Ina Rudolph erlebt immer wieder, dass viele Menschen gar nicht auf die Idee kommen, ihre Gedanken über ihren Körper ernst zu nehmen. Als wären Geist und Körper getrennt. Dabei wirken Gedanken, die wir glauben, erwiesenermaßen sehr stark auf unseren Körper ein – was wir am Placebo-/Nocebo-Effekt sehen können. Denn der Placeboeffekt wirkt ja dadurch, dass ich glaube, dass mich eine Behandlung/ein Medikament heilen wird.

von Ina Rudolph

Schmerz ist ein Grund, warum wir Menschen bereit sind, uns aus einer etablierten Situation herauszubewegen. Wohl oder übel sehen wir ein, dass wir etwas tun müssen. Mit körperlichen Schmerzen gehen wir zum Arzt, suchen Heiler auf und probieren sogar Sachen, die wir absurd oder albern fanden, als der Schmerz noch nicht so stark war. Er zeigt uns, dass wir „so“ nicht weitermachen können, dass wir in eine Sackgasse geraten sind und es andere Blickwinkel, Wege und Verhaltensweisen braucht. Wir könnten Schmerz beispielsweise als einen nützlichen Hinweis betrachten. Warum also tun viele Menschen sich so schwer, Schmerz zu begrüßen? Was tun wir nicht alles, um Schmerzen loszuwerden. Was tun wir nicht alles, um sie nicht spüren zu müssen. Wir betäuben uns mit Alkohol, „Sozialen“ Medien, stürzen uns in endlose Diskussionen, jammern und wehklagen und sind schnell bereit, frei erhältliche Schmerzkiller einzunehmen.

Es ist nur allzu verständlich, dass ich lieber keine Schmerzen hätte. Weder körperliche noch psychische wie Angst, Ohnmacht oder Einsamkeit. Nur: Was geschieht mit körperlichen Schmerzen, wenn ich sie nicht haben möchte oder sogar ablehne? Auf körperlicher Ebene spanne ich dagegen an, Muskeln halten fest, versteifen sich. Andere Muskeln wollen die Verspannungen ausgleichen, es entstehen Schonhaltungen. Die Durchblutung funktioniert nicht mehr so gut, der Transport der Nährstoffe ist blockiert und vieles andere mehr.

Ich will das nicht!

Lehne ich psychischen Schmerz ab, muss ich gegen etwas sein, was in mir auftaucht. Ich beginne einen Kampf gegen Angst, Ärger, Hilflosigkeit oder Depressionen. Und mit einem Kampf gegen etwas eröffne ich ein Schlachtfeld, in dem ich einerseits der Angreifer bin und mich andererseits mit ungeheurer Macht verteidigen muss. Wahrscheinlich würde jeder, der unter starken Schmerzen leidet, sagen:

Der Schmerz sollte nicht da sein.

Das ist zunächst erstmal ein Gedanke. Ein Gedanke, der der momentanen Realität widerspricht, in der die Schmerzen nun einmal da sind. Die Fragen der „Work“, die die Realität solcher Gedanken hinterfragen, sind unglaublich hilfreich – wenn man bereit ist, ihnen mit einem offenen Geist zu begegnen und sich mit der Beantwortung Zeit zu lassen, bis auch das Unbewusste eine Antwort hat. Dies ist für viele Menschen der schwierigste Teil. Bis jetzt haben die meisten Menschen mit Schmerzen auf die erste Frage der Work:

„Ist der Gedanke wahr, dass der Schmerz nicht da sein sollte?“ mit „Ja“ geantwortet. Das ist in Ordnung, denn im Prozess der Work geht es immer um deine ehrlichen, authentischen Antworten und nicht um die Wiederholung von spirituell Erlerntem wie: „Alles ist Illusion“.

Kannst du absolut sicher sein, dass der Schmerz nicht da sein sollte? (in dem Moment, in dem er nun einfach mal da ist?) Das ist die zweite Frage der Work. Lass dir Zeit für deine Antwort. Kannst du dir einhundertprozentig sicher sein? Oder könnte es sein, dass dieser Gedanke vielleicht nur eine Denkgewohnheit ist? Eine Denkgewohnheit, der du schon so lange folgst, dass sie dir wie ein Fakt erscheint? Meine persönliche Art, wie ich versuche, dagegenzuhalten und meine Weltsicht zu verteidigen, kann ich mit der dritten Frage der Work sehr schön erforschen:

Wie reagiere ich, was passiert, wenn ich den Gedanken glaube, dass der Schmerz nicht da sein sollte? Wie behandle ich den Körperteil, den körperlichen oder mentalen Schmerz, wenn ich ihn ablehne? Lass dir auch hier wieder Zeit, das eingehend zu fühlen. Ist der Körper dann dein Feind? Ist er ein Gegner, dem du nicht zuhörst, dem du dich nicht zuwendest und mit dem du streng und hart bist? Und wie fühlt sich das für dich an, während du in diesem Körper steckst? Kannst du wahrnehmen, dass dein „Dagegen-Sein“ einen Kampf eröffnet? Der Schmerz sagt: Ich bin da. Du sagst: Geh weg.

In der Zwickmühle

Habe ich diese Kampfarena betreten, drehe ich mich im Kreis und könnte schier verrückt werden. Ich will den Schmerz weg haben, er geht aber nicht weg. In diesem Kreislauf könnte ich mich hochschaukeln, verzweifeln, am Rad drehen, die Nerven verlieren – bis es keinen anderen Ausweg mehr gibt als die Kapitulation. Dann ergebe ich mich, niedergeschmettert, schluchzend, gebe auf. Aber nur, bis sich wieder Kraft angesammelt hat, mit der ich erneut dagegen sein kann, und dann beginnt der Kreislauf von vorn. Kann ich es denn machen, dass die Schmerzen nicht da sind, in einem Moment, wo sie bereits da sind? Ist das möglich (ohne Mittel einzuwerfen)? Und wie fühlt es sich an, etwas zu wollen, was nicht geht? Hier nehme ich mir wieder einen Moment Zeit, um diese Zwickmühle zu spüren, in die ich mich selbst gebracht habe.

Es kann unheimlich lehrreich sein, die Ausweglosigkeit meiner Strategie deutlich wahrzunehmen. Was ich will, geht nicht! Wie ist dein Leben, wenn du Empfindungen, die du als „unerwünscht“ betitelt hast, immer nur wegdrückst, ausblendest, ablehnst? Wenn du immer nur die schönen Gefühle erleben willst und alles andere am liebsten ausklammern möchtest? Wenn du nicht bereit bist, das GANZE Leben zu erleben? Wie anstrengend ist es, Schmerz vermeiden zu wollen? Und nochmal: Ist es überhaupt möglich, Schmerz zu vermeiden? Und wie schal wird dein Leben, wenn du versuchst, es nur auf der sonnigen Seite zu erleben? 365 Tage des Jahres mit Schirmchengetränk am Strand liegen? Ohne Abenteuer (Achtung, gefährlich!) ohne Wagnisse, ohne einen hohen Einsatz für etwas zu bringen, dass dir wirklich wichtig ist? Schon Buddha hat uns gelehrt: Schmerz ist unvermeidlich und wir laden uns nur noch mehr Schmerz auf, wenn wir mit dem unvermeidlichen Schmerz im Widerstand sind.

Und nicht zuletzt: Wenn ich mich taub mache gegenüber meinem eigenen Schmerz, bin ich es dann nicht auch gegenüber dem von anderen? Stumpft es mein Mitgefühl ab, verschließt es mein Herz, schafft es Distanz und erzeugt eine Kühle in unserer Gesellschaft, die ich doch selber beklage? Verbindung, Wärme, Mitgefühl tun uns allen gut. Wir können, wenn wir uns gegen Schmerz abschotten wollen, auch den Schmerz unseres Planeten nicht wahrnehmen, den wir der Natur selber zugefügt haben. Und sägen deshalb weiter an dem Ast, auf dem wir sitzen… Oder könnte ein Politiker, der bereit ist, seinen eigenen Schmerz, seine eigene Angst und Verzweiflung durchzufühlen, seine Bürger in den Krieg schicken?

Die vierte Frage der Work lautet: Wer wärest du ohne diesen Gedanken? Ohne den Gedanken: Der Schmerz sollte nicht da sein. Hier braucht es wieder Kontemplation. Kannst du dich für unerwartete Antworten öffnen und ihnen Zeit geben? Alles bleibt in der Realität so, wie es ist, und du schaust dir an, wie es wäre, wenn lediglich der Gedanke nicht da wäre.

Mal angenommen, ich würde Schmerz nicht weg haben wollen, ihn nicht einfach nur schnell loswerden wollen? Ich, Ina, könnte ihm lauschen. Ich könnte mich ihm zuwenden, und das allein wäre schon schön. Der Schmerz wäre nicht mehr der Feind im eigenen Körper. Plötzlich habe ich Zeit, die ich mit mir und dieser Körperempfindung verbringen kann. Ich spüre fast eine Erlösung, da ich mir jetzt erlaube, nicht um jeden Preis funktionieren zu müssen. Ich steige aus dem Hamsterrad aus, in dem es genügt, mich immer notdürftig zusammenzuflicken, damit ich schnell wieder einsatzfähig bin. Ich kann spüren, wie gut mir das tut, und bemerke dadurch, wie ich zwar immer wieder in dieses Leistungsrad einsteige, es aber gar nicht möchte. (Meine Antworten auf die Fragen der Work müssen übrigens nicht deine sein. Du kannst und darfst deine ganz eigenen Antworten finden.)

Ohne den Gedanken, dass der Schmerz nicht da sein sollte, bemerke ich auch, was in meinem Leben gerade los ist. In welchem Lebensbereich reiße ich mich zusammen, halte etwas aus oder beiße die Zähne zusammen? Auch ständiges Anpassen und Verstellen kann die natürlichen Funktionen in meinem Körper beeinträchtigen. Ohne den Gedanken hätte der Schmerz für mich eine andere Bedeutung. Ich sehe ihn nicht mehr als einen überflüssigen, nervtötenden Störenfried, der gefälligst aus dem Weg gehen soll. Er ist ein Teil von mir und eventuell die Folge von meiner Art, die Welt zu sehen, und den daraus folgenden Verhaltensweisen. Vielleicht kann er, wenn ich bereit bin, ihm zuzuhören, sogar ein Ungleichgewicht in meinem Leben zurechtrücken. Er sagt mir: Bewege dich aus eingefahrenen Bahnen heraus, schau noch mal neu nach einer Lösung! In meinem Leben hatte ich häufig mit körperlichen Schmerzen zu tun und vor zwanzig Jahren habe ich mich durch eine lange Phase gekämpft, in der ich vor allem und jedem Angst hatte. Die Angst hat sich erst beruhigt, als ich bereit war, sie volle Kanne zu spüren, und nicht mehr gegen sie gekämpft habe.

Sie hatte eine wertvolle Botschaft für mich, die ich zunächst gar nicht sehen konnte, dann eine Weile nicht sehen wollte – bis ich die Ärmel hochgekrempelt habe: Na gut, wenn es sein muss. Es war ein gutes Stück Arbeit, und heute bin ich diesem befreienden Prozess unendlich dankbar. Wenn ich den Glaubenssatz: Der Schmerz sollte nicht da sein mit den vier Fragen von The Work überprüft habe, kehre ich ihn um in mögliche Gegenteile. Byron Katie nennt es: „Umkehrungen“. Eine mögliche Umkehrung wäre die ins einfache Gegenteil:

Der Schmerz sollte da sein

Ich frage mich: Auf welche Weise könnte diese Umkehrung wahr sein? Wie könnte eine Realität sein, in der der Schmerz da sein sollte? Auch für die Umkehrungen gebe ich mir Zeit, lehne mich zurück und gebe meinem Unbewussten die Möglichkeit, sich dazuzuschalten. Ich muss mich nicht anstrengen, um ein Beispiel für diese Umkehrung zu finden. Aus der Ruhe und Drucklosigkeit zeigen sich manchmal Beispiele, die ich noch nie so gesehen oder die ich gründlich vergessen hatte.

Meine Beispiele könnten sein:
1. Der Schmerz sollte da sein, da er mir etwas zeigen will. Diesen Hinweis zu überhören, könnte die Sache noch schlimmer machen.
2. Der Schmerz sollte da sein, weil er da ist, weil er nun mal bereits Realität ist. Und es macht keinen Sinn, gegen etwas zu sein, was bereits so ist. Diesen Kampf werde ich verlieren, und das, wie Byron Katie sagt, zu hundert Prozent.
3. Der Schmerz sollte da sein, weil er mich darauf aufmerksam macht, dass ich gerade wieder dabei bin, in das Hamsterrad einzusteigen. Bemerke ich das rechtzeitig, kann ich meinen Fuß noch zurückziehen und vor dem Rad stehen bleiben, es betrachten und dem Schmerz aufrichtig danken, dass ich verschont geblieben bin. Welches Beispiel kannst du selber noch finden, dass dein Schmerz da sein sollte?

Mein Denken über den Schmerz sollte nicht da sein, könnte eine weitere mögliche Umkehrung sein.
1. Besonders das schmerzhafte, ablehnende Denken, das Empfindungen so schnell als „unerwünscht“ abstempelt, bevor ich dem Schmerz überhaupt zugehört habe.
2. Das Denken, das versucht, Schmerz um jeden Preis zu vermeiden. Denn die Mühen, Schmerz zu vermeiden, sind auch schmerzlich. Und will ich Schmerz vermeiden, gehe ich den möglichen Ursachen nicht auf den Grund. Und das kann am Ende zu chronischen oder unheilbaren Krankheiten führen, die den Anfangsschmerz, den ich vermeiden wollte, weit übersteigen.
3. Mein Denken, das Schmerz ganz grundsätzlich ausklammern möchte. Das mich hart und unerbittlich gegen Schmerz sein lässt. Gegen meinen eigenen, den von anderen und den, den Tiere und Pflanzen unseres Planeten vermutlich empfinden. Und den wir, wenn wir ihn jetzt nicht empfinden wollen, in ein paar Jahren vielleicht mit noch größerer Wucht werden erleben müssen…

Über den Autor

Avatar of Ina Rudolph

ist Schauspielerin, Autorin und Coach für The Work. Sie arbeitet seit 16 Jahren mit dieser Methode und hilft anderen dabei, sich von ihren belastenden Glaubensmustern zu befreien.

Mehr Infos

Literatur:
Ina Rudolph: Ich will mich ja selbst lieben, aber muss ich mich dafür ändern?, Goldmann Verlag 2017

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