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Lohnt sich die spirituelle Reise in die Ferne?

Nicht erst seit Poona zieht es viele spirituelle Sucher ins Land der Ashrams, Heiligen und Weisen. Doch ist die weite Reise wirklich sinnvoll? Retreats mit spirituellen Lehrern gibt’s schließlich mittlerweile auch in Deutschland in großer Zahl.

Noch vor wenigen Jahrzehnten galt Indien vielen Wahrheitssuchern als das Mutterland der Spiritualität. Heute, in einer Zeit, in der vormals oft schwer zu erhaltende Informationen und spirituelle Belehrungen scheinbar jedermann leicht zugänglich sind, mag man sich fragen, welchen besonderen Sinn eine Reise nach Indien aus rein spirituellen Motiven überhaupt noch haben kann.
Argumente, die gegen eine solche Reise sprechen, gibt es einige. Zu Recht weisen manche Indienkenner darauf hin, dass die Bedingungen für Yoga und Meditation im eigenen Zimmer in Berlin, London oder San Francisco weitaus förderlicher sind als die in Indien anzutreffenden Umstände. Die Chancen auf eine Lebensmittelvergiftung sind geringer, das Wasser ist trinkbar, kein lärmendes Megaphon in der Nachbarschaft plärrt überlaut von einem leiernden Kassettenrekorder – ganz zu schweigen von dem für die Geistesruhe auch nicht unwesentlichen Umstand, dass man nicht ständig auf der Hut sein muss vor potenziellen Dieben, malariaübertragenden Moskitos und einer Vielzahl anderer Malaisen des indischen Alltags.
Auch gibt es im Westen mittlerweile fast überall gut etablierte Zentren vieler in Indien ansässiger spiritueller Gruppen. Deren Lehrer besuchen ihre Schülerschaft regelmäßig, wenn sie sich nicht bereits schon fest im Westen niedergelassen haben.

Ein besonderer Ort

Und nicht zuletzt ist da noch jene von vielen Weisen wiederholte Feststellung, dass Erleuchtung schließlich an keinem anderen Ort zu finden sei, als an dem, wo wir gerade jetzt sind – dass jeder Versuch, sie im Außen zu finden, ob in einem indischen Ashram, an den Ufern des Ganges oder in einer Himalaya-Höhle – stets illusionär bleiben muss.
Das alles ist wahr – und doch kaum die ganze Wahrheit. Denn jenseits solcher offensichtlichen Fakten besitzt der indische Subkontinent einen Zauber, welcher viele spirituell suchende Menschen auf eine einzigartige Weise zu berühren vermag. Denn in keinem anderen Land der Erde ist das Bestreben der menschlichen Seele nach Erleuchtung und Begegnung mit dem Göttlichen in einer solchen Vielfalt zum Ausdruck gekommen wie in Indien. Dem aufmerksamen Besucher offenbart sich ein ganzer Kosmos unterschiedlicher spiritueller Ausdrucksformen, der das Erbe von Jahrtausenden bis heute relativ unverändert darbietet.
Und wenn wir, in Anlehnung an die Lehre C.G. Jungs vom „kollektiven Unbewussten“, einen kollektiven Speicher für die Mythen und die Symbole einer Kultur annehmen wollen – wo sollte dann der Nährboden für die Ausübung von Yoga und Meditation fruchtbarer sein als in dem Land, dessen ganze Kultur seit Jahrtausenden vom Streben nach spirituellem Erwachen und der Verheißung einer potentiellen Göttlichkeit des Menschen in vielfältigsten Gesten durchdrungen ist?

 

Die Aura Indiens

Denn wie immer sich auch die oft erschreckenden äußeren Bedingungen in Indien zeigen mögen – indischer Vorstellung zufolge ist die geistige Aura des Landes durchdrungen von der Schwingung unzähliger Götter, Meister und spiritueller Verwirklichungen.
„Früher segneten die Yogis die Orte – heute segnen die Orte die Yogis“ lautet ein buddhistisches Sprichwort, und die Lehren vieler Traditionen besagen, dass der Wert spiritueller Praxis an einem durch seine Geschichte und Geschichten gleichsam geheiligten Ort ungleich größer ist als anderswo.

Es ist wahr, dass eine Reise nach Indien wenig komfortabel und voller Risiken und Gefahren ist – doch sind die wahrscheinlich gering, verglichen mit den Anstrengungen und Mühen, die echtes spirituelles Wachstum von uns fordern mag.
Und so ist es denn mehr als wahrscheinlich, dass die Reise in jenes Land – in welchem Spiritualität stets nicht nur ein wichtiger Teil der Kultur war, sondern die entscheidende Grundlage derselben – auch in Zukunft vielen Menschen als Ausgangspunkt für die innere Reise in die Gefilde höherer Wirklichkeiten dienen wird.

Über den Autor

Avatar of Jörg Becker

Jahrgang 1958, hat über ein Jahrzehnt in Indien gelebt und lehrt indische Philosophie und traditionelle tantrische Meditation (kein Sex). Für 2008 plant er die Veröffentlichung eines Reisehandbuchs, welches die religiösen Lehren Indiens sowie zahlreiche spirituelle Autoritäten und Institutionen des Landes beschreibt.

Mehr Infos

Tel: 030 – 78 89 71 56

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