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Wie wir über unsere Gefühle sprechen und dabei Denken und Fühlen vermischen.

Der Umgang der Menschen mit ihren Gefühlen ist durch viele Missverständnisse und Irrtümer überschattet. Nicht nur werden Gedanken gerne mit Gefühlen verwechselt, die Worte, mit denen wir unser Befinden ausdrücken, verwirren oft mehr, als dass sie klären. Da Gefühle nicht verschwinden können, drücken sie sich entstellt in Form von Erschöpfung, Schmerz oder innerer Leere aus. Wie man sinnvoll mit den Gefühlen umgeht und zu einer starken, gesunden Persönlichkeit wird, zeigen die überraschenden Einsichten der Seherin und Heilerin Anouk.

Wie passiert Verdrängung?

In meiner praktischen Arbeit mit Menschen vergleiche ich Gefühle mit »Flüssigkeiten «, die sich im Körper bewegen. Jedes Gefühl hat seinen »festen Sitz« im Körper, wo dann auch diese entsprechende »Flüssigkeit« ihren Platz hat, und wenn man sich ein Gefühl erlaubt, fühlt es sich oft angenehm warm an. Trauer zum Beispiel befindet sich im oberen Brustbereich und kann sich dort als ein angenehmes warmes Gefühl verbreiten. Wenn man sie aber verdrängt, kann sich das wie ein innerer Druck anfühlen oder wie ein »Ziehen« oder eine Form von Spannung an dieser Stelle. Man kann auch eine Art Schwere auf oder in der Brust empfinden. Das sind nur einige Beispiele über das Empfinden von Gefühlen, ob verdrängt oder zugelassen. Das Empfinden ist individuell unterschiedlich.

Wenn man die eigenen Gefühle bekämpft,
bekämpft man auch die Liebe.

Wenn man in einer bestimmten Situation Trauer empfindet und von den Gedanken her meint, dass man nicht traurig sein sollte – aus welchen Gründen auch immer –, fängt man an die Trauer zu verdrängen und »Tropfen« Trauerflüssigkeit bewegen sich weg von dieser einen Stelle in der Brust und bleiben an einer anderen Stelle im Körper »sitzen«. Dies nenne ich »Trauer verschieben«, und dieses Verschieben ist eine von mehreren möglichen Verdrängungsvariationen. Diese Trauer-»Tropfen « landen dann zum Beispiel im Arm, in den Händen oder im Rücken. Man kann diese nämlich überallhin verschieben, und oft wird dann nach einer gewissen Zeit an diesen Stellen ein körperlicher Schmerz empfunden. In den Händen kann ich nämlich keine »Trauer« empfinden, sondern dieses Gefühl zeigt sich mir dort in Form von Schmerzen oder Spannungsempfinden, wenn es stark aktiv ist. Dieses geschieht nicht nur bei Trauer so, sondern kann bei allen Gefühlen stattfinden.

Wie kommt es zu so einer Verschiebung? Diese Verschiebung passiert, wenn ich in meinem Geist eine Glaubensstruktur habe, die besagt, dass dieses Gefühl in dem Moment, wo ich es empfinde, oder allgemein nicht sein darf. Viele Menschen gehen davon aus, dass ein Gefühl, das sich schlecht anfühlt, auch schlecht ist. Man merkt gar nicht, dass es sich deshalb schlecht anfühlt, weil man es verdrängt. So entsteht die Überzeugung oder Glaubensstruktur, dass es gute und schlechte Gefühle gibt, und man fängt an, die Gefühle mit Gedanken zu bekämpfen.

»Etwas loslassen müssen«

Auch hier bemerkt man eine innere Belastung und sucht nach Wegen der Verarbeitung oder des Loslassens. Aber oft ist der Blick auf die Außenwelt oder in die eigene Vergangenheit gerichtet. Loslassen ist keine mögliche innere Handlung. Ich kann einen Gegenstand auf den Boden fallen lassen, das ist möglich und das ist wirklich »etwas loslassen«. Im Inneren kann man nichts loslassen, weil alles immer da ist. Alle Gefühle sind vorhanden. Wenn man also spürt, dass man etwas loslassen möchte, kann man sich fragen, welches Gefühl man empfindet, und dieses Gefühl als einen Teil von sich selbst annehmen. In dem Moment wird dieses Gefühl sich angenehm anfühlen. Das schlechte Empfinden ist sofort weg, wenn es einem in den Moment gelingt es anzunehmen. Man darf es nämlich nicht mit dem Ziel im Hinterkopf annehmen, es damit loszuwerden. Sehr oft meint man vergangene Ereignisse »loslassen« zu müssen. Auch hier ist es wichtig genau in sich selbst hineinzuhören und zu überlegen, welches Gefühl dieses vergangene Ereignis ausgelöst hat und wie sich dieses Gefühl anfühlt. Wenn es sich als Druck oder Schmerz anfühlt, dann ist man dabei dieses Gefühl zu verdrängen.

Loslassen ist keine mögliche innere Handlung.

Gefühle als innere Orientierung

Unsere Gefühle sind dazu da, uns eine innere Orientierung zu geben. Über unsere Gefühle spüren wir uns selbst. Wenn man zu viel verdrängt, spürt man die Gefühle nicht mehr in ihrem »reinen« Zustand sondern verzerrt, und man hat tatsächlich weniger Orientierung zur Verfügung. Gedanken eignen sich nicht so gut zur Orientierung, weil man sie nicht spürt. Wenn Gedanken und Gefühle im Einklang sind, fühlt man sich »zusammen« oder »eins«. Wenn die eigenen Gedanken die Gefühle bekämpfen, fühlen wir uns orientierungslos oder auch »zerrissen« oder »zwiegespalten«. Gedanken kann man ein wenig steuern, aber Gefühle nicht. Das Wichtigste ist, dass man innerlich gegenüber den eigenen Gedanken oder Gefühlen kein Urteil fällt. Wir bestehen aus verschiedenen inneren Kraftquellen. Die Gefühle sind eine große Kraftquelle und ebenso die Gedanken. Aber manchmal merken wir nicht, wie wir versuchen mit einer Kraftquelle die andere zu blockieren. Und hier genau kommt es: Wir merken es doch, weil wir eben genau das denken: »Ich habe meine Grenze erreicht«, »Ich stehe unter Druck« usw. Dies ist unsere innere Stimme, die genau weiß, was los ist. Aber wenn man in der Außenwelt schaut und eine äußere Situation oder einen Menschen für diese Empfindungen verantwortlich macht, kommt man innerlich nicht weiter. Ähnliche Situationen wiederholen sich immer wieder.

Gibt es einen Unterschied zwischen Mann und Frau bei der Gefühlswahrnehmung?

© bigstockfoto

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Der erste Unterschied ist, dass ich viel mehr Frauen als Männern in meiner Arbeit mit Menschen begegne. Die Arbeit mit den Gefühlen gilt immer noch eher als etwas für Frauen als für Männer. Es ist für mich durch mein »Sehen« der Gefühle klar, dass Männer und Frauen genau dieselben Gefühle haben, aber tendenziell unterschiedlich verdrängen. Beim Gefühl der Wut ist das am klarsten, weil die Frauen Migräne haben und die Männer »das Restless-Legs«-Syndrom. Ich benutze das Wort »Wut« für eine ganze Reihe von unterschiedlichen Empfindungen wie innere Kraft, Lebenskraft, Ungeduld, Genervt-Sein, Spannung, Motivation, Aggression usw.

Männer kommen wegen »Brennens« in den Fußsohlen, oder sie beschreiben es wie Ameisen, die in den Beinen hin und her laufen. Hier ist das Thema auch fast immer verdrängte Wut. Die Männer haben die Wut nicht unbedingt als »schmerzhaft« abgespeichert, sondern sie verdrängen ihre Wut, »weil es keinen Sinn macht«. Oft sind es Arbeitssituationen, wo sie sich die Wut nicht anmerken lassen dürfen, weil sie dann als schwach bezeichnet und entlassen werden. Diese Männer haben oft die ganze »Wut-Flüssigkeit« in die Beine verdrängt. Die Beine oder Füße sind am weitesten weg vom Kopf, und zuerst landen die Tropfen dann in den Fußsohlen, wo sie oft erst in der Nacht anfangen zu brennen, und im Laufe der Zeit »stapeln« sich die Tropfen auf nach oben.

Sowohl bei Männern als auch bei Frauen besteht die innere Arbeit darin, sich dieses Gefühl zu erlauben und es als eine angenehme Kraft zu empfinden und nicht als Schmerz oder als etwas Sinnloses.

Wie Gefühle prozessiert werden und wie sich das zum Denken verhält

In meiner Arbeit mit Menschen unterscheide ich unter anderem zwischen Geist, Ego, Gefühlen und Reptilienhirn. Der Geist und das Ego generieren beide Gedanken. Für mich ist das Ego das Individuelle in jedem Menschen und der Geist ist das, worüber wir alle miteinander verbunden sind. Gefühle werden verdrängt, indem man geistige Glaubensstrukturen konstruiert statt persönliche Urteile zu bilden.

Über unsere Gefühle spüren wir uns selbst.

Jedes Gefühl hat unterschiedliche »Stufen« der Intensität, und weil wir diese verschiednen Stufen jeweils mit einem anderen Wort bezeichnen, vergessen wir oft, dass ein und dasselbe Gefühl dahintersteckt. Zweifel und Panik sind beides Angst, aber in unterschiedlicher Intensität. Die Sprache ist wirklich oft sehr verwirrend, was unsere Gefühle betrifft.

Sie kennen sicher die Aussage noch von der Schule oder Sie sagen es vielleicht zu sich selbst: »Konzentriere dich jetzt mal auf diese Aufgabe.« In der Schule waren es vielleicht Rechenaufgaben oder Französisch, und vielleicht erinnern Sie sich noch, wie anstrengend es manchmal war, sich konzentrieren zu müssen. Was bedeutet »sich konzentrieren« eigentlich? Es bedeutet, dass man am Stück über dasselbe »Thema« nachdenken muss und möglichst nicht an etwas anderes denkt. Alle wissen aber auch, dass man die Konzentration auf ein sehr spannendes Buch oder etwas, worüber man mit Leidenschaft nachdenkt, nicht als so anstrengend empfindet wie etwas, wozu man keine Lust hat. Keine Lust haben ist kein Gefühl, sondern bedeutet eigentlich Wut empfinden.

Wenn man innerlich nicht nur ein Gefühl oder eine innere Kraft, sondern mehrere gleichzeitig verdrängt, wie zum Beispiel Angst, Wut und Trauer, wird auch die Liebe mit verdrängt, weil in »Liebe« alles drin ist. Wenn man die eigenen Gefühle bekämpft und verdrängt, bekämpft man eigentlich auch die Liebe.

Es kann sich alles wieder anfangen zu normalisieren in dem Moment, wo ich mit meinen Glaubensstrukturen beginne, mir das wieder zu erlauben, was ich fühle, und sogar vielleicht versuche meine Gefühle alle zu lieben. Auch wenn sie sich manchmal unangenehm anfühlen, gehören sie trotzdem zu mir.

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