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„TopfFit“ oder „Windelfrei“? Viele haben davon schon gehört, aber wie soll das gehen? Das Konzept hat seine Vor- und Nachteile, lässt sich aber so anpassen, dass es sich für jedermann eignet und problemlos in den Familienalltag einbauen lässt – mit all den Vorteilen, die das langfristig bringt.

Babys ohne Windeln?! Geht denn das? Seit Jahrezehnten gelten Wegwerfwindeln als „praktisch“ und kaum jemand fragt sich ernsthaft, ob man ein Baby auch ohne Windeln lassen könnte. Doch zunehmend wird Eltern bewusst, dass Wegwerfwindeln ein großes Umweltproblem sind: Sie brauchen bis zu 500 Jahre, bis sie verrotten, sie werden aufwendig hergestellt, sind häufig mit Chemikalien belastet und werden nach wenigen Stunden Gebrauch täglich zu Tausenden weggeworfen. Die ARTE-Dokumentation „Wickeln, Windeln, Wegwerfen“ hat kürzlich anschaulich und humorvoll gezeigt, wie eine Erfindung aus den 70er Jahren zu einem Symbol unserer Wegwerfgesellschaft wurde. Zudem werden die Babys von Windeln wund und immer später trocken. Doch was tun?

Alternativen: Andere Windeln – oder keine Windeln

Alternativen zur Wegwerfwindel sind kaum bekannt. Doch wie machen es die 80% der Weltbevölkerung, die keinen Zugang zu Wegwerfwindeln haben? Sie wickeln ihre Babys nicht oder nur selten und halten sie stattdessen ab. In vielen Gegenden Japans, in China, speziell aber auch in Indien und Afrika machen schon ganz Kleine mit Hilfe ihrer Eltern in Töpfchen, Toiletten oder einfach den nächsten Busch. Seit Ende der 70er Jahre ist bereits bekannt, dass Babys schon lange vor dem zweiten Lebenjahr mit Hilfe trocken sein können. Babys weinen nicht nur bei vollen Windeln, sie merken und zeigen schon vor ihrem Geschäft an, dass jetzt gleich etwas kommt. Windelfrei-Eltern nutzen diese Signale, um ihr Baby abzuhalten statt zu warten, bis die Windel voll ist. Denn in kälteren Gegenden bedeutet „windelfrei“ in der Praxis meist, dass die Babies grundsätzilch Wegwerf-, Stoffwindeln oder ähnliches tragen. Sie dienen als Sicherheitsnetz, falls etwas daneben geht. Aber wenn das Baby signalisiert, dass jetzt etwas kommt, ziehen die Eltern es aus und halten es über ein Gefäß oder Töpfchen, damit es sich dort erleichtern kann. So lässt sich die Zahl der genutzten Wegwerf- oder Stoffwindeln auf ein Minimum reduzieren. Und ein Nebeneffekt: Werden Babys regelmäßig und auf ihr Signalisieren hin abgehalten, melden sie sich mit immer klareren Zeichen.

Windelfrei – so gehts!

In manchen Kulturen beginnen die Eltern mit dem Abhalten von Geburt an, in anderen erst mit zwei oder sechs Monaten. Am besten fängt man an, wenn es sich richtig anfühlt – es gibt kein zu früh oder zu spät. Die ersten vier bis sechs Monate eignen sich vor allem deshalb sehr gut, weil die Kinder in dieser Zeit sehr deutlich signalisieren und man sowieso ständig drauf achtet, was der Säugling gerade braucht.

Man beginnt damit, das Baby  zu Hause mal 1- 2 Stunden „unten ohne“ zu lassen.  An so einem ruhigen Vor- oder Nachmittag lässt sich prima beobachten, in welchen Abständen das Baby sich entleert und wie es seine Geschäfte vorher ankündigt. Der Raum sollte warm genug sein, damit es nicht friert, Jungs-Eltern wollen vielleicht eine Stoffwindel zwischen die Beine ihres Sprösslings legen, um den Springbrunnen-Effekt zu vermeiden. Schon nach 1-2 solcher „Sessions“ können die meisten Eltern sehr eindeutig sagen, wie sich besonders große Geschäfte ankündigen. Und dann nicht warten, sondern handeln: Baby hochnehmen und dabei erklären, das es jetzt gleich machen kann. Dann das Kind über ein Töpfchen, die Toilette oder die Badewanne halten und mit einem „ssss“ oder ähnlichem Laut das Signal geben, dass es jetzt loslegen kann. Beim Abhalten stützen die Eltern ihr unten nacktes Baby an den Oberschenkeln, lehnen seinen Oberkörper gegen den eigenen Bauch und geben ihm so den Halt, den es selbst noch nicht hat. Die meisten Babies machen schon allein wegen der Körperhaltung nach maximal einer Minute ihr Geschäft. Es ist für viele Eltern faszinierend zu sehen, wie ein sonst so hilfloses Neugeborenes oft schon beim ersten Versuch reagiert und sich entleert! Für den Anfang sind die „Standardsituationen“ sehr empfehlenswert, also z.B. nach dem Schlafen, denn da ist die Blase voll und das Baby kann die Verbindung zwischen dem gespürten Druck, der Haltung und der Entleerung sehr gut herstellen.

Windelfrei, Teilzeit-Windelfrei – jedem das Seine

Viele windelfrei-Babys tragen trotz allem Windeln – manche tragen sogar häufig Windeln, andere wiederum gar keine. Viele Eltern nutzen Windeln, wenn sie unterwegs sind oder kein Raum ist, um auf die Signale des Kinder zu achten. Auch die Kinder haben manchmal besseres zu tun, als zu signalisieren oder sich abhalten zu lassen. Die meisten Babys sind ab dem 6. Monat so mit ihrer motorischen Entwicklung beschäftigt, dass sie nicht mehr Bescheid geben und sich teilweise sogar gegen das Abhalten wehren.  „TopfFit“-Autorin Laurie Boucke verteidigt hier einen pragmatischen Ansatz: „Windelfrei macht sowieso keiner Vollzeit, auch nicht, wenn man mit dem Kind zu Hause bleibt. Man muss ja auch ein Leben haben. Man macht es einige Mal am Tag oder eben nur ein paar wenige Male, wenn das alles ist, was man schafft.“

Kommunikation und Intuition

Bei Windelfrei geht es vor allem darum, mit dem Kind zu kommunizieren. Gemeinsam lernen Eltern und Kind, auf die Ausscheidungsbedürfnisse zu achten, so wie man gemeinsam das Sprechen oder Laufen lernt. Und ebenso wie die ersten Sätze eher ungelenk sind und das Kind anfangs häufig hinfällt, ist auch beim Windelfrei-Konzept eine Menge nasser Hosen mit dabei. Was hier zählt, ist nicht Perfektion, sondern der Prozess. Er führt dazu, dass die Kinder ihr Körperbewusstsein behalten und die Kommunikation darüber nicht abreißt. Doch auch für alle, die zu sehr beschäftigt sind, hat Autorin Boucke eine Lösung. Nach ihrer Erfahrung reicht es schon, ein Kind nach dem Schlafen, nach dem Essen oder sogar nur morgens und abends abzuhalten, um das Körperbewusstsein für seine Ausscheidungen zu erhalten. Und auch die Babys tun ihren Teil dazu. Wer einmal mit Windelfrei angefangen hat, kann durchaus feststellen, dass das Baby solange meckert, bis man ihm die Windel ausgezogen hat, damit es sich erleichtern kann.

Manche Windelfrei-Eltern brauchen dadurch insgesamt viel weniger Windeln. Andere brauchen genauso viele wie „Wickel“-Eltern, auch wenn das sehr selten ist. Sicher ist: Windeldermatitis, Ausschläge, Wundsein – alles für Windelfrei-Kinder kein Thema, denn an den Po kommt viel Luft beim Abhalten. Schon nach wenigen Wochen landet zudem das große Geschäft kaum mehr in der Windel, da die meisten windelfrei-Kinder dies zuverlässig ansagen. Manche Windelfrei-Kinder sind auch früher sauber sind als gleichaltrige Wickelkinder, aber dies ist nicht das Ziel. Es ist eher ein Nebeneffekt, dass sich Eltern die Sauberkeitserziehung sparen können, denn ihre Kinder wissen ja längst, was mit ihrem Körper passiert und müssen es nicht erst wieder lernen.

Wer die Windel hat, hat die Wahl

Windelfrei und Abhalten eignet sich nicht für alle Eltern und alle Babys. Windelfrei kann vor allem in Familien eine große Hilfe sein, bei denen Babys sich von Anfang an oder später gegen das Wickeln wehren. Auch wenn Babys schnell wund werden, allergisch reagieren etc. ist es oft die letzte Rettung. In anderen Familien ist Bettnässen ein bekanntes Problem. Hier wirkt es vorbeugend, von Anfang an das Körperbewusstsein eines Babys aufrecht zu erhalten. Es gilt wie immer: Jedes Kind ist anders, jede Familie ist anders und am besten findet und erfindet jede Familie die Variante, die zu ihr passt. Wer es ausprobiert und dann zu stressig oder anstrengend findet, sollte weiterhin auf Stoff- oder Wegwerfwindeln zurückgreifen. Wer will, kann es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal probieren oder einen Windelfrei-Kurs besuchen, auch ein Austausch-Treffen mit anderen Müttern kann einige Hürden aus dem Weg räumen.

7 Responses

  1. Caroline

    Ich habe mit windelfrei begonnen als meine kleine 4monate alt war. Erstmal nur mit dem großen Geschäft. Nun ist sie 9 Monate alt und wir tragen tagsüber gar keine Windel. Und es funktioniert wenn man auf sein Kind achtet.Teilweise bleibt sogar die Windel über Nacht trocken.Ich kann es nur jedem empfehlen.

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    • Olga

      Hallo Caroline,
      Ich habe heute mit meinem Sohn (gerade 4 Monate geworden) angefangen 🙂
      Groß geht gut da es ein ca. 24h Rhythmus hat (also 1 Mal am Tag) und gleich nach dem futtern kommt, also, vorherzusehen. Aber wie sollte ich es mit Pipi machen? hast Du Tips? er macht keine für mich erkennbare Anzeichen wenn es los geht…
      Viele Grüße,
      Olga

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  2. Nicola Schmidt

    Liebe Frau Wagner,

    spannend – ich zitiere immer nur Laurie Boucke, weil ich 1. Lini Lindmayer nur überflogen, nicht gelesen habe und 2. Ingrid Bauers Buch nicht zitiere, weil ich eher mit Laurie „schwinge“. Insofern bin ich fasziniert, dass ich beide zitiert haben soll. Welche Stellen meinen Sie denn genau? Vielleicht sind mir Lini und Ingrid näher, als ich dachte?

    Neugierig,
    Nicola Schmidt

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  3. Sara Wagner

    Einerseits finde ich es toll, dass hier jemand über die Windelfreiheit berichtet und somit dazu beiträgt dass diese tolle Sache publik gemacht wird. Andererseits … wie steht es denn in diesem Artikel mit Zitatquelle und Quellenverzeichnis. Trotz ihres Berufes scheint Frau Schmidt nicht zu wissen, dass es so etwas wie geistiges Eigentum gibt.
    Wenn sie schon Ausdrucksweisen und Sätze verwendet, die man in Büchern wie jenen von Ingrid Bauer oder Lini Lindmayer findet, so sollte das zumindest am Artikelende als Quellenverzeichnis angegeben sein. Schließlich ist die Hälfte des Textes der hier zu finden ist nicht in Frau Schmidts Kopf entstanden!

    Traurig, dass sich da jemand dem geistigen Eigentum anderer bedienen muss um über so eine tolle Sache zu schreiben

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  4. Axel Wartburg

    Ich stehe dafür anders zu denken und zu handeln als die Massen. Und meine Frau steht mir hier oft zur Seite.

    Logisch also, dass für uns weder eine Geburt im Krankenhaus, noch ein Durchschneiden der Nabelschnur, das Tragen des Kindes für mindestens neun weitere Monate (diesmal konnte ich Lutz endlich auch tragen ;o)) und eben eine relative Windelfreiheit.

    Wir trugen Lutz nackt an unserer nackten Haut. Im Schritt hatte er lediglich ein Baumwolltuch. Durch diese Art des Tragens (mit dem Gesicht zu uns!) konnten wir, wie wir denken, weitaus schneller mit unserem Sohn lösungsorientiert kommunizieren.

    Von Anfang an hielten wir Lutz über Eimern ab, weil wir glauben, dass Kinder einfacher loslassen, denn einhalten können.

    Und der Erfolg spricht für unsere Sichtweise. Lutz war mit knapp 2 Jahren trocken. Und, weil wir ihm so viel Nähe gaben und geben, weil wir an Stelle der Erziehung eine Beziehung zu unserem Sohn leben, denken wir, erlebt jeder unseren Sohn als besonders freundlich, offen und genügsam.

    Er braucht eben keine Verlustängste kompensieren. ;o)

    Herzliche Grüße

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    • Huedsch

      Das klingt toll muss ich sagen… Und windelfrei möchten wir bei baby Nr 3 nun auch auf jedenfall probieren…. Zum trocken sein muss ich sagen dass unser zweiter trotz Windeln mit 22 Monaten sauber war 😊…. Dh mi windelfrei wärs toll wenn das noch früher der Fall wäre. Lg

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  5. Monika

    Ich hab das gleich mal weitergegeben! Finde ich klasse! Vielen Dank! Und sollte ich doch noch ein Kind bekommen wird Windelfrei mein Motto sein.
    🙂

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