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Die Sehnsucht nach einer Systemalternative wächst. Ein wachsender Kreis von UnternehmerInnen entwickelt deshalb gemeinsam die „Gemeinwohl-Ökonomie“. Diese baut auf menschliche Stärken und mehrheitsfähige Werte – und misst diese in der „Gemeinwohl-Bilanz“.

88 Prozent der Menschen in Deutschland und 90 Prozent in Österreich wünschen sich laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung vom Juli 2010 eine „neue Wirtschaftsordnung“. Verständlich, denn die Krise ist nicht nur ein „Auswuchs“ der Finanzmärkte. Finanzkrise, ökologische Krise, Verteilungskrise, Demokratiekrise, Sinn- und Wertekrise hängen zusammen und wohnen dem gegenwärtigen Wirtschaftssystem inne.

Immer mehr AkteurInnen erkennen, dass das System falsch gepolt ist und auf destruktiven Spielregeln beruht: Unternehmen konkurrieren um den höchsten Finanzgewinn. Das ist absurd, weil ein höherer Finanzgewinn nichts darüber aussagt, was eine Gesellschaft zusammenhält und weiter bringt. Bessere Finanzergebnisse können mit weniger Arbeitsplätzen, zerstörter Umwelt, steigender Armut, zunehmender Krankheit und Kriminalität einhergehen, denn: Gewinnstreben und Konkurrenz fördern tendenziell die gegenteiligen Verhaltensweisen und Werte, die unserer Beziehungen gelingen lassen: Nicht Vertrauensbildung, Verantwortung, gegenseitige Hilfe, Mitgefühl und Kooperation; sondern Egoismus, Gier, Geiz, Verantwortungs- und Rücksichtslosigkeit. Das ist der „Systemfehler“ in der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung.

Drei frappierende Widersprüche kennzeichnen die gegenwärtige Wirtschaftsordnung:

    1. Die Grundkoordinaten des Wirtschaftens – Gewinnstreben und Konkurrenz – fördern nicht vorrangig Beziehungswerte, sondern Eigennutz.
    2. Wir messen nicht das, was uns eigentlich wichtig ist – Vertrauen, Sicherheit, Wertschätzung, Bedürfnisbefriedigung -, sondern Geldaggregate.
    3. Obwohl sich die Hinweise aus Neurobiologie, Spieltheorie, Sozialpsychologie und Glücksforschung verdichten, dass Geld, Egoismus und Konkurrenz nicht die stärksten Motivatoren für Menschen sind, bauen wir die Anreiz- und Entlohnungssysteme sowie die gesamte Wirtschaftsordnung nach wie vor auf diesen (obsoleten) Koordinaten auf.

Die Weichen der Wirtschaft umstellen

von einem wachsenden Kreis von UnternehmerInnen gemeinsam ausgearbeitete Modell der Gemeinwohl-Ökonomie versucht diese Widersprüche aufzulösen, indem sie zentrale Systemweichen umstellt und das Streben der individuellen ökonomischen AkteurInnen vom vorrangigen Eigennutz auf den Vorrang des Gemeinwohls „umpolt“. Das Gemeinwohl soll nicht länger der erhoffte Nebeneffekt des individuellen Vorteilsstrebens sein, sondern zum Zweck der wirtschaftlichen Privatinitiative werden, die das Wohl der Einzelnen einschließt. Adam Smiths historischer Ausspruch: „Nicht vom Wohlwollen des Bäckers, Brauers, Metzgers erwarten wir unser tägliche Mahlzeit, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen verfolgen“ wird vom Kopf auf die Füße gestellt: „Vom Wohlwollen aller Wirtschaftsakteure erwarten wir das Wohl aller.“

Eine neue Definition von Erfolg

Die erste Systemweiche, die dabei umgestellt wird, ist das Verständnis von unternehmerischem „Erfolg“: Dieser sollte nicht länger mit Finanzgewinn gleichgesetzt werden, weil Finanzgewinn genauso wenig über den eigentlichen Sinn des Wirtschaftens aussagt wie ein höheres Bruttoinlandsprodukt über gesamtgesellschaftlichen Wohlstand: Ein höheres BIP kann mit höherer Arbeitslosigkeit, ungerechterer Verteilung, Umweltzerstörung und sogar aktiver Kriegsführung einhergehen; ein höherer betrieblicher Finanzgewinn mit weniger sozialer Sicherheit, geringeren Einkommen, Umweltzerstörung oder der Verletzung der Menschenwürde. Neue Bedeutung von unternehmerischem Erfolg sollte deshalb sein: ein größtmöglicher Beitrag zum allgemeinen Wohl. Operativ ginge das in drei Schritten: Gemeinwohlverhalten muss 1. in wesentlichen Punkten definiert, 2. gemessen und 3. belohnt werden.

Die Gemeinwohl-Bilanz

Gemeinwohl ÖkonomieFür den ersten Schritt gibt es erfreulich übereinstimmende Vorarbeiten: „Berührungsgruppen“ (Stakeholder) wünschen sich weltweit von Unternehmen umfassende Transparenz, soziale Verantwortung, ökologisch nachhaltiges Wirtschaffen, innerbetriebliche Demokratie sowie gesamtgesellschaftliche Solidarität. Diese Grundwerte könnten in der „Gemeinwohl-Bilanz“, dem Herzstück der Gemeinwohl-Ökonomie, gemessen werden. Als dritten Schritt könnten die „Erfolgreichen“ in der neuen Bedeutung systematisch belohnt werden: Wer zum Beispiel die Beschäftigten mitbestimmen lässt; gleich viele Frauen in Führungspositionen wähle wie Männer; für gleichen Arbeitseinsatz gleichen Lohn bezahlt; einen hohen Anteil der Vorprodukte aus der Region bezieht; KundInnen in die Planung einbezieht oder Know-how freiwillig an die Mit-Unternehmen weitergibt; erhält „Gemeinwohl-Punkte“. Je höher die Gemeinwohlpunktezahl, desto besser ist schon jetzt die Gemeinwohl-Bilanz des Unternehmens. Desto größer könnten später auch die rechtlichen Vorteile sein: günstigerer Mehrwertsteuersatz, niedrigerer Zoll-Tarif, günstigerer Kredit bei der „Gemeinwohl-Bank“ oder Vorrang im öffentlichen Einkauf. Da die erreichte Gemeinwohl-Farbe auf allen Produkten sichtbar gemacht wird, haben auch die KonsumentInnen eine klare Orientierung für die Kaufentscheidung.

Die Finanzbilanz bliebe erhalten, aber das Gewinnstreben würde eingeschränkt: Nach wie vor verwendet werden dürfen Gewinne für soziale und ökologisch wertvolle Investitionen, Kreditrückzahlungen, begrenzte Ausschüttungen an die Mitarbeitenden oder Rückstellungen. Nicht mehr erlaubt sind hingegen: feindliche Übernahmen, Investitionen auf den Finanzmärkten und die Ausschüttung an Personen, die das Unternehmen nur besitzen, aber nicht darin mitarbeiten. Dadurch wird die Entscheidungsmacht in das Unternehmen zurückgebracht; Geld wird vom Zweck zum Mittel der Wirtschaft.

Umgestaltung der Finanzmärkte

Ein weiterer „Anker“ dafür ist die ebenfalls bereits in Gründung befindliche „Demokratische Bank“. Sie leitet die finanziellen Überschüsse der einen ohne Gewinnorientierung an Unternehmen und Haushalte weiter, die jetzt investieren und damit dem Gemeinwohl nützen. Die Finanzmärkte heutiger Prägung sollten geschlossen werden: Rating-Agenturen, Fonds, Derivate und auch Börsen. Aktiengesellschaften werden in Bürgerbeteiligungsmodelle umgewandelt und große Unternehmen demokratisiert: Ab 250 Beschäftigten erhalten die Mitarbeitenden und die Gesellschaft ein Drittel der Mitspracherechte, ab 1.000 Beschäftigten zwei Drittel. Die Begrenzung des Erbrechts ermöglicht eine stattliche „Demokratische Mitgift“ für alle: Wenn das „Startkapital“ gleicher verteilt ist, sind es auch die Chancen. Ziel der Gemeinwohl-Ökonomie ist, dass in der Tendenz a) alle Menschen Unternehmen mitbesitzen, b) in diesen mitbestimmen und mitgestalten können und dadurch c) Verantwortung und Risiko von allen geteilt wird und nicht von einer Geldelite wie heute.

Erlösung vom Wachstumszwang

Die Folgen wären nachhaltig: Wenn der Profit nicht mehr maximiert und Konkurrenz-Unternehmen nicht mehr feindlich übernommen werden dürfen, macht Wachstum als Hauptstrategie keinen Sinn: Alle Unternehmen wären vom allgemeinen Wachstumszwang und gegenseitigen Fresszwang erlöst.

Im Februar 2011 unterstützten bereits 210 Unternehmen aus 5 Staaten das Modell, mehr als 60 erstellen 2011 freiwillig erstmals die Gemeinwohl-Bilanz. Um sie herum wächst ein Gemeinwohl-Bilanz-BeraterInnen-Netzwerk sowie das „Energiefeld Gemeinwohl-Ökonomie“, das allen offen steht. Jede/r kann mitmachen!

 


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Buch

Die Gemeinwohl-Ökonomie

Das Wirtschaftsmodell der Zukunft

Deuticke, August 2010
144 Seiten,

€ 15,90 [D]
ISBN 978-3-552-06137-8

4. Auflage, Dezember 2010

Über den Autor

Avatar of Christian Felber

Salzburger, 40 J., hat zwölf Wirtschaftsbücher geschrieben. Er unterrichtet an der Wirtschaftsuniversität Wien, an der Universität Graz und ist UNESCO-Lehrbeauftragter; Initiator der Projekte Demokratische Bank und Gemeinwohl-Ökonomie sowie zeitgenössicher Tänzer und Performer.

7 Responses

  1. Tobi

    Es geht darum, wie B. das Humankapital für den Dritten Sektor bereitstellt um das Soziale Unternehmertum in den USA und Europa zu VEREINHEITLICHEN. Z. B. mithilfe des Staates und der Politik: B. hat die Sozialreformen (Stichwort: Hartz IV) mit auf den Weg gebracht. Hartz IV beseitigt systematisch die Mittelschicht und schafft ein Heer von hochqualifizierten Arbeitslosen, die man in einem künstlichen Zustand materieller Armut hält. Das wissen wir. Darüber wird auch bis zum Abwinken informiert. Doch wie aktiviert man dieses Humankapital und wie wirkt Hartz IV auf die PSYCHE der Betroffenen? Auch darüber gibt es natürlich wissenschaftliche Untersuchungen (sponsored by B.). Hartz IV wirkt destruktiv, schafft Orientierungslosigkeit und Isolation. Für den Homo sapiens sapiens ein unerträglicher Zustand, weil er ein soziales Wesen ist und immer die Nähe zu seiner Herde sucht. Immer. Er ist aber auch unternehmenslustig. Genau hier setzt die Umerziehungsmaßnahme an: Man schickt die Betroffenen in Fortbildungsseminare, die die Vorzüge der Selbständigkeit bzw. des Fundraisings anpreisen – im Dritten Sektor. Man lässt Betroffene als Ein-Euro-Jobber arbeiten – im Dritten Sektor. Die Jobcenter vermitteln ausschließlich an Vereine, Hilfsorganisationen oder gemeinnützige GmbHs!

    Merke: Zuerst den Gemeinsinn mit dem B. austreiben und ihn danach „leicht modifiziert“ wiederherstellen. So entsteht ein Volk von vermeintlich sozial denkenden und handelnden B-Jüngern, die die frohe Botschaft der Nachhaltigkeit verkünden – Made by B. Wer dennoch keine Zusammenhänge erkennt oder daran partizipieren (ein schönes Neutrum!) will, dem empfehle ich die Webseite „www.csr.workstogether.de/glocalist.html“. Weiter unten findet er das Logo „medienfabrik arvato“. Jetzt die Klickfrage: Zu WEM gehört arvato?

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  2. WellenbeobachterHH

    Sehe ich ebenfalls kritisch. Allein der Begriff „Gemeinwohl Ökonomie“ – da schließt das eine das andere schon tendenziell aus.

    Es gab zwar in der gesamten Entwicklungsgeschichte des Kapitals Phasen (z.B. Fordismus der 50er/60er Jahre in der BRD) wo man Zugeständnisse sozialer Art an die Bevölkerung machen konnte, aber nur um das System selbst zu stabilisieren und nicht, weil einem wirklich die Menschen am Herzen gelegen hätten.

    „Ökonomie“ ist nicht identisch mit „Wirtschaft“. Letzteres gehört ganz allgemein zur gesellschaftlichen Reproduktion, war vor dem Kapitalismus vorhanden und wird auch in Post-Kapitalismus-Gesellschaften organisiert und durchgeführt werden. Unter „Ökonomie“ versteht der Autor jedoch „bürgerliche Ökonomie“, also das herrschende Formprinzip per Wertschöpfung (Mehrwertbildung) aus Geld noch mehr Geld machen (übrigens ein allgemeines Prinzip, welches sich nicht auf den Zins zurückführen oder darauf reduzieren lässt! Zins ist allerdings eine spezifische Form davon!…und besonders absurd…). Als Mittel dazu dienen dann die Bedürfnisse. Nicht etwa umgekehrt.

    Der „Markt“ ist also gerade nicht dazu da, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, sondern es ist der gesellschaftliche Raum um Mehrwert zu generieren. Es erscheint uns subjektiv nur oft anders, weil wir darauf konditioniert werden, es verkehrt herum und somit systemimmanent zu sehen (Werbung, politische Demagogen wie Westerwelle, Müntefering, Lafontane usw. – also eigentlich die ganze Palette bürgerlicher Politiker von links über grün bis rechts).

    Und schaut man sich den Kapitalismus weltweit an, dann versagt der Begriff „Gemeinwohl Ökonomie“ endgültg. Wie wäre es sonst zu erklären, dass trotz Überproduktion von Lebensmitteln einerseits, auf der anderen Seite Millionenfach Hunger gibt?

    Es reicht eben nicht, am Kapital und der Geld-Logik nichts ändern zu wollen und einfach nur den Index mit dem das gemessen wird oder die Zielkriterien „moralisch“ und „ethisch“ umdefinieren zu wollen. Profit geht über alles. Würde man hingegen die Strukturen selbst so ändern, dass die Bedürfnisse im Vordergrund stehen, dann wäre der Weg frei, um Hunger und NOt zu beseitigen.

    Dass das geht, davon bin 100%ig überzeugt, denn es spricht sachlich nichts dagegen. Die Lösung besteht allerdings nicht in einer anderen „Ökonomie“, wie der Autor zu suggerieren und ideologisch zu rechtfertigen versucht, sondern gerade in der Abschaffung und Überwindung bürgerlicher Ökonomie schlechthin!!!

    Wer an ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Themenbereich interessiert ist, dem empfehle ich erstmal mit einer fundierten Analyse durch die „moderne Wertetheorie“ zu beginnen: exit-online.org

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  3. Hilde

    Über allem steht – wie soll es auch anders sein – Bertelsmann. Grabe ich tief, entdecke ich McKinsey. Grabe ich tiefer, stoße ich auf Scholz & Friends und am tiefsten liegt die INSM begraben.

    Je tiefer ich grabe, umso strenger riecht es.

    Hier gerate ich an einen Scheideweg, denn bei so vielen Gemeinsamkeiten (im Volksmund: Filz) ist Skepsis angesagt. Sind diese Leute über Nacht zu Menschen geworden? Ganz im Gegenteil: Sie haben sich nur das Menschliche einverleibt, um daraus kräftig Kapital zu scheissen.

    Das bedeutet aber letzten Endes nicht einen Systemwechsel, sondern die Systemintegration.

    Der Dritte Sektor ist darüber hinaus ein Markt mit hohem Wachstumspotential. Allerdings sind Investitionen in diesem Bereich für Bertelsmann und Co. nach wie vor riskant und Effekte schwer meßbar. Also fördern diese Unternehmen die Grundlagenforschung und appellieren verstärkt an den Pionier- oder Gründergeist. Denn was ist billiger, als mit einer Vielzahl von teilweise gesponsorten Pionieren diesen Markt vollständig zu erschließen und ihn später zu übernehmen?

    Natürlich werden nicht alle Pioniere aus dem Markt gedrängt – außer diejenigen, die unabhängig sind oder sein wollen. Der Rest teilt sich das Schicksal mit dem eines Hofhundes.

    Wuff!

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  4. till

    …es ist ein halber Schritt, also keiner: ‚alte Kleider flickt man nicht’…
    Solange es ‚Politik‘ gibt und solange es Geld gibt, wird nichts nachhaltig besser; alles Heuchelei!

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  5. Christian

    Kann mich Peter nur anschließen, eine sehr schöne, aber nicht zu ende gedachte Idee.
    Für Interessierte kann ich die Stichworte „Recource-based-economy“ und VenusProjekt empfehlen.

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  6. Peter

    Klingt ja alles sehr gut. Geht aber bei weitem nicht tief genug.
    Es wurde kein Wort über Geld an sich gesagt. Solange Geld durch Kredit erschaffen wird, bleibt das Geldsystem ein Schneeballsystem! Ebenso bleiben die dadurch verursachten Probleme wie z.B. Wachstumszwang, zwingendes Schuldenwachstum, ewige Suche nach einem Nachschuldner, etc.
    Das ganze muss auf eine gesunde Basis gestellt werden…
    Viele Grüße

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