Ein Plädoyer gegen die allgegenwärtige Unterkuschelung und für die Kraft der Berührung…

von Simone Forster

„Man kann in Kinder nichts hineinprügeln, aber vieles herausstreicheln.“ Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren wusste um die Bedeutung von zärtlicher Berührung, die wie eine Kraftquelle für die kindliche Entwicklung ist und von der nicht nur Kinder, sondern auch wir Erwachsenen ein Leben lang profitieren. Denn unsere Haut ist unser größtes Sinnesorgan und reagiert äußerst feinfühlig auf jede Form von Streicheln, Kuscheln und Umarmung. Berührung ist wie Nahrung für uns. Sie setzt überaus angenehme Hormone frei, die uns gut tun, für Glück und Entspannung sorgen, Schmerzen lindern und uns dazu befähigen, andere Menschen überhaupt zu lieben und ihnen zu vertrauen. Wenn Berührung so elementar wichtig ist: Was sind wir dann ohne sie? Und warum sind wir gerade so furchtbar unberührbar geworden?

Es gibt diese unglaublich berührenden Momente, zum Beispiel wenn meine mittlerweile 7-jährige Tochter mir vor dem Schlafengehen ganz sanft ein Herz auf die Stirn zeichnet. Oder wenn mein 4-jähriger Sohn mich in den Arm nimmt, seine kleine Hand meinen Nacken berührt und er mir sagt, „Mama ich hab dich SUPERDOLL lieb. Mama KUSCHELN“. Dann ist alles auf der Welt egal. Dann gibt es nur den Zauber dieser zutiefst liebevollen Berührungen. Wenn wir uns dann noch abends alle in unserem Familienbett aneinanderkuscheln – manchmal gesellt sich auch unsere große Hündin noch dazu –, werden unsere „Kuscheltanks“ richtig aufgefüllt und wir sind alle miteinander verbunden. Es gibt nichts Schöneres. Erstaunlich ist, dass diese berührenden Momente so eine große Kraft haben. Sie schaffen es, all die täglichen Konflikte, den Streit, den Stress und die Katastrophen-Szenarien in der Welt aus meinem Kopf beiseite zu schieben.

Gelebter Frieden

Was mich trotz des heftigen Streitens meiner Kinder, meiner viel zu langen To-do-Liste und der düsteren Tagesnachrichten heute wieder glücklich gemacht hat? Als meine Hündin sich ganz eng an mich gekuschelt, ihren Kopf auf meinen Schoß gelegt hat und unter meinen Streicheleinheiten vor Wohlbefinden geschmatzt und tief geseufzt hat. Das war für mich ein wunderbarer Glücksmoment und eine wohltuende Auszeit von Wut, Überforderung und Fassungslosigkeit. Ich persönlich habe mir fest vorgenommen, so viele dieser berührenden Momente wie möglich zu sammeln. Aber darf ich überhaupt versuchen, glücklich zu sein, wenn es so viele Menschen auf der Welt nicht sind? Ich denke: Ja! Ich sehe es sogar als meine Pflicht an, so gut es geht, glücklich, berührbar und im Herzen berührt zu sein. Nur so kann ich versuchen, ein bisschen mehr Frieden, Liebe und Glück in unserer Familie zu leben.

Nur so kann ich dieses Glück an meine Kinder weitergeben, damit es mit und in ihnen weiter wächst. Dass wir durch das Schlafen im Familienbett ebenso wie unsere lange Trage- und Stillzeit (3 Jahre) und die damit einhergehende enge Verbundenheit heute noch profitieren, davon bin ich fest überzeugt.

Vertrauensbildende Hormone

Die Sache mit dem Kuscheln ist übrigens auch wissenschaftlich erforscht. Denn immer dann, wenn wir uns liebevoll berühren oder innigen Blickkontakt halten, wenn wir uns lieben oder entspannen, wenn wir ein Kind in Geborgenheit gebären oder es in Ruhe stillen, wird das vertrauensbildende „Kuschel- und Liebeshormon“ Oxytocin ausgeschüttet.

Unsere Gesellschaft ist allerdings gerade so überhaupt nicht auf Kuschelkurs, sondern auf viel zu viel Distanz ausgerichtet, was ihr nicht gerade gut tut. Viele Kinder sollen möglichst früh in ihren eigenen Kinderzimmern alleine schlafen und häufig bloß nicht zu lange gestillt werden. Kitas und Schulen bieten immer längere Betreuungszeiten. Fernbeziehungen und über 40 Prozent Single-Haushalte sind normal. All das hat massiven Einfluss auf unseren Oxytocin-Haushalt. Dadurch, dass wir größtenteils über die digitalen Medien kommunizieren, fehlt es viel zu oft an echter Nähe. Die traurige Folge davon ist ein hoher Grad an Berührungsund somit auch Oxytocin-Mangel. Laut der renommierten schwedischen Oxytocin-Forscherin Kerstin Uvnäs Moberg begünstigt unsere derzeitige gesellschaftliche „Unterkuschelung“ eine Zunahme von psychischen Erkrankungen wie Körperkontakt-/Beziehungsstörungen, Angst- und Gemütsstörungen und Depressionen: „Wer zu wenig Nähe zu den Menschen hat, die er liebt und denen er vertraut, schüttet weniger Oxytocin aus und wird seelisch und körperlich verletzlicher.“ Auch Dr. phil. habil. Dipl.- Psych. Martin Grunwald, Leiter des Haptik-Forschungslabors an der Universität Leipzig, ist sich sicher: „Ein Mangel an adäquaten Berührungsreizen kann zu schwersten Entwicklungsstörungen führen, weil Oxytocin in der frühen Kindheit ein wichtiger Wachstumsmotor für die Entwicklung von Gehirn und Körper ist.“

Für das Wohl unserer Gesellschaft ist es daher geradezu zwingend notwendig, uns wieder mehr gegenseitig zu berühren. Menschliche Nähe, Wärme und Liebe sichern nichts Geringeres als unser Überleben, sie bestimmen über unser Lebensglück. Warum fangen wir nicht jetzt gleich hier und heute an, uns wieder tief in die Augen zu schauen, uns gegenseitig ganz lange in den Arm zu nehmen und so viel zu kuscheln, wie es uns allen gut tut? Ich persönlich freue mich schon auf heute Abend, wenn ich meinen Kindern ein Buch vorlese und sie in meinen Armen liegen…

Über den Autor

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Simone Forster ist Redakteurin des im Januar 2020 online gehenden Portals www.geburt.de

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