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„Spiritual Bypassing“, eine spezielle Art des Vermeidens auf dem spirituellen Weg, wird immer häufiger kritisch untersucht. Jeff Brown über 10 Wege, wie wir mit spirituellen Konzepten die Realität vermeiden:

Spiritual Bypassing und andere Vermeidungsstrategien

Im Jahr 1984 prägte der Psychologe und Autor John Welwood den Begriff „Spriritual Bypassing“, was man in etwa mit „spiritueller Vermeidung“ übersetzen könnte.

In meinem Buch „Soulshaping“ beschrieb ich dieses spirituelle Vermeiden als „die Tendenz, vorschnell zur spirituellen und geistigen Realität zu springen – normalerweise in dem Bemühen, verschiedene Aspekte der irdischen Realität zu vermeiden.“ Diese Art des Seins war mir sehr vertraut, da ich oft die Tendenz zeigte, unbequeme Wahrheiten durch einen geistigen Sprung ins Göttliche zu umgehen. Auf meinem Wettrennen zu den Sternen, genoss ich diese Möglichkeit zur Pseudo-Transzendenz der Dualität – bevor ich unweigerlich wieder zurück auf die Erde stürzte, um mich mit meinem unerledigten Zeug herumzuschlagen.

Vermeiden – sowohl hilfreich wie auch hinderlich

In „Soulshaping“ erkannt ich aber auch, dass es in einer immer noch schwierigen Welt ein Bedürfnis für Vermeidungs-Techniken gibt:

„In einer Welt des Schmerzes ist der spirituelle Bypass eine ständige Versuchung. Er gibt uns etwas, an das wir glauben können und eine Vision von all dem, was wir in unserer lokalen Realität so sehr vermissen. Ohne ihn würden viele von uns in unerträglichen Situationen leiden. Gleichzeitig kann er aber auch ein echter Umweg auf dem Weg zu echter Spiritualität sein. Bei unseren Bemühungen, das Bessere möglichst schnell zu erreichen, vermeiden wir oft das Entscheidende. Spiritualität wird so zu einer Krücke, statt zu einem Ausdruck unserer natürlichen Entfaltung.“

Spiritual Bypassing – was ist das eigentlich?

Mittlerweile hat Robert Augustus Masters dem Thema „Spiritual Bypassing“ ein ganzes Buch gewidmet: „Spiritual Bypassing – Wenn Spiritualität uns von dem trennt, was wirklich zählt.“

Während die Popularität dieses Begriffs also wächst, habe ich bemerkt, dass er mittlerweile eine recht weitläufige Bedeutung angenommen hat, ganz wie bestimmte Begriffe in der Kunst, die sich über die Zeit in feste Bezeichnungen verwandeln. In dem Bemühen, eine zu stark verallgemeinernde und unspezifische Verwendung zu vermeiden, möchte ich eine Unterscheidung zwischen verschiedenen Arten der Vermeidung versuchen, die sicherlich in vielen Formen existieren.

Die folgende Liste entstand durch die Beobachtungen meiner eigenen Muster und soll als ein Instrument der Selbstbeobachtung dienen, das helfen kann, deine ganz persönlichen Methoden der Selbstvermeidung klarer zu erkennen und transformieren. Manche können als Ableger des Baums der spirituellen Vermeidung verstanden werden, während andere sich in ihrer Qualität davon deutlich unterscheiden.

Natürlich ist dies keine vollständige Liste, denn es gibt so viele Möglichkeiten, die Wirklichkeit zu vermeiden, wie es Menschen gibt. Was mich persönlich aber besonders interessiert, sind solche Formen der Selbstvermeidung, die in der spirituellen Szene immer wieder als Erleuchtung ausgegeben werden. 

Formen der Vermeidung

1. Der Positivitäts-Bypass (alias „Bypass der Glückseligkeit“)

Die Tendenz, sich selbst und anderen Positivität/Glückseligkeit vorzuheucheln, um über den nicht geheilten Schatten hinwegzutäuschen. Oft verbunden mit dem nicht geerdeten Mantra „Es ist alles gut“.

2. Der zerebrale Bypass

Die Tendenz zur Flucht in den Geist/Verstand, um allein in und durch Gedanken zu leben, um jeden Augenblick zu über-intellektualisieren. Ein Kopf-Trip mit dem Ziel, sich von der Welt der Gefühle zu lösen. Manifestiert sich oft in der gut ausgebildeten Fähigkeit, Bewusstseins-Modelle zu artikulieren und geht einher mit der Unfähigkeit, vom Herzen zu sprechen und gefühltes Erleben wirklich zu verkörpern.

3. Der Zeugen-Bypass

Die Neigung, stets im Zeugen- oder Beobachter- Bewusstsein zu leben, wie aus der Ferne auf den eigenen unerlösten Schmerzkörper zu starren und zu glauben, das hieße, präsent zu sein. Die Tendenz, hilfreiche Dissoziations-Techniken mit dem Leben selbst zu verwechseln. Dies führt dazu, dass der unerlöste Schmerz im Innern zu einer Waffe erstarrt, die sich nach innen gegen das eigene Selbst richtet. Sie manifestiert sich als eine Art Pseudo-Gleichmut mit glänzenden Augen und mit einer sehr reduzierten Fähigkeit, zu fühlen.

4. Der Pragmatismus-Bypass

Das Bemühen, stets auf die greifbare, praktische Realität fokussiert zu bleiben, um eine Erfahrung der Einheit oder des Gesamtbildes zu vermeiden. Geht oft einher mit großem Erfolg in der materiellen Welt und einem spirituellen Bankrott im Leben.

5. Der Alles-Ist-Eins-Bypass

Das Bemühen, sich stets auf das Einheitsbewusstsein zu fokussieren, um spezifische Probleme, Herausforderungen und praktische Bedürfnisse zu vermeiden. Manifestiert sich oft als nicht geerdete Unfähigkeit, die eignen irdischen Bedürfnisse zu erfüllen, während man in das große Mysterium abdriftet.

6. Der Advaita- oder Non-Duale-Bypass

Die Neigung, sich selbst als „non-dual“ zu identifizieren, in dem Bemühen, den menschlichen Kampf zu transzendieren. Nicht-duale Vermeider neigen dazu, bequemerweise alles Unangenehme aus ihrer Wahrnehmung zu entfernen – wie etwa persönliche Identifikation, den nicht geheilten emotionalen Körper, das gesamte Ich, das Selbst, den  Körper – um ihre Menschlichkeit zu transzendieren. Natürlich ist darin in Wahrheit überhaupt nichts non-duales. Unsere Menschlichkeit ist das Wasser auf der Seelenmühle. Ohne sie können wir nicht zu einer authentischen, nachhaltigen Erfahrung der Nicht-Getrenntseins gelangen.

7. Der Verantwortungs-Bypass

Die Tendenz, Konzepte von der „Welt als Spiegel“ oder des „Nicht-Urteilens“ zu missbrauchen, um unsere eigene Verantwortung oder die Verantwortung der anderen für falsches Handeln zu umgehen. Gestützt auf der nicht geerdeten Vorstellung, dass es so etwas wie Fehlverhalten gar nicht gibt, ist es das Ziel dieser Praktiken, ungesunde Verhaltensweisen weiter zu erdulden oder fortsetzen zu können und Opfer zu entmutigen, einen rechtmäßigen und notwendigen Heilungsprozess einzuleiten.

8. Der „Du-bist-nicht-deine-Geschichte“-Bypass

Die Neigung, durch die Herabsetzung unserer Geschichte vor den schmerzhaften und verwirrenden Elementen unserer Lebenserfahrungen zu fliehen. Ja, wir sind so viel mehr als unsere Geschichten, aber wir sollten nicht die ganze Geschichte mit dem Bade ausschütten. Wir sind eben auch unsere Geschichten. Im Herzen unserer Geschichte finden wir unsere persönlichen Identifikationen, unsere emotionale Basis und unsere ungelösten Probleme, die das Wasser auf der Seelen-Mühle sind, die unser spirituelles Wachstum antreibt. Ohne dieses karmische Material, durch das wir uns hindurcharbeiten müssen, gerät unsere Expansion ins Stocken.

9. Der „Karmische-Verträge-Bypass“

Die Neigung, jedes einzelne Ereignis auf dem Planeten auf eine seelische oder universelle Absicht zurückzuführen.  Dass du „es dir so kreiert hast“, es „so bestimmt war“, „deine Schwingung es angezogen hat“ oder „alles aus einem bestimmten Grund geschieht“. Eine Anstrengung, vor dem schmerzhaften, geheimnisvollen und fehlgeleiteten Charakter vieler Ereignisse und Erfahrungen zu fliehen. Diejenigen, die sich dieser Bypass-Technik bedienen, haben eine Tendenz zur Scham und verleugnen ihre eigenen Erfahrungen, und sie tun das gleiche bei anderen – auch dort,  wo Mitgefühl und Heilung gefragt wären.

Und nun meine eigene aktuelle Tendenz, die ich noch immer nicht ganz ablegen konnte:

10. Der Vergebungs-Bypass

Die Tendenz, unerlöste Emotionen und Beziehungserfahrungen durch vorgetäuschte Vergebung zu vermeiden. Voreilige Vergebung. Manifestiert sich oft in einer Tendenz, all jene zu beschuldigen, die noch nicht verziehen haben – als wäre Vergebung wichtiger als der Prozess der Heilung. Wahre Vergebung erfordert eine echte Konfrontation mit den Emotionen und den Erinnerungen unserer Erlebnisse. Und am Ende dieses Prozesses steht die Wahl des Opfers, ob es sich für Vergebung entscheidet.

 


 

Text: Jeff Brown
Im englischen Original erschienen unter:
http://www.elephantjournal.com/2014/03/10-ways-to-bypass-the-real-jeff-brown/

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Elephant Journal
Übersetzung: Sein.de

 

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11 Responses

  1. Hans Kolpak
    Zielrichtung

    Vielen Dank! Ein Link zu dieser Abhandlung dient jetzt als Leitgedanke für die einführenden Worte auf meinem Portal:

    Zielrichtung
    http://www.dzig.de/Zielrichtung

    Antworten
  2. Mario
    11. Der Bypassbypass

    Der Glaube durch informiertes Vermeiden von Fehlern erleuchteter zu sein als umgekehrt.

    Antworten
  3. pat
    Mein eigener Weg

    Jeder hat seinen eigenen Weg und ich frage mich: warum soll ich mir noch mehr Gedanken machen?. Weniger wäre besser.
    Mach ich dies oder das richtig? Bin ich im spirituellen Bypass oder nicht? Und soll ich auf diesen oder jenen Experten hören … ?
    Ich brauche Zugang zu meiner inneren Verbundenheit, zum Leben selbst. Sonst nix.

    Antworten
  4. Leo
    2 a und 2 b ...

    Zu 2.
    Einerseits super, welch bereichernde und erhellende Benennung und Beschreibung von Vermeidungsfallen und –mustern insgesamt!
    Doch andererseits scheint mir bei allem Licht zugleich auch ein Schatten, eine Vermeidung drinsteckend oder implizit möglich:
    Nämlich die Umkehrung vom Bypass Nr. 2 , d.h. ein indirektes Kopf-, Mental- und Intellektbashing, eine Schräglage durch Überbewertung von Herz und Gefühl in der Art des Satzes: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ (der Knackpunkt darin ist das Wörtchen ‚nur‘), etwas, das ich in etlichen Teilen der spirituellen Szene beobachte. Das ist jedenfalls nicht integral. Kein Kanal hat ein Monopol als Weisheitszugang.

    Bypass 2 würde ich in 2 a und 2 b differenzieren, a den zerebralen Bypass und b den cordialen Bypass, (lach, denn da sind wir ja schon fast im OP gelandet). Also, ohne Herz geht nix, aber Herz ist nicht alles (und umgekehrt so dito mit Verstand).

    Antworten
  5. Lucia
    Lucia

    Sehr gut, Herr collega, Sie sagen genau das, was ich auch schon die ganze Zeit den Leuten erzähle. Ich habe übrigens ebenfalls vor mehreren Jahren meine Anwaltstätigkeit an den Nagel gehängt, da ich im Leben beschlossen habe, meine innere Arbeit und Disziplin darauf auszurichten, aus dem circulus vitiosus des Täter – Opferspieles auszusteigen. Damit ist es unvereinbar, den ganzen Tag beruflich für andere Leute dieses Spiel zu spielen.

    zu 10.
    Ich denke, das Aufgeben des Täter – Opferspieles ist genau der Punkt, um aus Punkt 10., Vergebungsbypass herauszukommen. Das heißt, sich jeweils bewusst zu machen, dass man kein Opfer ist, den anderen nicht beschuldigen, das heißt sich dahingehend zu disziplinieren, sich nicht in entsprechende Gedankengänge zu verstricken; bei sich selbst bleiben, die eigene psychische Verletztheit durchaus anschauen, sie anerkennen, Klarheit verschaffen und daran arbeiten (z.B. mit psychotherapeutischen Mittelen, deren es zahlreiche gibt oder fernöstlichen: Beobachterposition einnehmen und erkennen, dass es letztendlich das verletzte ego ist, das rebelliert (Titch Nath Han) und erkennen wo das ego entsteht, im Herzen (Ramana Maharshi) und ohne darauf einzugehen warten bis es aufhöhrt ); den anderen als wunderbare göttliche Seele sehen, die eben in ihrer augenblicklichen Persönlichkeit etwas schädliches getan haben mag und dennoch die Seele bedingungslos lieben zu lernen; ein gutes Mittel ist, um den Abstand zu bekommen, die Angelegenheit innerlich Gott zu übergeben. Das heißt aber noch lange nicht, dass man sich im Außen alles gefallen lassen soll und nicht auch bei Zeiten jemanden nicht zur Rechenschaft – Wiedergutmachung – ziehen soll. Es geht hier um die Auflösung der eigenen inneren Haltung und Verstrickung dabei. Unter zur Rechenschaft ziehen verstehe ich so etwas wie Naturalrestitution und zur Einsicht bringen, nicht aber Strafe, da Strafe eine Satisfaktionsfunktion beinhaltet und dies wiederum ein reiner „Egotrip“ ist und Öl ins Feuer des Täter – Opferspieles gießt.

    Zu 9.
    Diesen Punkt nenne ich gerne „ESO – Disse“ (Esotherische Diskreditierung); ganz krass der Vorwurf, „du bist ja selbst Schuld, weil du das karmisch schon in einem früheren Leben verschuldet hast“ oder bei Psychologen sehr beliebt die Frage: “ Haben Sie sich schon mal überlegt, warum ausgerechnet Ihnen das passiert?“ Es wird ein Schuldgefühl erzeugt und der Beschuldigte weiss überhaupt nicht weshalb. Meine sarkastische Antwort auf solche Fragen z.B. „Weil ich halt auf dem Planet der Verrückten inkarniert bin, hier ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass man auf solches Verhalten stosst; wenn man in einem Mienenfeld herumläuft ist die Wahrscheinlichkeit auf eine Miene zu treten und in die Luft zu fliegen schließlich auch sehr groß.“ LOL !

    Wichtig ist, die tägliche Innenschau zu betreiben und mit innerer Disziplin den Weg des Herkules zu gehen um Herr über die eigene Persönlichkeit, vollbewusst zu werden.
    Weltflucht ist sicherlich auch ein vorübergehendes Stadium im Erkenntnisprozess, eine Falle. Ich denke, Gott hat uns neben dem freien Willen die Schöpferkraft gegeben, uns nach seinem Ebenbild geschaffen. Gott bringt sich selbst durch die Schöpfung zum Ausdruck. Wir sollten diese Gabe nutzen, ihm folgen und uns in der Materie in der wir soeben sind ebenfalls voll bewusst schöpferisch, kreativ zum Wohle der Schöpfung zum Ausdruck bringen und über alle Schranken und Hindernisse bewusst werden und schließlich willentlich hinweggehen.

    Antworten
  6. Kristina

    Dieser Artikel ist sehr sachlich, präzis und deckt die Heuchelei und Scheinheiligkeit auf.
    Da unser Leben stets von Schulregeln, Glaubenssätzen und Ideologien geprägt ist, haben viele Menschen jegliche Sachlichkeit, Klarheit und Mündigkeit verloren.

    Statt sachlich und ehrlich zu handeln und auf eigene Gefühle sowie auf eigenes Gewissen zu achten, verlassen sich viele Menschen auf fremde pseudo-soziale
    und pseudo-spirituelle Führung, welche öfters zum Verhängnis wird.

    Antworten
  7. Wolfgang Rühle

    Großartige Zusammenstellung. Da stellt sich die Frage: Wie würde es sich anfühlen, wenn es mir tatsächlich gelingt keinen dieser Ausweichmanöver zu benutzen im Kontakt mit der Realität.
    Und zu sehen wie schwierig das ist, selbst wenn man sich über diese Thematik im Klaren ist.
    Und auch zu sehen wie viel Angebote im spirituellen Supermarkt verschiedene dieser „Bypässe“ nicht als Bypass sondern als Weg und Ziel ansehen.

    Antworten
  8. Marcus

    toller Artikel! trifft den Nagel auf den Kopf, gleich zehn Mal…besonders gefällt mir der Ausdruck, „Im Herzen unserer Geschichte finden wir unsere persönlichen Identifikationen, unsere emotionale Basis und unsere ungelösten Probleme, die das Wasser auf der Seelen-Mühle sind, die unser spirituelles Wachstum antreibt.“

    Antworten

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