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Eine Frau, vier Kamele und ein Hund wandern im Jahr 1977 acht Monate lang 2.700 Kilometer durch den australischen Outback. Mehr als dreißig Jahre nach Erscheinen des preisgekrönten, autobiografischen Bestsellers von Robyn Davidson wurde die Wüstensaga endlich verfilmt. Mit feinem Sinn für Dramatik und mit psychologischem Gespür zeigt Regisseur John Curran die bestechend schöne Leinwandversion eines selbstmörderischen Unternehmens und verwandelt „Spuren“ zu einer spannenden, berührenden und bildgewaltigen Abenteuer-Saga.

Durch die australische Wüste mit vier Kamelen und einem Hund

Moment mal. Australien? Kamele? – Sicher geht es vielen Lesern und Kinobesuchern ähnlich wie mir, als ich das Pressematerial durchlas. Ich kannte Davidsons Roman nicht und war wahrscheinlich zu jung oder zu sehr mit dem Abitur beschäftigt, als er in en 80er Jahren zum Weltbestseller mutierte. Und trotz unzähliger Tierdokus ist mir entgangen, dass das größte frei lebende Tier in Australien nicht das Känguru, sondern das Kamel ist. Für alle, denen es ähnlich geht, folgt hier die nächste überraschende Information: Australien ist der Kontinent mit der sogar weltweit höchsten Population von wildem Kamelen! Aktuelle Schätzungen gehen von bis zu einer Million Dromedaren aus. 1840 wurden von Engländern und  afghanischen und nordindischen Arbeitern importiert und als Lastentiere für Expeditionen,  Lebensmitteltransporte und für  den Aufbau des Bahnsystems eingesetzt. Anschließend waren sowohl die Besitzer wie auch ihre Tiere arbeitslos. Man entließ die Kamele in die australische Wüste – ein geradezu ideales Lebensumfeld, in dem sie sofort heimisch wurden und sich zahlreich vermehrten. Als Robyn Davidson Ende der 70er nach Alice Springs kommt, um einen Lehrer für das Zähmen und Halten von Kamelen zu finden, ist dieser Beruf aber bereits am Aussterben. Erst der Welterfolg von „Spuren“ reanimierte das Interesse an den australischen Kamelen und das Geschäft der Kameltreiber blühte wieder auf.

Warum dieser Wahnsinnstrip?

„Warum nicht.“ Hören wir die Robyns nüchterne Stimme (großartig: Mia Wasikowska) und mehr als diese lakonische Antwort auf die immer wiederkehrende Frage „Warum machst du das?“ ist aus der  25-Jährigen, die in den 70er Jahren in Alice Springs ankommt, nicht herauszubekommen. In dem Versuch einer Erklärung zitiert die echte Robyn Davidson in ihrem Buch die US-amerikanische Journalistin und Autorin Renata Adler: „Ich glaube, wenn man wirklich nicht weiterweiß und zu lange auf einen Punkt verharrte, wirft man eine Handgranate auf genau diesen Punkt, springt und betet.“ Der geplante Trip ist also Robyns Handgranate, der Versuch, eine richtungslose Lebenssituation mit Gewalt zu sprengen. Als sie nach vielen Monaten noch immer in Alice Springs festhängt und an die Durchführung ihres großen Vorhabens selbst nicht mehr glaubt, wird sie diese Granate als „Blindgänger“ bezeichnen.

Mehrere Fehlstarts in Alice Springs

Das Buch wurde von einer zornigen Frau geschrieben, die mit nichts und niemanden zufrieden ist, am wenigsten mit sich selbst. Von einer Frau, die einen passiv-aggressiven Kampf führt – gegen, Männer, gegen Rassisten, gegen die weißen Ausbeuter und gegen die ständig voranschreitende Umweltzerstörung. Unfähig, sich für ihre Überzeugungen einzusetzen, versinkt sie in stummen Widerstand. Nur für ihren Hund, für die Kamele und für die unterdrückten Aborigines empfindet sie unentwegt Hinwendung, Sympathie und Leidenschaft. Die Weißen haben es da wesentlich schwerer – nicht nur der reaktionäre Trinker aus Alice Springs, sondern auch Menschen, die sich mit ihr anfreunden und ihr helfen möchten.

Zwei Jahre dauert es, bis sie die Reise antreten kann. In dieser Zeit lässt sie sich von dem unberechenbaren österreichischen Kamelzüchter Kurt ausbilden und wird wie befürchtet ausgebeutet und um den versprochenen Lohn betrogen. Langsam taucht sie ab in genau die resignative Ziellosigkeit, der sie mit ihrem ungewöhnlichen Vorhaben entfliehen wollte. Und schließlich passiert es doch: Durch einen Deal mit dem National Geographics erhält sie die notwendige finanzielle Unterstützung. Im Gegenzug muss sie erlauben, dass ein Fotograf (sehr charmant und dem echten Rick Salomon verblüffend ähnlich: Adam Driver) sie alle paar Wochen besucht, um Fotos zu schießen. Und sogar das ist der eigensinnigen, verstockten Robyn zu viel. Sie will die Reise alleine machen! Erst ein guter Freund kann ihr klarmachen, dass der Trip ohne diese Abmachung gar nicht stattgefunden hätte.

Flucht in die Einsamkeit

Die filmische Umsetzung von John Curran ist ganz die  intime Beobachtung der Protagonistin fokussiert. Themen wie Rassismus und Sexismus, womit sich die echte Robyn im Buch immer wieder auseinandersetzt, werden nur am Rande gestreift. Stattdessen verfolgt man den ruhigen, aber verzweifelten Gewaltmarsch einer in sich gekehrten, menschenscheuen und teilweise auch naiven Frau, die an ein einsames, flüchtendes Kind erinnert, die die Wüste mit ihrer Stille, Härte, Hitze, Kälte und Schönheit in sich trägt. Sie muss diese innere Kargheit und Einsamkeit im wahrsten Sinne des Wortes durchlaufen, um wieder ins Leben zurückzukommen, um eine Richtung zu finden. Das bewirkt bei Zuschauer eine interessante Mischung aus Irritation und Mitgefühl. Man versteht dieses Kind nicht, aber man fühlt mit ihm. Man sorgt sich und ist froh, wenn die Menschen, die sie so ablehnt, trotz dieser Abwehr immer wieder helfend in Erscheinung treten.

Reihenfolge und Details der Episoden wurden teilweise verändert, was der Dramaturgie des Films aber zugute kommt. Die Erzählung erhält so einen Spannungsboden, der dem Buch manchmal fehlt. Immer wieder eingestreute Rückblenden zeigen eine Kindheit, die von Tod, Rückzug und Bindungslosigkeit geprägt ist. Hier versucht der Film eine psychologische Erklärung für das Verhalten der Protagonistin zu geben, auf die Robyn Davidson in ihrem Bericht verzichtet. Ob die Filmheldin ihre traumatischen Erinnerungen während der Reise aber tatsächlich reflektiert und überwindet, bleibt der Interpretation des Zuschauers überlassen. Ihr erlöstes Gesicht, als sie am Ende das Meer erreicht, könnte auch schlicht der Ausdruck einer grenzenlosen Erleichterung sein: Sie hat es geschafft.

Australischer Selbsterfahrungstrip

Wie jede Reise, die den Reisenden an seine Grenzen bringt, ist auch Robyn Davidsons Wüstenwanderung ein Selbsterfahrungstrip. Im letzten Drittel erlebt sie eine Verwandlung, die im Buch deutlicher beschrieben und daher leichter nachzuvollziehen ist. Dort schildert die Autorin die Verschmelzung mit der sie umgebenden Natur, eine entgrenzende Erfahrung, von der sie sich – wie sie Jahrzehnte später berichten wird –  nie erholt. Die Erfahrung hat Konsequenzen: Der ständige Widerstand gegen alles und jeden fällt von ihr ab. Sie macht sich innerlich und äußerlich frei und entledigt sich von allem Überflüssigen wie Kleidung, Hygiene und gesellschaftliche Etikette. Sie läuft nackt, liefert sich Furz-Wettkämpfe mit ihrem Hund und lässt das Menstruationsblut einfach die Beine herunterlaufen. Solange keine Menschen auftauchen, ist es ihr egal. Wichtig ist die Natur, die Verbindung zu dieser und wie sie sich selbst immer mehr als lebendigen Teil davon empfindet.

Wenn ich das kann, kann es jeder

Robyn Davidsons Buch ist in erster Linie der Selbsterfahrungsbericht einer Frau auf der Suche nach sich selbst, aber auch ein Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Australien der späten 70er Jahre. Ehrlich und ohne Rücksicht auf die Gefühle der Beteiligten erklärt Robyn  ihre Weltsicht – inklusive einer kritischen Auseinandersetzung mit der australischen Eingeborenenpolitik, der Ausbeutung der Natur und des Verhältnisses zwischen Mann und Frau.

Am Ende ärgert sie am meisten die Verklärung ihrer Figur zu einer Ausnahmeperson. Ohne Verständnis für ihre eigentliche Motivation und für die tatsächlichen Herausforderungen der Wüstenwanderung wird sie von Touristen und Presse zur „Kamellady“ romantisiert, die anscheinend über außergewöhnliche Fähigkeiten und Know-how verfügt. Immer wieder betont sie, dass sie weder mutig noch besonders talentiert sei, sondern nur Glück und Ausdauer hatte. Mit ihrem Abenteuer wollte sie etwas ganz anderes beweisen: „Wenn ich das kann, kann es jeder.“

Was bleibt

Im Nachwort der aktuellen Ausgabe kommt Davidson 30 Jahre später erneut zu Wort und erklärt, warum die subjektive Wahrheit ihrer Reise mit all seinen Erscheinungsformen – ob als Fotoreportage für den National Geographics mit den hinreißenden Fotos von Rick Salomon, ob als Buch oder ob aktuell als Film – verloren gehen muss. Dass jedes Medium das Erlebte zweckentfremdet darstellt und somit automatisch verfälscht. Die am häufigsten gestellte Frage nach dem „Warum?“ möchte Davidson beantworten, indem sie eine andere Frage vorschlägt: „Warum versuchen nicht mehr Menschen, den ihnen aufgezwungenen Begrenzungen zu entfliehen? Wenn Spuren überhaupt eine Botschaft hat, dann die: Man muss sich bewusst machen, dass die Forderung nach Gehorsam uns nur deshalb natürlich erscheint, weil sie vertraut ist. Wo immer es Druck zur Anpassung gibt (…), entsteht das Bedürfnis nach Widerstand. Natürlich meine ich damit nicht, dass die Leute alles stehen und liegen lassen und sich auf den Weg in die Wildnis begeben oder dass sie es mir nachmachen sollten. Ich meinte, dass man auch in den alltäglichsten Lebenslagen das Abenteuer finden kann. Das Abenteuer im Kopf oder, um ein altmodisches Wort zu gebrauchen, im Geist.“

Der Film wurde produziert von Emile Sherman, der auch für die Finanzierung des Oskar-prämierten „The King’s Speech“ verantwortlich ist. Sein Anliegen war es, Robyns Geschichte einer neuen Generation nahe zu bringen. „Der Gedanke, alles abzuschalten und hinter sich zu lasen, um wirklich bei sich selbst anzukommen, ist heute verlockender denn je.“ Gerade angesichts der technischen Vernetzung mit Satellitenüberwachung und Smartphones sei eine solche Reise heutzutage undenkbar. Und eben daher noch ansprechender.

4 Responses

  1. Andreas
    realistisch?

    schulterfreies Kleid …

    ohne Kopfbedeckung …

    http://www.spuren-derfilm.de/images/content/home/motiv.png

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  2. Vigor Calma
    Innenwelten bleiben unberührt

    So spannend die Reise gewesen sein mag – im Film bleibt der Einblick in die Innenwelten der Frau weitgehend unbeobachtet. Woraus man durchaus schließen kann, dass es sich um keinen guten Film handelt. Wer sich für das Abenteuer Wildnis interessiert, dem sei daher der Film „Wild“ empohlen. In dem Film werden tiefe Einblicke in die Seele und Psyche einer Reisenden gezeigt. Für meinen Geschmack intensiver und faszinierender.

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  3. mariell

    Interessanter Cocktail: Buch & Film. Vielleicht braucht man beides um der spannenden Wirkung die der Artikel ausmalt nachzugehen. Der empathisch geschriebene Artikel löst in mir eine ganz besondere Aufmerksamkeit aus: wieder einmal die Grenzen spüren und dabei nur einen Schritt darüber hinaus gehen und atmen: OM SHANTI OM!

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  4. Tom

    Toll geschrieben, Uschi ! Macht Appetit auf dem Film….und das Abenteuer…Danke für deine Inspiration !!

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