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Die Inszenierung des Heiligen


Auch Religion und Spiritualität werden inszeniert. Damit meine ich nicht, dass religiöse und spirituelle Erfahrung unecht seien, sondern, dass deren Auslöser inszeniert werden, und dass man diese Inszenierung als eine Kunst betrachten kann.

Dass das Heilige in den diversen Kulturen inszeniert wird, heißt nicht, es sei unglaubwürdig, sondern damit meine ich, dass die Form, in der es präsentiert wird, eine große Rolle spielt. Das gilt auch für die subkulturellen Formen von Satsang und Deeksha, die sich in den letzten Jahren in der spirituellen Szene ausgebreitet haben.

 

Wie wirken die spirituellen Kultformen?

Diese Frage verfolgt mich seit langem. Vor 34 Jahren studierte ich im Hauptfach Wissenschaftstheorie, im Nebenfach Religionswissenschaft. Noch viel mehr aber interessierte mich, »die Wahrheit« selbst zu erfahren, und so trat ich mit 23 Jahren für eine halbes Jahr als Mönch in ein buddhistisches Kloster in Thailand ein. Aber auch in anderen Klöstern und an anderen heiligen Stätten des Buddhismus, Christentums oder Hinduismus hatte ich tiefe religiöse Erfahrungen, ebenso in Darshans und Satsangs mit verschiedenen Weisen und Erleuchteten, darunter 13 Jahre als Schüler des transkulturellen Mystikers Osho. In Kirchen, Moscheen und Tempeln in Asien und Europa spürte ich das Göttliche ebenso wie während vieler Interviews mit spirituellen Lehrern, die ich für die Zeitschrift connection führte, oder wenn ich deren Interviews, Portraits oder eingesandte Texte bearbeitete. Wie entsteht Ekstase? Wie kommt es, dass wir an der einen Stelle (Ist das dann ein Kraftplatz?) das Heilige erfahren, an einer anderen Stelle oder mit einer anderen Person nicht?

Inszenierung

Heute meine ich, dass unser ganzes Leben als menschliches Individuum zwischen Geburt und Tod als Heldenreise betrachtet werden kann. Wir sind der Held bzw. die Heldin, die Lebensphasen sind die Akte des Dramas, unsere jeweiligen Umgebungen die Bühnenbilder für unsere Auftritte. Was wir als Kraftplätze empfinden, sind Inszenierungen der Natur, in denen wir besonders erhabene Gefühle empfinden, und Satsang-Veranstaltungen sind Inszenierungen, in denen die Erfahrung von Advaita, von Einheit, Nicht-Dualität möglich ist. Worte können nicht viel vermitteln – geredet wird viel, geschrieben auch. Um aber die Erfahrung, dass alles eins ist, zu ermöglichen, kann ein dafür passendes Setting hilfreich sein – zum Beispiel eine Satsang-Veranstaltung.
Seit ich selbst Theater spiele und bei uns im Connectionhaus unter anderem auch Clown- und Theaterworkshops anbiete, habe ich diese Einsichten durch praktische Erfahrungen noch vertiefen können. Religiöser Kult als Inszenierung? Ja, gerne! Diese darf auch unkonventionell sein: Nicht nur das Mahabharatam oder die katholische Messe können beim Betrachter oder Teilnehmer erhabene Gefühle auslösen, auch Musik, Filme und Kabarett können das. Religion darf Lachen und Weinen beinhalten. Das tiefe, hemmungslose Lachen bei einer Einsicht oder dem Verfliegen einer tief eingeprägten Illusion kann eine religiöse Erfahrung sein, ein Erwachen, eine Erleuchtung. Der Clown ist aus dem Narren hervorgegangen, und auch viele der Heiligen Asiens hatten etwas Narrenhaftes in der Art, wie sie sich über Autoritäten mokierten oder mit unbändigem Gelächter über alle Form hinwegsetzten.

Satsang

Als ich eines Tages den Satsanglehrer Samarpan davon sprechen hörte, wie er den Platz des Lehrers in seinen Satsangs gelegentlich freigab, so dass die Teilnehmer sich darin ausprobieren konnten und dann merkten, dass sie, zumindest von dort aus, Satsang »geben« konnten, war ich glücklich, auch in ihm diese Freiheit von der Form vorzufinden. Wir probierten das dann auch gleich aus und stellten fest: Ja, es ist der Ort, der Satsang gibt, nicht die Person! Eine Person setzt sich in den leeren Stuhl, vor dem die Satsang-Besucher andächtig warten, und »gibt« Satsang. Gibt sie? Nein, es wird gegeben, aber doch eher von der Form, von der Inszenierung geht das aus.
Lampenfieber vor dem Auftritt? Redner haben es, Schauspieler, aber auch spirituelle Lehrer. Man will doch nicht ausgebuht werden, man will aufgenommen werden. Gute spirituelle Lehrer/innen sind Meister darin, für die Aufnahmebereitschaft ihres Publikums zu sorgen: »Nehmt mich nicht vom Kopf her wahr, sondern horcht in euer Herz!« Jeder Liebende will das, und das gilt auch für die Lehrer auf den Bühnen unserer religiösen und spirituellen Veranstaltungen.

Deeksha

Auch Deeksha ist eine solche. Als ich einmal eine Deeksha-»Übertragung« erfuhr, war ich hellwach und achtete auf jede Einzelheit. Ich wollte wissen, was an dieser Energieübertragung dran ist, von der die Golden Age Foundation in Indien sogar behauptet, »die Erleuchtung« würde da übertragen – wenn du dafür offen bist. Ich spürte die Wärme der Hände des Übertragenden (in meinem Falle war es Christian Opitz), roch ihn; alles in mir war offen für die Erfahrung. Ich erfuhr aber nicht mehr als ich auch sonst in Meditation erfahre; auch dabei öffne ich mich ja für die direkte Erfahrung. Aber wie der Deeksha-Geber im Raum umhergeht, wie er seine Show vorab erklärt und theoretisch einleitet, das wirkt auf das Ergebnis ein. Bei Christian Opitz war die Inszenierung vor allem eine wissenschaftliche; für die sind wir in unserer Kultur besonders empfänglich. Er benutzt einen wissenschaftlich klingenden Jargon, um die Leute zu beeindrucken, speziell den der modernen Gehirnforschung; der ist gerade sehr populär. Damit beeindruckt er viele, aber nicht alle. Andere bevorzugen christliche, indische oder indianische Auslöser für ihre religiösen Er fahrungen.

Sex mit »dem Richtigen«

Bei aller Liebe wollen wir auch nicht einfach Sex; das kommt uns primitiv vor. Wir wollen dafür den einen Richtigen (Partner oder Partnerin). Wir wollen umworben und mit Geschichten verführt werden. Sie will wissen, dass sie die Auserwählte ist, und es soll kein Zufall sein, dass wir beide uns heute treffen – wahrscheinlich kennen wir uns schon aus einem früheren Leben. Was hast du für einen Aszendenten? Ah, dort habe ich meinen Mond, und deine Venus ist bei mir mindestens schon im fünften Haus. Was für eine Konjunktion! Gott, die Existenz, das Universum hat uns zusammengeführt. Wenn wir dann ein paar Tage später miteinander ins Bett steigen, ist das kein Sex mehr, sondern eine »Heilige Hochzeit« (Hierosgamos), die kosmische Vereinigung, pure Ekstase und von primitivem Sex so verschieden wie die selig aufgenommene Oblate (»Dies ist mein Leib«) in einer katholischen Messe von einer in der Pause gierig heruntergeschlungenen Stulle.

Auf der Bühne des Lebens

Seit ich mit 18 Jahren über Land nach Indien getrampt bin, gibt es für mich im Leben nur noch ein zentrales Thema: So wie Goethes Faust will ich das alles verstehen. Bin ich deshalb ein religiöser oder spiritueller Sucher? Ich mag das Wort »spirituell« heute weniger denn je, aber wenn ich von »Mystik« spreche, dann denken viele, ich würde mystifizieren wollen, vernebeln. Das Gegenteil ist wahrer: Ich will aufklären. Deshalb mein Spott über so manche Show in der spirituellen Szene. Nein, anders: meine Betrachtung auch der spirituellen Szene als eine Show auf der Bühne des Lebens. So wie alles hier, was wir tun und erleben, sind auch religiöse und spirituelle Veranstaltungen eine Show. Manchmal leide ich darunter, aber wenn ich verstehe, dass alles eine »göttliche Show« ist, dann fällt mir das Akzeptieren leichter. Dies alles, auch Satsang und Diksha, als Show zu verstehen, hilft mir, das eine oder andere aufgeblasene Ego auf der Bühne des Lebens leichter zu ertragen – und mich selbst.


Abb.: shako@netzkunstgenerator.de

 

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Buchtipp:

„Zauberkraft der Sprache“ von Wolf Schneider,
Koha Verlag,
ISBN: 3-936-86292-3

 

 

 

 

 

 

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