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Was wir heute als Hatha-Yoga kennen, geht im Grunde auf die Entwicklung eines einzigen indischen Lehrers zurück. Der unterrichtete auch Europäer, die diesen Stil in den Westen brachten und ihn wiederum nach ihren eigenen Erfordernissen veränderten. Was Traditionalisten als traurige Verwässerung des Originals beklagen, sehen Verfechter der Moderne allerdings als perfekte Anpassung an die Bedürfnisse der heutigen Zeit. Inga Bolien hat sich auf die Suche nach den Ursprüngen des heutigen Yoga begeben und plädiert für einen Brückenschlag zwischen Klassik und Freistil.

 

Worin liegt der Unterschied zwischen allen bisherigen Trendsportarten und Yoga? Was macht den großen Erfolg des Yoga aus und warum ist – allen Unkenrufen zum Trotz – kein Ende des Booms in Sicht? Auf die erste Frage gibt es eine sehr einfache Antwort: Yoga ist älter als alle anderen Sportarten, die Wurzeln des Yoga ziehen sich Tausende von Jahren durch die Geschichte, und außerdem ist Yoga gar kein Sport, Yoga ist eine Philosophie. Oder ist es eine Religion? Oder – wie es heute so schön heißt – ein Lebensgefühl? Oder von allem etwas? Gerade weil sich Yoga nicht so einfach einordnen lässt, es nicht klar positioniert werden kann im Lebensbild vieler Menschen, kann es heutzutage solch einen großen Erfolg vorweisen. Yoga ist verbindlich unverbindlich: Wer Yoga macht, entscheidet sich dafür, seinen Yogaweg zu gehen, das ist auch schon die einzige Entscheidung. Keine weitere Festlegung, Erklärung, Konfession… und doch findet jeder im Yoga eine Erklärung seiner selbst. Genau das ist das Geniale am Yoga: Es wirkt, wenn man es macht. Und egal, aus welcher Richtung man zum Yoga kommt, über Meditation, über die Philosophie oder – wie die allermeisten Yogi(ni)s – über die körperlichen Übungen, das Ergebnis des Yoga ist immer das Gleiche: Körper und Geist verändern sich in einer für den Übenden angenehmen Form.

 

Markt der Möglichkeiten

Wer sich heute für Yoga entscheidet, hat sehr viele Möglichkeiten, sich seinen Yogastil auszusuchen: Die Auswahl reicht vom liebevollen Kundalini Yoga über systematisches Jivamukti Yoga bis hin zum kraftvollen Forrest Yoga – für jeden ist etwas dabei.
Doch das war nicht immer so. Ganz am Anfang unseres heutigen Yogas stand ein Mann, Tirumalai Krishnamacharya, geboren im späten 19. Jahrhundert in dem Land, aus dem das Yoga stammt. Nur ihm ist es zu verdanken, dass wir heute in unserer westlichen Welt diese Auswahl an Yogastilen haben.

Krishnamacharya erkannte die heilende Wirkung des Yoga auf den Körper und den menschlichen Geist und entwarf ein System von Übungen (Asanas), die den Körper mit Methode stärken und flexibel machen. Er mischte die alte Yoga-Tradition mit den damals modernen Erkenntnissen gesunder Lebensführung und Gymnastikübungen westlicher Prägung. So gelangte das jahrhundertealte Hatha-Yoga in die Welt, denn als erster indischer Yogameister unterrichtete Krish­namacharya auch Europäer im Yoga. Diese trugen es zuerst nach Europa und dann weiter nach Amerika. Auch seine Schüler, allen voran T.K.V. Desikachar, B.K.S. Iyengar und Pattabhi Jois, eroberten mit ihren Yogastilen die Welt. Obwohl es sich bei diesem Yoga bereits um eine moderne Version der uralten Yogatradition handelte, betrachten wir das Yoga des Krishnamacharya aus heutiger Sicht als indisch-traditionell.

 

Rückbesinnung auf Traditionen

Es liegt in der Natur der Dinge, dass sich die Stile weiterentwickeln und/oder weiterentwickelt werden. So kam es auch, dass viele Schüler Krishnamacharyas und deren Nachfahren wiederum ihre eigenen Yogastile entwickelten. Viele davon bleiben unerwähnt, doch einige wenige Yogastile haben sich durchgesetzt. Beste Beispiele hierfür sind Ana Forrest mit „Forrest Yoga“ und Patricia Thielemann mit ihrem „Spirit Yoga“. Forrest Yoga entstand aus Anas Bedürfnis, sich ein Yoga zu schaffen, das ihr helfen konnte, ihren Körper nach einem Unfall zu heilen, Spirit Yoga wurde von Patricia Thielemann entwickelt, um eine Brücke zwischen dem westlichen Yoga und der indischen Tradition zu schlagen.

Spirit Yoga steht für die momentan stattfindende Rückbesinnung auf die Traditionen und das Sich-Bewusstwerden, dass Yoga mehr ist als der Körperhype, zu dem es (teilweise) in der westlichen Welt degradiert wurde. Im Spirit Yoga findet sich der systematische Aufbau einer körperlichen Praxis wieder, wie sie von Krishnamacharya entwickelt wurde, aber auch die Meditation und eine sich daraus ergebende Lebensweise, die – laut des achtgliedrigen Wegs des Patanjali – zu Samadhi, zur Erleuchtung führen kann.

Gerade diese Rückbesinnung lässt Yoga immer beliebter werden und macht den Unterschied aus: Wer sich nicht nur der puren Körperlichkeit hingibt, sondern sich auch der Yoga-Philosophie öffnet, wird schneller Zugang zu seinem wahren Wesen und seinem Potenzial finden und seinen ureigenen Weg gehen können.

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