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Sphärische  Bewegungen stellen die Basis  des Aikido dar. Ein Kreis symbolisiert  die Leere, und Leere ist der ursprüngliche Zustand des Geistes. Es ist ein Zustand vollkommenen Friedens. Ki wird geboren, wenn sich ein Zentrum entwickelt inmitten der Leere.
M. Ueshiba

Bewegung führt nicht nur zur Beweglichkeit, sondern im Idealfall zu einem optimalen Zustand, den die Psychologie als Flow bezeichnet. Wir kennen diesen Begriff vom Leistungs- und Extremsport, doch auch in der Meditation der Zen-Mönche geht es um nichts anderes als um einen „weichen und fließenden Geist (Zen-Meister Dogen). Seit einiger Zeit weisen Psychologie und Neurophysiologie vehement darauf hin, dass dieser mentale Zustand auch unseren Alltag berührt  und identisch ist mit dem Erleben von Glück. Ein weicher und fließender Geist also als die gemeinsame Bedingung für Effektivität, Glück und Präsenz wie für Liebe.

Der Flow wird beschrieben als ein Zustand, in dem man eins ist mit sich und seinem Tun. Derartige Integrität und Authentizität bilden das innere Wesen unseres Seins, weshalb jegliche Selbstrealisierung im Flow mündet – dem Zustand, in dem der ganze Mensch sichtbar wird. Immer mehr Menschen suchen nur deshalb die unwirtlichsten Plätze unseres Planeten auf, um sich selbst zu finden – sie agieren außen, um die trennenden Barrieren innen zu Überwinden. Tatsächlich aber ist die einzige Bedingung von Präsenz der Mut, sich zu lassen – so formuliert es der alte Mystiker Meister Eckehart. Im Aikido-Zen wie im Zen geht es darum, den Flow in den Alltag zu holen.
Wir alle kennen – leider viel zu selten – solche optimalen Momente, in denen wir vollkommen eins sind mit uns. Dann bewegen wir uns frei und effektiv, und unser Denken und Handeln bilden eine Einheit. Wir müssen dann nicht positiv Denken, weil unser Sein selbst bereits positiv ist. Derartige Erfahrungen reichen jedoch nicht dafür aus, dass sich ein Bewusstsein von Flow, oder gar ein vom Flow geprägtes Bewusstsein entwickeln kann. Deshalb halten wir die äußeren Umstände für verantwortlich und laufen dem Glück und dem Erfolg hinterher. Damit aber machen wir uns abhängig von den Umständen. Ausgangspunkt ist immer unsere Sehnsucht nach uns selbst. Immer wieder machen wir die angeblich widrigen Umstände verantwortlich, anstatt unsere Eigenverantwortung anzunehmen. Eins mit uns selbst und den Umständen, gewinnen wir unsere Handlungsfähigkeit wieder. Die richtige Praxis des Aikido-Zen führt zu einer Emanzipation von den Umständen. „Offen in alle Richtungen” beschrieb der alte Samurai Musashi jenen optimalen Zustand, den man heute als Flow bezeichnet. „Viele Wege führen zum Tao”, schrieb der Begründer des Zen Bodhidharma“, doch eigentlich sind es nur zwei, Vernunft und Praxis. Vernunft meint das richtige Verständnis, ohne das wir trotz des Übens einer großartigen Praxis wie Esel hinter einer Mohrrübe hinterherlaufen, ohne zu bemerken, dass wir nicht ankommen.

 

Paradise now!

Wir streben nach Glück, Effektivität, Kreativität, Offenheit usw., ohne jedoch jemals das Gefühl zu erlangen endgültig angekommen zu sein. Wir sehen uns zwar ständig auf dem Wege der Annäherung, doch letztlich bleiben diese Ziele getrennt von diesem Augenblick. Im Gegenteil, „angekommen” oder „fertig” zu sein, kommen uns wie Anmaßungen vor, und die Behauptung, dass es in dieser Angelegenheit nichts zu tun geben soll, bleibt vollkommen unverständlich.

Tatsächlich aber sind wir vom Ursprung her bereits offen, selbstbewusst, weich, sinnlich, effektiv, kreativ usw. Ein verspannter Mensch ist ein entspannter Mensch, der sich verspannt. Ein ineffektiver Mensch ist ein effektiver Mensch, der sich selbst im Weg ist. Wir müssen uns also nicht öffnen, sondern nur damit aufhören, uns zu verschließen. Es ist unsinnig, Stärke oder Integrität anzustreben, wenn wir nicht damit aufhören, uns selbst zu schwächen. Sonst ist unser Handeln wie Schwimmen gegen den Strom.
Diese Widersprüchlichkeit ist jedoch weitgehend unsichtbar, weil sie normal ist. Normalität aber ist eine nahezu perfekte Tarnung.

Aikido-Zen wird zur Gruppe der japanischen Kriegskünste gezählt, deren ursprüngliches Ziel darin bestand, den Samurai zu befähigen, sich selbst am Rande des Abgrundes von Leben und Tod noch frei bewegen zu können. Da hierfür eine Schulung des ganzen Menschen notwendig ist, kam es in der Kamakuraperiode (1185-1333) zu einer Annäherung der Samurai an den Zen-Buddhismus, dessen kontemplative Schulung auch eine Auseinandersetzung mit dem Tod beinhaltet. Die absolute Dimension des Aikido-Zen, die den Menschen zur Ergründung seiner ursprünglichen Identität führt, hat im Zen ihre Wurzeln.
Die Samurai gehören der Vergangenheit an, die Besinnung auf unsere Integrität jedoch ist notwendiger denn je. Freihheit, Offenheit und Selbstvertrauen, aber auch Durchsetzungsvermögen, Intuition und Kreativität haben einen weitaus höheren Stellenwert als die Idee des Wettkampfes. Im Zentrum des Aikido-Zen steht nichts anderes, als das Know-how vom weichen und fließenden Geist (Flow). „Aikido ist Liebe” sagte der Begründer des Aikido, M. Ueshiba. Liebe ist nichts anderes als Hingabe. Es ist bedrohlich, wenn Hingabe zum Verlust führt, wer jedoch eins ist mit seinem Tun, der kann sich frei bewegen. Deshalb sagte Dogen: „euch treibt die Zeit, aber ich treibe die Zeit”.

Über den Autor

Avatar of Gerhard Walter

entschied sich zwanzigjährig für Aikido und Zen. Er war enger Schüler mehrerer japanischer Aikido-Meister in Europa, u. a. war er Uchi Deshi (ein in der Schule des Lehrers lebender Meisterschüler) bei M. Noro in Paris und lehrte bei Graf Dürckheim in Todtmoos/Schwarzwald. Vor 25 Jahren brachte er Aikido nach Berlin und gründete das Institut für Aikido-Zen. All die Jahre lebte er für mehrere Monate pro Jahr als Laienmönch im Zen-Kloster Hosshinji. Aikido trainierte er in dieser Zeit bei dem vor wenigen Jahren verstorbenen Saigo Yamaguchi im Hombu Dojo, der Schule des Aikido-Begründers Ueshiba. Gerhard Walter war Yamaguchis Repräsentant in Deutschland, hat den 7. Dan Aikido und ist autorisierter Zen-Lehrer.

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