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Tägliche Meditation betrachten wir oft als ein weiteres „Werkzeug“, um endlich das Leben und uns selbst in den Griff zu kriegen. Wir bewerten das Leben in „gut“ und „schlecht“ und die Meditation in „tief“ und „nicht tief“. Doch die wahre Tiefe der Meditation wie die des Lebens an sich ist eine stille Gelassenheit gegenüber dem Moment, wie er sich offenbart. Einfach sitzen. Einfach leben. Einfach lieben. Gegenwärtigkeit. Karim Abedi über den Wert von täglicher Meditation jenseits von Religion und Tradition.

Tägliche Meditation: Die Tiefe in der Oberfläche finden

Es ist für mich jeden Tag ein neues Geschenk, mit Menschen in Meditation sitzen zu dürfen. Gemeinsam verbinden wir uns mit dem, was wirklich nährt und satt macht: Gott, die Stille, das Sein – egal, wie wir es nennen oder was wir darüber denken. Allein die Liebe zur Stille und zum Moment zählt, unabhängig von unseren Konzepten und Ideen.

Gott ist in seiner Gegenwärtigkeit in allem Belebten und Unbelebten enthalten. Wer Gott liebt, lässt sich auch auf das Leben ein. Wer sich auf das Leben einlässt, ehrt auch Gott. Gott zu lieben und gleichzeitig seine (ihre) Schöpfung abzulehnen oder zu umgehen, ist Unsinn und macht auf Dauer einsam und traurig.

Tägliche Meditation oder der Tag als Meditation?

Auch an die Praxis gehen wir oft so heran: Hier ist der besondere, „heilige“ Raum der Meditation und dort der profane und stressige Alltag mit all seinen Problemen und Herausforderungen. Aber diese Trennung ist künstlich und dient letzten Endes nur dazu, dass wir begreifen dürfen: Es gibt gar keine Trennung, alles steigt aus dem einen Licht empor. Diese Einsicht offenbart angstfreie Gelassenheit, dem Leben zu seinen Bedingungen so zu begegnen, wie es sich gerade zeigt. Und dann dürfen wir auch wirklich aus dem Herzen heraus verstehen, dass der Alltag aus der Meditation, aus der Stille kommt; dass Meditation jener stille Raum in uns ist, in dem der Geist und die Welt sich entfalten. Es macht einen Riesenunterschied, ob wir in der Existenz leben, ohne uns dieses Raumes bewusst zu sein, oder ob wir verankert sind in diesem Raum der Gegenwärtigkeit. Das eine verursacht Leid und das andere ist Freiheit. Wenn ich also über Meditation spreche, meine ich stets das ganze Leben.

Wasser und Eis – was ist „tiefe“ Meditation?

Nun tauchen da immer wieder Ideen von „richtiger“ und „falscher“ Meditation auf, besonders wenn wir uns für eine tägliche Meditations-Praxis entschieden haben. Das kann starken Druck und ein mitunter verbissenes Streben auslösen: Wenn ich nur immer „tiefer“ gehe und eine Schicht nach der anderen auflöse, dann … Ja, dann taucht die nächste Schicht auf! Und du schälst und schälst, gehst „tiefer“ und „tiefer“ – und schon ist das Leben vorbei. Oder es wird ein besonders „tiefer“ Zustand erlebt in der Meditation: Schon bewertest du jede Meditation in“gut“ oder „nicht so gut“, je nachdem, ob dieser Zustand erreicht wurde oder nicht. Doch vergessen wir nicht: Spätestens, wenn der Gong schlägt oder du aufs Klo musst, ist er vorbei!

Wir sollten genau betrachten, was „tiefe“ Meditation wirklich bedeutet. Generell ist es so, dass nur der dualistische Verstand unterteilt in „tief“, „ganz tief“ und „nicht tief“. Liebendes und empfangendes Gewahrsein unterscheidet nicht – nur der Geist schafft diese Kriterien, was nah und nicht nah, tief und nicht tief ist. In der schlichten Einfachheit der Meditation gibt es diese Unterscheidungen nicht, und es ist eigentlich sinnvoller (nicht im Gegensatz zu weniger sinnvoll), die Tiefe in der Oberflächlichkeit zu finden statt die Tiefe „unten drunter“.

Ich möchte dir dafür ein Bild anbieten: Angenommen, du hast noch nie etwas von den Aggregatzuständen des Wassers gehört und kommst im Winter an einem See vorbei, dessen Oberfläche von einer Eisschicht bedeckt ist. Dann ist für dich leicht wahrnehmbar, dass sich unter dem Eis Wasser befindet, aber es wird dir nicht ohne weiteres erkennbar sein, dass auch das Eis aus Wasser besteht. Erst wenn du dann im Frühling unter der wärmenden Sonne das Eis schmelzen siehst, wirst du es wissen und lässt dich im nächsten Winter nicht mehr täuschen.

Ähnlich ist es mit der Meditation: Wenn wir mit dem sitzen, was ist – mit aufkommenden Irritationen, weil die Dinge vielleicht gerade nicht so laufen, wie wir es uns vorstellen; mit dem Chaos der Gefühle; mit dem Wirbeln der Zellen im Körper – wenn wir darin das „Wasser“, die Wirklichkeit und die Stille, schmecken, dann ist oben tief, sogar sehr tief! Darin bestehen der Wert des Sitzens und die wahre Tiefe der Meditation, wenn wir in solcher Weise Licht in die „gefrorene Oberfläche“ bringen – und entdecken, dass Wasser und Eis nicht zweierlei sind.

Meditationskonzepte und die Angst dahinter erkennen

Was bedeutet Meditieren jenseits von Religion und Tradition? Es bedeutet, den Verstand mit all seinen Systemen und Vorstellungen hinter sich zu lassen und die darunterliegende Angst und Verunsicherung zu spüren. Es bedeutet, in die archetypischen menschlichen Strukturen zu blicken.

Zum Beispiel unser Bedürfnis zu erkennen, anderen zu folgen. Zu sehen, wie wir unser eigenes Wissen verstecken, da der Lehrer, die Religion oder die Tradition es besser weiß. Zu bemerken, wie sehr wir es doch lieben, uns sagen zu lassen, wo es lang geht, was wir tun sollen, wie wir uns verhalten sollen. Oder anderen zu sagen, was sie zu tun haben, weil wir glauben, wir hätten die Antworten! Doch echter Respekt kommt aus dem Herzen und nicht, weil er vorgegeben oder gar gefordert wird.

Allzu gern übernehmen wir Konzepte aus Religion und Spiritualität und vergessen dabei, wie wichtig es ist, unsere Motive zu hinterfragen. Dies macht nämlich zuweilen Angst, denn es kann durchaus erschütternd sein, wenn wir plötzlich sehen, wie stark wir an Konzepten hängen. Wenn wir bemerken, wie sehr sie uns in scheinbare Sicherheit wiegen!

Das Ich liebt es, auf dem Weg zu sein, sich irgendwo einordnen zu können, Stufen zu erreichen, sich vergleichen und definieren zu können – und sei es als Anhänger der einzig wahren Religion, als Schüler des erleuchteten Lehrers … und das Ich liebt die Trennung: da erwacht, da nicht erwacht, das ist gut, das ist schlecht. Das alles ist Selbstschutz! Es macht Angst, wenn wir sehen, dass die Soheit der Dinge, das Leben zu seinen Bedingungen schon alles ist, denn in dieser Einfachheit schwindet es in Demut. Im offenen Geist weiß niemand etwas besser, mehr oder weniger als jemand anderes.

Tägliche Meditation: nur für heute

Aus meiner eigenen Erfahrung empfehle ich, oft in die Stille zu gehen, um all diese Strukturen in sich selbst zu sehen und um sie nicht glauben oder ihnen gar folgen zu müssen.

Die Anstrengung, etwas Bestimmtes sein zu müssen, kommt zur Ruhe und öffnet den Raum für Anteilnahme und Neugierde.

Zu glauben, es würde etwas aussagen, wenn man schon so und so viele Jahre meditiert, ist schlichtweg Unsinn. Wir haben nur diesen einen Tag: heute. Und wir meditieren jeden Tag aufs Neue, als wäre es das erste Mal. Egal, wie lange oder wie oft wir meditieren: Die Wirklichkeit, die Soheit kann dadurch nicht beeinflusst werden. Die Wirklichkeit ist nicht zu manipulieren oder zu erreichen durch den Deal: Wenn ich brav und oft meditiere, bekomme ich sie oder etwas von ihr.

Die Wirklichkeit steht für sich selbst in Freiheit und ist nicht zu beeinflussen. Doch: Die Wirklichkeit beeinflusst sich selbst durch ihren Ausdruck, durch Sommer und Winter, durch Kommen und Gehen, durch uns, die wir täglich meditieren. Nicht du meditierst. Es ist die Wirklichkeit, die über sich selbst meditiert in all ihren Ausdrücken und Formen und es uns möglich macht, an ihren Erfahrungen teilhaben zu dürfen. Doch Erfahrungen, welche unterwegs unausweichlich gemacht werden, sind individuell und trennend. Daher sollte nicht zu viel Wert auf spirituelle Erfahrungen gelegt werden – ihr Wert liegt einzig darin, die Fähigkeit erblühen zu lassen, sie zu verstehen, um sie loszulassen.

Natürlich verfangen wir uns alle immer wieder mal in den Ideen des Geistes von richtiger und falscher, von tiefer und nicht tiefer Meditation! Lassen wir uns davon nicht irritieren. Der dualistische Verstand kann nicht so ohne weiteres realisieren, dass Erleuchtung in allem ist. Und das muss er auch gar nicht, denn das Herz versteht. Es ist ihm nicht möglich, sich einfach in der Mitte niederzulassen, um ein erquickendes

Bad im „Wasser“ des Momentes zu genießen. Die Aufgabe des Verstandes ist es, Raum und Zeit zu gestalten, der Moment aber ist ein Erleben, ein Gefühl, ein Empfinden, ein Sein. Obwohl der Verstand sich nach diesem „Bad“ sehnt, ist es ihm zu ungewohnt, mal nichts zu tun zu haben. Deshalb bedarf es einer geduldigen und liebevollen Heranführung an das, was der Verstand als Langeweile beurteilt, aber was letztendlich Liebe ist. Meditation bedeutet liebevolles Sehen. Allein dieses hat die Kraft, die harte Schale der Verteidigung – all die Konzepte, Vorstellungen, Ideen über uns selbst, über die Welt und Gott – zu schmelzen, um in das Seiende ohne Bilder einzutauchen! Sommer und Winter wechseln – nichts von heilig Im Zen gibt es diesen schönen Ausspruch: „Sommer und Winter wechseln – keinerlei Botschaft.“ Auch die Erfahrung der Meditation wechselt, mal ist sie tief, mal oberflächlich – absolut unterschiedlich, so wie das Leben eben ist. Die Tiefe der Meditation ist nicht der Zustand der Tiefe, sondern die Tiefe der Meditation ist die Gelassenheit gegenüber dem, was die Manifestation im Moment aufbringt. Für den Geist ist es nicht zu verstehen, dass Irritation oder sogenannte unangenehme Dinge – „Winter“ – ebenso Gottes Gegenwärtigkeit sind wie die angenehmen Zeiten des Sommers. Wir sollten dankbar sein, wenn unsere Meditation nicht so tief verläuft, wie wir uns das vorstellen! Es kann uns zeigen, wie sehr wir an Konzepten anhaften, wie Meditation – wie das Leben – sein sollte. Jede Meditation ist gut! Jeder Tag ist gut, jeder Moment ist gut.

Das liest sich logisch und einfach, bedeutet aber in der Praxis – ob in Meditation oder Alltag –, immer wieder das Herz zu öffnen, immer wieder einfach nur den Moment wahrzunehmen und zu sehen, wie wir den Moment bewerten. Der Schlüssel ist, immer wieder zurückzukommen und sich zu fragen: „Wie fühlt sich das eigentlich an? Wie fühlt es sich an, dass ich es anders haben will, als es gerade ist?“ Immer wieder zurückzukommen zum Überprüfen und die Geschichten „Es soll anders sein“ oder „Es soll so bleiben“ zu sehen. Der erste Schritt ist immer, dass man die Geschichte überhaupt sieht, denn wenn man nicht sieht, dass der Kampf auf der Verstandesebene stattfindet, ist es gar nicht möglich, den Glaubenssatz und die Geschichte zu benennen. Und dann ist es auch nicht möglich, sich davon zu distanzieren und wieder in Kontakt zu kommen mit dem, was da ist. Wenn man in Kontakt kommt mit dem, was da ist, nährt sich Wahrnehmung von selbst, so dass schlichtes, einfaches Gewahrsein von alleine aufkommt bzw. sichtbar wird.

Das ist wie ein Ein- und Ausatmen. Eine stetige Offenheit ist allerdings nötig, eine innere Wachsamkeit und Zärtlichkeit, um nicht aus einer Routine heraus, sondern immer wieder staunend und neu zu schauen. Dies ist das Tor zu einer heiteren Freude und Gelassenheit.

Wenn wir diese Gegenwärtigkeit erfahren, ist Heiligkeit da – und die fühlt sich nicht besonders so oder so an. Wenn die Bewertung der Gegenwärtigkeit mit ihrer Vielfältigkeit des Augenblicks erlischt, dann ist da nur offene Weite, dann ist der Baum ein Baum und Sommer und Winter wechseln. Das ist in meinem Empfinden die höchste Form von Heiligkeit, diese Soheit der Dinge. Dieses Rad des Wandels. Diese Kostbarkeit der Vergänglichkeit alles Seienden. Wenn die Welt mir nichts geben muss, damit ich glücklich bin. Wenn Meditation und Alltag nicht zweierlei sind.

 


 

Meditation und Vortrag mit Karim im „Bodhimandala“
Nostitzstraße 25 (1. HH, Souterrain)
10961 Berlin-Kreuzberg:

Mo-Do 7.30-7.55, 8.00-8.25, 8.30-8.55 Meditation

Di 18.00-18.25, 18.30-18.55, 19.00-19.25 Meditation bzw. Vortrag/DGS am 1. Di im Monat (an diesem Abend sind gehörlose Besucher besonders willkommen)

Do 18.00-18.25, 18.30-18.55 Meditation 19.00-20.30 Vortrag

Fr 7.30-7.55, 8-8.25 Meditation, 8.30-8.55 Vortrag

So 10.00-10.25, 10.30-10.55, 11.00-11.25 Meditation oder Vortrag

Meditationstag „Meditation und Liebe“
Sa, 12. Dezember 2015 ab 16 Uhr

Intensive Weihnachten inkl. Heiligabend:
Mi, 23. bis So, 27. Dezember 2015

Intensive Neujahr inkl. Silvesterparty
Mi, 30. Dezember 2015 bis So, 3. Januar 2016

Mehr Infos bei Susanne
unter Tel.: 030-6618896 oder 0176-56950695
oder www.bodhimandala.de

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Über den Autor

Avatar of Karim Abedi

bietet seit 2004 regelmäßige Meditationen an und lädt zu Vorträgen ein. Sein tiefstes Anliegen ist es, dass die Menschen in sich selbst finden, was sie unabhängig und frei macht. Die Praxis des stillen Sitzens ist dabei das Herz seiner Vermittlung. Seine gesamte spirituelle Arbeit bietet er in seiner Freizeit auf Spendenbasis an, neben seiner frei beruflichen Tätigkeit als Dolmetscher für deutsche Gebärdensprache.

2 Responses

  1. Bettina Beckröge
    Der Weg als Form der Meditation

    Lieber Herr Karim Abedi,
    über Umwege bin ich auf Ihren Artikel gestoßen. Er spricht mir aus der Seele.
    Gestern sah ich den Film “ Ich bin denn mal weg “ von Hape Kerkeling. Er hat auf seinem Weg Gott gesucht und sich selbst gefunden. Das war für mich die zentrale und schöne Botschaft dieses Films. Für mich verbindet sich beides, Ihr Artikel und “ Der Weg“.
    Ist der Weg nicht grundsätzlich eine Reise zu sich selbst?
    Im Gehen, so habe ich es auf dem Camino für mich erfahren, kommt alles in Fluss, das Fühlen, das Sehen und das Hören, die eigenen Sinne, die zuvor tief vergraben waren.
    Erst das Erspüren der Ruhe und der Schönheit des Kargen und der Einfachheit, das ganzheitliche Aufnehmen dessen, was mich umgab, fern von Lärm, Luxus und Ablenkung, das waren die Dinge, die mich zu mir und meiner eigenen Quelle geführt haben.
    Man muss nicht im christlichen Sinne gläubig sein, um den Weg zu sich zu finden. Ich habe es für mich erfahren und war freudig überrascht, diese Aussage in Hape Kerkelings Film “ Ich bin denn mal weg “ wiederzufinden.
    Ob im Sitzen oder Gehen, die Gedanken werden frei bei der Konzentration auf die eigene Mitte.

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