Nackt, ohne Maske, ohne Anpassung

Selbstliebe basiert auf Akzeptanz. Akzeptanz des Selbst, des eigenen Körpers, der eigenen Person. Aber was, wenn das soziale Feedback negativ ist?

Wer die Welt anders wahrnimmt als seine Umgebung, bekommt schnell das Gefühl der Nicht-Akzeptanz. Dies ist vor allem bei Hochbegabten und Hochsensiblen der Fall. Viele hochsensible Menschen können ihr eigenes Innenleben nicht von der Außenwelt, der Realität der Anderen, abgrenzen. Durch ihr Anderssein ecken sie schnell an und fühlen sich unverstanden oder ignoriert. Das kann Stress, Depressionen und psychosomatische Erkrankungen, Magersucht und Übergewicht hervorrufen.

Die verwirrenden Rückmeldungen des Umfeldes führen bei den Betroffenen oft zu schweren Selbstzweifeln und Selbsthass, im schlimmsten Fall zu Selbstverletzungen. Sätze wie „Stell dich doch nicht so an“ und „Das bildest du dir alles nur ein“ lassen Menschen an der eigenen Wahrnehmung und den eigenen Fähigkeiten zweifeln. Die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit wird  gehemmt, stattdessen versucht sich der Betroffene an das „sozial normale“ Umfeld anzupassen. Zitat: „Ich war angepasst bis zur Selbstaufgabe“[1].

Dieses Problem kann bereits bei Kindern in der Grundschule auftreten und sogar zu Schulverweigerung führen, wenn auf das Anders-Sein des Kindes nicht adäquat eingegangen wird. Viele weitere Leiden entstehen aus nicht geklärten Konflikten und gestörter Kommunikation.

Da mich das Thema seit Langem interessiert, habe ich es zum Zentrum meiner Recherche gemacht. Ich habe mich gefragt, was wäre, wenn jeder so sein könnte wie er ist, wenn niemand den Druck verspüren würde sich anpassen zu müssen und niemand sich schämen bräuchte, anders zu sein, sensibler oder andersdenkend

Was wäre, wenn wir frei sagen würden, was wir uns wünschen, was wir brauchen, was uns stört? Wenn Konflikte direkt ausgetragen und geklärt würden? Gäb es dann überhaupt noch psychosomatische Erkrankungen oder auch viele andere Erkrankungen, die nicht direkt mit dem Begriff Psychosomatik in Verbindung gebracht werden?

Nackt fühle ich mich verletzlich und stark

Konflikte fand ich schon immer interessant, aber noch mehr Interesse weckte bei mir die „authentische“ Kommunikation. Authentisch heißt für mich: ohne Maske, ehrlich, offen, verletzlich, mit allen Schwächen und Macken. Authentisch heißt für mich echt – echt nackt!

Obwohl ich nackt keinen Schutz mehr habe, also mich verletzlich zeige, fühl ich mich nackt nie schwach. Im Gegenteil, nackt fühle ich mich stark und aktiviert. Wenn ich nackt tanze, schaffe ich es, alle Hüllen abzulegen, mir selbst zu begegnen und mich anzunehmen. Nackt habe ich es geschafft, mich selbst wieder lieben zu lernen, trotz meines „Anders-Seins“.

Seit meiner Jugend und seit den ersten Kontakten mit Psychiatrie im Freundes- und Familienkreis, hatte ich Angst auch irgendwann „durchzuknallen“. Seitdem ich von der Hochsensiblität, Hochbegabung, eben dem „Anders-Sein“ weiß, hab ich diese Angst nicht mehr. Ich hab sie wie die Kleidung an meinem Körper, die mich beengt und meine wahre Stärke versteckt, abgelegt und hinter mir gelassen.

Früher war ich falsch, heute bin ich anders

Früher hat es mich wütend gemacht, wenn Leute mich nicht verstanden, und mich dann als dumm abstempelten. Heute lächle ich, lasse sie reden und suche mir die Menschen, die mich verstehen. Heute brauche ich nicht mehr alle von meinen Ideen zu überzeugen, ich setze sie einfach um, denn ich selbst bin überzeugt.

Heute schaue ich liebend auf meinen Körper. Ab und zu entweichen meinen Augen Tränen, wenn ich daran denke, was ich ihm früher angetan habe, was ich alles von ihm verlangt habe und wie ich ihn aus Selbsthass verletzt habe.

Heute versuche ich bewusster zu leben, positiver zu denken, auch öfter mal zu lachen, selbst wenn es gerade gar nicht lustig ist, und auch in der Kommunikation echt zu sein, selbst wenn nicht jedes Gegenüber es versteht.

Ich bin glücklich, endlich den Mut aufgebracht zu haben, zu meinem Anders-Sein zu stehen und das „alles-haben-Wollen“ hinter mir zu lassen. Jetzt kann ich sein und brauche nicht mehr haben. Ich bin glücklich, nun Farbe bekennen zu können, meine wahre Farbe, so wie ich wirklich bin! Ich bin glücklich, alle Hüllen fallen lassen zu können.

Ich bewundere kreative Menschen, die mit ihren eigenen Techniken ihre Selbstheilungskräfte und Widerstandsfähigkeit unterstützen und damit nicht nur auf dem Weg zu einem gesunden Ich sind, sondern gleichsam auch auf dem Weg zu einem gesunden Wir.

Selbstliebe ist die Basis für eine gesunde Kommunikation und ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass sie auch die natürliche Basis für einen gesunden Körper ist. Selbstliebe und Akzeptanz heißt: Akzeptanz des Selbst, des eigenen Körpers, der eigenen Person.

Heute genieße es, in der Sauna oder am Strand nackt zu sein, mich frei zu bewegen und zu tanzen. Ich fühle mich heute wohler in meinem Körper, weil ich gesehen habe, dass niemand perfekt ist.[2]

Nackt ist jeder, wie er ist, ohne Maske, ohne Anpassung, jeder mit seinen eigenen Macken und Kanten, mit seinem eigenen Potenzial, mit seinem eigenen wunderbaren Anders-Sein.

 

[1]             „Ich bin anders als die anderen“ Die erstaunliche Geschichte der Diana B.  von Benjamin von Brackel
                   DIE   ZEIT Nr. 1/2016
[2]              Mark Haskell Smith, „Naked at Lunch“

5 Responses

  1. Christian Hudach
    Liebe Alice,

    Dein Artikel ist eine nüchterne Analyse einerseits des Erlebens Vieler in einer Gesellschaft, die sehr restriktiv geworden ist, und andererseits eine autobiographisch orientierte Schilderung Deines Weges. Beides überzeugt und ist in sich folgerichtig. Was mir fehlt, sind konkrete Lösungsansätze bzw. neue Lebensentwürfe (die Du natürlich noch nicht vorweisen kannst in der momentanen Situation). Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, der Artikel ist ehrlich, wiewohl sehr männlich geschrieben. Ich würde sagen: Schreib den nächsten Artikel zur Abwechslung aus Deiner Weiblichkeit heraus. Den übernächsten kannst Du ja wieder logisch-maskulin schreiben! LG, Christian

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  2. Sebastian
    Nackt-Sein ist befreiend.

    Ich kann die Frau nur unterstützen. Nackt-Sein ist befreiend und schön. Wann immer es geht, bin ich nackt. Es entspannt und tut gut. Es hilft, zu tolerieren, nicht zu bewerten. Es macht ehrlicher. Ich spreche gerne nackt mit anderen.

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  3. Simone Mack
    Ein mutiger Ansatz mit Potential

    Ein sehr wertvoller und authentischer Beitrag, klar auf den Punkt gebracht. So wie die Autorin über sich selbst schreibt, den früheren Umgang mit ihrem Körper, berührt mich tief, da ich in meiner Arbeit als Psychotherapeutin immer wieder Menschen begegne, die kaum noch eine Verbindung zu ihrem Körper haben, sich nicht spüren, sich ablehnen oder sogar hassen. Frau Moustiers Ansatz ist mutig und greift ein Tabuthema auf: wie kommt es, dass wir uns unserer Körper schämen, egal ob dick, dünn, mit Falten oder Dellen? Ist das nicht normal und menschlich? Die Scham und Selbstablehnung von Körper und Seele schneidet uns von unseren wirklichen Kraftquellen ab. Menschen zu ermutigen, sich ehrlich und authentisch zu zeigen und sich unabhängiger von der Meinung anderer zu machen, dafür stehen wir beide in unserer Arbeit ein. Ich wünsche Alice Moustier viel positive Resonanz und gutes Gelingen für ihre Praxis!

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  4. Jens Gerlach
    Tanzen löst Probleme nicht, aber unterstützt Problemlösung

    Als Dipl. Sozialpädagoge habe ich oft mit, vor allem jungen, Menschen zu tun, die in problematischen Situationen stecken und keinen Ausweg sehen. Ich halte den Ansatz von Alice Moustier, Tanz und Rhythmus als erstes anzubieten und dann Gespräche zum Thema für einen grundsätzlich positven Ansatz. Der Umgang mit sich und den Problemen fällt möglicherweise leichter und Problemlösung gelingt möglicherweise nachhaltiger. Einen Versuch ist es allemal wert.

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  5. Franc
    Mut zum Anders-Sein

    Dieser naturistische Ansatz in Kombination mit individueller Hilfestellung ist gewinnbringend in einem unmaterialistischen, sehr idellen Sinne. Er ermöglicht es neue Perspektiven zu erkennen und alte Denkmuster oder tradiertes Verhalten zu
    hinterfragen.
    Zugegeben die Nacktheit ist für viele sicher zunächst ungewohnt, aber sie stellt nicht bloß, sondern macht frei für eine Kommunikation, der buchstäblich nichts mehr im Wege ist: ehrlich und authentisch und im besten Falle auch noch gewaltfrei.
    Ich kann als Teilnehmer eines Seminars nur ein durchweg positives Fazit ziehen.

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