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Das Ego ist nur so groß wie die gesammelten Erfahrungen und Informationen. Das Ego hat wenig eigene Substanz, daher tendiert es dazu, jede Kleinigkeit zu einer unglaublich wichtigen, großen Angelegenheit hoch zu stilisieren. Erstaunlicherweise hält sich das Ego für umso größer, je weniger Essenz das Gesammelte enthält.

Das Ego ist wie eine große, hochgezüchtete Tomate: Sieht groß aus, leuchtet rot, aber wenn man reinbeißt, ist da weder Substanz noch Geschmack. Da es keine eigene Substanz hat, keine eigene Lebensenergie, ist es unentwegt dabei, Gründe für seine Wichtigkeit zu erfinden – um Energie vom Wirt zu bekommen, oder von wem auch immer; das Ego ist nicht wählerisch, wenn es um seine Energieversorgung geht. Nur eines fürchtet das Ego mehr, als jeden Vampirjäger: Wahrheit.

Das Ego versucht sich vor jeder essentiellen (lehrreichen) Botschaft zu schützen. Wahre Einsicht ist für das Ego eine Gefahr. Es „scheint zu ahnen“, dass das wahre Selbst den Betrug des Egos aufdecken wird, und darum versucht es Altes und Bekanntes listenreich zu bewahren.

Erstaunlicherweise tut es dabei so, als wäre es der Körper, den es bewohnt, und stellt eine Verbindung her, wo keine ist. Es tut so, als wäre der Tod des Egos auch gleich der Tod des Körpers. Wahnsinnig clever und effektiv. Denn so hat das Ego immer einen Trumpf im Ärmel: Eine imaginäre Gefahr – die solange real erscheint, bis der Wirt sich der Gefahr gestellt hat. Dafür sind Änderungen im Wirt nötig.

Das haben wir schon immer so gemacht

Änderungen schmettert das Ego mit der Hilfe der Logik geschickt ab. „Es hat mir so lange geholfen, es ist auch heute noch hilfreich“, ist einer seiner liebsten Sätze. Das Ego gibt viel auf „alte Werte“. Es tarnt sich mit Nostalgie und Romantik, aber ist in Wirklichkeit ein berechnender Bürokrat. Es blendet großzügig aus, dass bestimmtes Verhalten nur in der Vergangenheit, in einem bestimmten Lebensabschnitt hilfreich war; dass das Leben und die Persönlichkeit sich ändern, und dass viel Energie aufgewendet werden muss, um alte Glaubenssysteme aufrecht zu erhalten. Es blendet aus, dass ein Kind andere Bedürfnisse hat als ein Teenager oder Erwachsener. Vielleicht ist es das, was Hermann Hesse mit den „Kindmenschen“ meinte: Erwachsene, die bis ins hohe Alter von ihrem Ego dominiert werden, das unermüdlich die ersten Glaubenssätze der Kindheit rezitiert, oder versucht die Fantasien eines Teens als Wahrheit erscheinen zu lassen.

Was ein Kind mit einem begrenzten Erfahrungsschatz wahrnimmt, die Schlüsse, die es zieht, benötigen Updates in veränderten Lebensabschnitten. Das Ego wird kaum den Impuls geben, Ereignisse neu oder anders zu betrachten. Es ist solange der heimliche Herrscher und Diktator des Tempels, bis die Herzensstimme so weit gestärkt ist, dass sie die Manipulationen und Tricks des Egos durchringt.

Das Ego ist ein Tarnungsexperte

Das Ego kennt mehr Tricks als die größten Zauberkünstler. Der beliebteste Trick, der Evergreen unter den Ego-Maschen: „Er/sie/es ist schuld“. Es hat nie mit dem Wesen zu tun, in dem sich das Ego heimisch eingerichtet hat, und auf keinem Fall mit dem Ego selbst. Das Ego ist ein Tarnungsexperte, und lässt sich anfangs nur indirekt erkennen. Zum Beispiel wenn etwas den Fluss hemmt, oder im Konflikt.

Wer dem Ego auf die Spur kommen will, braucht Zeit, Geduld, Mut und einen Spiegel. Andere sind die Spiegel, in denen sich das eigene Licht erkennen kann, und Egospiele als mäßig hilfreich erkannt werden.

Das Ego bloßstellen

Nenn es Liebe. Nenn es Wahrheit. Nenn es Licht. Oder die Ur-Energie. Sie wird das Ego untergraben. So wie Wasser Steine durchdringen kann.

Wer die Kraft der Wahrheit stärken will, kann das mit einfachen Übungen tun. Dafür ist weder eine Therapie, noch ein Retreat nötig:

  • Achte auf die Worte: „Nein“, „Nicht“, „Kein“ – und andere negative Formulierungen. Sie sind Verbündete des Egos. Mit ihnen will das Ego beweisen, dass es sich gegen Mama und Papa durchsetzen kann – auch wenn die Eltern weit und breit nicht in Sicht sind.
  • Übe „Ja“-Sagen. „Ja“, öffnet Türen. „Ja“, bringt neue Aspekte ins Leben. Und höchst wahrscheinlich wird manches „Ja“ Grenzen durchbrechen.
  • Betrachte Mitmenschen (Mitspieler) als Spiegel.
  • Vorsichtig bei Dingen, die Viele machen. Massen-Moden sind meist von Egos für Egos gemacht.
  • Erforsche den Ursprung eigener oder fremder Ideen. Überprüfe wie warm und weich sich eine Idee anfühlt. Sind harte Ecken und Kanten zu spüren, steckt höchstwahrscheinlich das eigene oder ein fremdes Ego dahinter.
  • Finde heraus, welche fremden Ideen mit dir kompatibel sind – und alle anderen Konstrukte dürfen verrotten. Sie lösen sich auf, einfach indem die Energie dahin gelenkt wird, wo sie wirklich sein soll: Bei allem, was wachsen hilft und Freude schenkt.
  • Vorsicht bei Wertungen. Das Ego will Sicherheit und zieht sie meist daraus, Dinge und Ereignisse in „gut“ oder „schlecht“, „richtig“ oder „falsch“ einzuordnen. Das Ego ist besessen von Moral, Messen, und Bewerten – und findet in dieser Gesellschaft
    dafür viel Unterstützung.
  • Frage dich: Wer will das gerade? Wer führt mich gerade? Wer lenkt, wer bestimmt?
  • Übe Beobachten und übe Dankbarkeit. Alles was die Sinne erfahren können, ist ein Geschenk.
  • Schenke dem Ego die liebevolle Beachtung, die ein rebellisches, wildes Kind verdient. Bedenke, dass dieses Kind einmal gegangen sein wird. Sei dankbar wie weit es dich gebracht hat, und bereite dich auf den Moment vor, wo du es verabschiedest.

Wie eine Blume folgt dein Sein dem Ruf ins Licht. Das ist der natürliche Impuls. Es braucht dafür null Energie aufgewendet werden. Es reicht, die Bremsen und die Energie raubenden Spiele des Egos loszulassen.

Angst ist der verborgene Ruf des Herzens – vom Ego in Bedrohung verwandelt.
Hinter der Tür mit der Aufschrift „Angst“ wartet eine neue, bereichernde Erfahrung.

Die nächste Erfahrung ist bereit.

7 Responses

  1. isis sager

    Ein wirklich guter Artikel

    Die Sache mit dem „JA“ sagen sehe ich so, dass durch eine offfene Haltung der pauschalen Ablehnung,die das Ego hüpfen lässt entgegen gewirkt wird.
    Natürlich ist es logisch, dass man nicht in jeder Situation zu Allem ja sagen kann. Doch durch die offene Haltung hüpft dann das Ego nicht mehr mit.

    Genauso missverständlich ist mein Leitmotto : die Welt ist mein Freund

    Natürlich ist damit auch nicht Alles gemeint, sondern mein kleines Egoversum .

    Antworten
  2. Eva

    Vielen Dank für den guten Beitrag, er hat mir viel gesagt.

    Herzliche Grüße auch von meinem Ego (Ich meine, Humor ist echt hilfreich. Es schafft die Distanz, die man braucht um mit dem Ego umzugehen.)

    Eva

    Antworten
  3. Mathias

    Ein wirklich guter Artikel!

    Eine Aussage, die beweist, wie trickreich sich so ein Ego anpassen kann… ;o)

    Ronna Herman nennt das Ego schlicht den „Ego-Wunschkörper“ – und das ist er tatsächlich: Ein (immer noch) wichtiges Werkzeug, um die Dichte zu erfahren, um die Dichte zu erleben – um sie zu überleben.

    Nur hat sich das Ego mit der Zeit vom „Pferd“ zum Reiter „aufgeschwungen“.

    Nun muss es einsehen, dass es wieder vom Boss zum „dienstbaren Helfer“ ohne Entscheidungskompetenz ent-wickelt wird.
    Will es aber nicht. Denn es spricht gegen alle seine (u.U. jahrtausende alten) Erfahrungen.

    Die allermeisten Egos sind dabei keine bösartigen kleinen Gremlinge, die sich nur austoben wollen. Sie sind vielmehr wie alte Soldaten, welche hart für ihr Land/ die Freiheit usw. gekämpft haben und nun, wenn es nichts mehr zu beschützen und zu bekämpfen gilt, sich nicht mehr zurecht finden, ihre Daseinsberechtigung/ ihr Leben zu verlieren fürchten. (Was bislang für die Menschen regelmäßig gleichbedeutend mit dem physischen Tod war – und für die allermeisten auch noch ist!)

    Eine Sache, die so ein Ego richtig gut kann, ist der Überlebenskampf. Vom Kampf ums Essen bis zum Kampf um den attraktivsten Fortpflanzungspartner.

    Jede Form von Wettbewerb ist ein „klassisches“ Ego-Ding.

    Hab heute zum Beispiel einen schleichenden Opi auf seinem Beiwagen-Motorrad überholt. Der fuhr dann später – nein, er schlich! – in einer Seitenstraße am Stau, in dem wir standen, vorbei… Wie unerhört! ;o)

    Und manchmal… da mogelt sich das Ego geschickt und anpassungsfähig in unsere schöne spirituelle Welt hinein… Lenkt uns in die Übertreibung, damit wir so richtig schön auf die Nase fallen und uns wieder desillusioniert an die Hand nehmen lassen. („Siehste, hab dir doch gleich gesagt, dass dieses abgehobene Aufstiegs-Zeug alles Quark ist. Lass dich bloß nicht mehr mit diesen Spinnern ein!“)

    Und es bringt mich zum Beispiel dazu, Kommentare abzugeben, die möglicherweise tatsächlich jemanden interessieren, vor allem aber mein Ego selber. Werd‘ hier bestimmt alle paar Tage wieder reinlesen, ob der Kommentar endlich freigeschaltet ist… ;o)

    Was soll ich sagen..?

    Herzliche Grüße, auch von meinem Ego!

    Mathias

    PS:

    Als ich begann, mich für „Esoterik“ zu interessieren, kam ich im Netz an eine „Kirche“, deren „Guru“ den „Jüngern“ verboten hatte, selbst zu channeln. In einem Blog „Abtrünniger“ fiel die Bemerkung, dass beim „Chef“ eh nur noch das Ego Channeln würde… Das war eine der Aussagen, die sich mir unter tausenden tief eingeprägt haben.

    Sich vom „inneren Kind“ leiten zu lassen, ist toll. Man ist so völlig unvoreingenommen.
    Auch gegenüber dem netten Onkel mit der süßen Schokolade und den finstren Gedanken…

    Wessen Herz/ Seele noch nicht bereit ist, zu bestimmten Erfahrungen intuitiv zu sagen, „Nein/Stop*, diese Energie ist für mich nicht passend“, dem kann das Ego – der Ego-Wunschkörper – eine gute Hilfe sein.
    Nicht mehr, nicht weniger.

    *Oder wie der biblische Paulus es sagte, des esoterischen Wissens über die drohende Manifestation von Unerwünschtem nicht unverdächtig:

    „Das sei ferne!“

    (Wer es lieber moderner mag: „Dafür stehe ich nicht zur Verfügung“.)

    Das Ego ist die Bibliothek unserer Erfahrungen. Es hilft auch denen, die gelernt haben, die Hand durch eine Tischplatte zu führen, sich nicht den kleinen Zeh zu stoßen. Meistens jedenfalls… ;o)

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  4. freedom of mind

    Prima Beitrag. Der Weg aus der Dominanz des Ego-Intellekts zum eigentlichen Sein, der Bewusstheit ist für mich das Distanzieren vom (eingebildeten) Selbst, also das Beobachten des Verstandes und seiner Spiele gewesen. Ohne Abstand zur eigenen Ego-Show bleibt die Erkenntnis aus. Angst oder Liebe (zu sich selbst und allen) sind die Grundzustände. Es gibt nichts schöneres als sich als zeitloses Bewusst-Wesen im Jetzt zu erkennen und dies zu leben, dann gibt es kein ‚Nein, Aber, Vielleicht, usw.‘ mehr.

    Namaste (.

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  5. Anonymous

    ganz toller Beitrag. Das mit dem „ja-sagen“ kann natürlich missverstanden werden, das stimmt. Aber gemeint ist damit natürlich offen zu sein, nichts abzulehnen, Ja zu Herausforderung und Ja zum Leben (nicht das „Ja“ aus Gefälligkeit, dass eigentlich ein „Nein“ ist)

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  6. Jutta Omorose

    Hallo!
    Ich finde den Artikel sehr gut bis auf eines. Das „Ja“-sagen gehört für mich zum Ego dazu, denn es gibt viele Menschen die „Ja“ sagen und immer schön der Herde nachlaufen. Deshalb ist das nicht richtig, dass „Ja“-sagen Türen öffnet. Viele sagen auch „Ja“ um Anerkennung und Liebe zu bekommen, sie wollen etwas nicht tun, aber machen es dann aber trotzdem.
    Also bitte nicht das „Ja“-sagen üben, sondern wie ein Erwachsener zu seiner Einstellung und Meinung stehenn und sich nicht manipulieren lassen. Rückgrat haben.

    Danke

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