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Ich kann nicht, ich bin nicht gut genug, keiner will mich – die Opfertrance hat viele Stimmen und verbaut uns jeden Tag den Weg in ein glückliches Leben. Doch wir sind ihr nicht hilflos ausgeliefert. Alexandra Schumacher zeigt Wege, wie wir aus unserer unbewusst genährten Opferhaltung aussteigen können.

 

„Die Idee, dass ihr eine Pflicht gegenüber euren Eltern, euren Verwandten, eurem Land habt, macht euch zu Opfern.“
Krishnamurti, Vollkommene Freiheit

Die Zeiten kollektiven Gehorsams scheinen in Deutschland vorbei. Dennoch: Kollektiv geschaut, ist die Opfertrance immer noch ein Erbe, das wir alle in uns tragen. Sie spricht heutzutage persönlicher und subtiler zu uns, was ihre Wirksamkeit sogar noch erhöht: „Ich bin nicht gut genug“, „Das schaffe ich nie“, „Keiner liebt mich“, „Die anderen sind besser, schöner, schneller, erfolgreicher, glücklicher…“. Auch „Macher-Krankheiten“ wie Tinnitus, Herzprobleme oder Burnout zeigen ein Feststecken in der Opfertrance. In der Regel sind hier die Opferstimmen verdrängt worden und verschaffen sich über Krankheiten ihren Ausdruck. Schaffen wir es, zu erkennen, dass diese Phänomene unsere inneren Einstellungen widerspiegeln, mehr noch: durch unsere inneren Einstellungen genährt werden, können wir unsere Opfer-Haltung sprichwörtlich „am Schlafittchen“ packen und – best case – aus unserer oft unbewusst geführten und genährten Dauertrance aussteigen. Gerade wenn wir einen Zuhörer an unserer Seite erlauben, hat das eigene Lied die besondere Chance, hörbar und damit deutlich zu werden. 

 

Was ist eine Opfertrance?

Wenn wir die beiden Worte „Opfer“ und „Trance“ unter die Lupe nehmen, dann bezieht sich der Begriff „Opfer“ auf die Schuldlosigkeit eines Einzelnen in Bezug auf das ihm widerfahrende Leid. Die Trance – abgeleitet aus dem Lateinischen „transire“ = hinübergehen – bezeichnet einen Bewusstseinszustand, in dem sich eine Person intensiv und ausschließlich auf eine Thematik – wie in diesem Fall das Opferdasein – konzentriert.

Je nach Tiefe der Opfertrance bewirkt diese eine schwach oder stark herabgesetzte Wachheit, auch gegenüber jenen Aspekten der Wirklichkeit, die der Realität des Opferdaseins widersprechen. Der  Bewusstseinsforscher Charles Tart beschreibt den Zustand der durchschnittlichen oder normalen Aufmerksamkeit als Alltagstrance (siehe Trance, Wikipedia). Im Gegensatz zur weiten und panoramaartigen Achtsamkeit fokussieren und verengen wir uns in der Opfer-Trance – manchmal sogar, ohne unser Opfer-Sein zu bemerken:

„Es ist absolut möglich, dass sich ein Mensch außerhalb des Gefängnisses befinden kann und dennoch gefangen ist; dass er frei aller körperlichen Fesseln ist und dennoch psychologisch unfrei … Das Opfer von Verstandes-Manipulation weiß nichts von seiner Rolle als Opfer. Für ihn sind die Wände seines Gefängnisses unsichtbar, und er selbst glaubt, frei zu sein. Dass dies nicht stimmt, ist aber nur für die anderen Menschen offensichtlich.“
Aldous Huxley, Wiedersehen mit der schönen neuen Welt, 1958

In der Opfertrance erdulden und fördern wir, was wir mit achtsamem Geist nie freiwillig erleben würden. Doch die Opferstimmen haben die Kraft, Recht zu bekommen, indem sie immer wieder auf ein Neues durch die (negativen) Erfahrungen ihrer Träger Bestätigung erhalten.

Es gibt den Begriff  der selbsterfüllenden Prophezeiung. Gemeint ist das Phänomen, dass unsere Erwartungen unsere Realität erzeugen, die wir aber nicht als eigene Kreation erkennen, sondern als von außen geschaffene, von uns unabhängige Realität wahrnehmen. Weil wir den Zusammenhang unserer bewussten wie unbewussten Erwartungen mit unserem Leben nicht erkennen, ist es so schwierig, aus der Opfer-Trance zu erwachen. Sie ist uns meist nicht bewusst, und in vielen Fällen bekommt sie von uns und unserem Leben so viel Bestätigung, dass wir sie wie ein Perpetuum mobile immer am Leben erhalten, mehr noch: erhalten wollen.

 

Das Opferdasein sitzt in jeder Zelle

Weit gefehlt, wenn man nun glaubt, die Opfertrance manifestiere sich nur auf der mentalen Ebene. Sie geht bis in unsere Wurzeln, sie speichert sich in unserem Körper. In meiner Arbeit habe ich sie gemeinsam mit meinen Klienten in den verschiedensten Organen und an diversen Körperstellen lokalisieren können. Opfertrancen sind im Gehirn verankert, im Rücken, im Nervensystem, in der Schilddrüse, in der Niere, in der Leber, im Verdauungstrakt, in der Gebärmutter oder in den Hoden… Die Liste ist so endlos wie die vielfältigen Speichermedien unseres Körpers. Es obliegt der Weisheit unserer Körpers, an welchen Stellen er unsere Opfertrancen speichert und so für uns manifestiert.

Jede Opfertrance scheint mit einer Lebensaufgabe verbunden. Im Go-Shining-Kurs arbeiten Bibi Nanaki Kaur und ich deshalb im Schwerpunkt an der Lebensbestimmung. Yogi Bhajan, unser verstorbener Lehrer, hat gesagt: „You are here on earth to walk the distance to your destiny“ – Du bist hier auf der Erde, um die Distanz, also den Weg, zu deiner Bestimmung zu gehen. Wenn wir die uns gegebene Distanz, sprich unseren Lebensweg mit all seinen Schwierigkeiten und selbsterzeugten Hürden mit unserer Opferstimme in Zusammenhang bringen, kommen wir uns und unserer Lebensbestimmung einen deutlichen Schritt näher.

Beispielsweise erkannte eine Teilnehmerin in einem unserer Go-Shining-Kurse, dass ihr gesamtes Leben einem Muster zu folgen schien. Immer, wenn sie etwas Schönes und Wertvolles aufbaute, erlebte sie unmittelbar danach ein unerwartetes PENG und alles fiel in sich zusammen. Ihre selbstverständlich gewordene Opferhaltung zeigte sich besonders deutlich am Ende unseres Seminartages: Unmittelbar nach diesem kraftvollen, aufbauenden Seminar erzählte sie mir, was sie alles nicht könne und wo sie überall versagt habe. In diesem Moment war ihre Opferstimme laut und deutlich und übertönte alles andere. Der Teilnehmerin war nicht bewusst, dass ihre Opferstimme die Führung übernommen hatte. Erst als ich ihren Monolog als Lebens-Muster spiegelte, konnte sie ihre Opfertrance betrachten.

 

Willst du wirklich?

Die Erkenntnis, dass und wie wir uns selbst im Weg stehen, ist ein erster Schritt, bewusst weiterzugehen und jedes PENG anders, möglicherweise undramatischer und leichter als bisher zu erleben. Mein balinesischer Lehrer Jro Dar hat mir gezeigt, dass unser Leben uns in entscheidenden Momenten, auch durch die Opferstimmen, mit der Frage: „Willst du wirklich?“  testet. Wenn wir unsere lauten Opferstimmen als Herausforderer sehen, können wir diese Frage mit mehr Weitblick klären.

Unsere körperliche Entsprechung zum eigenen Opferprogramm zu finden, ist ein zweiter Schritt. In meiner über 30-jährigen Praxis mit Körpertherapie und Selbsterfahrung habe ich erlebt, dass sich diese Programmierungen nur dann lösen, wenn wir bereit sind, eine tägliche körperliche Praxis zu absolvieren. Ich habe mich deshalb unter anderem darauf fokussiert, maßgeschneiderte Übungsprogramme zu entwickeln, welche 40 bis 1000 Tage lang täglich praktiziert werden. Ich bin überzeugt, dass besonders ein maßgeschneidertes Übungsprogramm hilft, sowohl die Opferstimmen zu wandeln als auch die eigene Bestimmung zu leben.
Nur wenn wir uns täglich daran erinnern, wer wir sind und wohin wir wollen, schaffen wir es, unsere Erkenntnis verlässlich in unserem Alltag zu integrieren.

„Dies ist also der Wucher der Zeit: seine Opfer werden alle, die nicht warten können.“     
Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit

 

Angenommen, wir geben uns die nötige Zeit und üben uns in Ausdauer und Geduld, und angenommen, wir hören die Opferstimme, ohne uns von ihr überwältigen zu lassen – wird die Opferstimme dann eines Tages verstummen? Meine Stimme zum Beispiel, die ich seit mehr als 20 Jahren kenne, äußert sich immer in Situationen, die nicht glatt laufen. So hinderlich sich eine Opfertrance in vielen Situationen auswirken mag, so vertiefend und verbindend kann eine bewusst wahrgenommene Opferstimme aber auch sein. Hierzu ein Beispiel aus meiner Praxis.

Eine Frau, die beruflich eine Führungsposition innehatte, kam zu mir, weil sie bei offiziellen Anlässen nicht mehr trinken konnte. Ihre Hand zitterte so unkontrollierbar, dass sie fürchtete, sich zu blamieren. Eine ungehörte Opferstimme flüsterte dabei: „So, wie du nicht zu deinen Eltern gehörtest, so gehörst du auch nicht hierhin.“ Bei genauem Blick wurde klar, dass der Fokus, nicht dazuzugehören, ein unerkanntes Lebensmuster war. Alleine diese Erkenntnis war heilbringend. Denn sie veranlasste zu Fragen wie: „Wo bin ich gerade mit meiner Aufmerksamkeit?“, „Wer oder was gehört zu mir?“, „Was brauche ich, um mich wohl zu fühlen?“, „Was verbindet mich mit …?“

Diese Auseinandersetzung mit sich selbst brachte einen neuen Fokus und neue Werte ans Tageslicht, die zur sicheren Basis wurden. Das Zitterphänomen entwickelte sich zum Barometer, das der Frau schnell und verlässlich zeigte, wie sie in diesem Moment mit sich im Kontakt war, und stärkte die „Selbst-Verbindung“.

Ich bin sicher, dass jede Opferstimme auf ähnliche Weise einen selbstverbindenden Prozess auszulösen vermag. Wenn wir die wiederkehrenden Gedankenmuster hören, können wir auch erkennen, dass sie unsere Gewohnheiten und Muster bestimmen und so bereits zu einem Magneten für wiederkehrende Lebenssituationen geworden sind. Wenn wir mit meditativer oder spiritueller Praxis in die eigene Stille finden, kann es uns gelingen, den heilbringenden Anteil der Opfertrance zu fördern und zu leben. Dann hören wir auf, gegen die Opferstimmen zu kämpfen, und integrieren sie als einen Teil von uns. Genauso, wie eine bewusst erlaubte Angst jedem Redner zu einer berührenden Rede verhelfen kann, versetzen uns bewusst erlaubte Opferstimmen in die Lage, einerseits starre Kontrolle in Hingabe zu wandeln und andererseits uns mit (unseren) höheren Kräften zu verbinden. Die Opferstimmen fungieren dann wie ein Anker, der uns in wichtigen Situationen am Boden hält, und wirken in uns wie ein Frühwarnsystem, das bedrohliche Situationen meldet.

Was haben wir davon, in Opfertrance zu sein?

In manchen Kulturen ist es üblich, dass nach dem Tod eines geliebten Menschen professionelle Klagesänger jammern, weinen oder schreien. Diese Atmosphäre schafft Raum für Trauer. Hier können unsere Emotionen gelebt werden. Gerade in unserer Gesellschaft, die „Macher“ wertschätzt und „Weicheier“ abwertet, kann die Opfertrance ein Refugium für tröstende, wärmende Gefühle, eine Oase von Sicherheit und Entspannung, möglicherweise auch von Verständnis und Toleranz sein.

Gleichzeitig, und jetzt wird es besonders spannend, kann die Opfertrance auch ein Ort sein, der frei von Verantwortung ist. Wir können wie die Kinder im Schoß der Eltern verweilen und im Spontanen, im Spiel bleiben, ein Leben lang. Die Opfertrance erlaubt also einem Erwachsenen, im Kinderstadium zu verweilen und Schuld im sogenannten „Anderen“ zu suchen. Wir erwachen zu Verantwortung und Weitblick, wenn wir den „Fahrersitz“ einnehmen und unsere Opferhaltung erkennen.

Um die eigene Opfertrance zu erkennen, hier drei Beispiele aus meiner Praxis:

Partnerschaft
Häufig kommen Paare zu mir, die mit dem Finger auf die Schwächen ihres Partners zeigen. Für alles, was nicht glatt läuft, ist der/die andere schuld. Diese Haltung lässt beide in der Opferrolle verharren nach dem Motto: „Ich kann nichts tun, weil der/die andere….“

Krankheit
Wenn Menschen z.B. die Diagnose „Krebs“ bekommen, entsteht oft die Frage: „Warum passiert mir das?“ Anders gefragt: „Warum bin ausgerechnet ich das Opfer dieser Krankheit?“ Wenn diese Frage so in unserem Fokus bleibt, delegieren wir sehr wahrscheinlich unsere Verantwortung, indem wir die Schuld für unsere Krankheit unserem Lebenspartner, unseren Eltern, unseren Kindern, unserem beruflichen Umfeld zuweisen. So bleibt unsere kreative Kraft, auch Selbstheilungskraft, ungenutzt.

Beruf
Einige Menschen kommen zu mir, weil sie in ihrem Beruf nicht glücklich sind. Sie kreisen meist um die gleichen Gedanken und kommen keinen Zentimeter vorwärts. Das liegt oft an den unerkannten Opferstimmen, die ihnen suggerieren, dass das Leben hart ist und es keine andere berufliche Möglichkeit für sie gibt, denn zu jeder Möglichkeit gibt es ein „ABER“.

Opferstimmen bremsen also unser kreatives Potential und unsere Antriebskraft. Das Mögliche bleibt unerreichbar. Was aber, wenn wir unsere Opfertrance erkannt und zugelassen haben? Was passiert dann mit der Opferstimme?

Ich glaube, dass das Erlauben und Eingestehen unserer Opfertrance einen Teil der Miete einbringt, um Herr in unserem Haus zu sein. Der wesentlichste Teil scheint mir die Selbstliebe zu sein. Aktuell praktiziere ich mit einer Gruppe für 1000 Tage eine Selbstliebe-Übung, die uns Yogi Bhajan hinterlassen hat. Ich erlebe an mir und allen Menschen, die ich begleite: Opferstimmen, die von uns erkannt und anerkannt werden, können durch unsere Selbstliebe angenommen und aus der Trance befreit werden.

Ohne die Liebe
Ist jedes Opfer Last
Jede Musik nur Geräusch
Und jeder Tanz macht Mühe
Rumi, das Lied der Liebe


Abb: © alphaspirit – Fotolia.com

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