Wer wünscht sich das nicht: ein Leben in Leichtigkeit und im Fluss und im Vertrauen darauf, dass die Existenz uns trägt und unterstützt. Doch die Erfahrung der meisten Menschen bewegt sich im Rahmen von Problemen, Anstrengung, Widerständen, Frustration und Resignation. Warum? Weil die deformierte Gesellschaft eine Verbindung zum Leben gekappt hat. Vor allem zum Leben in uns selbst, zu unseren Erfahrungen, die wir verdrängen, unseren weggedrückten Schmerzen und ganz besonders unserer Angst. Die Angst, die uns die – meist sehr engen – Koordinaten unseres Lebens vorgibt.

von Gabriel Fehrenbach

Es sind intensive Tage. Das Team, mit dem ich arbeite, hatte den Auftrag, ein neues Produkt zu entwickeln. Die Teilnehmer waren aus unterschiedlichen Bereichen abgeordnet. Meine Aufgabe bestand darin, ihnen zu helfen, ihre unterschiedlichen Expertisen und Sichtweisen zu bündeln. Doch die Mitglieder des Teams steckten fest. Denn ihre jeweiligen Abteilungen zogen von außen, hatten unterschiedlichste Erwartungen, die häufig nur verklausuliert formuliert waren. Entscheidungen, die eine andere Stelle treffen müsste, wurden dem Team aufgelastet. Und traf das Team dann eine Entscheidung, wurde sie zerpflückt.

Schicht für Schicht hatten wir die Situation offengelegt, so dass die Teilnehmer erkannten: Das, was sie im Miteinander entwickelt haben, gibt es um sie herum nicht: Kooperation, Offenheit, Vertrauen. Jetzt stehen sie vor der Frage: Was tun? Die Unsicherheit und Angst, die mit dieser Frage einhergeht, ist greifbar. Und mit Angst umzugehen, haben die wenigsten von uns gelernt. Denn unsere Gesellschaft ist eine, in der Angst nicht gefühlt, sondern unterdrückt wird. Die Folge: Schwere, Komplikationen, Umwege, oft Sackgassen. Ich frage mich, wie das geht, dass wir lernen, anders mit Angst umzugehen, nicht nur als Einzelne, sondern als Gemeinschaft. So, dass wir zu einer wahrhaft furchtlosen Gesellschaft werden.

Angst macht uns klein

Wie viele andere bin auch ich in einer Welt der Gewalt aufgewachsen, groß geworden in einer Familie, deren autoritäre Wurzeln generationenweit zurückreichen. Die Angst vor dem nächsten Schlag, vor verbaler Erniedrigung und Bloßstellung hat sich tief in meinen Körper eingeschrieben. Seither ist mein Leben ein intensiver Dialog mit der Angst in mir. Es gab Phasen tiefer Todessehnsucht, Zeiten, in denen ich tief verkrampft Altes durchlebte, manchmal nur durchstand. Momente von Trauer, Wut, Zweifel über den Weg. Auch Momente des Atemholens, wenn die Angst mich für einen Moment losließ. Und immer wieder der Impuls, weiterzugehen. Und die Erfahrung der Freiheit, wenn sich die Angst unvermittelt auflöste und einer unbekannten Leichtigkeit wich. Eine innere Weite zeigte sich dann und plötzlich stand ich kraftvoll, vom Vertrauen durchdrungen in der Welt. Und alles, was vorher unmöglich erschien, wurde auf einmal leicht und zugänglich. Angst beschädigt, blockiert, macht hilflos. Angst macht das Denken klein und überflutet mit Aggression und Scham. Angst ist tief in unser soziales Gefüge eingewoben. So sehr, dass wir gar nicht wahrnehmen, in welch deformierter Gesellschaft wir leben, und uns aus Angst Strukturen geschaffen haben, die uns deformieren. Angst ist immer eine persönliche Erfahrung. Und hat immer soziale Ursachen.

Unsere Bindungslosigkeit zum Leben

„In unserer Firma geben wir unser Privates an der Pforte ab“, sagte mir einer aus dem Team, als ich mit der Arbeit anfing. Ein Satz, den ich schon oft gehört habe und der vor allem eins erzählt: Den Großteil unseres Lebens sind wir nicht präsent. Wir lassen einen Teil unseres Seins außen vor. Aus Angst und um uns zu schützen. Und weil wir Teil einer Kultur sind, die selbst Angst hat vor dem, was so unberechenbar erscheint. Die Folge: Wir sind nicht mit uns selbst verbunden und daher auch nicht mit dem Leben in seiner ganzen Fülle. Mit seinen leichten wie den schwierigen Seiten. Die Krisen, mit denen wir konfrontiert sind, sind nur ein Spiegel unserer inneren Krise. Egal ob Klimaerwärmung oder ökologische Zerstörung, ob politische Krisen oder die zunehmende Gewalt in unserer Gesellschaft – alle sagen uns das Gleiche: Wir verweigern uns dem Leben. Wir sind nicht in Verbindung mit dem Leben. Nicht mit dem um uns herum und nicht mit dem in uns. Deswegen handeln wir als Menschheit so zerstörerisch. Weil wir den Wert des Lebens nur dann wahrnehmen können, wenn wir unseren eigenen Wert erkennen. Und weil wir, solange wir in unserer Wertlosigkeit verharren, im Mangel leben. Und ein Leben im Mangel ist anstrengend und schwer. Es ist ein Mangel, der aus der Angst kommt und der wiederum Angst schafft. Denn aus dem Mangel an Liebe, Verbindung und Vertrauen entspringen jene Gewalt und Ablehnung, die uns allen so vertraut ist und in der ich selbst groß geworden bin.

Gleichzeitig Angst haben und verbreiten

Es war ein zutiefst irritierender Moment, als ich erkennen musste, dass ich nicht nur Opfer bin, sondern auch Täter. Wut, Hass, Aggression – all das ist mir nicht fremd. Nein. Und je größer die Angst, desto stärker sind diese drei, denn die Angst unterdrückt alle vitalen Impulse und verstärkt zugleich ihre Energie wie ein Staudamm, der keinen Ablauf hat. Die Angst zu überwinden, hieß für mich, sowohl das Opfer als auch das Tätersein anzunehmen und zu überwinden, allein schon, um von dieser Energie nicht überflutet zu werden. Denn nur Selbstverantwortung führt uns aus den Krisen – die Bereitschaft, aus unserem Selbst eine Antwort auf das zu schöpfen, was ist. An dieser Schwelle stehen auch die Mitglieder des Teams. Sie begreifen, dass sie niemanden für ihre Situation verantwortlich machen können. Sie würden nur das gleiche Muster bedienen, das sie in die Misere geführt hatte. Alle um sie herum weigern sich, ihren Teil zu tun. Verantwortungslosigkeit ist ein Teil des Dilemmas; es kann nicht Teil der Lösung sein. Der Schritt in die Selbstverantwortung aber bedeutet, sich der Angst zu stellen. Denn Verantwortung heißt ja, für die eigene Antwort einzustehen und die Folgen des eigenen Handelns anzunehmen – auch wenn wir die Folgen nicht absehen können. Das ist die Unsicherheit des Lebens.

Die Irrwege mit der Angst

Kulturell haben wir zwei Wege entwickelt, um mit Angst umzugehen: den der Unterdrückung und den des Zähmung. Die Unterdrückung habe ich selbst so lange betrieben, bis mein Körper rebellierte und ich das nicht mehr ignorieren konnte. Ich musste immer mehr Schmerzmittel nehmen, um der Kopfschmerzen, die ich seit meiner Jugend hatte, Herr zu werden. Am Ende sagte mir ein Arzt, er könne mir das Ibuprofen nur noch direkt ins Blut spritzen. Unsere sozialen Strategien, um Dinge zu unterdrücken, sind vielfältig. Die Pharma-Industrie lebt von Depressionen, Burnout, ADHS und vielen weiteren Krankheiten, die durch die Unterdrückung von Leben und schmerzhaften Erfahrungen hervorgerufen werden. Ein Prinzip, das medikamentös nur fortgeführt wird.

Die Geschichten sexuellen Missbrauchs in Kirchen und Schulen belegen das gleiche Prinzip und zeigen, was passiert, wenn wir ein Leben lang Schmerz und Angst unterdrücken und die Dämme dann brechen. Und wir können die Anfänge auf dem Spielplatz beobachten, wenn ein Kind hinfällt und der Vater ihm zuruft, es solle sich nicht so anstellen. So schlimm könne es ja nicht sein. Der zweite Weg besteht darin, die Angst zu zähmen, indem man ihr nachgibt und sich die Lebensbedingungen von ihr diktieren lässt. Die Rektorin einer Grundschule berichtete mir einmal von dem immensen Aufwand, den es für sie bedeutete, die Übertrittszeugnisse in der vierten Klasse juristisch unangreifbar zu gestalten. Sie fürchtete Klagen der Eltern, was sie mit diesem Aufwand verhindern wollte.

Auch diese Haltung des teilweisen Nachgebens und möglichst wasserdichter Kontrollmaßnahmen finden wir oft. Öffentlich, wenn Verwaltungen sinnvolle politische Entscheidungen verwässern, weil sie ihr Handeln gegenüber allen Seiten absichern. Privat, wenn die Eltern ihrer Tochter, die Künstlerin werden will, raten, doch erst einmal eine sichere Ausbildung zu machen. Immer geht es dabei um Kontrolle, sie ist nur ein anderer Ausdruck der Angst. Und überall da, wo wir kontrollieren, beschneiden wir uns. Indem wir die Angst zähmen, berauben wir uns der Möglichkeiten, die im Unbekannten und im Nichtwissen liegen. Doch wenn wir unangenehme Gefühle wie Angst unterdrücken, nehmen wir uns unsere gesamte Empfindungsfähigkeit, beschränken also auch das Potenzial, Liebe und Freude zu erfahren. Es sind Irrwege, die wir da beschreiten. Denn die Angst ist nicht das Problem, sie ist nur ein Symptom für etwas. Fieber zeigt nicht nur an, dass wir krank sind, sondern auch, dass unser Körper reagiert. In diesem Sinne zeigt uns die Angst in Wahrheit, dass wir den Weg zur Veränderung bereits beschreiten, ihn aber nicht gehen wollen, weil das bekannte Elend oft besser erscheint als die Chance des unbekannten Neuen.

Der Weg in die Furchtlosigkeit

Für mich war das Gespräch mit dem Arzt ein Wendepunkt. Ich beschloss, vollkommen auf Schmerzmittel zu verzichten. Ich wollte nicht mehr wegrennen, sondern mich dem Schmerz stellen und mit ihm der Geschichte über Angst, Deformierung, Trauer und Befreiung, die er erzählte. Meine Beziehung zur Angst änderte sich und ich lernte einen dritten Weg: den, die Angst anzunehmen und auszuhalten, so lange, bis sie sich auflöst und das preisgibt, was sie wirklich erzählen will. Es ist der einzige Weg, der aus der Angst in die Freiheit führt. Gelehrt hat ihn mich die Meditation. Denn im stillen Gewahrsein konnte ich erkennen, dass ich nicht die Angst bin. Die Angst ist etwas, das kommt und geht, das mit Worten, Gedanken und Vorstellungen verbunden ist. Und wenn ich durch die Angst hindurchgehe, dann zeigt sie mir ihre wirkliche Wurzel. Es kann ein Glaubenssatz sein, eine Erfahrung, ein ungestilltes Bedürfnis – da gibt es viele Aspekte. All das kann ich hinter mir lassen und mich dem Unbekannten öffnen, das sich in jedem Augenblick auftut. Weit über 15 Jahre ist das nun her. Kein Schmerzmittel habe ich seitdem genommen. Und noch immer ist mein Meditationskissen der Platz, an dem ich mich geschützt den Stürmen des Lebens stelle. Dann stehe ich auf, schüttle das Kissen aus und gehe wieder in die Welt. Die Leichtigkeit des Lebens erfahren wir am Ende der Stürme, wenn wir unsere alten Lasten abgelegt, Muster durchbrochen, uns in neuem Denken und Fühlen erprobt haben. „Er ist nachtragend“, „Das ist eine schwere Bürde“ – unsere Sprache ist voll von dem, was uns auch die Biologie der Angst lehrt: Unsere Ängste sind im Körper eingelagerte schmerzhafte Erfahrungen, die uns blockieren. Und wenn wir sie auflösen, werden wir nicht nur metaphorisch, sondern wirklich körperlich leichter, beweglicher, freier.

Den Schattenseiten unserer Gesellschaft zuwenden

Wie können wir als Gesellschaft furchtlos werden? Diese Frage ist zentral. Denn es reicht nicht aus, dass wir uns individuell von unseren Ängsten lösen, solange wir in Strukturen leben, die diese Ängste fortschreiben. Wir müssen uns kollektiv den Schattenseiten unserer Gesellschaft zuwenden. Nur so können wir lernen, wie ein nährendes und kooperatives Miteinander aussieht. Und wir finden den Weg in eine furchtlose, wirklich freie Gesellschaft. Die Übung, in die ich das Team schicke, heißt „Die Angst durchqueren“. Ich habe sie entwickelt, um Menschen den Zugang zu schwierigen Gefühlen zu erleichtern, um ihnen einen spielerischen Zugang zur Weisheit zu geben, die ihren Ängsten innewohnt. Die Übung nutzt den Raum und erlaubt, Ängste und Blockaden ganzheitlich zu erfahren.

Auf dem Boden ist ein Rechteck abgezirkelt, an dessen einer Seite zwei Stühle stehen, die ein Tor repräsentieren. Das Team steht in dem Rechteck und wandert herum, spürt, wo in dem Raum sich Energie manifestiert, spürt der Angst nach. Da, wo jemand Spannung spürt, bleibt er stehen, öffnet sich und nimmt mit seinem ganzen Körper wahr. Es geht oft sehr schnell, dass die Menschen wissen, worum es geht und was sich zeigen will – auch und gerade bei gemeinsamen Themen. Dann geht die Person weiter, wenn sie erfahren hat, was es zu erfahren gilt. Am Ende der Übung lade ich die Gruppe ein, zwischen zwei Stühlen hindurchzugehen und das Tor aus der Angst heraus zu durchschreiten. Dann erfahren sie, was es heißt, die Angst hinter sich zu lassen. Der Impuls, den sie dabei am häufigsten spüren, heißt: „Mach einfach.“ Denn das Leben will spielerisch sein, ausprobieren, erkunden, erobern. Und es ist unser Tun, das uns die Antwort auf Fragen schenkt, die wir nicht beantworten können. Deswegen mache auch ich einfach. Um zu lernen, wie wir als Gesellschaft die Angst durchqueren können.

Author: Oliver Bartsch

Über den Autor

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ist einer der erfahrensten Facilitatoren Deutschlands und ein Innovator des sozialen und ökologischen Wandels. Seine Vision: Mit Facilitation, einer Methode, die Gruppen und Organisationen in Umbrüchen unterstützt und tiefe Veränderungen ermöglicht, den notwendigen gesellschaftlichen Wandel zu begleiten und unsere Demokratie zu erneuern. „Räume des Wandels“ heißt sein Konzept für schwierige gesellschaftliche Fragen. Und mit „Mehren statt Zehren“ hat er eine Handlungsanleitung für den Weg aus unseren Krisen entwickelt.

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Eine Antwort

  1. Ralf Ruszynski
    Namaste

    „Ich kann doch sowieso nichts verändern.“
    Genau genommen bin ich der Einzige, der etwas verändern kann.
    Namaste

    Antworten

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