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Unser Leben ist eine Folge von unvermeidlichen, kleinen und großen Abschieden – von Personen, Dingen, Ideen, Hoffnungen und Lebensphasen. Der radikalste Abschied ist die Todeserfahrung: Wir verabschieden uns von unserem eigenen Leben. Dieser Abschied gelingt nur, wenn wir bereit sind, es so anzunehmen, wie es war und ist. Den Zusammenhang von Abschiednehmen und Annehmen können wir erfahren, erproben und erlernen, indem wir uns unseren eigenen Tod vergegenwärtigen.

Abschiede sind oft kompliziert. Die Schwierigkeit von Abschieden zeigt sich in der Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit der damit verbundenen Gefühle. Durch Trauer vollzieht sich die innere Trennung und Verselbständigung, aber sie kann nur fließen, wenn auch die emotionale Erstarrung, die Enttäuschungswut über das Verlassenwerden und die Angst vor und die Verzweiflung über das endgültige Verlassensein Raum bekommen. Diese „Trauerarbeit“ besteht aber nicht nur in dem Zulassen und Ausdrücken der negativen Gefühle und dem schmerzhaften Verzicht auf unsere Illusionen, sondern auch in der Ermöglichung von positiven Gefühlen wie Verzeihung oder Dankbarkeit.

Ein Abschied kann gelingen, wenn ich mit voller Überzeugung sagen kann:

  • Ich habe keine Vorwürfe und Forderungen mehr an dich. Ich habe die Vorstellung aufgegeben, dass du mir mehr und Besseres hättest geben können, und ich versuche nicht mehr, von dir noch etwas zu bekommen.
  • Ich übernehme die volle Verantwortung für unsere Beziehung und Trennung und lasse dir den Teil von Verantwortung, den du übernehmen willst.
  • Ich bedaure den Schmerz, den ich dir bereitet habe und bitte dich dafür um Verzeihung.
  • Das Gute, das ich dir habe geben können, habe ich gerne gegeben und lasse es bei dir. Ich akzeptiere, dass ich dir nicht mehr habe geben können.
  • Ich bin dir dankbar für das, was du mir gegeben hast. du warst wichtig für mich. So wie unsere Beziehung war, ist sie ein wichtiger Teil meines Lebens, das ich jetzt ohne dich weiterführe.

 

Sterben: der große Abschied

Eine besondere und die radikalste Erfahrung von Abschied ist der Tod. Darum macht es Sinn, sich ihn besonders zu vergegenwärtigen. In der Erfahrung des Sterbens muss ich mich nicht nur von Einzelnen, sondern von allen Lebenden verabschieden. Dazu gehört auch, dass ich mich von meinem eigenen Leben verabschiede, und das kann ich nur, wenn ich dieses Leben in all seinen Beschränktheiten und Abhängigkeiten annehme und zugleich als das meine würdige. In einer Imagination des eigenen Sterbens kann ich die Erfahrung machen, die Ängste vor absoluter Ohnmacht und Unwissenheit über das Kommende, vor Alleinsein und eigener Auflösung anzunehmen, durch sie hindurch zu gehen und mich unerwartet verändern zu können. Dies kann mein Lebensgefühl positiv beeinflussen. In einem Seminar erlebte eine Teilnehmerin, die immer wieder starke Sehnsucht nach dem Tod hatte, wie sie bei einer Imagination des eigenen Todes aus ihrem Körper heraustrat, sich in Farben und Formen auflöste und dann in ein tiefes Gefühl von Ruhe und Frieden eintauchte. Danach sah sie, wie sie ein Adler aus der Dunkelheit holte. Diese Erfahrung machte ihr den Wert des Lebens klar. Seitdem zeigt sich ihre Todessehnsucht seltener und schwächer.

Sterben, um zu leben

Es ist ein zentrales Motiv in Literatur und Dichtung, dass die Vergegenwärtigung unserer Sterblichkeit die Freude an der Kostbarkeit von jedem Augenblick dieses Lebens wiedererwecken oder steigern kann. Darüber hinaus gehört es zu den Lehren der Weisen und Mystiker vielleicht aller Kulturen und Religionen, dass man vor seinem physischen Tod sterben lernen muss, um richtig leben zu können und im physischen Sterben nicht von negativen Gefühlen wie Angst, Trauer und Verzweiflung überwältigt zu werden. Dafür gibt es viele einprägsame Formulierungen, z.B.: „Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, verdirbt, wenn er stirbt“. Und: „Lerne sterben, so wirst du leben, denn niemand wird leben lernen, der nicht gelernt hat zu sterben.“ Dieses Wissen ist nicht mehr nur wenigen Auserwählten vorbehalten: Die heutige Psychotherapie hat faszinierende Methoden entwickelt, dieses alte Wissen zu überprüfen, zu differenzieren und für jeden erfahrbar und wirksam werden zu lassen.

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