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„Authentisch und verlässlich ist nur der, der sich erlaubt, ganz zu sein — in seinen Schwächen und Stärken“

Gerne tappen wir in die Falle, Gefühle zu bewerten, in gut, schlecht, unspirituell oder göttlich einzuordnen – und betrachten damit uns selbst und die anderen durch eine weltverzerrende Projektionsbrille. Doch in einer frei fließenden Spiritualität bewerten wir unsere Gefühle nicht, sondern erkennen die Hintergründe unserer Gefühle und gehen genau damit weiter. Jörg Engelsing sprach mit Alexandra Schumacher.

 

Sich auf den spirituellen Weg zu begeben, bedeutet vordergründig, dass wir von einem Leben gehört oder gelesen haben – oder da auch schon einige eigene Erfahrungen gemacht haben –, das sich an Werten orientiert wie Freude, Glück, Liebe, Toleranz, Respekt, Demut, Hingabe, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. In Satsangs hören wir, dass alles gut ist und es nichts außer der göttlichen Liebe gibt. Und dann kommen wir nach Hause, haben Zoff mit unserem Partner, sind wütend, eifersüchtig und missgünstig. Und eine Stimme in uns sagt: Das ist aber jetzt nicht sehr spirituell. Ist das so? Sind wir vom Weg abgekommen?

Statt zu fragen, ob Menschen vom Weg abgekommen sind, wenn sie keine Dauerharmonie leben (können), möchte ich viel lieber die Frage stellen: Wie leben Menschen ihre tieferen Gefühle gemeinsam mit ihrer Spiritualität? Wenn jemand behauptet, er kenne keine tiefen Gefühle, dann frage ich, was diese Person ausblendet oder an welche spirituelle Identität sie sich klammert. Manche nutzen Spiritualität wie eine Maske, die Unangenehmes, Bedrohliches konstant wegdrückt. In einer frei fließenden Spiritualität bewerten wir unsere tieferen Gefühle nicht als unspirituell, sondern wir erlauben sie und bringen sie in unser Bewusstsein.

Ich habe heute mit einer Gruppe einen Vierzig-Tages-Prozess zum Thema Loslassen von Kindheitsgefühlen beendet. Alle Teilnehmer sind dabei an Wut und andere Gefühle in ihrer Kindheit rangekommen. Einige von ihnen haben diese Gefühle zunächst bewertet und abgelehnt. Immer dann beginnt der Kampf, denn wir sind damit beschäftigt wegzudrücken und zu verdrängen. Das könnte lebenslang so gehen. Wir können damit unsere ganze Lebenskraft verpulvern. Schaffen wir es hingegen, die Gefühle, die sowieso in uns vorhanden sind, auch in unserem Bewusstsein zu erlauben, sind wir in meinen Augen einen großen Schritt weiter.

Was machen wir nun mit Gefühlen, die so stark, intensiv, zuweilen schmerzhaft sind, dass wir sie kaum aushalten? Ich spiele in solchen Fällen meinen Gong. Der Gong ist Fluss. Der Gong ist Bewegung. Der Gong ist Puls. Ich spiele den Gong, um die erstarrten Gefühlsgewohnheiten aufzuweichen und hinter das Gefühl zu blicken. Ich erkenne dann beispielsweise eine Gewohnheit, die man sich meist sehr früh und unbewusst zugelegt hat, oder ein persönliches Karma, ein Familienkarma oder auch persönliche Verstrickungen.

Eine Frau zum Beispiel erlebte in ihrer Beziehung immer Schmerz und Unzufriedenheit. Bei der Paartherapie wurde klar, dass der Mann durchaus bereit war, sich zu entwickeln. Dennoch blieben bei der Frau immer die gleichen Gefühle. Es wurde klar, dass sie sich im Schmerz eingerichtet hatte. Genau geschaut bietet ausgerechnet der Schmerz dieser Frau so viel Verlässlichkeit und Sicherheit, dass sie kein anderes Gefühl an diese Stelle kommen lassen wollte. Wahrscheinlich ist jeder von uns, wenn er nicht an diesen Punkten mit sich gearbeitet hat, mit bestimmten Gefühlen aus der Kindheit verklebt oder hält daran fest. Genau dort braucht es oft ein wissendes Auge und ein mitfühlendes Herz in Form eines Begleiters.

In meinen Augen sind wir von unserem Weg abgekommen, wenn wir nicht mehr zu Fuß laufen, also fühlen, was in uns ist, sondern wenn wir nur so tun, als ob wir gingen. Wir sind dann nicht mehr auf dem Weg, im Körper, ganz bei uns, sondern im Kopf, in unserer eigenen Welt. Begrüßen wir unsere Gefühle! Zugegeben, kein leichter Weg – aber ein zutiefst menschlicher, unverwechselbar individuell, eben genau deiner! Auf dem Königsweg sehe ich Menschen, die es geschafft haben, aus ihren dunkelsten Gefühlen die hellste Seite herauszuholen. Das sind zum Beispiel Stotterer, die Rhetoriklehrer werden, also Menschen, die genau ihre Angst leben.

Ich erinnere mich noch heute an meine erste Gruppenstunde. Bevor ich die Gruppe führen konnte, bin ich tausend Tode gestorben. Angst, Fluchtimpulse, Minderwert. Und nach der Stunde wusste ich: Genau das ist mein Weg. Und so ist es mir vor vielen Meilenschritten gegangen. Mein bisher größter Schritt begann mit einer leisen Stimme. Sie flüsterte mir zu: „Geh nach Berlin. Dort wartet dein Mann auf dich.“ Die Stimme war klar und bestimmt. Und sie kam aus mir. Und blieb. Und ich bin gegangen. Aber nicht nach Berlin, sondern weit weg. Nach Indien. Die Stimme blieb. Also ging ich nach Berlin. Angst. Unsicherheit. Einsamkeit. Verzweiflung. Krankheit. Das Leben testet. Mit Haut und Haaren. Ich denke, ich habe ihn gefunden, meinen Mann. Jedenfalls ist er das seit 12 Jahren 🙂

 

Das hört sich jetzt so einfach an: Fühle halt die Gefühle. Viele unserer Gefühle sind ja gesellschaftlich sehr schlecht angesehen, weil sie erst einmal eben nicht zu Harmonie, Verständnis und Wohlgefühl im Miteinander beitragen, sondern Konflikte erzeugen oder noch verstärken. Zudem ist es oft so, dass es uns oft in unserer Kindheit nicht erlaubt war, einige dieser Gefühle frei auszudrücken. Beispielsweise war mein Vater oft wütend und hat mich angebrüllt. Bei Gegenworten, Erklärungen oder einer Verteidigung – also schon sehr eingeengte Ausdrucksweisen, Zurückbrüllen ging gar nicht, das wäre mein „Tod“ gewesen – habe ich schnell die Erfahrung gemacht, dass es dann Ohrfeigen setzte, weil alles andere als eine vollkommene Unterordnung von meinen Vater als frech interpretiert wurde. Ich habe darum lange Jahre Angst vor meiner unterdrückten Wut und meinem Hass gehabt, weil ich einen Ausdruck dieser Gefühle mit Bestrafung und Gefahr verbunden habe. Es hat lange gedauert, bis ich mir erlaubt habe, mal richtig auszurasten – und dann war ich immer noch geschockt von mir selbst, weil das für das kleine Kind in mir unerhört war.

In spirituellen Kreisen kommt dann noch mal ein Über-Ich dazu, das mir sagt: Geh bewusst mit deiner Wut um, schau, was dahinter steht usw. Da ist wieder der freie Ausdruck nicht erwünscht, sondern ich muss mit den Gefühlen in einer „reifen“, erwachsenen Weise umgehen. Also ich finde es überhaupt nicht einfach, diese ganzen Gefühle entgegen dem gesamten inneren und äußeren sozialen Druck – vor allem im Miteinander mit anderen Menschen und nicht nur im stillen Kämmerlein mit mir allein – zuzulassen.

Jetzt sprichst du den sozialen Bereich an. Na klar ist es nicht einfach, Gefühle frei zu leben – besonders, wenn sie in der eigenen Kindheit unerlaubt waren. Hilfsmittel sind darum erlaubt und oft nötig. Für mich sind unsere klarsten Spiegel unsere Liebespartner und unsere Kinder. Gerade mit ihnen bekommen wir Zugang zu intensivsten Gefühlen, die wir alleine im stillen Kämmerlein nicht erleben würden. Ich weiß das aus eigener Erfahrung. Ich habe noch nie bei einem Menschen so viel Wut empfunden wie bei meinen Sohn und meinen Mann. Und gleichzeitig habe ich auch mein Herz noch nie so weit geöffnet wie bei diesen beiden Menschen. Spirituell könnte man jetzt sagen, dass dann, wenn sich diese Wut wiederholt zeigt, ich einfach noch nicht so weit bin und meine Wut sich irgendwann in Frieden wandeln wird. Ist dem so?

In meinen Augen beleuchten die Ich-muss-immer-glücklich-und-friedlich-sein- Ideologien nur die helle Seite von uns. Nichts weiter als eine Maskierung, die einen Teil unserer Gefühle kategorisch ablehnt, mehr noch, abschneidet. Das Abschneiden von Gefühlen ist eine jahrhundertealte Tradition, bestens sichtbar geworden zum Beispiel in den Porträts der spätmittelalterlichen Kaufleute, ihre Hälse in große, weiße runde Spitzenkrägen gesteckt, ihre Körper in schwarzem Gewand. Die Verbildlichung der Trennung von Kopf und Körper, von Denken und Fühlen. Heute haben wir – weitestgehend – die Wahl, unsere Gefühle auszudrücken, jedenfalls solange wir in Frieden leben. Sobald Krieg und Schockzustände herrschen, ist das Abschneiden von Gefühlen oft ein wichtiger Überlebensmechanismus. Wenn wir es in Friedenszeiten schaffen, unsere dunkle Seite in die Hände zu nehmen, statt sie ideologisch und spirituell zu verbannen, sehe ich das als wichtige Friedensarbeit. Denn authentisch und verlässlich ist nur der, der sich erlaubt, ganz zu sein – in seinen Schwächen wie in seinen Stärken.

 

Was ich bei mir festgestellt habe: Solange wir noch unaufgeräumte Gefühle wie Angst, Wut, Eifersucht usw. in uns tragen, können wir nicht lösungsorientiert denken. Wir hängen am Problem fest, hadern mit dem Istzustand, beißen uns fest. Erst wenn wir uns von dem Problem emotional lösen können und es aus einem gewissen Abstand betrachten, können wir Lösungswege erkennen. Vielleicht ist es der spirituellste Job überhaupt, sich dieses alte Zeug in sich anzuschauen, denn die Welt steht vor ungeheuren Herausforderungen, die in riesigem Leid enden werden, wenn die damit zusammenhängenden Probleme wie Kriege und Umweltzerstörung nicht gelöst werden.

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Balanceakt: alle Gefühle zulassen (Abb: © frilled_dragon – Fotolia.com)

Wenn Angst ein „unaufgeräumtes“ Gefühl ist – was passiert dann damit, wenn wir aufgeräumt haben? Verdünnisiert sie sich wie schlechte Luft? Fliegt sie raus wie alter Müll? Und kommt eventuell durch die Hintertür wieder rein? Yogis sagen, dass ein starker Pranakörper und Angst sich ausschließen. Jeder von uns kennt wahrscheinlich Zustände, in denen wir so viel Kraft, Liebe, Inspiration und Kreativität in uns tragen, dass kein Platz für Angst oder andere unangenehme Gefühle ist. Und doch, wenn ich mein Leben und das Leben der Menschen ansehe, die ich begleite: Angst kommt immer wieder. In der einen oder anderen Situation. Ich empfinde es als kontra – produktiv, Angst, Wut oder dergleichen ab – zuwerten und aus unserem Bewusstsein aus – zuschließen, weil genau diese Gefühle dann abgespalten in unserem Unterbewusstsein weiter wirken.

Wie können wir mit Angst als Teil von uns durchs Leben gehen, ohne dass sie unsere Energie auffrisst? Im Yoga gibt es den Begriff „neutraler Geist“. Damit ist eine Geisteskraft in uns gemeint, die sowohl das Negative wie auch das Positive umfassen kann und möchte. Nicht umsonst setzt sich der Begriff „GU-RU“ aus zwei Teilen zusammen: GU = dunkel, RU = hell. Einige lesen diesen Begriff von links nach rechts, so als müsse man vom Dunkeln ins Helle kommen und wäre dann märchengleich immer im Hellen angekommen. Die für mich spannendere Lesart ist die, beides gleichzeitig im Bewusstsein zu behalten. Insofern stimme ich dir zu, dass es der spirituellste Job sein muss, das GU = das Dunkle genau zu kennen und wahrscheinlich in der einen oder anderen Form auch immer wieder zu erlauben. Würden wir allerdings daran kleben, wäre es nur ein „GU“. Ein Wegleugnen und Immerbleiben-Wollen im Hellen dagegen wäre nur ein „RU“. Ein deutsches Sprichwort sagt ja auch: „Jedes Ding hat zwei Seiten – eine gute und eine schlechte.“

Wenn wir genau dies in der Tiefe erfassen und leben können, dann haben wir eine Chance, milde mit uns zu sein und zu allem von uns stehen zu können. Genau geschaut, gibt uns diese Lebenshaltung eine tiefere, eine ganzheitliche Lebenskraft. Und viel Mitgefühl.

Über den Autor

Avatar of Alexandra Schumacher

ist Gründerin von SatsangYoga und erstellt individuelle Yoga – programme. Sie spielt den Gong für Einzelpersonen und Gruppen. Sie bildet zudem Gongspieler aus und gibt jeden Monat Neumondkonzerte. Mit besonderer Leidenschaft und Liebe begleitet sie Menschen in 40- Tages-Prozessen. Infos zum aktuellen 40-Tages-Prozess auf http://blog.alexandra schumacher.eu Mit Bibi Nanaki bietet sie am 15. November „Go shining“ an, einen Intensivtag mit Yoga und zwei Gongs.

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