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Eine wissenschaftliche Erklärung für spirituelle Erlebnisse?

In ihrer bemerkenswerten Rede bei der TED-Konferenz berichtete die Gehirnforscherin Jill Bolte Taylor von einem einschneidenden Erlebnis, das ihr Leben für immer veränderte: Sie erlebte mit völliger Klarheit einen massiven Schlaganfall und beobachtete, wie ihre Gehirnfunktionen – Motorik, Sprache, Selbstbewusstsein – eine nach der anderen ausfielen und nur noch reines, ekstatisches Bewusstsein zurückließen. Und sie kann dieses Erlebnis sogar wissenschaftlich erklären:

 

Die beiden Hälften

 

Das GehirnDie beiden Hemisphären unseres menschliches Gehirn sind vollständig voneinander getrennt und kommunizieren nur über den sogenannten Corpus Callosum, der aus ungefähr 300 Millionen Axonen besteht.

Da sie Informationen unterschiedlich verarbeiten, denkt jede Hemisphäre über verschiedene Dinge nach, sie kümmern sich um unterschiedliche Dinge und stehen für ein sehr unterschiedliches Erleben der Welt.

Unsere rechte Hemisphäre beschäftigt sich ganz mit dem gegenwärtigen Moment. Es dreht sich alles um das „hier und jetzt“. Sie „denkt“ in Bildern und lernt kinästhetisch durch die Bewegung unserer Körper. Informationen in Form von Energie strömen gleichzeitig durch all unsere Sinnessysteme herein und explodieren dann in dieser enormen Collage aus dem, wie der gegenwärtige Moment aussieht, wie dieser gegenwärtige Moment riecht und schmeckt, wie er sich anfühlt und wie er klingt. Und in diesem Moment sind wir perfekt, vollkommen und schön.

Unsere linke Hemisphäre ist ein ganz anderer Ort. Unsere linke Hemisphäre denkt linear und methodisch. In unserer linken Hemisphäre dreht sich alles um die Vergangenheit und die Zukunft. Sie nimmt sich diese enorme Collage des gegenwärtigen Moments vor und zerteilt sie in Details. Sie kategorisiert und organisiert all diese Informationen und assoziiert sie mit allem, was wir jemals in der Vergangenheit gelernt haben und projiziert alle unsere Möglichkeiten auf die Zukunft. Und unsere linke Hemisphäre denkt in Sprache. Es ist das dauernde Gehirngeplapper, diese kleine die Stimme sagt: „Ich bin. Ich bin.“ Durch dieses „Ich bin“, werden wir getrennt. Wir werden ein einzelnes Individuum, getrennt von dem Energiefluss um uns herum und getrennt von anderen Menschen.

Und dies ist der Teil des Gehirns, den Jill Bolte Taylor am Morgen ihres Schlaganfalls verlor.

 

Per Schlaganfall ins Nirvana

Sie berichtet:

„Und ich schaute auf meinen Arm herunter und bemerkte, dass ich die Grenzen meines Körpers nicht mehr bestimmen konnte. Ich konnte nicht bestimmen, wo ich anfing und wo ich endete, denn die Atome und Moleküle meines Arms vermischten sich mit den Atomen und Molekülen der Wand. Das Einzige, was ich erkennen konnte, war diese Energie – Energie. […] Und in diesem Moment wurde mein Gehirngeplapper, das Gehirngeplapper meiner linken Hemisphäre, ganz still. Als ob jemand eine Fernbedienung genommen und auf stumm geschaltet hätte. Eine absolute Stille. Und zuerst war ich darüber erschrocken, mich innerhalb eines stillen Geistes wiederzufinden. Aber dann war ich sofort gefangen von der Intensität der Energie um mich herum. Und da ich nicht länger die Grenzen meines Körpers bestimmen konnte, fühlte ich mich gewaltig und raumfüllend. Ich fühlte mich eins mit all der Energie und es war wunderbar dort.“

Später im Krankenhaus intensivierte sich dieses Erlebnis sogar noch:

„Da ich die Position meines Körpers im Raum nicht bestimmen konnte, fühlte ich mich gewaltig und raumfüllend, wie ein Geist, der gerade aus seiner Flasche befreit worden ist. Und meine Seele erhob sich, frei wie ein großer Wal, der durch ein Meer stiller Euphorie gleitet. Nirvana. Ich habe Nirvana gefunden. Ich erinnere mich daran gedacht zu haben, dass es unmöglich ist, jemals wieder diese Größe meines Selbst zurück in diesen kleinen zerbrechlichen Körper zu quetschen. Aber ich erkannte: Aber ich lebe noch! Ich lebe noch und ich habe Nirvana gefunden. Und wenn ich Nirvana gefunden habe und ich lebe noch, dann kann jeder, der am Leben ist, Nirvana finden.“

Schlag der Erkenntnis

Als Hirnforscherin erkannte sie sofort, was geschehen war und ihr wurde die Tragweite ihrer Erkenntnis bewusst.

„Ich stellte mir eine Welt voller wunderbarer, friedlicher, anteilnehmender, liebender Menschen vor, die wussten, dass sie jederzeit in diesen Raum kommen können. Und dass sie willentlich wählen könnten, auf die rechte Seite ihrer Hemisphären zu treten und diesen Frieden zu finden. Und dann erkannte ich, was für ein ungeheures Geschenk diese Erfahrung sein könnte, was für eine wichtige Einsicht es sein könnte in die Art und Weise, wie wir unser Leben leben. Und es motivierte mich, gesund zu werden.“

“ Wer also sind wir? Wir sind die Lebenskraft des Universums mit einer manuellen Befähigung und zwei kognitiven Dimensionen. Und wir haben die Macht zu entscheiden, Augenblick für Augenblick, wer und wie wir in der Welt sein wollen. Hier und jetzt kann ich in das Bewusstsein meiner rechten Hemisphäre treten, wo wir Eins sind. Ich bin die Lebenskraft des Universums. Ich bin die Lebenskraft der 50 Billionen schönen molekularen Genies, die meine Form erzeugen, die eins sind mit allem Existierenden. Oder ich kann mich entscheiden, in das Bewusstsein meiner linken Hemisphäre zu treten, wo ich ein einzelnes Individuum werde, ein Festkörper, getrennt von dem Fluss, getrennt von Ihnen. Ich bin Dr. Jill Bolte Taylor, Intellektuelle, Neuroanatomin. Das sind die „wir“ in mir. Was würden Sie wählen? Was wählen Sie? Und wann?“

Eine wissenschaftliche Erklärung für spirituelle Erlebnisse?

Sind alle Meditations-Methoden also letztendlich nur ein Gehirn-Training für die rechte Hemisphäre? Ist es möglich durch gezielte Konzentration auf die Qualitäten dieser Hemisphäre direkt in einen erleuchteten Zustand zu gelangen? Oder ist das Gehirn nur die physische Manifestation von feinstofflicheren Vorgängen und auch Boyles Schlaganfall letztlich nur der Ausdruck eines spirituellen Prozesses auf ganz anderen Ebenen?

Es wird spannend zu beobachten, wie sich die Wissenschaft diesen Fragen in der Zukunft annähert – Jill Bolte Taylor jedenfalls wird ganz sicher weiterforschen.

Hier ist das Video ihres Vortrages mit deutschen Untertiteln:

 

Bilder

Fotos Jill Bolte Taylor: Screenshots
Gehirn: Public Domain

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