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„Verwende dein Gehirn oder verschwende es!“

(überarbeitete Version eines Artikels aus SEIN 1997)

Menschen, die sich mit den elementaren Themen und Fragen des Lebens beschäftigen wie „Wer bin ich?“, „Was ist Freiheit?“, „Kann ich in dieser Welt frei sein?“ erleben immer wieder folgende Situation: Sie erkennen, wie schwer und anspruchsvoll es ist, einmal gewonnene Erkenntnisse und Einsichten stabil im Alltag aufrecht zu erhalten.

Wer kennt sie nicht – die fundamentale Einsicht in die Natur von Bewusstsein, das Funktionieren des eigenen Verstandes und die Wirkung unbewusster Glaubenssätze nach einem Workshop, einer Therapiesitzung, einem Satsang oder Retreat? Oft finden wir uns jedoch kurz danach in gewohnten Verhaltensmustern oder Reaktionen wieder. Sei es, dass wir in unserer Partnerbeziehung oder z. B. im beruflichen Alltag in altbekannte Reaktionen verfallen oder erneut in uns Sicherheit versprechende Umstände zurückkehren. So ist unser Klar-Sein, Frei-Sein, Lebendig-Sein oft nur von beschränkter Dauer.

„Unser Problem besteht darin, dass unser Gehirn in alten, gewohnten Bahnen funktioniert – wie ein Tonband, das wieder und wieder die gleiche Melodie spielt. Ein Tonband kann man löschen und wieder neu bespielen. Doch unglücklicherweise haben die Tonbandaufzeichnungen sich unserem Gehirn so nachhaltig eingeprägt, dass es sehr schwierig ist, sie zu löschen und ganz von vorne zu beginnen.“ Jiddu Krishnamurti

Was führt dazu, dass Seinszustände wie Freiheit, Klarheit, Bewusstheit, Liebe, Mitgefühl, Entspannung und Energie nicht wirklich unser normales Alltagserleben sind, sondern immer wieder inneren Schwankungen unterliegen? Um dieser Frage nachzugehen, ist es dienlich, uns einen Sachverhalt zu vergegenwärtigen, der in der esoterischen, spirituellen, und auch psychologischen Szene immer noch weitgehend unbeachtet bleibt.

 

„Psychologisch geschieht nichts, bevor nicht die zuständige Gehirnregion physiologisch funktionsfähig ist.“
Michael Gazzaniga (US-Gehirnforscher)

 

Auch heute noch gehen viele von uns davon aus, dass sich die Erfahrung von Freiheit, Klarheit, Liebe und Bewusstsein alleine als Einsicht, als intellektuelles Verstehen, als spirituelles Wissen oder als ein bestimmtes Gefühl zeigen. Die Konsequenz ist, dass diese Seinsqualitäten heute scheinbar leicht und beinahe an jeder Straßenecke konsumierbar und verfügbar sind. Bringen wir allerdings den Mut zur Wahrheit auf, stellen wir fest, dass diese Möglichkeiten nur beschränkten Wert haben, solange wir sie nicht als gelebte Realität erfahren.

Das triadische Gehirn

Um diese These und die damit verbundene Problematik verstehen zu können, müssen wir uns das menschliche Nervensystem und Gehirn sowie dessen evolutionäre Entwicklungsschritte genauer ansehen. Die Neuro- und Gehirnforschung hat in den letzten Jahren so viel Neues hervorgebracht, dass dieser Artikel leider nicht das gesamte Spektrum abzudecken vermag. Ein guter Anfang der Reise war jedoch für mich die Kenntnis, dass wir Menschen ein “triadisches Gehirn” besitzen, bestehend aus dem sog. Reptiliengehirn oder R-System (einem reinen Anzieh- und Abwehrmechanismus), dem Limbischen System oder L-System (dem Sitz von Gefühlen) und dem sogenannten Neokortex (im folgenden NK genannt, dem Sitz des Intellekts bzw. bewussten Verstandes).
Das Reptiliengehirn ist das evolutionär älteste Gehirn, der Neokortex die jüngste Errungenschaft der Gehirnevolution.

 

„Das triadische Gehirn bildet unser innen geschaffenes und nach außen projiziertes Universum ab, und wir betreten dann diese Schöpfung, identifizieren uns mit ihr, verlieren uns in ihr und unterliegen ihr.“      Joseph C. Pearce

Wie die Neuroforschung heute belegt, werden das R-System und das L-System bis zum ca. 7. Lebensjahr voll entwickelt und stehen uns ab diesem Alter zur Verfügung. Ab dem 7. Lebensjahr würde nun unter optimalen Bedingungen die Entwicklung des NK beginnen und etwa bis zum 30. Lebensjahr abgeschlossen sein. Wie die Forschung weiter feststellt, sind bei uns jedoch nur ca. 5 bis max. 10 % der ursprünglich verfügbaren neuronalen Masse des NK entwickelt, die wir als Intellekt bzw. Verstand erleben.

Unser Gehirn funktioniert hierarchisch

Gehirn_Freiheit.jpgEs gilt: Das höher entwickelte System kontrolliert immer das niedriger entwickelte System, d. h. das L-System kontrolliert das R-System, der NK kontrolliert das L-System. Durch unser Erziehungs-, Schul- und Bildungsumfeld bilden wir unseren Intellekt und Verstand weit und gut aus. Die größten Teile des NK allerdings werden nicht oder nur unzureichend angeregt.

Das führt im Alter von etwa 11 Jahren dazu, dass eine ‚biologische Katastrophe‘ – wie der Vorgang von Neurobiologen genannt wird – stattfindet, bei der rund 90 % der neuronalen Masse des Neokortex von einer im Körper produzierten Chemikalie faktisch vernichtet wird.
Was nicht benötigt wird, wird aus dem gegenwärtigen Lebenssystem einfach entfernt.

Die Evolution folgt dabei stets dem Grundsatz, sich mit geringstem Energieaufwand höherzuentwickeln.

Würden unser Gehirn und unser Nervensystem in angemessener Weise durch ein entsprechendes Umfeld stimuliert und trainiert, hätte der Mensch bis zum Alter von ca. 30 Jahren Fähigkeiten entwickelt, die heute immer noch als mystisch und phantastisch angesehen werden:

Freiheit, In-Sich-Ruhen, ununterbrochene Bewusstheit, Liebe, Leichtigkeit, Einssein, Flow, Unterscheidungsfähigkeit, Medialität, Telepathie etc. – und all das mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität – sind mit einem entwickelten NK für jeden Menschen möglich.

Den nicht entwickelten Teil des NK können wir bildhaft als Interface zwischen reinem Bewusstsein und der sich im Bewusstsein manifestierenden Wirklichkeit verstehen. In diesem Falle beinhaltet, durchdringt und ‚kontrolliert‘ Bewusstsein als das höherentwickelte System den Verstand als das niedriger entwickelte System. Wir können auch sagen: der Neokortex ist das Tor zum Bewusstsein.

Instabile Bewusstheit und die Wiederholung alter Muster und Erfahrungen haben ihren Ursprung also nicht in mentalen oder emotionalen Defekten, sondern darin, dass uns die für Bewusstsein als ursprüngliche Intelligenz zuständige Gehirnregion seit unserem 11. Lebensjahr nicht mehr zur Verfügung steht!
Alle Anstrengung auf der Ebene des Denkens und Fühlens, Bewusstseinsentwicklung zu betreiben, können zwar zu einer temporären Erweiterung des Bewusstseins, nicht aber zu Freiheit führen. Bewusstsein als der alles beinhaltende Raum ist jenseits unseres Denkens und Fühlens und damit außerhalb der Reichweite des Verstandes.

Was ist möglich und wie geschieht es?

Wir können der Evolution ein deutliches, un-missverständliches Signal geben, um wieder mehr ‚Neuropower‘ anzufordern. Ein solches Signal ist z.B. unser bewusster Entschluss, Freiheit zu erlangen und in diesem Sinne zu handeln. Leben wir das aktiv im Rahmen der biologisch (noch) verfügbaren Möglichkeiten, so stellt die Natur erstaunlicherweise die dafür benötigte Neuronenmasse wieder zur Verfügung, d.h. der zuvor vernichtete Teil der Gehirnmasse wird langsam und nach Bedarf physiologisch aufgebaut. Um die zuständigen Gehirnregionen wieder zu aktivieren, ist es jedoch unerlässlich, dass wir unserem Nervensystem so oft wie möglich erlauben, in einem Bewusstseins- und Energiefeld zu sein, in dem neue und alternative Stimulanzen, Einsichten und Entwicklungsimpulse natürlich vorhanden sind.
Ein solches Feld besteht idealerweise aus dem Erkennen unserer selbst als reines Bewusstsein, aus Wahrheit, Freiheit, Empathie und Weisheit als lebendiger Realität, aus gelebter Bewusstheit und Liebe im Alltag, funktionierenden Beziehungen und Wohlstand als Grundlage des Lebens, Entwicklung und Förderung der Unterscheidungsfähigkeit sowie Klarheit und wahrem Empowerment.
Wenn wir bewusst und in Gegenwart anderer Menschen, die an diesen elementaren Themen ebenso wahrhaftig interessiert sind, Zeit verbringen, wird fehlende Neuronenmasse ganz natürlich aufgebaut und entwickelt.

Die vergangenen 10 Jahre meiner Lebensreise (seit ich 1997 diesen Artikel zum ersten Mal geschrieben habe), zeigen an mir als lebendigem Beispiel, dass dies für jeden Menschen realisierbar ist. Je früher wir darum wissen und dieser Erkenntnis mit Weisheit, Mut und Liebe Rechnung tragen, desto schneller stehen uns natürliche Fähigkeiten zur Verfügung, die ungeahnte Freiheit und Vielfalt eröffnen.


Abb.: © Jürgen Rogner
Abb. 2: © stephen coburn –  fotolia.com

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