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Wir alle wollen frei sein, richtig? Was aber, wenn das nur Heuchelei ist und wir eigentlich süchtig sind nach unserem Leiden, verliebt in die Intensität und die scheinbare Geborgenheit des Bekannten. Was wenn wir nichts mehr fürchten als unsere Größe und Freiheit, als die unbegrenzten Möglichkeiten des Lebens? Was, wenn wir gar nicht aufhören wollen, das Opfer zu spielen?

Selbstermächtigung

Die Zeit, in der wir gerade Leben, scheint vor allem eine Zeit der Ermächtigung zu sein. All die Erfolgscoaches und Manifestier-Seminare – wie auch immer man zu ihnen stehen mag – zeigen, dass es für viele Menschen gerade vor allem darum geht, wirklich erwachsen zu werden. Mit erwachsen meine ich ein Bewusstsein über das, was man mit seinem Leben anstellen will, darüber welche Werte man hat, wer man als Person sein möchte. Es bedeutet auch, Verantwortung für alle Bereiche des Lebens zu übernehmen: für alle Entscheidungen, für das eigene Denken und die eigenen Gefühle. Es heißt, sich frei zu machen von Fremdbestimmung, gesellschaftlichen und familiären Zwängen, zu seiner eigenen Wahrheit und Erfahrung zu stehen, seine Stärken zu umarmen und seine Schwächen zu bekennen. Es bedeutet auf einer ganz bodenständigen, menschlichen Ebene eine integre und authentische Person zu sein, im eigenen Selbstwert zu ruhen, sich nicht irgendwelchen Autoritäten zu unterwerfen, seiner inneren Stimme zu vertrauen, Hilfe annehmen zu können, wo es nötig ist, aber den Weg selbstbestimmt zu gehen.

Dort sind wir noch nicht. Und wenngleich vielerorts von einem Aufstieg in höhere geistige Dimensionen gesprochen wird – zu allererst mal sollten wir vielleicht erwachsene Menschen werden. Bevor wir ins Herz aufsteigen, sollten wir unseren Solarplexus verwirklichen. In dieser Hinsicht bin ich den ganzen Lebenshilfe-Ratgebern über persönliches Wachstum sehr dankbar. Vieles darin ist tatsächlich überaus wertvoll – wenn auch in meiner Erfahrung ohne eine spirituelle Dimension ziemlich unvollständig.

Die vier Süchte

Kürzlich las ich einen Artikel des Erfolgs-Coaches Tom Ferry, der einen Punkt ansprach, der mir auch auf meinem persönlichen Weg immer klarer wurde. Ferry geht davon aus, dass die meisten Menschen lieber „nach Vorlage“ leben, statt ihr Leben zu gestalten. Nach Vorlage zu leben bedeutet letztendlich: aktiv zu wählen ein Opfer zu sein. Und sich darin erstaunlicherweise auch noch wohl zu fühlen. Solche Menschen leben in einem Zustand den Ferry „aktives Koma“ nennt: festgefahren, besorgt, Opfer ihrer Umstände – und trotz aller Beteuerungen viel zu ängstlich um etwas zu ändern, den Sprung ins Unbekannte zu wagen, neue Wege zu gehen.

Nach 20 Jahren Erfolgscoaching kam Ferry schließlich zu dem Schluss, dass es eigentlich nie die Umstände sind, die Menschen daran hindern, ihr Leben bewusst zu gestalten, sondern dass es vor allem vier Süchte sind, die uns gefangen halten. Laut Ferry hat jeder Mensch mindestens eine dieser Süchte – sie zu identifizieren ist enorm hilfreich, um die permanente Selbstsabotage zu durchbrechen.

 

1. Die Sucht nach der Meinung anderer

Unsere ganze Gesellschaft sorgt sich darum, was andere über uns denken – und ist süchtig nach gesellschaftlicher Anerkennung. Die meisten Menschen sind gerne bereit, ihre Träume und Werte aufzugeben, wenn sie im Austausch dafür Anerkennung bekommen.

Beispiele:

– Besorgnis, was andere denken.
– Etwas tun oder sagen wollen, aber nicht den Mut haben, es zu tun.
– Sammeln von Statussymbolen (Autos, Schmuck, Klamotten etc.)

2. Die Sucht nach Drama

Viele Menschen verwechseln Erfüllung mit Intensität. Drama ersetzt in vielen Beziehungen sogar die Liebe. Auch im Äußeren scheint alles negative eine unwiderstehliche Anziehungskraft zu besitzen und hält unsere Energie und Aufmerksamkeit in negativen Gedanken gefangen.

– Hang zu Übertreibungen, alles ist größer, als es eigentlich ist
– Lästern und Gerüchte verbreiten
– Ständige Lebenskrisen
– Im Dreck herumwühlen, ständig Probleme besprechen müssen

3. Die Sucht nach der Vergangenheit

Menschen mit dieser Sucht haften an vergangenen Geschehnissen an, wollen alte Geschichten nicht loslassen. Sie sind gefangen darin, wie ihr Leben oder sie selbst bisher waren.

– Ständiges wiederholen alter Geschichten,
– Abneigung gegen jede Form von Veränderung, früher war alles besser
– Ständiges Hinweisen auf schlimme Erlebnisse

 

4. Die Sucht, sich Sorgen zu machen

Für manche Menschen sind Sorgen eine Lieblingsbeschäftigung. Sorgen haben einen Anschein von Bedeutsamkeit und Sinn, auch wenn sie uns in Wirklichkeit nur lähmen.

– Ständig besorgt sein, sich beklagen über die Verhältnisse und wie schlimm alles ist/werden könnte
– Das Worst-Case-Szenario kommt immer als Erstes in den Sinn
– TV oder Drogen, um negativen Gedanken zu entkommen

Entscheidungen

EntscheidungenErstaunlicherweise ist es – wie so oft – ziemlich einfach diese Tendenzen bei anderen Leuten zu beobachten. Ihre Muster sind so offensichtlich, dass man sich manchmal fragen mag, ob sie sich eigentlich nicht schämen, ein so durchsichtiges Spiel mit uns zu spielen. Sich selbst allerdings einzugestehen, dass man sein Leiden zu einem Großteil selbst erzeugt, weil man es auf eine abstruse Weise eigentlich im direkten Wortsinn „ganz gut leiden kann“, ist eine ganz andere Sache.

Aber, werden viele einwerfen, es sind doch die alten Programmierungen, das Unbewusste, unsere Erfahrungen, die uns diese Verhaltensmuster in die Zellen gebrannt haben. Das stimmt zwar irgendwie, aber damit sind wir schon wieder mitten im Opferbewusstsein und der Sucht Nummer 2. Will man das wirklich als Ausrede gelten lassen? Oder ist es vielleicht doch so, dass, wenn wir etwas nicht ändern, wir es vor allem nicht ändern wollen. Aus Angst vor dem Unbekannten und der Verantwortung, die mit dem Eingeständnis, dass wir frei sind, unweigerlich einhergeht.

Kürzlich veröffentlichen wir auf Sein.de den Artikel „Eine Sache der Entscheidung“ von Michael Bradford. Auch er hat nach Jahrzehnten von Heilarbeit eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Es sind überhaupt nicht die Dramen, in denen der Schlüssel zu Heilung liegt, sondern die Entscheidungen, die wir aufgrund der Dramen getroffen haben.

Auch ich hatte so ein Erlebnis mit einer anderen Heilerin. Über Jahre hatte ich ein Verhaltensmuster, dass immer wieder meine Beziehungen sabotierte. Als ich der Heilerin davon erzählte und wie sehr sich darunter litt, sah sie mich nur an und fragte, ob ich denn sehen könnte, dass ich mich als Seele bewusst dafür entschieden hatte, diese Erfahrung zu machen und darum mein Leben so gestaltet habe. Was für eine absurde Frage, ich wollte es doch so dringend loswerden! Aber zu meinem großen Erstaunen konnte ich es tatsächlich sehen. Es lag klar vor mir: Ich hatte wissen wollen, wie das ist. Und nun war es genug. Die Erkenntnis war völlig verblüffend und die nächsten 15 Minuten habe ich nur gelacht. Das Muster ist seither nie wieder aufgetaucht.

Seit diesem Erlebnis hat sich meine Einstellung zu meinem Mustern und meinem Leiden stark verändert. Wenn es dergleichen in meinem Leben gibt, dann weil ich es will und mithelfe es zu erzeugen. Weil ich die Erfahrung interessant finde, irgendwie darin verliebt bin oder weil es so angenehm vertraut ist.

Für uns alle wird es vielleicht mal Zeit, unsere Sucht nach dem Leiden und dem Opfer-Dasein aufzugeben. Wir haben als Seelen und als Menschheit genug schreckliche Erfahrungen gemacht, haben die dunkle Seite der Schöpfung bis in ihre Extreme ausgereizt. Jetzt lasst uns doch mal gucken, wie es auf der hellen Seite ist!

Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind.
Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich machtvoll sind.
Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns am meisten erschreckt.
Wir fragen uns, wer bin ich denn
um brillant, wunderschön, talentiert und fantastisch zu sein?
Aber, wer bist du, um dies nicht zu sein?
Du bist ein Kind GOTTES!
Dein dich selbst Kleinmachen dient der Welt nicht!
Da ist nichts Erleuchtendes daran zu Schrumpfen,
damit andere sich in deiner Gegenwart nicht unsicher fühlen.
Wir sind geboren, um die Herrlichkeit Gottes in uns zu manifestieren.
Sie ist nicht nur in einigen von uns; sie ist in jedem.
Dadurch, dass wir unser Licht scheinen lassen,
geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis das Gleiche zu tun.
Dadurch, dass wir uns befreien von unser eigenen Angst,
befreit unsere Gegenwart automatisch andere.
(Marianne Williamson“Return To Love“)

 

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8 Responses

  1. Marlen

    Ich habe Ihren Artikel gelesen und finde in an und für sich gut. Ich kann nichts anfangen mit mach dein Leben so wie du willst. Wenn es nicht geht , wenn alle Menschen gegen dich arbeiten, wenn du dich als Opfer fühlst weil man dich nicht dein Leben leben lässt. Weil man dich nicht arbeiten lässt und du sehr gerne arbeiten würdest wenn du mit deinen Freundinnen und Freunden zusammen sein möchtest und niemand will eigentlich mit dir sein.
    So kannst du dein Leben nicht leben. Habt Ihr mir eine konkrete Antwort dafür?

    Ich danke Ihnen

    Mit freundlichen Grüssen

    Marlen Rappo

    Antworten
  2. MichAEL

    absoluter düneff… wenn ich davon ausgehe, das Psychopathen nichts empfinden und somit auch meist im Augenblick leben… wunder ich mich doch warum so viel wert daraufgelegt wird gerade den Augenblick zu leben… also irgendwo ist doch da ein Wiederspruch wenn die Gefühlslosen im Augenblick leben,wir allerdings jeden Augenblick genießen sollen… Außerdem ist die Angst vor Veränderung völlig nützlich. Es hilft uns sogar. Wir haben vertraute Muster wissen mit ihnen umzugehen… genau durch diese Muster spühren wir Unstimmigkeiten auf. würden wir jedesmal das Muster für jemand anderes ändern wäre unsere Identität verloren und wir wären nur noch Leute die man schupsen kann… es geht gar nicht um die Opferrolle es geht vielmehr darum, das nicht jeder zum führen geeignet ist… manche Menschen brauchen nen Arschtritt sonst wird nix… oder eben ein ziel auf das sie losgehen…

    Antworten
  3. Pavlotse

    Ist das jetzt etwas neues? Tatsächlich gab es diese Konzepte von der Primärszene (eine „innere Entscheidung“ die aufgrund einer emotional nicht aushaltbaren Situation in der Kindheit getroffen wird) schon in den 60ern und 70ern (unter anderem bekannt als „Primärtherapie“). All das mag richtig sein, doch mir erscheint es mal wieder als eine verkappter neuer Beschwerdebrief an die Menschheit ;o) Wenn man genauer hinschaut, wird man vielleicht feststellen, dass auch Entscheidungen „geschehen“. Sie ereignen sich so wie sich „Muskelzucken“ oder „Augenschlag“ ereignet. All diese heute diskutierten KOnzepte, in ihrer jeweiligen Einseitigkeit, waren und sind schon immer nur Aspekte des „normalen“ Lebens, dass der Mensch schon seit Jahrhundertausenden bewältigt. Da hat einer nun eine Vorstellung wie die „helle“ Seite des Lebens auszusehen hätte und alles andere erscheint natürlich „tiefdunkel“ (nicht dass es das nicht auch wäre).

    Antworten
  4. Ursula

    Ein sehr schöner Artikel, auf den ich in meiner Blogseite hingewiesen habe. http://ursulaortmann.wordpress.com/ Dort findet Christopher vielleicht auch Antworten auf seine Fragen.

    Liebe Grüsse
    Ursula

    Antworten
  5. David

    @Christoph: Ja, das hast Du im Kern richtig aufgefasst. Meiner Ansicht nach ist es beides: Die Angst vor der Freiheit, die auch volle Verantwortung bedeutet, die Angst vor Veränderung – und die tiefe Identifikation mit unserer Rolle.

    Jede Herausforderung im Leben ist eine spirituelle Lektion, ein Test, wie sehr wir zu unserer wahren Natur stehen. Und oftmals macht uns unsere göttliche Natur Angst, wir können sie nicht akzeptieren – die anderen sind schließlich Schuld an unserem Leiden.

    Das muss aber auch so sein, denn wir sind hier, um eine menschliche Erfahrung zu machen – dazu müssen wir für einige Zeit vergessen, dass wir in Wahrheit göttlich sind.

    Gerade hat mir ein Freund gesagt, dass er glaubt die Erde ist gar nicht der Seelen-Kindergarten (wie viele meinen), sondern der Ort, an den die Meister kommen um sich selbst zu testen – tief in die Identifikation zu gehen, das ganze Spektrum der menschlichen Erfahrung zu erleben (mit allen Höhen und Tiefen) und dann zurückzufinden zum wahren Selbst – das ist das Spiel!

    Ich finde, dass ist zumindest eine schöne Geschichte. Und wir können erkennen: jede Sekunde unseres Lebens ist die ausgetreckte Hand da – die Frage ist nur, ob wir schon wollen, oder lieber noch etwas erfahren möchten.

    Antworten
  6. Christopher

    Hallo,
    ich möchte mich auch für den Artikel bedanken.
    Ich bin mir jedoch nicht wirklich sicher wie ich diesen verstehen soll.
    Willst du damit sagen das alle Probleme/Ängste nur selbstgemacht sind weil wir selbst gerne in diesen Problemen/Ängsten leben wollen? Das es gar nicht um die Angst geht etwas ändern zu wollen sondern viel mehr drum geht seine derzeitige z.B.: Opferrolle etc. nicht aufgeben zu wollen? Oder hab ich da etwas misverstanden? Ich würde mich echt freuen wenn du mir das erklären könntest ob ich das so richtig aufgefasst habe.
    Vielen Dank
    Christopher

    Antworten
  7. Marcus

    Das ist ein wundervoller Artikel.
    Exakt dieses süchtige Verhalten stelle ich bei mir und anderen immer wieder fest. Als Mitglied einer Selbsthilfegruppe (Alkohol) habe ich wenigstens die Gelegenheit es manchmal zu merken 🙂
    Danke, Marcus

    Antworten

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