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25 Jahre kreatives Scheitern: Was können wir vom Experiment ZEGG lernen?

 

Ich kenne das „Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung“ (ZEGG) in Bad Belzig schon seit seinen Anfängen 1991 und etwas auch seine Vorläufer. Seit einem Jahr lebe ich in der Nähe und bin beeindruckt: So viele tolle Menschen! Lange Zeit habe ich mich etwas kritisch und schüchtern dort bewegt, der Grund war – zumindest in meinem Kopf – die allgegenwärtige Botschaft der „freien Liebe“ und der missionarische Eifer der Weltrettung in der Anfangszeit. Das zog mich an, machte mir Angst, stieß mich ab. Mittlerweile empfinde ich im ZEGG eine große menschliche Sensibilität und Kompetenz, auch eine gereifte Kooperationsbereitschaft auf Augenhöhe. Aber ich werde nun keinen Jubelartikel zum Jubiläum schreiben. Ich werde Erfolge benennen, aber auch beispielhaft herausarbeiten, was die offenen Fragen sind. Damit wir gemeinsam lernen können, was das Abenteuer Gemeinschaft ist und sein könnte.

Ich bin überrascht: Auf der ZEGG-Website begegnet mir eine für Werbezwecke ungewöhnliche Offenheit und Selbstironie. Bewohner stellen sich vor und sagen, was sie – plakativ zugespitzt – am ZEGG nervt:

„Die oft abgehobene Insidersprache und dass ich mir manchmal vorkomme wie in einem 24-Stunden-Workshop.“ (Bill Nickl)

„Ständig in irgendeinem Treffen zu sein anstelle einfach mal nur arbeiten.“ (Thomas Heuser)

„Manchmal, dass ich nie wirklich Feierabend habe, da wir ja hier zusammen leben und arbeiten!“ (Cornelia Schöttler)

„Wenn man „den anderen“ die Schuld für die Probleme gibt.“ (Markus Euler)

„Konsensentscheidungen, in denen ein Veto alle Veränderung aufhalten kann und alle Vorarbeit sabotiert.“ (Achim Ecker)

„Too much, too many people, too much…“ (Cordula Andrä)

Das ZEGG heute – Stabilität im Wandel

Im ZEGG lebten im Jahr 2015 über hundert Erwachsene (je zur Hälfte Frauen und Männer). 80 davon sind feste Bewohner, die anderen 20 in der Annäherung. 15 Bewohner sind schon seit der Gründung dabei, 38 sind erst in den letzten fünf Jahren dazugekommen. Dazu noch 16 Kinder und Jugendliche. Die Verbindung von Lebens- und Lernort macht das ZEGG zu einer besonderen Gemeinschaft. Heute ist es ein gemeinnütziges Bildungszentrum mit 20.000 Übernachtungen im Jahr. Auf der Website steht: „Inmitten unseres sozialen und ökologischen Modellprojektes sind Leben und Lernen mitein ander verwoben. Unsere besonderen Erfahrungsräume verbinden Berührbarkeit, Herzlichkeit, offene Kommunikation und Selbstverantwortung. Ein Besuch bei uns kann Dir neue Welten eröffnen.“

Das ZEGG hat einiges richtig gemacht, was die meisten Initiativen vernachlässigen: Die Bildung einer stabilen, erfahrenen Anfangsgruppe und die Arbeit an den menschlichen Themen wie Macht, Liebe, Konkurrenz. Bill Nickl berichtet: „Das ZEGG hat nicht von Null angefangen, wir kamen aus einer Gemeinschaft, der Bauhütte, wo menschliche Themen zentral waren. Wir haben hier gleich mit 80 Menschen (40 davon mit Gemeinschaftserfahrung) angefangen. Da konnten auch mal zehn gehen, ohne dass alles zusammengebrochen ist.“ In der Bauhütte hatte das Thema „freie Sexualität“ im Mittelpunkt gestanden. Jetzt veränderten sich die Themen und Ziele, wie sich Ina Meyer-Stoll erinnert: „Die Intimität und die präzise Verständigung, die wir in der Bauhüttenzeit gehabt hatten, gingen allmählich verloren. Umgekehrt stellten wir fest, dass wir Bedürfnisse wie Schutz und Geborgenheit an manchen Stellen vernachlässigt hatten. Im Laufe der Jahre wurden wir uns der vielen Schichten bewusst, die beachtet werden wollen, wenn wir im Bereich von Liebe und Sexualität verantwortungsvoll agieren wollen.“ Aber noch etwas veränderte sich: Die Gemeinschaft musste von einer geleiteten zu einer selbstorganisierten Struktur finden. „Das war eine große Herausforderung, die uns zwang, uns auf uns selber zu besinnen“, sagt heute Achim Ecker. „Versuch und Irrtum leiteten uns über Jahre. Die Gründer des Vorprojekts ‚Bauhütte‘, Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels, lebten nie im ZEGG. Als sie 1995 die Gemeinschaft Tamera in Portugal gründeten, entschied sich fast die Hälfte der ZEGG-Bewohner, ihnen zu folgen. Das hinterließ Abschiedskummer und Ratlosigkeit, wie es weitergehen sollte. Wir begannen Prozesse intensiver Basisdemokratie, jeder hatte eine Meinung, und wir verbrachten Stunden und Tage in Entscheidungsprozessen. Wo wir früher jeden Tag Forum und Lebensforschung betrieben hatten, ging es jetzt um ganz praktische Dinge. Es war eine anstrengende, aber notwendige Zeit.“

Wir sehen also, dass die Fähigkeit, Konflikte kreativ und im gemeinsamen Forschergeist auszutragen, die Voraussetzung des Überlebens einer Gemeinschaft ist. Doch welche Fragen sind noch ungelöst im ZEGG, vor welchen Herausforderungen steht es nach 25 Jahren?

Offene Fragen

Gemeinschaftlicher Burnout

Die hohe Fluktuation – Schätzungen sprechen von bisher zirka 400 Menschen – fällt auf, aber auch viele aktuelle Bewohner sprechen von sozialer Überforderung. Dieser spezifische Gemeinschafts – burnout – zu viel statt zu wenig Kommunikation – ist in allen Gemeinschaften, die ich kenne, ein Hauptproblem.

Cordula Andrä beispielsweise hat das Gefühl, sich zu viele Geschichten der Mitbewohner anhören zu müssen, um im Kontakt zu bleiben. „Mich auf all die Menschen einzulassen und mich für sie zu öffnen, kostet Kraft und Energie, die mir dann an anderer Stelle fehlt. Ich glaube auch nicht, dass Vertrauen dadurch entsteht, dass ich möglichst viel von anderen weiß. Vertrauen ist etwas, wofür ich mich entscheide.“ Und Silke Grimm beobachtet, „ …dass es eine oft nicht ausreichend gestillte Sehnsucht nach Kontakt gibt – dabei geht es um die Qualität (Intimität, Freundschaft). Gleichzeitig gibt es eine Kontaktüberforderung – wobei es sich dabei um die zu große Quantität handelt.“ Der Versuch also, durch mehr Kontakte die ersehnte Qualität zu erlangen, kann eine Ursache des Gemeinschaftsburnouts sein.

Kontakt in Gemeinschaft findet oft organisiert statt. Ich selbst empfinde es wie einen Anspruch an die anderen, ein „vertragliches Recht“ auf Zuwendung wie in einer Ehe mit vielen. Aber selbst in einer Ehe zu zweit können wir nicht mehr als der „Begleiter der Einsamkeit“ (Rilke) des anderen sein. Gemeinschaft erscheint mir oft wie ein hungriges, vereinnahmendes Wesen, dessen Sogwirkung wir uns kaum durch die viel beschworene Abgrenzungsfähigkeit entziehen können. Vielleicht braucht es in Gemeinschaften einen differenzierten „Neuen Gesellschaftsvertrag“, der in und neben der Gemeinschaft auch Stille, Selbstliebe, Eltern, Familie, Freunde und alle anderen Gemeinschaftsformen mit einbezieht und unterstützt.

Demokratiestress

ZEGG-RundeEin direkter Zusammenhang besteht zwischen der sozialen Überforderung und dem Anspruch von Basisdemokratie. Das ZEGG hat zwar die Abnabelung von der anfänglichen Hierarchie gut hinbekommen. Aber weiterhin bestehen die Probleme jeder Basisdemokratie: zu aufwändige Entscheidungen durch zu viele Menschen. Ich habe mich oft gewundert, was mit den Menschen passiert, wenn sie zu Entscheidungsträgern werden. Eben waren sie noch nette, einfühlsame Mitmenschen, jetzt mutieren sie zu Politikern, Wutbürgern, Zahlenteufeln usw. Cordula Andrä erlebt das so: „Es sind Momente, die es in sich haben: wenn 40 oder 50 Menschen die Hand heben. Es geht vielleicht um viel Geld und alles verdichtet sich. Es fühlt sich existentiell an, als ginge es ums Ganze! Mein Inneres fängt dann an zu zappeln, wünscht sich Harmonie und manchmal bekomme ich Angst, dass etwas grundlegend aus dem Ruder läuft. Einige zetteln Auseinandersetzungen an und andere erstarren und schweigen.“ Dieses Egogerangel scheint in allen Gemeinschaften aufzutreten, sobald es um Macht geht. Es geht nicht weg durch Basisdemokratie, aber auch nicht durch Hierarchie.

Nachdem im ZEGG Mitte der 90er Jahre die Ära der Basisdemokratie und das Konsensprinzip (Alle müssen zustimmen) eingeführt wurde, zeigten sich auch deren Schattenseiten. Bei Abstimmungen wurde es emotional und es kam öfters dazu, dass ein Veto ganze Prozesse gestoppt hat. Achim Ecker sieht eine Ursache in der Vernachlässigung der emotionalen Arbeit: „Ich finde, dass die Konsensentscheidungen lange Zeit nach ihrer Einführung noch richtig gut klappten. Eine Veränderung fing für mich zirka 2005 an, als wir das Forum (eine Methode, um sich im Kreis der Gemeinschaft zu zeigen) als Kernmittel der inneren Auseinandersetzung verloren hatten, weil es dagegen Ressentiments gab. Da fing es dann an mit den Egos und Emotionen.“ Mit der Zeit kamen immer weniger Menschen zu Abstimmungen und Entscheidungen wurden oft von kleinen Gruppen außerhalb des Plenums getroffen. Aus dieser Krise entstand im Jahr 2009 die Entschlossenheit, für den gemeinsamen Betrieb etwas Neues auszuprobieren: Holacracy. Holacracy basiert auf Kreisen, die ihre Arbeitsbereiche eigenverantwortlich führen. Die Leiter der Kreise werden gewählt – zum Teil aus den Kreisen, zum Teil aus der gesamten Gemeinschaft. Im Mittelpunkt der Praxis von Holacracy steht die Bewusstheit über Spannungen. Wenn diese nicht bei anderen abgeladen werden, wenn niemand anderes „schuld“ ist, können sie dir selbst als Wegweiser für eigene Veränderung dienen. Dazu braucht es viel Selbstverantwortung, also eine Prise positive Anarchie. Und ebenso Kreativität, Freiwilligkeit und den Mut, sich zu begegnen.

Klare Hierarchien schaffen

Ein weiteres ungelöstes Problem besteht in den zwar flachen, aber unklaren Hierarchien. In jedem Betrieb gibt es offizielle und inoffizielle Hierarchien. Und natürlich zählt der Rang der Menschen, die sich seit 30 Jahren engagieren, oft mehr als jeder offizielle Rang. Hier mischen sich die Rangordnungen in der Gemeinschaft und die Position im Betrieb. Cordula sieht eine Angst, diese Konflikte anzusprechen: „Weil darüber Unklarheit herrscht, wirken Rollenkonflikte unproduktiv: Leute mischen sich ein in Themen, für die sie nicht zuständig sind. Und: Wir gestehen Führungspersonen nicht genug Umsetzungskompetenz zu.“ Im ZEGG überwogen lange die inoffiziellen Strukturen, die GmbH war eher ein formales Konstrukt. Achim Ecker beobachtete: „Mit Holacracy wurden äußere Hierarchien durch Positionen wichtiger. Ab jetzt gab es zwar Führungspositionen, aber keine Weisungsbefugnis.“

Ich persönlich liebe gute Führung (sowohl als Leiter wie als Geleiteter) und träume von einer Ausbildung in kooperativer Führung, von einem radikalen, persönlichen Coach für jede Leitungsperson und vom großen Loslassen der Basis, dem Wechsel vom Kontroll – bedürfnis zum Vertrauen. Das geht natürlich nur auf der Grundlage klarer gemeinsamer Macht- und Eigentumsverhältnisse. Dann ist es ein offenes Experiment: Wie können Entscheidungen fachlich, konstruktiv und energiefördernd getroffen werden und gleichzeitig Ängste gesehen und kollektive Intelligenz genutzt werden? Das ist eine offene Frage, die über die Lebensfähigkeit und auch Politikfähigkeit von sozialen Basisbewegungen insgesamt entscheiden wird. Im ZEGG scheint die Balance immer wieder zu gelingen. Cordula Andräs Resümee: „Manchmal gelingt es uns in fast magischen Momenten, einen Weg zu finden, der Gefühle integriert, sachlich produktiv ist und mit dem sich alle aufgehoben fühlen. Wir profitieren dann von den unglaublichen Fähigkeiten der Gemeinschaft im Navigieren gemeinsamer Prozesse.“

Die Liebe ist frei

ZEGG-Kiki+TatIch habe viele Gemeinschaften erlebt, die an ungelösten Liebesfragen gelitten haben und auch zerbrochen sind. Oft entstehen im Zusammenleben neue Lieben und damit Schmerzen und Eifersucht, alte Paare trennen sich, Singles kommen, um Kontakt zu finden, alleinerziehende Mütter suchen Unterstützung. Und all das oft eher unbewusst. Ich bin dem ZEGG sehr dankbar – vor allem im Interesse der Kinder, die am meisten unter diesem Chaos leiden – dass sie das Thema Nr. 1 zum Gemeinschaftsthema gemacht haben. Gerade in den Anfängen gab es jedoch auch immer wieder Grenzüberschreitungen und Verletzungen. Eine frühe Bewohnerin erzählt, wie sie beim Thema „freie Liebe“ komplett gescheitert ist und damals ihren Partner verloren hat. „Schwierig fand ich persönlich als sehr junger Mensch die Beeinflussbarkeit des Einzelnen in einer Gemeinschaft, die stark ideologisch ausgerichtet war. Mehr als einmal fühlte ich mich durch die gemeinsame Ausrichtung von Menschen in Gruppensituationen eher manipuliert statt in meiner individuellen Entwicklung unterstützt.“ Sie spricht im Nachhinein von „gruseligen“ Situationen. Ein nachvollziehbares Wort für das Gefühl, als Einzelner einer scheinbar homogenen Gruppe gegenüberzustehen. Das führt uns direkt in ein Grunddilemma: Die regressive Erwartung und Sichtweise von Gemeinschaft als einem schützenden oder auch bedrohlichen Kollektivkörper. Heute in eine Gemeinschaft zu gehen bedeutet, die eigene Wahrheit zu suchen, mit einer eigenen Stimme zu sprechen. Keine Gemeinschaft kann uns von unserer Selbstverantwortung erlösen, im Gegenteil, eine freie Gemeinschaft kann nur stark sein, wenn es jeder Einzelne in ihr ist. Wer WIR sucht, wird ICH ernten. Gemeinschaften sind heute eher Beschleuniger persönlicher Entwicklungen als kollektive Identitätsstifter. Hier wandelt sich gerade ein altes Sehnsuchtsbild, das noch aus einer biografisch kindlichen und evolutionär frühen Stufe kommt.

Viele Formen von Beziehungen

Im ZEGG hat beim Thema Liebe ein intensiver Prozess zu mehr (Selbst-) Verantwortung stattgefunden. Ina Meyer-Stoll sagt: „Heute sind wir feiner und behutsamer geworden. In der Gemeinschaft gibt es viele Formen von Beziehungen: Freundschaften und Liebschaften, offene und monogame Partnerschaften, Familien und experimentelle Beziehungsgeflechte. Die Einzelnen wählen die Beziehungs- und Liebesform, die zu ihnen und ihrer Lebensphase passt. Wir stehen dafür, dass wir uns gegenseitig respektieren und offen kommunizieren.“ In der Gemeinschaft gibt es aktuell vier Liebes- Forschungsgruppen. Roger Balmer berichtet: „Die Gruppen sind Teil unseres sozialen Netzes, bieten gegenseitige Unterstützung und Herausforderung, Freundschaft und einen Ort für die Themen, die nicht in die große Gemeinschaft passen.“ Hier beispielhaft einige Fragen, die bei so einer Forschung auftreten können: Wie gehe ich damit um, wenn sich meine Partnerin verliebt und den sexuellen Kontakt mit mir abbricht? Wie löse ich inneren Groll auf, in früheren Zeiten bei Sex mitgemacht zu haben, den ich nicht wollte? Wodurch bleibt der Sex lebendig im eigenen Leben? Welchen Platz kann ich als Geliebte in einer Partnerschaft einnehmen? Wie verschmelzen wir, ohne uns zu verlieren? Sind Vereinbarungen, was Liebeskontakt zu anderen Menschen angeht, bloßes Angstmanagement oder eine Wachstumsstütze? Wie bleibe ich in der Liebe, wenn kein Sex möglich ist? Wie können wir im ZEGG junge Paare mit Kindern unterstützen, so dass sie nicht nur Vater und Mutter, sondern sich auch Geliebte sein können?

In letzter Zeit sind einige junge Familien mit Kindern entstanden und auch einige „alte“ Paare haben geheiratet. Gerade Familien mit Kindern brauchen ihre ganze Kraft und Liebe für sich. Andererseits brauchen sie Unterstützung und Austausch. Ist nun Gemeinschaft für Familien eine Überforderung oder eine Hilfe? Es wird spannend sein zu erleben, wie die Suche nach Verbindlichkeit mit der Freiheit der Liebe verbunden werden kann. Hier kann das ZEGG auf einem großen Erfahrungsschatz aufbauen. Mit den Bildungsangeboten zum Thema Liebe und Sexualität bietet das ZEGG auch seinen Gästen einen Raum für respektvolle und bewusste Begegnung. Zahlreiche Paare haben sich im ZEGG kennen und lieben gelernt.

Lernen und Leben an einem Ort

Das Bildungszentrum ist das Herzstück des ZEGG. Es ist der größte Arbeitgeber und alle Mitglieder müssen dazu beitragen, seine Aufgaben zu bewältigen. Es wirkt in die Gemeinschaft hinein durch eine ständige Auseinandersetzung mit den aktuellen inneren und äußeren Themen der Welt. Das eigene Leben als Gesellschaftsexperiment? Eine permanente Wachstumskrise als Lebensform? Zu viele Gäste im eigenen Lebens bereich? Ein Dauerkonflikt in vielen Gemeinschaften. Dolores Richter beschreibt den Widerspruch zwischen Lernort und Lebensort als einen Konflikt seit den Gründungszeiten: „Für viele war das ZEGG eine Suche nach einer Heimat, einem Zuhause. Endlich mit allen Geliebten zusammenleben! Doch es gab in dem Gründungsimpuls der Vorläuferprojekte immer auch einen starken Forschergeist, eine gesellschaftliche Vision, die über die Gemeinschaft hinausreichte. In manchen Phasen wurde der Selbstbezug und das Interesse am schönen Zusammenleben stärker. Manchmal standen sich „Avantgarde“ und „Gartenzaun“ symbolisch als Gruppen gegenüber.“ Für die Künstlerin und Festivalleiterin Barbara Stützel ist der Bildungsbetrieb ein Grund, warum das ZEGG immer noch existiert: „Durch Festivals und Seminare können wir immer wieder andocken an unsere inhaltliche Ausrichtung.“ Alle internen Lernprozesse fließen so in die Qualität der Bildungsangebote ein. Doch durch die ständige Neuausrichtung und Gästeintegration entsteht für manche neben der Inspiration auch ein Arbeits-, Kommunikations- und Selbstverbesserungsstress. Hechelt das ZEGG mit seinem hohen Anspruch – gleichzeitig vielleicht auch aus „Marktzwängen“ heraus – immer wieder der neuesten Weltbefreiungstheorie hinterher? Wie also Gemeinschafts- und Privatleben mit einem öffentlichen Unternehmen in Einklang bringen? Müsste man Bildungsort und Gemeinschaft nicht mehr trennen, stärker bedürfnisbezogen planen, z.B. Ruhezonen einrichten, Familienorte, Orte für Forschung und politische Aktion? Jeder Mensch und jede Lebensphase hat unterschiedliche Bedürfnisse, aber muss man sich deshalb gleich trennen und die Gemeinschaft verlassen? Im ZEGG und in der Region sind Ansätze einer erweiterten Gemeinschaft spürbar. Dolores spricht von einem „Zwiebelschalenmodell als einem möglichen kommenden Gemeinschaftsentwurf, in dem es unterschiedliche Grade an Intensität und Verbindlichkeit geben kann“.

Dieses Modell ist im zukünftigen Bebauungsplan für das ZEGG und in den vielen Vernetzungen mit der Region im Keim am Entstehen. Es ist das Bild einer Gemeinschaft, die sich ganz vom Kollektivgedanken – alle sollten möglichst gleich sein – gelöst hat.

Region – die größere Gemeinschaft

Für viele alternative Menschen in der Region ist das ZEGG ein wichtiger Impulsgeber, viele Projekte wurden von hier und durch die vielen Ex-ZEGGler angeschoben.

Ich befrage Neuankömmlinge in der Region, zum Beispiel meine beiden Mitbewohnerinnen. Sie drücken aus, was ich von so vielen Menschen hier höre. Beate Simon (Malerin, Performancekünstlerin) sagt: „Ich spüre bei vielen Menschen aus dem ZEGG, dass sie an sich gearbeitet haben. Diese Begegnungen in bewusstem Miteinandersein sind sehr wohltuend. Auch gefällt mir die Durchdringung der Veranstaltungen mit künstlerischen Elementen. So ist das ZEGG für mich ein wichtiger Bezugspunkt in meiner Nachbarschaft, ich möchte aber wegen meiner Lebensgestaltung nicht dauerhaft dort leben.“ Tatjana Bach ist mit ihrem Schoßraum- Institut nach Jahren wieder in den Fläming zurückgekehrt:„Das ZEGG ist für mich ein Pionierort von Menschen, die nun schon seit Jahrzehnten darum ringen: Wie geht das wirklich: Zusammenleben? Und das in Frieden? Heutzutage werden sie sogar von anderen Menschen aus vollkommen anderen Kontexten gerufen, um ihr Wissen weiterzugeben! Ich bin froh und stolz, solche Nachbarn zu haben!“

Es gibt auch konstruktiv-kritische Stimmen zum Beispiel von Rocco Hammes, einem ehemaligen ZEGG-Bewohner, der jetzt regionale Initiativen (Kulturbahnhof Wiesenburg, Regiogeld) aufbaut. Er sagt: „Viele Gemeinschaften sind bei ihrem Start durch innere Prozesse absorbiert, das ZEGG war da keine Ausnahme. Im Rückblick hätte ich mir gewünscht, frühzeitig einen Beirat aus Alteingesessenen aus dem Fläming und den neuen Bewohnern aus dem ZEGG zu installieren. Dieser hätte im kleinen Kreis Verständigung schaffen können und nach außen in beide Richtungen ‚übersetzen‘ können. So, wie es gelaufen ist, gibt es selbst nach 25 Jahren noch lebhafte Ressentiments.“

Das Tor ist offen

Wenn ich das ZEGG heute besuche, fühle ich mich willkommen und frei. Das ZEGG hat es geschafft, sich immer wieder neu zu erfinden und neue Menschen und Impulse zu integrieren. Es hat sich von einem ideologisch einheitlichen Lebensmodell, das von anderen übernommen werden sollte, hin zu einem offenen und vielfältig vernetzten Ausbildungs- und Inspirationsort entwickelt. Menschen lernen dort gemeinschaftliches Handeln und nehmen es mit in ihren Alltag. Auch innerhalb der Region hat sich das ZEGG als anerkanntes Zentrum einer vielfältigen nachhaltigen Entwicklung herausgebildet. Die „closed community“ der Anfangszeit – symbolisiert durch den Zaun um das am Ortsrand ausgelagerte ehemalige Stasigelände – empfängt mich heute mit einem neuen, kunstvoll geschmiedeten offenen Tor. Der Zaun daneben ist weg. Der Weg ist einladend und begehbar für jeden Menschen. Das ZEGG ist angekommen in der sanften Utopie der offenen Fragen. Ich bin sicher, dass es weiterhin in spannende Antworten hinein wachsen wird.

 


 

Der Artikel entstand im Auftrag und in einem intensiven kritischen Dialog mit der ZEGG-Gemeinschaft.

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2 Responses

  1. Markus Euler
    Das Märchen vom Demokratiestress

    Lieber Dieter,
    vielen Dank für den schönen Artikel.
    In weiten Teilen stimme ich mit deiner Darstellung überein.
    Ich kenne das ZEGG auch schon seit über 20 Jahren und lebe seit 10 Jahren hier.
    Allein im Thema Demokratiestress und der angeschlossenen Kritik an Konsensprozessen muss ich sowohl dir, als auch einigen meiner Kommunarden widersprechen. Ich habe, seit ich hier bin, nicht einen Prozess erlebt, der von einem Veto aufgehalten worden wäre. Und auch auf meine Nachfrage nach früheren Prozessen oder Vorhaben, die durch ein Veto gestoppt worden wären, habe ich niemals eine befriedigende Antwort bekommen.
    Es wurde von einer Entscheidung gesprochen, die aufgehalten wurde, was sich letztlich als Segen für die Gemeinschaft herausgestellt hat. Aber ich will hier nicht zu tief ins Detail gehen.
    Ich möchte nur meiner Meinung Ausdruck verleihen, dass die Angst vor der Behinderung, meiner Ansicht nach, viel größer ist, als die tatsächliche Behinderung.
    Konsens, wohl bedacht, ist meiner Ansicht nach eine wünschenswerte Strategie, Dinge auf eine Art umzusetzen, in welcher allen Beteiligten Rechnung getragen wird. In diesem Sinne halte ich die holokratische Struktur für sehr sinnvoll für uns. Auch hier ist es ja so, dass jeder seine Einwände bringen kann, nur halten diese dann eine Entscheidung nicht auf, sondern werden integriert und machen die Entscheidung damit besser.
    Diese einfache Grundannahme, dass ein Einwand, ein Veto, nichts stoppt, sondern eine wichtige Information beinhaltet, die integriert werden will, ist in der Lage auch jeden Konsens zu einem freudigen Prozess zu machen.
    Aber es ist natürlich einfacher einer Person, die ein Veto gibt, die Schuld dafür zu geben, dass ich nicht tun kann, was ich will, als selbst Verantwortung zu übernehmen und einen neuen Lösungsvorschlag zu erarbeiten, der den Einwand integriert.
    Wobei dies doch auch ganz schnell gehen kann.
    Ich erinnere eine Situation als wir eine Entscheidung zum Thema Geld zu treffen hatten und wir uns so ziemlich alle einig waren, bis eine Person sagte, sie könne diesem Vorschlag nicht zustimmen aus folgendem Grund. 40 Gemeinschaftsmitglieder hatten zu diesem Zeitpunkt etwa 2 Stunden lang mit allen Höhen und Tiefen über dieses heikle Thema gesprochen und das Schreckgespenst, dass dies alles umsonst gewesen sein sollte, zeichnete sich am Horizont ab. Nahezu die gesamte anwesende Gemeinschaft verfiel in eine Art trauernde Agonie. Man konnte fast das Klagen in den Gedanken der Menschen hören: Jetzt haben wir uns so lange abgequält und es war alles umsonst. Einige sagten sogar laut, dass sie nicht bereit waren sich noch einmal zu diesem Thema zu treffen. Aber eine Entscheidung zeichnete sich nicht ab.
    Bis eine Person aufstand und sagte: Na Leute ist doch wunderbar, wir haben einen Entscheidungsvorschlag, wir haben einen Einwand, jetzt müssen wir nur noch diesen Einwand integrieren und schon haben wir eine Konsensentscheidung.
    Und tatsächlich hatten wir diese 5 Minuten später.
    Was ich damit sagen will:
    Das Konsensprinzip -richtig verstanden und angewendet- ist etwas Wunderbares.
    Sicher kann man es auch für persönliche BlockadePolitik missbrauchen, aber das hat nichts mit dem Prinzip zu tun.

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  2. Hubertus Hauger
    Gemeinschaft ist ein Sehnsuchtsort und ein Schreckensplatz

    So erleb ich jede Gemeinschaft, in der ich bin.

    Dabei sind für mich die wirtschaftliche Unabhängigkeit und das autonome Eigenleben eine starke Kraft, weg von Gemeinschaft. Darin sehe ich das Hauptmotiv, warum die Wenigsten vollumfänglich in Gemeinschaft leben.

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