Anzeige

Es vergeht kein Tag, an dem nicht von Mord und Totschlag in der Zeitung zu lesen ist. Die alltäglichen Berichte über diese Gewalttaten lösen in der Öffentlichkeit Erschütterung, Abscheu, aber auch Unverständnis aus. Die meisten sind empört und fragen: Wie können Menschen nur so etwas tun?

 

Doch die Empörung verstellt den Blick auf die Hintergründe. Zumal sie unvereinbar ist mit der Erkenntnis, dass es keine wirklich „bösen“ Menschen gibt, sondern nur Individuen, die aufgrund ihrer Lebensgeschichte zu Tätern werden.
Dieses kriminologische Wissen will jedoch partout keinen Eingang in das Alltagswissen finden. Aus wissenschaftlicher Sicht zumindest gilt es längst als gesichert, dass jeder Täter selbst einmal Opfer gewesen ist und seine Handlungen durch unbewusste psychische Mechanismen ausgelöst werden.

 

Im Tun drückt sich das eigene Leid aus

 

Im Folgenden möchte ich diese Mechanismen skizzieren, so wie sie in der Literatur, insbesondere auch in meiner Studie über Frauen, die ihren Partner getötet haben, nachzulesen sind. Da sich konkrete Beispiele am besten dafür eignen, können wir uns eine Szene vorstellen, wie sie so oder ähnlich sicher allabendlich in unzähligen Familien vorkommt. Ein kleines Kind wird geschlagen. Vielleicht, weil es – trotz mehrfacher Ermahnung – wieder einmal ins Bett gemacht hat. Das Kind fühlt die Schuld und schämt sich. Niemand in der Familien weiß, dass Bettnässen ein Symptom darstellt.

Der Vater indes ist keineswegs ein schlechter Mensch. Er erzürnt sich stets über Eltern, denen Kindesmisshandlung vorgeworfen wird. Emphatisch fordert er deren Bestrafung. Was er hingegen gerade tut, nimmt er als Erziehung wahr. Sein Sohn soll später stark und diszipliniert sein und nicht, wie er selbst, schwach und ohne festen Willen. Er verabscheut diese Charaktermängel bei sich. Warum hat er sonst – trotz wiederholter Versprechen, abstinent zu bleiben – wieder zur Flasche gegriffen? Diesen Wesenszug, so meint er, müsse man bei dem Kleinen beizeiten ausmerzen.

Der Alkohol vernebelt sein Bewusstsein; er hat sich nicht mehr unter Kontrolle. Vermutlich nimmt er den Kleinen gar nicht mehr wahr, sondern sieht eher seine gebündelte, nach außen verlagerte Verzweiflung vor sich. Als ließe sich diese magisch zerstören, so schlägt er blind drauf los. Hinterher tut es ihm Leid. Er durchschaut nicht, dass sich in all seinem Tun das Leid der eigenen Kindheit Ausdruck verschafft.

 

Das Kind gibt sich selbst die Schuld

 

Der kleine Sohn indes kann das Verhalten des Vaters ebenso wenig einordnen. Er ist ja erst drei Jahre alt. Er kann die Schuld für sein Leiden nicht dem Vater zuweisen. Auch nicht der Mutter, die ihm nie beisteht. Schließlich ist er auf die Eltern und deren positive Zuwendung angewiesen. Wenn er sich dagegen selbst als schlecht einschätzt, wird es ihm zudem vorkommen, als habe er die Kontrolle über das zukünftige Geschehen. Er muss sich ja nur ein bisschen mehr anstrengen, um ein lieberes Kind zu werden, nicht mehr ins Bett machen, nicht vorlaut sein, leise, unauffällig, eben zum Liebhaben. Dann würde sein Vater auch nicht mehr so oft zuschlagen, und die Mutter wäre dann sicher auch nicht mehr so ablehnend. Offensichtlich hat er sich bisher nur nicht genügend Mühe gegeben. Deshalb ist er überzeugt davon, die Schläge verdient zu haben.

 

Die Implantation von Gewalt

 

Was aber geschieht dadurch in seiner Kinderseele? Von Menschen misshandelt zu werden, die man liebt, ist eine der schlimmsten Erfahrungen überhaupt. Könnte der Kleine das ungefiltert wahrnehmen, so müsste er womöglich sterben. Um das zu verhindern, treten eine Reihe von Abwehrmaßnahmen auf den Plan, die zwar das Überleben sichern, jedoch verheerende Folgen für seine Persönlichkeitsentwicklung haben.
Besondere Auswirkungen hat die Selbstbezichtigung für das Selbsterleben: Ein misshandeltes Kind entwickelt zwangsläufig einen ausgeprägten Selbsthass. Auf der Basis seiner falschen Annahmen geht es ja davon aus, dass die Lieblosigkeit der Eltern ausschließlich an ihm liegt. Es sieht sich selbst als Ausgangspunkt der Gewalt. Dadurch findet quasi eine Implantation der Gewalt statt: Je massiver die Gewalt von außen kommt, desto massiver werden sich die Aggressionen auf die eigene Person entwickeln.

 

Die Spaltung der Persönlichkeit

 

Mit einem so vernichtenden Selbstbild kann jedoch niemand leben. Es muss ein Ausgleich zu diesem unerträglichen Gefühl des Selbsthasses und dem damit einhergehenden Gefühl der Minderwertigkeit geschaffen werden, um eine psychische Balance zu schaffen. Da sich in der Außenwelt meist keine ausreichenden positiven Erfahrungen finden lassen, müssen sich betroffene Kinder in Erlösungsphantasien, Illusionen und Hoffnungen flüchten. Damit etablieren sie gewissermaßen ein Gegengewicht, das jedoch lediglich ein Luftschloss ist. Nun haben sich zwei verschiedene Selbstbilder in der Innenwelt gebildet. Diese sind so konträr, dass es zwischen ihnen keine Verbindung geben und deshalb keine Integration erfolgen kann. Die Persönlichkeit dieser Menschen ist demnach in zwei unterschiedliche und nicht zu vereinende Anteile aufgespaltet.
Viele Gewalttäter, die von fassungslosen Nachbarn als „nette junge Männer“ beschrieben werden, pochen dann auch auf die Wesensfremdheit ihrer Tat und schwören, selbst völlig überrascht davon gewesen zu sein. Sie selbst verstehen ihr Handeln oft am wenigsten, denn es gehört zum Krankheitsbild, dass diese Menschen eben keinen Zugang zu ihren widersprüchlichen Persönlichkeitsanteilen haben.
Ohne sich dessen bewusst zu sein, findet ein ständiges Oszillieren, also ein Hin- und Herschwanken zwischen beiden Anteilen statt. Dadurch fehlt ihnen ein einheitliches Identitätsgefühl; sie wissen nicht, wer sie wirklich sind.

 

Das innerpsychische Gleichgewicht ist labil

 

Es werden natürlich alle Anstrengungen aufgeboten, um möglichst nur die „gute“ Seite zu verkörpern. Mit dem „schlechten“ Anteil, in dem die Schuld, der Selbsthass und die Verzweiflung darüber untergebracht sind, will sich verständlicherweise niemand identifizieren.
Eine unter diesen Umständen zustande gekommene Persönlichkeitsstörung kann unter einer völlig intakten Fassade verborgen bleiben. Deshalb ist es nicht so offensichtlich, dass sogar ein großer Anteil der Bevölkerung davon betroffen ist. Den meisten gelingt es nämlich, ihre psychischen Beschädigungen zu kaschieren und die Auswirkungen in gesellschaftlich akzeptierte Bahnen zu lenken. Niemand merkt dann, welche verheerenden Kämpfe sich im Innern dieser Menschen abspielen.
Sie müssen sich permanent anstrengen, um den illusorischen Teil ihres Selbsterlebens zu nähren. Da nämlich das „gute Selbstbild“ lediglich ein Phantasiegebäude und somit ohne feste Substanz errichtet worden ist, ist das innerpsychische Gleichgewicht ständig in Gefahr zusammenzubrechen. Daher auch die extreme Kränkbarkeit, mit der Straftäter oft beschrieben werden. Jede Kritik löst in ihnen die Gefahr eines inneren Zusammenbruchs aus. Da sie in ihrer Innenwelt nur Leere vorfinden, sind sie darauf angewiesen, ständig im Außen nach Nahrung Ausschau zu halten. Da sie keine befriedigenden Bindungen erlebt haben, können sie weder auf diese Erfahrung zurückgreifen, noch sind sie fähig dazu, solche nährenden Bindungen einzugehen. Außerdem fehlt ihnen jegliches Vertrauen, sich anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Das Misstrauen, welches sie anderen entgegenbringen, entfernt sie aber erst recht von ihnen.

 

Fremdkörper in der Psyche

 

Was ihnen bleibt, sind Ersatzbefriedigungen. Da jedoch sämtliche Ersatzbefriedigungen nicht nachhaltig sind, müssen diese Menschen ständig von Neuem auf der Suche sein. Es lässt sich mit dem physiologischen Hunger vergleichen: Je hungriger jemand ist, und je weniger Nahrung er findet, desto dringlicher wird sein Anliegen, desto größer werden Verzweiflung und innere Anspannung, desto mehr drängt sein Inneres auf eine Lösung des Problems. Der unerlässlich steigende Druck vermittelt das Gefühl einer bevorstehenden Explosion. Die Gesamtsituation ist – auch aufgrund des Überlebensmechanismus‘ der Verdrängung – für die Betroffenen nicht durchschaubar. Da die traumatischen Ereignisse vom Kind nicht verarbeitet werden konnten, wurden sie abgespaltet und aus der bewussten Erinnerung entfernt. Nun ist es zwar, als hätten diese Erfahrungen nie stattgefunden, doch verbleiben die verdrängten Inhalte unverarbeitet wie Fremdkörper in der Psyche.
Auch hier bietet sich eine Analogie aus der Physiologie an: Die Seele will sich von den unverdaulichen Brocken befreien und sie wieder ausscheiden.

 

Die eigenen verleugneten Anteile bekämpfen

 

Eine – allerdings nur scheinbare – Möglichkeit der Ausscheidung ist ein Vorgang, der in der Fachsprache als Externalisierung bezeichnet wird. Dem Individuum erscheint es dann so, als komme das verinnerlichte Ereignis nun von außen. Das gilt für den Vater, der sein Kind schlägt, genauso wie für alle anderen Gewalttäter. Sie nehmen ihr Opfer nicht als eigenständige Subjekte wahr, sondern sehen in ihnen, gleichsam wie in einem Spiegel, die eigenen verleugneten Anteile. Diese sollen nun im Außen vernichtet werden. Die Quelle dieses Verhaltens liegt also jeweils in den traumatischen „Brocken“, die nicht verarbeitet werden konnten, weil die Verarbeitungskapazität der Seele dafür nicht ausgereicht hat. Es sind demnach nicht die erlittenen Misshandlungen selbst, die sich zerstörend auf einen Menschen auswirken, sondern die psychischen Prozesse, die in Gang geraten, um damit fertig zu werden.
Oft berichten Straftäter von einem Wendepunkt, der zeitlich vor ihrer Tat eingetreten ist. Offenbar nehmen sie diffus wahr, wenn ihre Kraft nachlässt und sie sich zunehmend außerstande fühlen, das innere Gleichgewicht halten zu können. Wenn jegliche Hoffnung auf eine zukünftige Besserung weicht, dann löst sich das Gegengewicht allmählich auf, so dass zunehmend ein Zusammenbruch droht. In meiner eingangs erwähnten Studie schien der Auslöser dieser existentiellen Bedrohung ein Angriff auf den kompensatorisch errichteten „guten“ Persönlichkeitsanteil zu sein.

 

Gewalttaten als Schutz vor psychischem Schaden

 

Während in einigen Fällen der psychische Zusammenbruch und damit der Ausbruch einer Psychose (Wahnvorstellungen, Halluzinationen u.ä.) schleichend verläuft und besonders passive Menschen der Krankheit nur wenig entgegensetzen können, kämpfen hingegen die eher aktiven Charaktere mit ihrer Krankheit und widerstehen dem Ausbruch so lange, wie es ihnen ihre Ich-Stärke erlaubt. Sie sind es auch, die oft in letzter Minute einen verzweifelten Versuch unternehmen, die Psychose durch einen Akt der Gewalt abzuwehren.
Vor diesem Hintergrund lassen sich Gewalttaten als Schutz vor der Gefahr eigenen psychischen Schadens betrachten. Mit der Tat wird die drohende Desintegration abgewendet, was jedoch ebenso wenig wie alle anderen bisher beschriebenen Vorgänge ins Bewusstsein der Betroffenen gelangt. Von daher können sie ihr Tun hinterher auch nicht mehr erklären. Dennoch wird von ihnen verlangt, eine plausible Darstellung ihrer Motive zu geben. In den meisten Fällen üben diese Menschen allerdings einen Gewaltakt gegen die eigene Person aus. Das zeigt die Statistik, die für das Jahr 2003 mehr als 11000 Selbstmörder in Deutschland ausweist. Vielleicht fällt es leichter, für diese Gruppe anzuerkennen, dass ihre Tötungstaten als Schutzmaßnahmen dienen, um einem Schmerz zu entgehen, der nicht auszuhalten wäre.
Je mehr Menschen einzusehen imstande sind, dass sich hinter jeder Gewalttat eine Tragik verbirgt, deren Ausmaß sich möglicherweise an der Dimension der ursprünglich erlebten Gewalt ablesen lässt, desto eher kann ein grundlegender Wandel erfolgen. Nicht nur im Umgang mit Straftätern, sondern vor allem in der Verantwortungsübernahme für die heute leidenden Kinder, damit sie in Zukunft davor gefeit sind, jemals zu Straftätern zu werden.

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*