Anzeige

Impulse für ein ganzheitliches Bild des Menschen

Die Krise des Gesundheitswesens

Die gegenwärtige Krise im Gesundheitswesen weist gleichzeitig bedrohliche und hoffnungsvolle Aspekte auf. Sie betrifft nicht nur die allseits beklagte Kostenexplosion, sondern besteht auch in einer wachsenden Unzufriedenheit auf der Patientenseite wie in den Heilberufen, die u.a. zu einem enormen Interesse an alternativmedizinischen Angeboten geführt hat. Patienten beklagen mangelnde menschliche Zuwendung, technologielastige „Apparatemedizin“ und naturferne Behandlungsweisen; Kritiker bemängeln das reduktionistisch-materialistische Menschenbild, die Bevormundung der Patienten durch Experten sowie den zu engen Gesundheitsbegriff und weisen auf die ausbleibenden Erfolge in der Behandlung chronischer, umweltbedingter und schwererKrankheiten hin.
Nicht umsonst beansprucht die Auseinandersetzung zwischen Schulmedizin und alternativer Heilkunde große Aufmerksamkeit in dieser Situation; sie ist von übergreifender Bedeutung für die gesamte Medizin wie für unsere gesamte Gesellschaft, da in ihr der Kampf um den Paradigmenwechsel deutlich wird, der nicht nur das Gesundheitswesen, sondern auch die gesamten Naturund Geisteswissenschaften erfasst hat.

Hoffnungsstiftende Entwicklungen

Die wachsende Erkenntnis, dass die gegenwärtige biomedizinische Herangehensweise ergänzungs- bzw. revisionsbedürftig ist, hat schon jetzt zu vielfachen Aktivitäten und konzeptionellen Ansätzen geführt, in denen die Umrisse zu einem neuen Paradigma für das Gesundheitswesen sichtbar werden. Dabei zeichnet sich ab, dass sich der langjährige lähmende Antagonismus zwischen Schul- und Komplementärmedizin allmählich aufzulösen beginnt; es besteht eine gute Chance, dass das Gesundheitswesen auf eine integrale Heilkunde zusteuert, in der – nach angemessener Prüfung – alles Bewährte aus Schulmedizin, alternativer Heilkunde und moderner Gesundheitsforschung Eingang findet. Ein Gegensatz zwischen Schul- und alternativer Heilkunde kann ohnehin nur dann entstehen, wenn die Medizin durch übertriebene Betonung einer einseitig definierten Wissenschaftlichkeit die Ganzheit des Menschen und die primäre Aufgabe des Heilens aus dem Auge verliert. Die Medizingeschichte zeigt, dass ganzheitliche Konzepte auch der Schulmedizin nicht wesensfremd sind, sondern im Gegenteil bis vor wenigen Jahrzehnten zu ihrem zentralen Bestand gehörten.
Hoffnungsstiftende Impulse zu einer integralen Medizin, die die Leib-Seele-Geist-Einheit des Menschen genauso wie seine sozialen und Umweltbezüge im Auge hat, den Patienten als Menschen einbezieht, seine Selbstverantwortung fördert, kostendämpfend wirkt und der Prävention starke Beachtung schenkt, kommen zur Zeit aus einer ganzen Reihe von Richtungen. Die in Vergessenheit geratene hippokratische Tradition in der Schulmedizin, die bereits alle heute in den holistischen Konzepten der Biomedizin und den psychologischen, sozial- und umweltmedizinischen Ansätzen entwickelten Konzepte enthält, wird wieder in Erinnerung gerufen und erneuert. Dazu gehört zum Beispiel das Gebiet der Diätetik, das die zentrale Bedeutung eines gesunden Lebensstils hervorhebt.
Charakteristisch für diese ganzheitliche Tradition in der Medizin ist die Schlüsselrolle des Unspezifischen. Im Mittelpunkt der Therapie steht die Aktivierung der Selbstheilkräfte, des „inneren Arztes“, die vom Therapeuten nur unterstützt zu werdenbraucht. Dies geschieht in erster Linie durch unspezifische, systemisch wirkende Mittel und Massnahmen.

Vorbeugende Gesundheitsförderung muss auf dem Unspezifischen aufbauen, denn das Unspezifische ist auch Grundlage für die spezifische Therapie, die gezielt auf Teilfunktionen des Organismus einwirkt. Da wo das Unspezifische an seine Grenzen stößt, weil die Selbstheilungsfähigkeit des Organismus zu schwach zur Bewältigung der Störung aus eigener Kraft sind, muss die spezifische Notfallmedizin eingreifen; hier hat sie ihre unbestrittene Stärke.
Zu den zentralen Konzepten der hippokratischen Tradition gehört weiter der Grundsatz, dass nicht Krankheiten, sondern kranke Menschen behandelt werden. Nicht nur die Natur der pathogenen Einflüsse bestimmt Art und Verlauf der Erkrankung, sondern die individuelle Reaktionsweise oder typische Regulationsform (Konstitution) der einzelnen Person.
Die sich herausbildende integrale Heilkunde kann sich nicht nur auf eine alte Tradition beziehen; ihre Prinzipien sind auch wissenschaftlich begründbar. Die Medizingeschichte zeigt, dass diese Konzepte bereits in den 20er und 30er Jahren durch entsprechende ganzheitliche Ansätze in der biomedizinischen Forschung in den Bestand der modernen Biomedizin Eingang gefunden haben und erst durch das Aufkommen der zurzeit herrschenden, extrem reduktionistischen molekulargenetischen Richtung ins Abseits gedrängt worden sind. Diese schulmedizinischen Entwicklungen bilden ihrerseits die Grundlage dafür, dass seit einigen Jahren Impulse aus den Naturheilverfahren und den unkonventionellen Medizinverfahren verstärkt aufgenommen und durch Grundlagenforschungerschlossen werden.

Vorbild USA

In den USA hat diese Entwicklung in den letzten Jahren einen stürmischen Verlauf genommen. Hier nimmt ähnlich wie in Deutschland jeder vierte Patient, der in ärztlicher Behandlung ist, gleichzeitig alternative Methoden in Anspruch, von denen viele aus der reichen alternativmedizinischen Tradition Deutschlands ゚bernommen worden sind. Nachdem 1991 auf Druck des Senates das “Office of Alternative Medicine“ (OAM) unter dem Dach des National Institute of Health geschaffen wurde, das dann Ende 1998 in eine ”National Center for Complementary and Alternative Medicine“ (NCCAM) umgewandelt wurde, hat Präsident Clinton am 8.März dieses Jahres eine spezielle Kommission eingesetzt, die das Weiße Haus in der Gesundheitspolitik auf dem Gebiet der Komplementär- und Alternativmedizin beraten soll. Das Budget des NCCAM wurde kürzlich stark erhöht. Mit 68 Millionen Dollar jährlich sollen jetzt Forschung, Ausbildung und Information auf dem Gebiet der Alternativmedizin gefördert werden. Bereits 2/3 aller amerikanischen Medizinfakultäten haben Kurse über Alternativmedizin im Programm; die Harvard-Universität hat ein Ausbildungsprogramm für Forscher auf dem Gebiet begonnen, und die ersten Krankenversicherungen zahlen nun für Verfahren aus diesem Bereich.

Aussereuropäische Medizinsysteme und das Lebensenergie-Konzept

Eine wachsende Rolle in der Ausbildung des neuen Paradigmas spielt auch der Einfluss außereuropäischer Medizinsysteme, die ebenfalls seit einiger Zeit die Aufmerksamkeit der Grundlagenforschung erfahren. Seit die Forschung die Grundlagen und Wirkungsmechanismen der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), des indischen Ayurveda, und ethnomedizinischer Praktiken und Heilmittel zugänglich und plausibel macht, haben sie stark an Beachtung gewonnen. Wie in unserer eigenen hippokratischen Tradition, steht in diesen außereuropäischen Heilungstraditionen das Konzept der Selbstheilung des Organismus im Zentrum, das in der Regel mit dem Konzept einer Lebensenergie verbunden ist. Die moderne westliche Schulmedizin ist vermutlich weltweit seit Jahrtausenden die einzige medizinische Tradition, die (seit etwa 1850) ohne ein solches Lebensenergie-Konzept auszukommen glaubt. Dieses schreibt einem dem Gesamtorganismus ゚übergeordneten Regulationsprinzip eine zentrale Rolle zu; dieses bindet nämlich den menschlichen Organismus in umfassende atmosphärische und kosmische Prozesse ein. Ohne das ist die Biomedizin nicht mehr in der Lage, grundlegende Fragen zur Entstehung und Existenz von lebendigen Organismen zu stellen oder gar zu beantworten, wie z.B. diejenige nach der Entstehung hochkomplexer Zellsysteme und nach der im Widerspruch zum physikalischen Gesetz der Entropie stehenden Entfaltung biologischer Systeme, sowie nach der Aufrichtung gegen die Schwerkraft, die an jeder Pflanze, jedem Lebewesen offensichtlich wird.

Das Problem der Lebensenergie berührt die im Rahmen des derzeitigen wissenschaftlichen Paradigmas unlösbare Frage, ob für den Menschen wahrnehmbare Phänomene in jedem Fall messbar sein müssen, um als real zu gelten. Auch hier steht möglicherweise ein Paradigmenwechsel mit gesundheitsrelevanten Folgen an, der auch die Überwindung der westlichen Trennung von Philosophie, Erkenntnistheorie und Heilkunde beinhaltet.

Eine weitere Ähnlichkeit zwischen den außereuropäischen Medizinsystemen und der hippokratischen Medizin besteht in der dynamischen und vernetzten Wahrnehmung des Geschehens im Organismus. Anstelle einer Solidarphysiologie, die ihr Augenmerk auf lokale Störungen und Beschädigungen im Materiellen legt, also auf das Endprodukt eines Krankheitsprozesses, tritt eine Humoralphysiologie, deren Aufmerksamkeit sich auf Wandlungszyklen von Regelsystemen und energetischen Zuständen und damit auf das prämorbide Geschehen richtet. Ein solches Verständnis des Krankheitsprozesses ist Voraussetzung für eine umfassende Prävention.

Gesundheitszentrierung

Von zentraler Bedeutung ist die neue Gesundheitsforschung, die aus der sozialmedizinischen und psychosomatischen Bewegung sowie aus der humanistischen bzw. transpersonalen Psychologie hervorgegangen ist. Indem sie die Frage nach den Faktoren ins Zentrum stellt, die Gesundheit schaffen bzw. erhalten und zusätzlich zu genetischen und pathologischen Krankheitsfaktoren auch Lebensstil, soziale Beziehungen, seelische Gesundheit und biographische Sinngebung gelten läßt, kennzeichnet sie den übergang von der traditionellen krankheitszentrierten zu einer gesundheitszentrierten Betrachtung und zu einer somatopsychosozialen Ganzheitlichkeit. Eine wichtige Rolle wird der Entwicklung der Selbstverantwortlichkeit der Patienten zugeschrieben. Wie in der hippokratischen Tradition wird der Patient dazu aufgefordert, an seiner Gesundung mitzuwirken; die Rolle des Arztes verlagert sich zunehmend von derjenigen des Behandlers der Krankheit auf diejenige eines Hüters der Gesundheit.

Eine weitere hoffnungsvolle Entwicklung, von der Gesundheitsforschung gefördert, aber weitgehend von unten entstanden und getragen, ist die Tatsache, dass die Verantwortung für die Gesundheit seit einiger Zeit nicht mehr nur von der Medizin und anderen Vertretern des Gesundheitswesens getragen wird. Neben Ärzten und Heilpraktikern machen sich zunehmend auch andere Gruppen von Heilkundigen geltend, und die wachsende Eigenverantwortung und Eigeninitiative der Betroffenen haben zur Entstehung unzähliger Selbsthilfegruppen und gesundheitsorientierten Bürgerinitiativen geführt, die das Feld nicht mehr uneingeschränkt den Experten der Gesundheit ゚berlassen. Unter ihnen dürfen die vielen Gruppen nicht vergessen werden, die die vielfältigen übenden Verfahren im Bereich der Kレrperwahrnehmung und ungewöhnlicher Bewusstseinszustände praktizieren; sie spielensicher eine nicht unbedeutende Rolle in der Prävention und der Herausbildung des neuen Gesundheitsbegriffes.

Alle diese Entwicklungen könnten in den nächsten Jahren durchaus zur Entstehung einer integrierten Heilkunde führen, die ihre Anregungen zum Wohle der Kranken – aus verschiedensten Quellen bezieht und in Umrissen bereits sichtbar wird. Sie wird gleichzeitig eine integrale, d.h. ganzheitliche, Umwelteinflüsse, soziale, seelische und auch geistige Faktoren einbeziehende Heilkunde sein. In Abkehr vom überzogenen Machbarkeitsanspruch der heutigen Biomedizin baut die neue Heilkunde auf die jedem Menschen eigenen Gesundheitsressourcen und Selbstregulationsfähigkeit und kann deshalb in vielen, wenn auch sicherlich nicht in allen Krankheitsverläufen nebenwirkungsärmer, dem Patienten einfacher vermittelbar und kosteneinsparend wirken.

Hinterlasse einen öffentlichen Kommentar

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*