Auf der Suche nach dem guten Leben beim Arbeiten…

Von Ingrid Holzmayer und Silke Chorus

Ingrid: „Ich habe mich schon als Sechsjährige aufs Arbeiten gefreut und mein Erwerbsleben geplant. Ich wollte Käseschneiderin werden, ich liebte die Frauen hinter der Theke, die in ihren weißen Kitteln die Käselaibe hervorholten, sie mit scharfen Messern schnitten und dann in dieses tolle Papier verpackten. Später wollte ich Tierärztin werden, aber nur für Kamele. Als ich etwa zwölf war, stand es unverrückbar fest: Überlebenskünstlerin (danke, Rüdiger Nehberg!) würde meine Zukunft sein. Ich würde Wüsten durchqueren, Heuschrecken verspeisen und hätte auf jeden Fall ein Kamel oder ein altes Motorrad an meiner Seite. Ich ging ganz automatisch davon aus, dass damit Geld reinkommen würde, denn schließlich war genau das ja meine Bestimmung. Ich bin dann letztendlich etwas ganz anderes geworden, habe Geschichte studiert und mehr als ein Jahrzehnt als Fundraiserin für verschiedene politische Nichtregierungs- Organisationen gearbeitet, habe Kampagnen gesteuert, Mahnwachen organisiert und mich an Organisationsentwicklung ausprobiert. Diesen Geschmack, wie es sich anfühlt, mit meinem Motorrad durch Wüsten zu streifen, den hatte ich immer auf der Zunge, aber meine Arbeit fühlte sich zumeist doch sehr anders an. Ich liebe jede Organisation, für die ich gearbeitet habe, und doch war es oft einfach nur: anstrengend. Kollegen burnouteten, Chefs bauten Druck auf, damit alle noch mehr gaben, um die Welt zu retten, Meetings dauerten lang und waren ineffektiv, es gab immer zu wenig Geld und immer zu viel zu tun. Und eines Morgens landete ich kurz vor einem Burnout bei meiner Ärztin und begann mich ab diesem Moment grundsätzlich mit dem Thema „Gutes Leben beim Arbeiten“ zu beschäftigen. Nach ein paar Umwegen bin ich auch beruflich bei dem gelandet, was mich inzwischen am allermeisten interessiert: Wie können wir gut leben und arbeiten? Und uns dabei spüren? Wie können wir als ganze Menschen bei der Arbeit sein, kreativ sein, uns aber auch mit unserer Verzagtheit, unserem Weltschmerz und unserer Erschöpfung zeigen? Wie kann sich Arbeit anfühlen, als würde ich mit meinem Kamel durch die Wüste reiten?“

Silke: „Wenn man erwachsen wird, muss man arbeiten. Dann hört das gute Leben auf!’ Diesen Glaubenssatz habe ich mir schon früh zugelegt. Heute sehe ich das anders. Als Kind habe ich die Erwachsenen um mich herum beobachtet und mich gewundert. Jeden Morgen gingen sie zu einem Ort, den sie Arbeit nannten. Meistens waren sie in Eile und ich musste schneller aus dem Haus, als mir lieb war. Spät am Nachmittag kamen sie von ihrer Arbeit zurück, oft erschöpft und frustriert. Sie schienen erleichtert, wenn am Freitag diese Arbeit eine Pause machte. Dann gab es die Ferien und „die Arbeit“ war weit weg. Das Leben war dann richtig gut. Sonst bestand mein Kinderleben überwiegend aus spielen, Spaß haben, neugierig sein, gemeinsam mit anderen was auf die Beine stellen, Fehler machen. Aber das Erwachsenenleben schien für mich nur in den Ferien richtig gut. Und so entschloss ich schon als Kind, dass ich als Erwachsene eine Arbeit machen würde, die mir Spaß macht. Als Jugendliche hatte ich dann Zugang zu Theorien, die mir eine Erklärung dafür anboten, warum das mit dem Arbeiten und Leben so merkwürdig war: Weil wir in einer kapitalistischen Welt leben, sei das Arbeiten eine Form der Knechtschaft und Ausbeutung, bei der es nicht um das gute Leben ging. Das hörte sich nicht gut an. Also beschloss ich, so lange ich nur konnte, dem regulären Arbeitsmarkt fern zu bleiben und meine Lebenszeit anders zu investieren. Letztendlich schrieb ich eine Doktorarbeit, die mir über ein Stipendium finanziert wurde. Von Dauer war das natürlich nicht und irgendwann war die Frage wieder da: Wie verdiene ich mein Geld und lebe dabei weiter ein gutes Leben – und zwar auch während dieser Arbeit? Ich begann danach zu suchen und mir Fragen zu stellen: Was macht das Leben für mich schön beim Arbeiten? Wonach suche ich?“

Auf dem Weg zu New Work

Dann trafen wir irgendwann aufeinander, Ingrid und Silke, bei einem Abendessen mit Freunden. Wir begannen bald danach, gemeinsam Seminare in Gewaltfreier Kommunikation (GfK) zu geben. Das lief so gut, dass wir weitermachten. Wir trainierten Teams in GfK und mediierten immer öfter, denn in vielen Teams häuften sich die Konflikte, die eine tiefere Wahrnehmung und Betrachtungsweise erforderten. Wir begannen, uns auch in unserer Zusammenarbeit ganz konkret mit dem Thema „Gutes Leben, gutes Arbeiten“ zu beschäftigen. Wir versuchten unsere Arbeit so zu gestalten, dass sie ein Bestandteil und Ausdruck unserer Lebendigkeit bleibt. Wir erforschten dabei (fast) jedes Thema und jeden Prozess an uns selbst. Auf diese Weise fanden wir immer wieder Antworten auf die Frage, wie für uns das gute Leben beim Arbeiten aussieht. Zum Beispiel merkten wir: Kreativ sein ist ebenso wichtig wie die Freiheit, Fehler machen zu dürfen. Und wenn eine von uns krank war oder die Kinder betreute und daher kein Einkommen erzielte, fühlte es sich stimmig an, wenn die andere mit ihr die Hälfte des verdienten Geldes teilte. Aha, merkten wir: Sicherheit ist ein zentraler Bestandteil dieser „Forschungsreise“, um entspannt und kraftvoll zu bleiben. Auch Freiwilligkeit und ein klarer Impuls sind unterstützende Aspekte, damit die Freude an der Arbeit erhalten bleibt: Zum Beispiel hatten wir auf manche Seminarformate keine Lust und haben sie dann eben nicht durchgeführt. In diesem Prozess entwickeln wir uns nicht nur selber immer weiter, sondern wir sind auch auf eine Welt gestoßen, in der viele, viele Menschen versuchen, Arbeit neu zu denken und zu gestalten. Diese Bewegung nennt sich „New Work“. Ein Sammelbegriff für Veränderungen in der Arbeitswelt, die mal mehr und mal weniger radikal abweichen von dem, wie wir arbeiten traditionell verstehen. In umfassenderen New-Work-Prozessen findet dabei nicht weniger statt als das Erproben neuer, zukunftsweisender Formen der Kooperation.

Es geht darum,
• wie kollektive und effektive Entscheidungsprozesse gestaltet werden können.
• wie eine „gesunde“ Hierarchie aussieht, die Macht nicht an Personen, sondern an Erfahrung und Wissen koppelt.
• wie wir das wertschätzen, was gut läuft, und trotzdem unsere Kritik ehrlich äußern.
• wie Konflikte jenseits von „richtig und falsch“ ausgehandelt und dafür genutzt werden können, um die Organisation weiter reifen zu lassen
• wie eine Kultur entstehen kann, in der Fehlerfreundlichkeit herrscht und wir es deshalb wirklich wagen können, innovativ zu sein.
• wie wir uns als Menschen, die Kraft haben und Kreativität, aber eben auch Krankheiten und Liebeskummer, am Arbeitsplatz als ganze Menschen zeigen können.

Heute besteht unsere Arbeit darin, Organisationen, die eine andere Arbeitsund Führungskultur entwickeln wollen, zu begleiten. Denn New Work braucht neue Kompetenzen, die sich nicht einfach nur deshalb entwickeln, weil die Hierarchien flach sind und Selbstführung gilt. Damit New Work wirklich funktioniert, müssen wir nicht nur wissen, was wir „wirklich, wirklich wollen“, sondern wir brauchen andere Kompetenzen, wie Selbstwahrnehmung und Selbstfürsorge, Prioritäten und Grenzen setzen, Ja- und Nein-Sagen, Konflikte konstruktiv führen. Und wir brauchen für New Work auch neue Formen von Führen und Folgen. Milena Glimbovski, Gründerin des Supermarkts „Original Unverpackt“, antwortete auf unsere Frage, was ihrer Meinung nach zentral ist, damit ihre Mitarbeitenden ihr gut folgen können: „Dass ich meinen Mitarbeitenden vertraue und versuche, sie als ganze Menschen zu sehen.“ Sie betont aber: „Es ist krass zeitaufwendig und daher teuer… Die positiven Effekte davon sind natürlich toll. Die Qualität wird besser, weil die Mitarbeitenden mehr mitbestimmen und viel besser entscheiden können, was in ihrem Bereich sinnvoll ist.“ (siehe Interview mit Milena Glimbovski unter: https://www.all-you-need-is-empathy.org/gfk-und-leadership-aktuelles)

New Work = äußerer und innerer Wandel

Nach und nach etabliert sich dann tatsächlich eine authentische und wertschätzende Kommunikationskultur; Konflikte werden nicht mehr hinter dem Rücken der Beteiligten ausgetragen, sie werden sogar zu Motoren der Veränderung; Die Angst vor Nein-Sagen und produktiven Formen der Wut nimmt ab und weicht Klarheit und gesunden Formen des Grenzen-Setzens. Und wenn wir dann irgendwann einmal zurückschauen, wurden nicht nur freiere und effizientere Strukturen eingeführt, sondern die Menschen darin haben sich auch innerlich verändert. Sie sind bei der Arbeit ein Stück mehr sie selbst geworden. Silkes alter Glaubenssatz hat sich in sein Gegenteil verkehrt: „Wenn man bei der Arbeit erwachsen werden darf, fängt das gute Leben an.“ Und Ingrid muss inzwischen nicht mal mehr mit ihrem Motorrad durch Wüsten fahren – am liebsten wandert sie jetzt einfach in Brandenburg herum. Wer weiß, wie sich die Gesellschaft verändern würde, wenn immer mehr Menschen so arbeiten könnten, dass es ihnen mehr Energie gibt, als es sie kostet.

Autorinnen

Ingrid Holzmayer und Silke Chorus bieten maßgeschneiderte Trainings und Prozessbegleitungen für Teams und Führungskräfte an, die sich eine schönere und langfristig effektivere Arbeitskultur wünschen. Ihre Schwerpunkte sind: Kommunikations-Skills trainieren, emotionale Kompetenzen entwickeln, transformatives Konfliktmanagement lernen. Daneben arbeiten sie als Coaches für Einzelpersonen und Paare.
Info und Kontakt über:
info@all-you-need-is-empathy.org www.all-you-need-is-empathy.org

Author: Redaktion

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