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Als ich das erste Mal das ZEGG betrat, fühlte ich mich ein wenig wie Alice im Wunderland. Aber im Gegensatz zu ihr war ich bewusst hier. Ich hatte viel über das ZEGG  gehört und gelesen und irgendwann den Mut gefunden, meiner Sehnsucht nachzugehen und neue Formen des Zusammenlebens kennenzulernen. Eine Liebeserklärung an das ZEGG zum zwanzigjährigen Bestehen.

 

 

Das ZEGG (Zentrum für Experimentelle Gesellschafts-Gestaltung) ist eine Lebensgemeinschaft südwestlich von Berlin und ein internationales Tagungszentrum, das Modellentwürfe für ein sozial und ökologisch nachhaltiges Leben entwickelt und verwirklicht. Seit seiner Gründung 1991 hat das ZEGG sich zu einem bekannten Vernetzungsort für Gemeinschaften, Friedensaktivisten und einem vielfältig schillernden Kulturzentrum entwickelt.

Die Gemeinschaft von heute 93 Erwachsenen und Kindern hat verschiedene Wandlungen durchlaufen – von einer anfangs relativ homogenen Pioniergemeinschaft hin zu einem Netz verschiedener Initiativen, spirituell und politisch arbeitender Gruppen, Firmen, Künstlern und politischer Querdenker. Alle vereint die Suche nach neuen Lebensformen, die Liebe und Sexualität sowie die Verwirklichung von persönlicher und globaler Heilung im Fokus haben.

Seit der Gründung war die ökologische Forschung und die Errichtung von beispielhaften Anlagen ein wichtiges Anliegen des ZEGG. So rüsteten die Bewohner schon 1992 ihre Braunkohleheizung auf Holzhackschnitzel um, bauten eine große Pflanzenkläranlage und pflanzten eine essbare Landschaft. Sie betreiben eine 200 m2-Photovoltaik-Anlage, 200 m2 Solarthermie, drei Blockheizkraftwerke, verwenden nachhaltige Baustoffe und recyceln, was sie können. Ihre ökologische Arbeit orientiert sich an den Prinzipien der Permakultur, einem Planungssystem für nachhaltiges Leben und Landnutzung.

Gekocht wird vegetarisch, teilweise vegan. Die Produkte kommen fast vollständig aus biologischer Produktion – aus dem eigenen Biogarten, aus der Region und aus fairem Handel. Diese Art der Ernährung ist eine politische Entscheidung, die auf die sozialen und ökologischen Herstellungsbedingungen der Lebens- und Genussmittel achtet.

 

Gemeinschafts-Zeichen

Mein erster Besuch: Neugierig und vorsichtig durchstreife ich das Gelände und stoße auf Zeichen der Forschungsreise der Gemeinschaft. Überall befinden sich Kunstinstallationen, Thesentafeln, Wegweiser für die vielen Gäste. Irgendwo im Gras liegt eine kleine Frauenfigur nackt und mollig aus Ton. Ich begegne Menschen, die mich sehr offen anschauen und mich irgendwie alle willkommen zu heißen scheinen. Am Eingang lese ich auf einem großen Transparent: Leben in Gemeinschaft, Bewusstsein in der Liebe, Verantwortung für die Erde…

Für mich drücken diese Worte alles aus, was wichtig ist.

Bei meinem Rundgang komme ich am “Restaurant” vorbei, am “Motel”, am Dorfcafé mit dem schönen, runden Dorfplatz, der mich sofort an das bekannte kleine gallische Dorf erinnert. Es gibt einen kleinen Laden mit Schmuck, Kunst und kleinen Buddhas. Überall stehen und sitzen Menschen beieinander, redend, lachend oder ins Zuhören vertieft. Es herrscht eine friedvolle Stimmung auf dem ganzen Platz, und ich freue mich darauf, bald Teil davon zu sein.

Nun laufe ich auf das große Zirkuszelt zu, das in den nächsten Tagen der Treffpunkt von Hunderten von Menschen sein wird. Davor liegt der “Campus”, ein großer kraftvoller Platz, in der Mitte ein kleines Wasserspiel. Hier ist es ruhig und ich fühle mich sofort merkwürdig zentriert.

Ich wähle einen Weg, der mich zu einem Swimmingpool führt, einem Löschteich, wie ich später erfahre. Hier steht ein junges Paar Stirn an Stirn, sich leise hin und her wiegend. Ein anderes sitzt in Gras, ebenfalls schweigend eng beieinander. Ich bin tief berührt von diesem Anblick… ich habe das Gefühl, Zeugin echter Begegnung zu sein.

 

Teil der Natur

Mein Weg führt mich weiter zu einem kleinen Zeltdorf. Hier herrscht schon reges Ankommen, Auspacken. Es gibt eine Waldküche, ein offenen Lehmrundbau, an dem die vielen Gäste die Mahlzeiten einnehmen werden. Ich komme weiter zu einem kleinen Häuschen im Wald, das sich als Waldtoilette herausstellt. Ich kann sitzend durch ein mit Efeu umranktes Fenster direkt in den Wald sehen, die Vögel zwitschern hören. Keine laute Klospülung, nur eine Handvoll Späne…ich bin hier Teil der Natur. Wer dieses Häuschen so liebevoll gebaut hat, frage ich. “Achim Ecker” ist die Antwort, und ich werde in die “Ahnengalerie” verwiesen. Im Gang der “Uni” auf dem ehemaligen Schulungsgelände hängen Bilder, die den Aufbau des ZEGG dokumentieren.

Ich lasse mich durch die letzten 20 Jahre gleiten. Finde Achim Ecker als eines der Gründungsmitglieder, umringt von Menschen in der damaligen Mode der 90iger gekleidet. Ich studiere die einzelnen Gesichter und Situationen, schaue, wie sich der Ort im Laufe der Zeit verändert hat.

In dieser Galerie erfahre ich mehr über die einzelnen Menschen, die diesen Ort geprägt und gestaltet haben. Erkenne Ina Meyer-Stoll, die Partnerin von Achim Ecker. Beide werden für mich die heimlichen Hüter des Platzes. Sie bleiben oft im Hintergrund, lassen langsam los, was sie in die Welt gebracht haben. Sie haben mit ihrer Forumsarbeit einen wichtigen Beitrag zur Streitkultur an diesem Ort geleistet.

Auf einem anderen Bild Hagara Feinbier, seit 1991 dabei, die mittlerweile sehr viele Menschen auf ihren “Come-Together-Festivals” anzieht und gemeinsam zum Singen und Schwingen bringt. Ich sehe auf den Bildern auch die neue Generation heranwachsen, neue junge Gesichter, die dazukommen. Aber immer ist da ein Kern, der bleibt.

 

Innere und äußere Wandlung

Ich sehe Bilder des Aufbaus, der Arbeit, der Transformation des Platzes. Das Gelände hat keine ruhmreiche Geschichte, diente unter anderem den Nationalsozialisten für die Ausbildung ihrer Jugend und später der DDR als Ausbildungsplatz ihrer Spione. Aber die Liebe und die Zeit haben die schlechten Energien weggewaschen. Nur langsam konnte der Umbau geschehen, es braucht viel Geld, alle Vorstellungen umzusetzen. Die großen Sanierungsaufgaben an den Gebäuden, neue, nachhaltige Energiekonzepte, die Pflanzenkläranlage – eine Pionierleistung –, der trockene Sandboden, der zu einer fruchtbaren Gartenlandschaft wird. Es stehen viele Menschen dahinter, die dies möglich gemacht haben und die in dieser Gemeinschaft aufgegangen sind.

Als ich später einige dieser Gesichter beim Abendessen wiedererkenne, schauen manche irritiert, weil mein Blick vielleicht ein wenig zu lange an ihnen hängen bleibt und sie mit der stillen Bewunderung darin nichts anfangen können. Sie sind schon wieder weiter gezogen und mit neuen Projekten beschäftigt.

Mittlerweile sind mir diese Menschen sehr ans Herz gewachsen. Sie haben zu meinem persönlichen Wachstum beigetragen. In unzähligen Foren, Seminaren, Übungen hat jeder sein Mosaiksteinchen für mich, und wie ich weiß, für sehr viele andere Menschen gelegt, als Grund für ein neues Mensch-Sein. Nicht weniger.

 

Herausforderung Zusammenleben

Ich kann das alles als Besucherin aus vollem Herzen genießen. Ich weiß, dass die Menschen, die hier leben, einen weiten Weg gegangen sind. Dass hier zu wohnen, wirklich Teil der Gemeinschaft zu sein, jeden Tag eine große Herausforderung ist. Die zahlreichen Diskussionen, in denen um einen Konsens gerungen wird, auch Konflikte eines notwendigen Generationenwechsels. Die persönlichen Prozesse, die durch das enge Zusammenleben ausgelöst werden, immer wieder gemeinsam durchzustehen.

Mit viel Mut werden die üblichen Konzepte des Zusammenlebens hinterfragt. Die eingefahrenen Beziehungen, das Modell der Kleinfamilie, das für die meisten Menschen nicht mehr funktioniert. Und so wird gemeinsam geforscht – ”auf den Spuren der Liebe” heißt es im Sommercamp 2011. Für ein neues Verständnis zwischen Mann und Frau – für mich die Grundlage zur Heilung der Welt.

Ich durfte hier Feste feiern, Rituale kennen lernen, Gespräche führen, über die Liebe und ihre Wirrungen diskutieren und experimentieren. Dafür bin ich unendlich dankbar. Ich habe viele Menschen lachen und weinen sehen, war Zeugin von Transformationen und ergreifenden Momenten der Selbsterkenntnis und immer wieder der Wahrhaftigkeit.

All dies gehört zu einem wunderbaren Mix, aus dem jeder seine ganz eigene Choreographie der Heilung kreieren kann, wenn die Zeit dazu reif ist. Alles geschieht nicht immer sanft, aber immer liebevoll. Wir sollen Fehler machen, heißt es beim Pfingstfestival, das für mich ein Meilenstein in meiner persönlich Entwicklung werden soll: “Angstfrei leben – angstfrei lieben”…so sieht für mich der Himmel auf Erden aus.

 

Imaginalzellen

Bei diesem Pfingstfestival höre ich auch die Geschichte der Raupe, die zum Schmetterling wird: Die biologische Transformation beginnt mit ganz wenigen so genannten “Imaginalzellen” im System der Raupe. Sie bekämpfen nicht die anderen Zellen, sondern vernetzen sich untereinander zu einem neuen System, bis die anderen Zellen sich auflösen, absterben, zur “Raupensuppe” werden und den werdenden Schmetterling ernähren. Jeder, der an diesem Tag im Großzelt im Kreis mit den anderen steht, spürt, dass er eine solche Imaginalzelle ist. Dass das ZEGG im Verbund mit den zahlreichen anderen entstandenen Gemeinschaften auf der Erde eine Imaginalzelle für die Welt sein wird.

Ich möchte den Bewohnerinnen und Bewohnern – den jetzigen und ehemaligen –, die mit Kraft, Liebe und Mut für ihre Überzeugung einstanden und einen Ort der Hoffnung für gesellschaftlichen Wandel geschaffen haben, aus tiefstem Herzen DANKE sagen.

Das ZEGG ist für mich und viele andere Menschen zu einem spirituellen Kraftplatz geworden. Ein Platz der Heilung, ein heiliger Ort. Hier kann die Wunde zwischen Mann und Frau Heilung erfahren. Und damit die Wunde in der Welt…A-Ho!

In Liebe
Tina

2 Responses

  1. Anouk

    Liebe Tina,
    sehr berührend,was du geschrieben hast.Obwohl ich noch nicht so lange das Zegg kenne,habe ich durch die vielen Tagungen in diesem Jahr soviel erfahren,bin in Kontakt mit mir getreten und habe mein Bewußtsein erweitert.Auch deine positive Ausstrahlung und deine schöne Erscheinung ist mir sehr nah geblieben.Sei umarmt von mir,bis hoffendlich bald..Anouk

    Antworten
  2. Heike Adler

    DANKE Tina! Diese Worte sprechen mir voll aus meinem Herzen. Ich konnte noch nicht soviele Besuche machen, aber jede Aufenthalt im Zegg ist wunderbar kraftvoll, nachhaltig und rundherum wertvoll. Ich komme gern wieder und hoffe Freunde auch dafür zu begeistern. In Liebe Heike

    Antworten

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