Kennen Sie das? Schmerzen melden sich schon seit längerem im Körper, irgendwas läuft falsch! Die Suche nach Linderung beginnt: der Osteopath soll es richten, die Physiotherapeutin möge die Verspannungen hinfort massieren, die Schuheinlage den Schmerz wegpolstern…Doch was ist mit meiner eigenen Verantwortung und Beweglichkeit? Was wäre, wenn die Auswirkung meiner Gangart meine Gesundheit massiv beeinflusst, so weit, dass ich mich wieder komplett schmerzfrei bewegen könnte? Und was hat das alles nun mit Pilgern im Ballengang zu tun?

Monate bevor ich mich mit meinen handgefertigten Barfußsandalen Richtung portugiesischen Pilgerweg nach Santiago de Compostela aufmachte, wurden schon einige Wetten darüber abgeschlossen, ob ich überhaupt dort ankommen würde.

Zum allgemeinen Verständnis springe ich zehn Jahre in meiner Lebensgeschichte zurück. Meine Forschungsreise begann 2007 mit schmerzhaften Gelenkentzündungen. Durch den Leistungssport waren meine Knie ständig angeschwollen und meine Außenbänder so geschwächt, dass ich mehrmals die Woche umknickte. Da ich Bewegung und Sport über alles liebe, musste eine einfache Lösung her. Aus eigenem Antrieb und komplett ohne Lehrer oder Vorwissen entdeckte ich für mich damals den Ballengang. Genau genommen beobachtete ich kleine Kinder, wie sie sich tänzelnd in kleinen Trippelschrittchen auf dem Vorfuß fortbewegten und begann sie zu imitieren.

So kam ich über viele Jahre des Forschens und Ausprobierens zur Erkenntnis, dass der Ballengang für mich die stimmigste Gangart sei. Seitdem behandele ich in meiner Praxis unzählige Menschen mit Fuß- und Rückenproblemen.

Seit fünf Jahren werden unter meiner fachkundigen Anleitung, nach einer ausführlichen Gang- und Bewegungsberatung, spezielle Sandalen für Menschen angefertigt, die sich entscheiden, zur natürlichen Bewegung zurück zu finden und auf den Ballengang umzusteigen. Sie berichten von gesundheitlichen Verbesserungen und positiven Wirkungen sowohl auf der körperlichen als auch der seelischen Ebene.

Im Januar 2017 entschied ich mich, 400 Kilometer auf dem portugiesischen Pilgerweg nach Santiago de Compostela auf meinen Sandalen und, wenn der Weg es zuließe,  auch komplett barfuß zu wandern. Ich wollte erforschen, ob sich der Ballengang auf längeren Strecken, auch auf Asphalt, bewährt.

Lustvolles Wandern ohne festes Schuhwerk

Im Mai 2017 startete ich an der Kathedrale in Porto auf meinen „Tarasoles- Sandalen“, gefertigt aus einem weichen anschmiegsamen Material aus recycelten Walnussschalen. Der strömende Regen tat meiner Abenteuerlust keinen Abbruch. Ich ließ die Stadt hinter mir und folgte dem Jakobsweg entlang der rauen Küste. Holzbohlen bis zum Horizont pflasterten meinen Weg. Trotz des immer gleichen Untergrundes fühlten sich meine Füße  auf den flexiblen Sandalen wohl und ich genoss den Regen und das Meer.

Durchnässt träumte ich von einem warmen Getränk und fand bald in einer netten Bar in einem bezaubernden Fischerdörfchen einen trockenen Platz. Die Menschen in Portugal sind extrem freundlich und herzoffen. Sogleich wurde ich liebevoll mit „Empanadas“  (frisch gefüllten Teigtaschen) von einem sehr alten Ehepaar versorgt, das sich neugierig neben mich setzte und munter ein Gespräch mit mir begann. „Warum wanderst Du barfuß – tun die Füße nicht weh?“

Diese Frage begleitete mich immer wieder und tatsächlich gab es MitpilgerInnen, die bezweifelten, dass ich es bis nach Santiago ohne festes Schuhwerk schaffen würde.

Den ersten Abend verbrachte ich auf einem Campingplatz, der für Pilger ausgestattet war. Nach einem reichhaltigen gemeinsamen Mahl wurden unzählige Blasenpflaster herumgereicht, und Diskussionen über richtiges und falsches Schuhwerk geführt. Die meisten PilgerInnen kamen zu der Erkenntnis, dass möglicherweise harte Wanderstiefel die Ursache ihrer Leiden waren.

Mich wundert nur, dass es überhaupt möglich ist, auf einer verwundeten Fußsohle noch einen Schritt weiterzugehe. So dachte ich, während ich meine blasenfreien Füße betrachtete.

Die Erfahrung des Weges

Am nächsten Morgen ging ich weiter an der Küste entlang. Malerische Fischerdörfer wechselten sich die nächsten Tagesetappen mit traumhaften Eukalyptuswäldern ab. Zwischendrin lief ich zu meinem Leidwesen manchmal viele Kilometer an Bundesstraßen entlang. Ich trug die meiste Zeit meine Sandalen – und wenn meine Füße müde waren, verweilte ich. Immer mehr fand ich zu meinem eigenen stimmigen Lauftempo zurück. Das kilometerlange Pilgern versetze mich innerlich oft in einen ruhigen und glücklichen Zustand. Ich erlebte, wie mein denkender Verstand mir immer öfter Pausen schenkte, in denen dann die Wahrnehmung und meine Gefühle in den Vordergrund traten. Je mehr ich mich auf meine Füße besann und vollständig die Bewegung erlebte, desto mehr fiel ich „wie nach Innen.“ In diesen magischen Momenten erlebte ich die Wälder, die Gerüche, die Hitze, den Regen- wie ein Kind, und erfreute mich am simplen Da-Sein.

An einem weiteren verregneten Morgen lief ich komplett barfuß durch tiefe Pfützen eines duftenden Waldes voller Eukalyptusbäume. Portugal ist zu dieser Jahreszeit ein wahres und intensives Sinneserlebnis, alles blüht und wuchert. Den Duft des Waldes nahm ich mit jeder Pore auf und fiel wieder in das Gefühl der Gegenwärtigkeit und Freude. Am liebsten pilgerte ich allein. Ich vermied tagsüber bewusst das Grübeln und viele Sprechen mit Anderen.

Ich fragte abends in den Herbergen oft Pilgernde nach ihren inneren Erlebnissen. Nur selten berichtete mir jemand von magischen Momenten. Die meisten tauschten sich über gelaufene Kilometer, Verletzungen und die nächsten Etappen aus.

Am Ende des Weges, in einem Einzelgespräch mit einer weisen Nonne, berichtete ich ihr davon. „ Viele machen die Erfahrung des Weges, doch die meisten verpassen dessen Bedeutung“ sagte die Nonne. Ich erzählte ihr freudig von meinen Barfußerfahrungen und dass ich tatsächlich bis zum Ende des Weges blasen- und schmerzfrei geblieben bin. Dass ich genau in mich hineinspürte, wenn die Etappe für mich zu lang wurde, ich dann ausruhte und in eine Herberge einkehrte. Da ich über die vordere Zone des Fußes, den weichen Ballen, zuerst aufsetze, nutze ich die körpereigene Dämpfung.  Beim Gehen über die Ferse werden bei jedem Schritt ca. 50 Kilogramm in die gesamte Gelenk- und Knochenkette übertragen. Der Fersenstoß erschüttert nicht nur die Wirbelsäule und Gelenke und damit die Muskulatur, sondern auch alle Organe. Das führt nach einigen Kilometern bei vielen Menschen zu körperlichen Problemen.

Der Ballengang hat weniger mit den Füßen selbst, als mit der aufrechten Körperstatik zu tun. Der Impuls des Voranschreitens kommt dabei aus der Hüfte. Aus diesem Grund bevorzugte ich ein minimalistisches Tragesystem an meinem Rucksack mit circa sechs bis sieben Kilo Inhalt. Meine Ausrüstung bestand aus leichter Kleidung (2 T-shirts, einer langen und kurzen Hose, Regencape), einem schnell trocknenden Outdoor-Handtuch, Ersatzsocken und Unterwäsche. Ich benutzte eine biologisch abbaubare Shampooseife sowohl zur Körperreinigung als auch zum Wäschewaschen.

In den letzten Tagen entschied ich mich für eine alternative Wegvariante, den „Camino Espiritual“. Diese Strecke wurde die berührendste und magischste Etappe meines Weges. Es wurde zu meiner Freude etwas bergiger. Unterkunft fand ich in einem Zisterzienserkloster. Morgens weckten mich die Nonnen mit einem wunderschönen Gesang und segneten mich für den Weg. Ihre Gastfreundlichkeit rührte mich zu Tränen. Der Weg verlief weiter in moosgrünen Wäldern, entlang eines reißenden Flusses. Ich passierte kleine und große Wasserfälle, die mich mit ihren Farben und Klängen durchdrangen. Besonders beim Barfußpilgern vertiefte sich mein inneres Erleben des Eins-Sein. Wenn der Ballen zuerst sanft auf die Erde aufsetzte, überkam mich eine kindliche Begeisterung und Freude am Leben. Die Ferse kommt bei mir erst zum Schluss zum Boden, was ich als ein tiefes „zur-Ruhe-Kommen“ erlebte.

Der Ballen setzt auf: „Ich fühle“. Die Ferse setzt auf: „Ich ruhe“.

Geh deinen Weg (GODO)

Der Arzt Dr. Peter Greb erforschte über 40 Jahre den Ballengang und benannte seine Erkenntnis international verständlich als „GODO“ („Geh deinen Weg“).  „GODO“ bedeutet im Italienischen auch „Ich genieße“ (von „godere“). Dr. Greb beschrieb den Vorgang des Ballen-Gehens als eine Entscheidung, sich tiefer und bewusster aufs Fühlen einzulassen. Die Ferse ist übrigens in der Fußreflexzonentherapie die Zone der Geschlechtsorgane und der Ballen das Areal des Herzens und der Lunge.

Der „GODOpäde“ ist der Beruf der Zukunft. GODO ist kein neuer Ansatz oder keine Methodik, sondern eine Rückerinnerung an den genetisch angelegten Ballengang des Menschen. Das Erleben beim Gehen steht dabei im Vordergrund und begünstigt die Wahrnehmung und die Achtsamkeit im Alltag. Immer mehr Menschen klagen heute über Haltungsschäden, Fußbeschwerden, Schmerzen, psychische Probleme, für die der „GODO“ Ballengang einen neuen Weg aufzeigt. In den letzten Jahren kommen vermehrt Ärzte und Orthopäden zu uns in Ausbildung. Mehr und mehr beginnen die Menschen das materialistisch geprägte Weltbild der Schulmedizin und Orthopädie zu hinterfragen.

Dr. Peter Greb ist heute Mitte siebzig. „Wir brauchen viel Geduld und Hingabe mit den Menschen“. Natürlich können wir nur einladen, den ganzheitlichen Ansatz des GODO zu erforschen und dann zu entscheiden ob wir lieber „anständig abrollen“ (Orthopädie) oder „achtsam schreiten“ möchten (GODO). GODO beinhaltet den Ansatz, sich aus einem angelerntem Schema zu befreien und zum Selbst, wie wir gemeint sind, zurückzufinden. Der Ballengang ist nur durch eine aufrechte und entspannte Körperhaltung möglich. Der Fersengang zwingt uns schmerzhaft ins Hohlkreuz und in eine gebeugte Haltung bis hin zu Depressionen. Wir sehnen uns alle nach Fühlen und Einheit. Der Fersengänger bleibt jedoch in diesem Widerspruch des „Ich will nicht fühlen“. Die Ferse steht hierbei für das Denken, der weiche Ballen für das Fühlen. Was hat Priorität, was kommt zuerst? Wie berühren wir den Boden, wie stehen wir zur Erde?

Hand aufs Herz: Der Konflikt „Denken und Fühlen“ ist eines der zentralsten Themen momentan auf diesem Planeten. Wir ersehnen den Fortschritt und suchen nach neuen Wegen miteinander, verbleiben aber gleichzeitig in der Körperstatik des „Ich will gar nicht fühlen“. Belügen wir uns nur mit dem „Fort-Schritt“?

Zur Selbsterforschung eine Übung: Gehe auf einen lieben Menschen zu im Fersengang und gib ihm die Hand. Dann setze mit dem Ballen zuerst auf dem Boden auf und schreite auf einen lieben Menschen zu. Was erlebst du, wie fühlst Du dich dabei? – Hast Du schon einmal deine Liebste, deinen Liebsten auf dem Hacken stehend geküsst? Viel Spaß beim Ausprobieren.  –  Neben der bestehenden Online-Ballengangschuhle sind ein Onlineseminar sowie eine Ausbildung gemeinsam mit Dr. Peter Greb geplant.

Über den Autor

Avatar of Sabine Schumacher

ist seit 17 Jahren Heilpraktikerin, Dozentin und Coach im Bereich ganzheitlicher Gesundheit. Ihre eigene Geschichte hat sie zur „natürlichen Bewegung“ zurückgeführt, die sie heute viele Menschen in Einzelund Gruppen – coachings lehrt. Da sie selbst begeisterte Läuferin und Wanderin ist, entwickelte sich aus ihrer zehnjährigen neu ausgerichteten Wander- und Lauf – erfahrung das „Tara- Walking/-Running“ sowie die „Ballengang- Schule“. Neben der bestehenden „Online-Ballengang- Schule“ und regelmäßigen Ballengang- und „Natural Running“-Seminaren in der Natur sind weitere Online-Kurse und demnächst eine Ausbildung über mehrere Monate geplant.

Kontakt
Tel.: 030-57 70 23 46
Blog: www.barfusswege.wordpress.com
Mehr Infos

Nächstes Ballengangseminar:
2. September 2017 „Natural Running“-
Workshop: 3. September 2017



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