Anzeige

Müssen auch wir die Treppe zum Himmelreich mühsam und Schritt für Schritt erklimmen wie die Weisen und Heiligen aller Zeiten? Oder gibt es mittlerweile vielleicht einen Expresslift, bei dem wir nur ein paar Knöpfe zu drücken brauchen? Letzteres ist eine kindliche Illusion, meint Anja Maria Engelsing: Die alltägliche „Basisarbeit“ ist der wirkliche Stairway to heaven.

 

 

Juni 2010. Flirrende Hitze in New York City. Auch die Abendstunden bringen keine Abkühlung. Die Dergah al-Farah liegt an der Südspitze Manhattans, nahe dem Wall Street District. In dieser wundervollen Moschee treffen sich an jedem Donnerstag die Brüder und Schwestern der Nur-Ashki-Jerrahi-Sufi-Gemeinschaft, um miteinander Gottes zu gedenken und singend, betend und tanzend zu feiern.

Seit 2007 komme ich regelmäßig hierher. Ich habe in dieser Bruder- und Schwesternschaft meine spirituelle Heimat gefunden, bin nach Hause gekommen. Noch immer findet meine Dankbarkeit keine Worte.

Auch heute Abend freue ich mich aufgeregt auf den Zikhr, die gemeinsame Feier des Gottesgedenkens im rituellen Beten und Tanzen. Das ist jedes Mal ein unvergleichliches Erlebnis. Heute aber begegnet mir anderes als nur pure Freude. Anstatt in Entwerdung zu entrücken, falle ich immer tiefer, in meinen tieftiefsten Schmerz. Spüre Herzschmerzen, wie ich sie nie zuvor gekannt habe. Falle abgrundtief bis hin zu dem Moment meiner physischen Geburt zurück. Die Verzweiflung, in diese Welt gekommen zu sein. Getrennt von Allah, vom All-Einen, von der Großen Mutter.

Nur weil ich weiß, dass es die Konvention will, dass ich bleiben muss, zumindest bis der Zikhr beendet ist, folge ich nicht meinem immer stärker werdenden Fluchtimpuls. Erlebe die wohl schwärzesten Momente meines Lebens.

Was auch immer mir die Kraft gibt, ich halte durch. Bleibe stehen im Schmerz. „Stand strong, sister, stand strong!“, hatte mir ein lieber Freund und Gefährte immer wieder gesagt. Vielleicht hat sich Jeanne d’Arc ähnlich gefühlt, als sie auf ihren Scheiterhaufen zuging. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich das Gefühl hatte zu sterben.

Und wirklich, genau das wurde zu einer unendlich wichtigen Station in meinem Leben. Durch diesen Schmerz wirklich gegangen zu sein, der der einzige wirkliche Schmerz ist. Der Schmerz des Getrennt-Seins vom All-Einen. Es ist, als sei ich einen Tod gestorben, um mehr und mehr wirklich leben zu können. Wirklich Mensch zu werden. „Real Humanness, wirkliches Mensch-Sein“, dieser wunderbare Begriff meines Herzenslehrers Lex Hixon.

Und genau dafür war ich wieder einmal nach New York geflogen. Nicht für den Hype und das Coole dieser lässigen Stadt oder der Ekstase wegen.

 

Spiritueller Bypass

Mit jedem Jahr, den ich auf diesem gesegneten Pfad gehen darf, wird meine Dankbarkeit größer. Und mit jedem Tag wächst meine Demut. Die Aktionistin und die Macherin, die mich so lange in dieser westlichen Welt vermeintlich stark gemacht haben, nehme ich liebevoll zum Abschied in den Arm, sie bringen mich zum Lächeln. Habe ich denen wirklich jemals vertraut?

Kann man Erleuchtung machen? Gibt es den Stairway to Heaven, den kurzen Weg zur Verwirklichung, den „spirituellen Bypass“? Gibt es THE SECRET, und ist es käuflich zu erwerben?

Wieder muss ich lächeln. Vermutlich habe ich das einmal, wie so viele, geglaubt. Zumindest habe ich so gehandelt. Noch eine astrologische Beratung, um mich endlich selbst zu finden, und Tantra-Kurse en masse, und immer weiter ging mein Leben und immer schneller drehte es sich in mir und um mich auf der Suche nach dem Himmel auf Erden. Bis ein schwerer Unfall 2003, bei dem sich mein Jeep überschlug, mir aber wie durch ein Wunder nichts passierte, das Karussell zum Stillstand und mich zum Innehalten brachte.

Heute weiß ich, dass es unsere erste und für lange Zeit einzige Aufgabe ist, unser Leben in Ordnung zu bringen. Ordnung in unsere Beziehungen zu bringen, in die Beziehungen zu unseren ­Eltern, zu unserem Lebensgefährten, zu unseren Kindern, zu unseren Freunden. Wir müssen Ordnung in unsere Finanzen bringen. Wir müssen lernen, nachhaltig und achtungsvoll mit allem umzugehen, was uns umgibt.

Dabei und nur dabei werden wir die Liebe in uns spüren lernen, die Liebe, die alles ist. Liebe zu uns selbst und zu allem, was uns umgibt und was so viel mehr ist, als wir es sind. Bedingungslose Liebe zu allem Sein, zu einem jeden Menschen, und eben zuallererst und endlich zu uns selbst. Und wenn das ein Leben lang dauert, dann ist auch das gut.

Das klingt furchtbar langweilig, ich weiß. Und es kann wirklich Jahre dauern, selbst bei bester Bemühung. Genauso ist es. Und es gibt keinen Bypass, keinen Ausweg, kein Hintertürchen.

 

Demut und Bescheidenheit

Warum glauben wir, dass für uns heute, nur weil uns eine solche Flut von Wissen zur Verfügung steht, andere Regeln gelten als für die Suchenden aller Zeiten? Warum sollten Übungen wie Fasten und auch schwere Prüfungen nur den großen Suchenden vergangener Zeiten auferlegt gewesen sein und für uns nicht zumindest im übertragenen Sinne auch gelten? Was lässt uns glauben, dass wir nur The Secret lesen oder DAS Seminar belegen müssen und weiter in unserem Lebenschaos sitzen bleiben können, denn nun ist die Erleuchtung gewiss?

Manchmal meine ich Hybris zu spüren, Vermessenheit, in der Phantasie Erleuchtung erlangen zu können, wenn wir nur das Richtige tun. Eigentlich, scheint mir, ist es ein kindlicher Wunsch. Der Wunsch eines kleinen Kindes.

In den letzten Jahren sind mir auf einmal scheinbar alte Tugenden wie Demut und Bescheidenheit, aber auch Ausdauer und  Unbeirrbarkeit und vor allem  Dankbarkeit wieder sehr wichtig geworden. Und Hingabe. Wirkliche Hingabe an alles, was unser Leben heißt. Radikale und nicht etwa wertende Hingabe. Annehmen also. Umarmen. Lieben, was ist.

So können wir, meine ich, unsere Lebensangelegenheiten in Ordnung bringen, unser Lied in harmonischen Klang.
Vielleicht werden wir dabei den Lehrer unseres Herzens finden. Der uns heiter, weise und liebend zur Seite steht und uns unseren Pfad zu sehen lehrt und dabei aus dem unendlichen Wissen all derer, die vor uns waren, schöpfen darf.

So, wie ich Lex Hixon finden durfte. Durch einen scheinbaren Zufall. Nicht etwa, weil ich nach ihm gesucht hätte. Ich bin unendlich dankbar. Mein Herz fließt über mit Dankbarkeit. Licht über Licht und Liebe über Liebe sind in mein Leben getreten. Ich habe sehen gelernt, dass nie etwas anderes war als dies.

 


„Dare, o human being, to awaken!
Harmonize your song;
intensify your commitment.
Consult your heart and your heart alone.
Expose yourself to loving; seek the ­protection of Love.
To arrive at true being, come past the ­curtain waving in front of the Divine Light,
which is your own light.“

„Wage es, oh Mensch, zu erwachen!
Bringe dein Lied in harmonischen Klang;
intensiviere deine Bereitschaft.
Frage dein Herz und nur dein Herz um Rat.
Gib dich der Liebe preis und suche in ihr deinen Schutz.
Um wirkliches Sein zu erlangen, gelange jenseits des Schleiers, der das Licht Gottes umhüllt; dieses ist dein eigenes Licht.“

Lex Hixon,
Sheikh Nur al-Anwar al-Ashki al-Jerrahi


Abb: © David Humphrey – Fotolia.com

Eine Antwort

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*