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Es gibt unzählige Tipps, die auf eine gesunde ­Psyche, Entspannung und ein harmonisches Miteinander im Familienkreis abzielen. Aber welche Methoden helfen wirklich? Bislang war das eher eine Glaubensfrage. Oder man probierte eine Meditation, eine Entspannungsübung oder ­Ähnliches aus und machte sich dann ein Bild. Heute kann man präziser bestimmen, was uns hilft – durch die Erkenntnisse der Gehirn­forschung. „Wir haben in den letzten zwanzig Jahren wahrscheinlich mehr über das Gehirn ­gelernt als in der gesamten bisherigen Geschichte“, meint der US-amerikanische Psychologe Alan Lesher. Diese Fortschritte bedeuten für uns die beispiellose Chance, Glück, Ausgeglichenheit, Mitgefühl und Weisheit in unserem Leben zu stärken und Stück für Stück unsere Träume zu verwirklichen – auch ohne zeitraubende Umwege.

 

Rick Hanson war ein schüchternes Kind und jünger als die meisten seiner Mitschüler. „Deshalb wuchs ich mit dem in vielen Situationen auftretenden Gefühl auf, ein Außenseiter zu sein.“ Leider war es damit nicht vorbei, als Rick älter wurde. „Als Erwachsener erwartete ich immer, wenn ich zu einer neuen Gruppe stieß – zum Beispiel zu einem Team bei der Arbeit –, wieder ein Außenseiter zu sein und mich unwohl damit zu fühlen, obwohl die anderen Menschen in der Gruppe mich vollkommen freundlich willkommen hießen.“

Mit negativen und lästigen Prägungen dieser Art muss sich fast jeder Mensch herumschlagen. Das Schlimme ist, dass man sie durch den bloßen Entschluss, von nun an ein selbstbewusster, allseits beliebter Mensch zu sein, nicht in den Griff bekommt. Die negativen Muster sind gleichsam tief ins Gehirn eingegraben. Ohne genaue Kenntnis darüber, wie unser Gehirn funktioniert, ist es schwierig, Abhilfe zu schaffen. Ohnehin können wir quälende Erfahrungen nicht einfach löschen, wie wir eine „Entf.“-Taste drücken. Vielmehr müssen sie durch positive Prägungen überlagert und allmählich verdrängt werden. Aus dem kleinen Rick wurde ein renommierter Neuropsychologe und Meditationslehrer. Um auch anderen Menschen dabei zu helfen, mehr Ausgeglichenheit und Lebensfreude zu entwickeln, schrieb Rick Hanson zusammen mit Richard Medius das Buch „Das Gehirn eines Buddha“.

 

Der Geist formt das Gehirn

Hanson spricht darin von einem co-abhängigen „Geist-/Gehirnsystem“. Der materielle und der geistige Aspekt sind nicht präzise voneinander zu trennen. „Was durch Ihren Geist strömt, formt Ihr Gehirn. Folglich können Sie Ihren Geist dazu nutzen, Ihr Gehirn zu verbessern.“ Die Annahme, dass es einen transzendenten Aspekt des Geistes gibt – ob wir ihn Gott, den Seinsgrund oder die Buddhanatur nennen – ist möglich, aber nicht notwendig, um das eigene Gehirn positiv zu beeinflussen. „Der Geist ist das, was das Gehirn tut“, sagt Hanson. „Folglich bedeutet ein erwachender Geist auch ein erwachendes Gehirn.“ Die spirituellen Meister der Vergangenheit wussten dies, auch ohne neuropsychologisch auf dem neuesten Stand zu sein. Tibetische Meditierende erzeugen zum Beispiel veränderte Gehirnzustände, extrem starke Gamma-Gehirnwellen, die für Wissenschaftler messbar sind.

Leider ist unser Gehirn, gerade wegen seiner Komplexität, auch eine Quelle von beständigem Leid. Bei Tieren hält sich dies noch in Grenzen. „Unser wesentlich stärker entwickeltes Gehirn aber ist ein fruchtbarer Boden für eine Ernte des Leidens. Nur wir Menschen machen uns Sorgen um die Zukunft, bedauern die Vergangenheit und machen uns Vorwürfe wegen der Gegenwart.“ Der größte Teil unseres Leidens, so Hansen, wird durch unser Gehirn konstruiert. Es ist erfunden. Man kann darin einen Trost sehen, aber auch schmerzliche Ironie. Tatsache ist, dass dieses „Schicksal“ veränderbar ist, wenn wir die Funktionsweise des Gehirn-Geist-Kontinuums besser verstehen. 

 

Die Früchte der Evolution

Die Gründe für unser andauerndes Leiden an uns selbst werden von Rick Hanson ausführlich erklärt. Über Millionen Jahre der Evolution hinweg entwickelten unsere Vorfahren drei Überlebensstrategien. Sie lernten,

  1. sich selbst als von anderen und von der Natur getrennt wahrzunehmen,
  2. ihr körperliches und geistiges System in einem stabilen Gleichgewicht zu halten,
  3. Chancen zu nutzen und Bedrohungen zu meiden.

Leider werden die genannten Strategien vom Leben selbst regelmäßig durchkreuzt, weil

  1. alles mit allem verbunden ist,
  2. alles sich ständig verändert,
  3. Chancen unerfüllt bleiben oder mit der Zeit an Glanz verlieren und Bedrohungen (etwa durch Alter und Tod) unvermeidlich sind. 

 

Leid und Schmerzen, die von bestimmten neuronalen Netzwerken erzeugt werden, sind ursprünglich durchaus sinnvoll, um uns vor Irrtümern zu warnen und uns zu lebensfördernden Maßnahmen zu zwingen. In vielerlei Hinsicht leiden wir aber an unserem Menschsein an sich – unheilbar. Dies hat nichts damit zu tun, dass gerade Sie oder ich besonders von Pech verfolgt werden. „Alles, was beginnt, muss auch enden. Alles, was zusammenkommt, muss sich auch zerstreuen. Erfahrungen sind folglich nicht dazu in der Lage, gänzlich befriedigend zu sein. Sie sind eine unzuverlässige Basis für wahres Glück.“ Hinzu kommt, dass wir von der Natur darauf gepolt sind, auf Bedrohungen stärker zu reagieren als auf Chancen. Übersah der Urmensch eine Beere, die auf dem Waldboden wuchs, so hatte er vielleicht später noch Gelegenheit, eine zu essen. Übersah er dagegen die Augen eines Raubtiers im Gebüsch, so konnte diese Fehleinschätzung seine letzte gewesen sein.

 

Unsere virtuelle Realität

Zu den realen Gefahren kommen wegen der Funktionsweise des Gehirns noch „Simulationen“. Kleine Filme, die wir innerlich abspielen, um mögliche unangenehme Situationen in der Zukunft vorwegzunehmen oder quälende Erlebnisse aus der Vergangenheit in Endlosschleifen zu rekapitulieren. Hierzu nennt Rick Hanson eine erschreckende Zahl: Nur etwa 20 Prozent der Impulse, die unseren Hinterhauptlappen (das Sehzentrum des Gehirns, das die visuellen Reize verarbeitet) erreichen, kommen direkt aus der äußeren Welt; der Rest kommt aus dem Gedächtnis oder beruht auf der Verarbeitung von inneren Eindrücken. „Ihr Gehirn simuliert die Welt – jeder von uns lebt in einer virtuellen Realität, die ausreichende Ähnlichkeit mit der echten hat, um zu verhindern, dass wir gegen Möbel laufen.“ Diese Simulationen potenzieren aber unser Leiden und torpedieren die Lebensfreude. „Es liegt in der Natur des Simulators, dass er Sie aus dem gegenwärtigen Augenblick reißt. (…) Jedoch finden wir wahres Glück, wahre Liebe oder Weisheit ausschließlich im gegenwärtigen Moment.“ 

 

Ist Leben Leiden?

Wir leiden nicht nur direkt (indem wir uns zum Beispiel schmerzhaft an einer Stuhlkante stoßen), sondern zusätzlich indirekt, indem wir an unserem Leiden leiden. Zum Beispiel denken wir: „Welcher Idiot hat den Stuhl da so hingestellt?“ Oder: „Es ist ja wieder typisch für mich, dass ich mich wie ein Trottel benehme.“ Die zweite, indirekte Art des Leidens nimmt einen weit größeren Raum in unserem Leben ein. Die erste „edle Wahrheit“ des Buddha – das Leben im Daseinskreislauf ist leidvoll – erfährt durch die Gehirnforschung eine eindrucksvolle Bestätigung. „Leiden strömt kaskadenartig über das sympathische Nervensystem (SNS) und die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HPAA) des endokrinen (hormonellen) Systems durch Ihren Körper.“ Wer den medizinischen Teil von Hansons Buch zu schwierig findet, kann hier auch quer lesen, denn die grundlegenden Erkenntnisse sind leicht verständlich.

In unserer Vollgas-Gesellschaft läuft das anregende (sympathische) Nervensystem dauernd auf Hochtouren, jenes System also, das uns hilft, uns bei Gefahr anzuspannen und auf Kampf oder Flucht umzuschalten. Das kann dazu führen, dass wir „Eigenschaftsangst“ entwickeln, also Angst, die immer da ist und im Gegensatz zur situationsbedingten „Zustandsangst“ zum Teil unserer Charakterstruktur wird. Ein lebendiger und zugleich gelassener Seelenzustand, den wir als angenehm empfinden, ist das Ergebnis eines harmonischen Zusammenspiels von „Gaspedal und Bremse“, also des sympathischen und parasympathischen Nervensystems. So wie ein übersäuerter Organismus basische Kost braucht, müssen unserem überreizten Nervensystem „bremsende“ (parasympathische) Impulse zugeführt werden.

 

Hier sind wir schon bei den Lösungen. Rick Hanson benennt drei heilsame Prozesse: 

  1. Sein mit dem, was aufsteigt,
  2. Arbeiten mit den Neigungen des Geistes, das Aufsteigende zu verändern und den eigenen Vorstellungen anzupassen,
  3. Zuflucht suchen im Seinsgrund.

 

Diese drei „Strategien“ helfen, um die Seinszustände Glück, Liebe und Weisheit zu nähren. Statt unangenehme Gefühle zu bekämpfen, können wir zunächst achtsam bei ihnen verweilen. Gleichzeitig sollen wir angenehme Erfahrungen bewusst wahrnehmen, sie verstärken und kultivieren. Nehmen wir an, unsere Liebste bzw. unser Liebster streichelt uns sanft übers Haar, während wir am Computer arbeiten. Oder wir sehen herrliche Krokusse zwischen schmelzendem Schnee in der Sonne aufgehen. Oder wir helfen einem Fremden beim Parkautomat mit ein paar Cent aus, und er bedankt sich. Wir können diese angenehmen Erfahrungen nun schnell ausblenden, indem wir zu „Wichtigerem“ übergehen. Oder wir verweilen, so lange es geht, genussvoll in diesem Gefühl, denken auch nach Stunden noch gelegentlich mit einem inneren Lächeln daran, erinnern uns an eine Menge ähnlicher positiver Erfahrungen aus der Vergangenheit, so dass wir uns am Ende als wahre Glückskinder fühlen. 

 

Das Angenehme fördern

Es ist leider so: Das Angenehme bedarf der bewussten Förderung, während sich das Unangenehme ganz von selbst aufdrängt. „Stellen Sie sich vor, dass die positiven Inhalte Ihres Gewahrseins in alte Wunden eindringen, wunde und verletzte Stellen wie eine warme, goldene Salbe beruhigen, Hohlräume auffüllen, langsam negative Gefühle und Überzeugungen durch positive ersetzen.“ Dies hat nichts mit den eher platten Formen des „positiven Denkens“ oder mit der Verleugnung der Schattenseiten des Lebens zu tun. „Es geht darum, Wohlbefinden, Zufriedenheit und Frieden im eigenen Inneren zu nähren, Zufluchtsorte, von denen Sie immer herkommen und zu denen Sie jederzeit zurückkehren können.“

Eine andere Technik nennt Hanson „das Feuer kühlen“. Es geht um die bewusste Aktivierung des parasympathischen Nervensystems. Hierzu gibt es eine ­Reihe von Methoden, die vielen Lesern schon bekannt sein dürften: Meditations- und Entspannungstechniken. Schon wer sich regelmäßig an einen stillen Ort setzt, tief ein- und ausatmet und sich dabei vorstellt, dass der Atem durch das Herz ein- und ausströmt, hat einen kleinen Schritt getan, um das „Gehirn eines Buddha“ aufzubauen. Tiefe Gefühle von Frieden, Dankbarkeit und Liebe können mit dieser einfachen Meditation einhergehen. Wir können Zuflucht an Orten suchen, die uns in der Vergangenheit Geborgenheit schenkten. Das können äußere Orte sein wie Kirchen oder unsere Lieblingsbank am Wildbach. Es können spirituelle Meister sein, die für jene Werte stehen, denen wir vertrauen: Jesus, Buddha oder ein Lehrer, den wir persönlich kennen. Das kann auch ein innerer Bezirk in unserem eigenen Herzen sein. Zufluchtnahme hilft, Ängste abzubauen und ein Grundgefühl von Sicherheit zu kultivieren.

 

Der gleichmütige Zeuge

Wichtig dabei ist das Entwickeln von Gleichmut. Das gleichmütige Gehirn schafft einen Puffer zwischen Ihnen und dem Bewusstseinsstrom Ihrer Erfahrung. Sie nehmen gleichsam die Position eines Zeugen ein, der sich mit Freude und Leid nicht mehr vollständig identifiziert. „Gleichmut bedeutet, dass Sie nicht auf Ihre Reaktionen reagieren.“ Diese tauchen vielmehr wie verschiedenfarbige Wolken am Bewusstseinshimmel auf und verschwinden wieder, ohne dass der Himmel selbst davon berührt wird. „Der Raum des Gewahrseins erlaubt es jedem Geistesinhalt, zu sein oder nicht zu sein, zu kommen und zu gehen. Gedanken sind einfach Gedanken, Geräusche sind einfach Geräusche, Situationen sind einfach Situationen und Menschen sind einfach sie selber.“ Andere Abschnitte von Hansons Buch erklären detailliert, wie man die Qualitäten des Mitgefühls und der liebenden Güte in sich entwickelt und verstärkt.

Auch der im Buddhismus sehr wichtige Begriff der Achtsamkeit erhält durch die moderne Gehirnforschung neue Nahrung. „Was durch Ihre Aufmerksamkeit strömt, formt Ihr Gehirn. Deshalb ist das Steuern Ihrer Aufmerksamkeit möglicherweise der effektivste Weg, Ihr Gehirn und folglich Ihren Geist zu prägen. (…) Achtsamkeit ist gut kontrollierte Aufmerksamkeit.“ Wenn wir täglich Maßnahmen ergreifen, die Tugend, Achtsamkeit und Weisheit in unserem Leben stärken, können wir gleichsam den Bezirk des Guten und Heilsamen immer mehr ausweiten – ohne das Schmerzliche zu verleugnen und ihm, indem wir es bekämpfen, immer noch mehr Energie zu geben. Dabei sollten wir uns ganz bewusst einer Politik der vielen kleinen Schritte bedienen. „Ein einziger Regentropfen bewirkt nicht viel, wenn Sie aber ausreichend viele Tropfen und genügend Zeit haben, können Sie einen Grand Canyon auswaschen.“

 

Das Glück nimmt zu, wenn „ich“ abnehme 

Eine der geheimnisvollsten und am schwersten zu akzeptierenden Erkenntnisse des Buddhismus ist freilich die These, dass unser Gefühl eines separaten Selbst eine Illusion sei. Auch die wird aber von der Gehirnforschung bestätigt. Unsere Identität erscheint in diesem Licht geradezu wie eine perfekte Simulation im Gehirn. Wenn wir aus dieser „Matrix“ aussteigen, droht nicht etwa Verlorenheit und Desorientierung. Im Gegenteil: „Paradoxerweise sind Sie umso glücklicher, je weniger Ihr ‚Ich’ da ist.“ Diese Erkenntnis ist bedeutsam, zumal sich viele Ratgeber gerade die Stärkung des Ego zum Ziel gemacht haben. „Wenn Sie Dinge persönlich nehmen, sich mit Dingen, die unweigerlich enden, identifizieren oder versuchen, sie zu besitzen, oder wenn Sie sich von allen Dingen absondern, leiden Sie. Wenn Sie aber das Gefühl von Selbst lockern und mit dem Leben fließen, fühlen Sie sich glücklich und zufrieden.“

Der Pfad des Erwachens besteht nicht darin, unserem Wesen etwas Neues hinzuzufügen; vielmehr geht es um die Freilegung unserer „grundlegenden Natur“. Hanson behauptet: „Mag Ihre wahre Natur auch gegenwärtig hinter Stress und Sorge, Wut und unerfüllten Sehnsüchten verborgen liegen, so existiert sie doch weiterhin. Dies zu wissen, kann ein großer Trost sein.“ Und er fügt hinzu: „Paradoxerweise braucht es Zeit, zu werden, was wir bereits sind.“


Abb: © Pixel & Création – Fotolia.com
Abb 2: © Photobank kiev – Fotolia.com

Über den Autor

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Jg. 1963, wurde in München geboren. Nach dem Germanistikstudium arbeitete er als Buchlektor und Journalist für verschiedene Verlage, von 2001 bis 2005 als Redakteur beim spirituellen Magazin „connection“. Momentan ist er u.a. für Konstantin Weckers Webmagazin „Hinter den Schlagzeilen“ und das Schweizer Magazin „Zeitpunkt“ tätig.

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