Anzeige

Solidarische Landwirtschaft heißt eine neue Form der Kooperation zwischen Bauern und Verbrauchern. Kordula Ullmann hat sich „SpeiseGut“ vor Ort umgesehen.

 

Vor mir knien drei junge Menschen auf der Erde. Sie sind barfuß und ihre Füße erdfarben. Mit ihren Händen durchtasten und schieben sie Erde, legen kleine und große Kartoffeln in Stiegen.

Dieses Bild passt so gar nicht ins 21. Jahrhundert, doch es berührt mich angenehm. Ich muss an meine Kindheit denken. Da bin ich oft barfuß gelaufen. Das war schön! Immer wieder schaue ich auf die schmutzigen Füße und irgendetwas lächelt in mir.

Vor etwa zwei Wochen las ich von dem Projekt „SpeiseGut“. Neugierig geworden, bestellte ich mir von dort eine Gemüsekiste – alles frisch geerntet: grüne Bohnen mit Bohnenkraut, Tomaten verschiedener Sorten, Basilikum, Kartoffeln, Radieschen, runde und längliche Zucchini, Salatköpfe, Kohlrabi und Rote Beete mit knackig frischen Blättern … Diese leckere Gemüsevielfalt begeisterte mich so sehr, dass ich mehr über „SpeiseGut“ erfahren wollte.

Nun stehe ich hier und betrachtete schmunzelnd schmutzige Füße und Menschen, die geradezu liebevoll Kartoffeln aus der Erde bergen. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, denn vom Ende des Feldes naht Christian Heymann, mit dem ich verabredet bin. Mit dem kräftigen Händedruck einer rauen Bauernhand und einem wind- und sonnengegerbten Lächeln begrüßt er mich und lädt mich zu einem Rundgang durch sein Reich ein. 

 

Tomaten wie in Kindheitstagen

Ich erfahre, dass auf derzeit drei Hektar Pachtland Gemüse 30 verschiedener Kulturen und 70 Sorten in Mischkultur angebaut werden. So sind wetterbedingte Ausfälle kompensierbar und durch entsprechende Kulturfolgen wird der Boden nicht ausgezehrt, sondern bleibt fruchtbar. Es werden weder chemische-synthetische Dünger noch Pflanzenschutzmittel verwendet. Bis auf wenige Ausnahmen ist Handarbeit angesagt. Das ist zwar mühsam, aber Heymann ist ein schonender, wertschätzender Umgang mit seinen Produkten wichtig. Dementsprechend gibt es auch keine Normung für Größe und Aussehen. Es ist egal, ob zum Beispiel eine Gurke gerade oder krumm ist. Auf die inneren Werte kommt es an, und die hat das hier ökologisch Angebaute. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass das zu schmecken, ja sogar zu riechen ist.

Wir gehen an Reihen mit frischgrünen Kohlköpfen entlang. Diese sind mit engmaschiger Gaze bedeckt, ein Versuch die Kohlfalter abzuhalten, wie mir erklärt wird. Ein paar haben es doch geschafft, aber Chemie bleibt trotzdem tabu. Ich sehe, dass die Tomaten unter freiem Himmel wachsen, in Erde und nicht in Nährlösung. Heymann reicht mir eine tiefrote. Die schmeckt köstlich wie die Tomaten in Kindheitstagen aus Vaters Garten.

Wir gehen weiter. Zwischen den Gemüsekulturen wächst auch einiges an Unkraut. Da ich mal einen Garten hatte, weiß ich, wie schnell das wuchert. Auf jeden Fall ein Indiz, dass hier wirklich keine chemischen Unkrautvernichtungsmittel angewendet werden. Bei dieser großen Fläche ist es sicher eine Herausforderung, alles per Hand bewerkstelligen zu wollen. Ich frage nach und erfahre, dass über eine Crowdfunding-Kampagne ein Traktor und eine Beetfräse finanziert werden sollen. Das würde die Arbeit sehr erleichtern. Außerdem gibt es ab und zu Helfer, denn es wird das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft angewandt. Nach diesem Konzept tun sich interessierte Koproduzenten, hier Verbraucher, mit einem Bauern oder einer Bäuerin zusammen und teilen die Ernte. 

 

Mitarbeit schafft Vertrauen

Im konkreten Fall heißt das: Es wird ein Vertrag zwischen „SpeiseGut“ und Verbraucher abgeschlossen. Über die Laufzeit eines Jahres zahlt der Verbraucher monatlich 55 Euro und erhält dafür einmal wöchentlich frische Produkte direkt vom Feld. Auf dieser Basis kann der Bauer Einkommen, Saatgut und Betriebsmittel planen und der Verbraucher weiß, wann er eine neue Lieferung absolut frischen Gemüses erhält. Außerdem verpflichtet sich der Verbraucher an drei Tagen im Jahr seinem Bauern auf dem Feld zu helfen. Das bringt Verständnis füreinander und Vertrauen. Und für die Wintermonate, in denen es nichts zu ernten gibt, werden Apfelsaft, Chutneys, Pestos und Ähnliches produziert, die dann im dreiwöchigen Rhythmus die Verbraucher erreichen.

Inzwischen sind wir an einer Reihe alter Apfelbäume angekommen. Es ist Mittagszeit und wir setzen uns in den Schatten eines Baumes. Die drei Barfüßigen kommen auch und setzen sich zu uns. Während sie ihre lecker aussehenden Stullen, aus denen Salatblätter hervorlugen, essen, erzählen sie stolz, dass das Brot selbstgebacken ist. Janine absolviert ein freiwilliges ökologisches Jahr und Maria und Arne sind Praktikanten. Sie lieben diese Arbeit in der Natur, auch wenn sie oft anstrengend ist. Und wer kann schon bei seiner Arbeit so naturverbunden barfuß Kontakt mit Mutter Erde halten. Das erzeugt ein Glücksgefühl, und davon geben sie etwas in Form gesunder, liebevoll gezogener Produkte weiter. Versuchen Sie’s doch auch. Mir zaubert meine Gemüsekiste immer wieder ein Glücksgefühl.


Abb: © Kordula Ullmann

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*