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Am 3. Februar wird in Berlin offiziell und versuchsweise eine ergänzende Regionalwährung eingeführt, die den Namen „Berliner“ trägt und nur in der Region Berlin-Brandenburg gültig ist. Was es damit auf sich hat und wie sie selbst zur Mitarbeit an diesem Projekt gekommen ist, schildert unsere Autorin Heidrun Weykam.

Das liebe Geld

Bereits als Kind lehnte ich Geld ab, weil es als Druckmittel und Zankapfel unseren familiären Frieden zerstörte. Am liebsten hätte ich unter diesen Umständen auf das zwischen meinen Eltern ausgehandelte Taschengeld für mich verzichtet. Aber Woche für Woche spielte sich das gleiche Theater ab: Meine Mutter schickte mich regelmäßig zu meinem Vater, das fällige Taschengeld einzutreiben. Er machte ein Macht-Spiel daraus und gab es mir nicht. Dann wurde ich entweder nochmals geschickt, oder bei standhafter Weigerung meinerseits ging meine Mutter. In schöner Regelmäßigkeit ging dabei der Haussegen in die Brüche. Ich schämte mich dafür und gleichzeitig fühlte ich mich deswegen schuldig. Meine Ablehnung Geld gegenüber wuchs beträchtlich.
So hatte ich ein Leben lang nie viel Geld. Es focht mich wenig an, da ich daraus eine Tugend konstruierte: nämlich meinerseits keinen Machtmissbrauch zu betreiben. Natürlich war das weit gefehlt, wie mir meine eigene spirituelle Entwicklung später deutlich vor Augen führte. So musste ich lernen, meine Ablehnung zu überwinden und meinen daraus resultierenden Stolz, etwas Besseres zu sein.
Ich fand mich in Schenkkreisen ebenso wieder wie bei anderen alternativen Umgangsmethoden mit Geld, Armut und Reichtum und hatte dabei eine Menge zu lernen. Und als mir klar geworden war, dass es alleine darauf ankommt, wie ich selbst mit Geld umgehe, und meinen „Reichtum“ ausschließlich über die Fülle des Lebens definierte statt über Geld und Besitz, wendete sich das Blatt gewaltig. Was nicht bedeutet, dass ich jetzt im Geld schwimme, ganz und gar nicht. Aber nicht nur mein gesamter Umgang mit Geld hat sich verändert, erstaunlicherweise ist seither vieles möglich, was vorher in meinem Bewusstsein erst gar nicht ging.

Das Gesetz der gegenseitigen Erhaltung

In dieser Situation tauchte eine Information über Regionalwährungen auf und dass in Berlin bereits an ihrer Einführung gearbeitet wird. Ich war fasziniert und kümmerte mich sofort darum. Und was ich dabei entdeckte, entsprach genau meinem Verständnis eines der wirksamsten Lebensgesetze überhaupt: dem Gesetz der gegenseitigen Erhaltung. Im Grunde kennen wir es alle und können es sowohl in der Natur als auch in uns selbst entdecken. Und jetzt taucht es wirtschaftlich, sozial, menschlich und umweltgerecht oder nachhaltig auf leisen Sohlen über das Geld auf, da, wo man es am allerwenigsten erwartet hätte. So war ich sofort dabei.

Warum Regiogeld?

Der BERLINER, wie die neue Regionalwährung oder der Wertgutschein heißt, wird eins zu eins neben dem Euro als eine der Region Berlin und Brandenburg zugehörige Währung eingeführt, die florierende und regional geschlossene Wirtschaftskreisläufe stärken und initiieren soll. Dabei geht es darum, das Geld hier in der Region zu halten und das Abwandern in internationale Finanzströme zu spekulativen Zwecken zu verhindern, wie es derzeit mit dem Euro und anderen staatlichen Währungen geschieht, was zu Arbeitslosigkeit und Verarmung ganzer Regionen führt. Eine Regionalwährung ist ein wirksames Instrument als Antwort auf den globalen Verdrängungswettbewerb mit seinen Billigangeboten, die kleine Unternehmen in den Konkurs treiben. Die Vielfalt der noch vorhandenen Unternehmensstruktur im Raum Berlin und Brandenburg soll nicht nur geschützt und erhalten, sondern ausgebaut werden. So ergänzt eine regionale die nationale Währung auf einem Gebiet, auf dem der Euro als internationales Zahlungsmittel versagt bzw. die anstehenden Aufgaben nicht leisten kann.
Am 3. Februar findet auf dem Ökomarkt am Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg die offizielle Einführung des BERLINER mit Presse und Unterhaltung statt. Das Bezirksamt Pankow unterstützt die Einführung tatkräftig, und es ist zu wünschen, dass sich weitere Bezirksämter dieser Bewegung mit viel Unterstützung anschließen. Gewinnen können wir dabei nur alle. Wenn viele Unternehmen und VerbraucherInnen Güter aus dieser Region bevorzugen und in teilnehmenden Geschäften mit Regiogeld bezahlen, die Unternehmen ihrerseits dieses Geld wieder für ihren Rohstoffbedarf ebenfalls regional ausgeben, bleibt das Geld dort im Umlauf, wo die Arbeit erbracht wird.
Um das zu garantieren, hat der BERLINER eine sogenannte Umlaufsicherung. Er ist nur jeweils sechs Monate ab Ausgabe gültig. Entweder man tauscht die ungültigen BERLINER danach gegen gültige ein, dann hat man einen Abzug von 2 Prozent, der jeweils dem Netzwerk für weitere nachhaltige Projekte zukommt, oder man wählt, sie gegen Euro zurück zu tauschen, dann muss man mit 5 Prozent Abzug rechnen, davon sind 3 Prozent als Förderung für Projekte im eigenen Kiez gedacht. Der größte Nutzen entsteht dann, wenn alle Beteiligten das Geld vor Ablauf ausgeben und so den Kreislauf erhalten. Zu diesem Zweck gibt es eine Art BERLINER Branchenbuch, das zeitgleich mit der Einführung der BERLINER herausgegeben wird.

Visionäre Zukunft beginnt jetzt

Die eingetauschten Euro werden auf einem Konto der GLS Gemeinschaftsbank als Deckung für den Rücktausch der BERLINER verwaltet. Ein Teil dieser Euro kann später für zinsgünstige oder gar zinslose Kleinkredite an teilnehmende Unternehmen vergeben werden.
Mit dem Regiogeld wird sich regionale Verkehrsaufkommen verschieben. Der Nahverkehr wird zunehmen und der vom Staat ausgebaute Güterfernverkehr wird abnehmen. So muss der Umweltbelastung mit einem neuen Modell begegnet werden, das unter dem Schlagwort „?Nutzen statt Besitzen“ vielen geläufig sein wird. Elektrofahrzeuge im Car-Sharing-System könnten die Umwelt entlasten und weitere Projekte regionaler Energiegewinnung die Unabhängigkeit von internationalen Multis fördern sowie sichere Arbeitsplätze schaffen. Auch die Menschen der Region, die wenig Euro umtauschen können, aber Zeit und Fähigkeiten besitzen, sollen eingebunden werden. Eine Vernetzung zu Tauschringen ist ebenso geplant wie die Unterstützung anderer sozialer Aktivitäten. Auch ein Kontenverrechnungs-System wirtschaftlicher Beziehungen, also bargeldlose Leistungen gegen bargeldlose Leistungen, kann darüber funktionieren.
Das Gesetz der gegenseitigen Erhaltung wird hier sehr deutlich und es entsteht das, was in der Wirtschaft unter „win-win“-Konstellation verstanden wird. So ist ein wesentliches Kriterium regionaler Währungen die Tatsache, dass alle Beteiligten gewinnen. Zu diesem Zweck wurde ein gemeinnütziger Verein gegründet, über den sowohl die Ausgabe und der Umtausch als auch ein professionelles Management dieses im Grunde neutralen Geldes gewährleistet wird.
In ganz Deutschland sind Projekte dieser Art in der Umsetzungsphase oder bereits eingeführt. Auch international gibt es langfristige Erfahrungen mit Regional-Währungen, die unterschiedlichsten Zwecken dienen können. In Naumburg z.B. ist ein Gutschein in Umlauf, der dem Denkmalschutz dient. Allen gemeinsam ist, dass keine Zinsen erwirtschaftet werden können und Geld seine neutrale Tauschfunktion zurück erhält.
Unsere in „esoterischen“ Kreisen bekannte Ablehnung des „schnöden Mammon“ hat ihre Wurzel darin, dass wir auch ohne konkrete Kenntnisse darüber, wie Geld heutzutage tatsächlich funktioniert, seinen rigiden und zwanghaften Charakter dennoch spüren und damit nichts zu tun haben wollen. Inzwischen gibt es jedoch genügend Ideen und praktische Umsetzungen, Geld wieder zu neutralisieren und es damit den menschlichen Erfordernissen innerhalb einer Region dienstbar zu machen, die allen zugute kommen anstatt umgekehrt.
Natürlich wäre es töricht zu glauben, dass über Nacht ein florierender Kreislauf entstehen kann. Aber wenn viele teilnehmen, können viele gewinnen. Das gilt für den Einzelnen ebenso wie für die Vielfalt von Gewerbe, Handel und Dienstleistungen.

Information: Der offizielle Start des BERLINER Wertgutscheins findet am 3. Februar 2005 in der Zeit von 12 bis 19 Uhr auf dem Ökomarkt am Kollwitzplatz im Prenzlauer Berg statt. Bis dahin wird auf www.berliner-regional.de auch das Branchenverzeichnis online gestellt sein, in dem alle teilnehmenden Geschäfte, Dienstleister und Gewerbetreibende aufgelistet sind. Für Gewerbetreibende, die BERLINER annehmen wollen, ist die Mitgliedschaft im Verein „BERLINER Regional“ aus juristischen Gründen verbindlich. Ein freiwilliger Mitgliedsbeitrag unterstützt dabei die Lebensfähigkeit des Netzwerkes. VerbraucherInnen sind ebenfalls herzlich eingeladen, Mitglied zu werden.
Infostand des „BERLINER Regional-Teams“ regelmäßig auf dem Kollwitzplatz (jeden Donnerstag von 12 bis 19 Uhr).
Feste Bürozeiten vorläufig Di. und Mi. jeweils von 14-17.30 Uhr in den Räumen der Grünen Liga, Prenzlauer Allee 230 (Tram M2, Knaackstr.). Tel.: 030 – 44 33 91 – 0.

Was ist Regiogeld?

Regiogeld ist ein parallel zum gesetzlichen Zahlungsmittel akzeptiertes Tauschmittel für den Austausch von Waren und Dienstleistungen innerhalb einer regional begrenzten Gemeinschaft. Regiogeld soll also nicht das gesetzliche Zahlungsmittel ersetzen, sondern ergänzen. Denn in vielen Bereichen kann das gesetzliche Zahlungsmittel nicht den Erfordernissen der Gesellschaft und der Individuen genügen. Dies gilt insbesondere und zunehmend für klein- und mittelwirtschaftliche sowie für soziale und ökologische Belange der Region.

Regionalisierung ergänzt Globalisierung

Die globalisierte Wirtschaft zerstört zunehmend regionale Wirtschaftsbeziehungen. Kleine und mittlere Unternehmen können sich gegen Billigprodukte und Sonderangebote von kapitalstarken Handels- und Dienstleistungsketten immer weniger behaupten. Oft werden regional erhältliche Güter quer durch Europa und die Welt transportiert, weil in anderen Erdteilen die Produktion für die Kapitalgeber rentabler ist. Dadurch fließt Wertschöpfung in Form von Kapital aus den Regionen ab. Tausend Euro, in einem beliebigen Berliner Bezirk verschenkt, wären innerhalb kürzester Zeit gegen Nike-Schuhe oder Coca Cola nach London und New York unterwegs, um von transnationalen Konzernen auf die Suche nach rentablen Anlage- und Investitionsmöglichkeiten um den Globus geschickt zu werden. Lokale Regierungen sehen nur noch die Möglichkeit, Schutzvorschriften für Mensch und Natur zu senken, um das Kapital zurückzulocken.
Regiogeld hat zum Ziel, regionale Wirtschaftsbeziehungen zu unterstützen, wiederzubeleben und zu intensivieren. Dies soll geschehen, indem Konsumenten angeregt werden, lokale Händler und Produzenten zu bevorzugen. Diese wiederum sollen motiviert werden, auf lokaler und regionaler Ebene nach Einkaufsmöglichkeiten zu suchen und somit regionale Wertschöpfungsketten aufzubauen und zu erweitern.
Wirtschaftskreisläufe sind in erster Linie Geldkreisläufe, denn wo immer Waren bewegt und Dienstleistungen erbracht werden, fließt Geld. Um einen lokalen und regionalen Wirtschaftskreislauf zu ermög- lichen bzw. zu erhalten, muss das Zahlungsmittel also in der Region zirkulieren. Der Entgrenzung kontinentaler Währungen sollte vor diesem Hintergrund die Begrenzung durch regionale Währungen entgegenstehen, um den Abfluß in weltweit verzweigte Finanzströme zu vermeiden.

Die ausführliche Projektbeschreibung finden Sie unter www.berliner-regional.de

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