiert und ihm unmissverständlich in Aussicht gestellt, dass wenn er in seine Heimat zurückkehrte, neue tamera3.jpgDrangsale auf ihn warteten. Seit 1979 sind bereits über 160 Friedensfreunde von den Bürgerkriegsparteien gezielt ermordet worden. Er kenne keine Angst davor, sagte er auf der Sommeruniversität in Tamera, und: „Wenn unser Präsident es schon nicht schafft, Frieden zu stiften, dann wollen wir wenigstens damit beginnen!“ Eine Teilnehmerin des Gesprächsforums drückte aus, was alle fühlten und wollten: „Wir brauchen einen Zaubertrank, der euch Friedensarbeiter unbesiegbar macht. Wir werden ihn entwickeln.“ 

Zu den Gesprächspartnern und Vortragsrednern der Sommeruniversität gehörte auch Arun Gandhi, Enkel von Mahatma Gandhi. Er stellte das Vermächtnis seines Großvaters in den Mittelpunkt seiner Gedanken und Ausführungen zum Thema „Gewaltlosigkeit für das 21. Jahrhundert“ und betonte dabei besonders die spirituelle Dimension des persönlichen Friedenszeugnisses und ihre Auswirkung auf den politischen Raum.

Alle Menschen können hier in Tamera mindestens einen Baustein für eine friedliche Welt, nach der die Sehnsucht zu wachsen scheint, gerade angesichts des Krieges im Nahen Osten, finden. Die Sommeruniversität lieferte ihren Besuchern Anregungen und Ermutigung. Dabei würde das Publikum immer internationaler und das Programm immer politischer und konkreter werden, sagte eine regelmäßige Teilnehmerin dieser zehntägigen Veranstaltung. – Ein Bewohner Tameras, der vor über fünfzehn Jahren dem Bürgerkrieg im damaligen Jugoslawien entflohen war, sagte, nach seinem Urteil befragt: „Is not the paradise, but is not a flop“. Für ihn muss es wohl eine Art von „Realutopie“ sein, denn er war jahrelang durch ganz Europa gereist, um einen guten Ort zu finden, an dem das Leben Sinn hat, und hier scheint er ihn gefunden zu haben. Es wundert nicht, denn die Siedler vom Monte Cerro haben sich eine Lebensdevise zu eigen gemacht, an die Arun Gandhi, seinen Großvater zitierend, erinnerte: „Become the change you wish to see in the world.“

www.tamera.org/german

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